Heute in den Feuilletons

Zu Tode gesiegt

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.03.2008. Die NZZ will jetzt nicht mehr über Geert Wilders Film reden, sondern ihn endlich sehen. Die SPD hat sich zu Tode gesiegt, behauptet die FR. In der taz freut sich der Kulturtheoretiker Homi K. Bhaba über die unerwartete Komplexität Barack Obamas. Die FAZ feiert Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke". Die SZ besteht auf einen Unterschied zwischen der Venus von Botticelli und der Ultraschallaufnahme eines Oberbauchs.

TAZ, 26.03.2008

Im Interview mit Ines Kappert erläutert der Kulturtheoretiker Homi K. Bhaba die Schwierigkeiten, vor denen der von ihm unterstützte Barack Obama steht. Ausdrückliches Lob erhält Obama für seinen Umgang mit den problematischen Äußerungen seines Gemeindepastors Jeremiah Wright: "Die Äußerungen des Chicagoer Predigers haben Obama gezwungen, Stellung zu beziehen. Denn niemand sollte diese Hassgefühle, denen Wright Ausdruck verliehen hat, unterstützen. Egal, welche Bedingungen zu ihrer Entstehung geführt haben. Obama hat sich von ihnen distanziert, aber auf etwas Wichtiges hingewiesen: Es gibt Leute, denen man verbunden ist und auch etwas schuldet, obwohl man bestimmte ihrer Sichtweisen überhaupt nicht teilt. Diesem Konflikt hat Obama sich gestellt. Er ist hier endlich komplex geworden."

Weitere Artikel: Alexander Cammann stellt die letzte Print-Ausgabe der Zeitschrift "Sozial. Geschichte" vor. Auf der Meinungsseite meditiert der Schriftsteller Ilija Trojanow im Angesicht des antarktischen Eises über das Heilige: "Ich verstand, wieso das Heilige - ergo: das Unbeschmutzte - in vielen Traditionen nicht beschrieben werden sollte. Das Heilige bewahrt uns davor, unser Ich als heilig zu erachten und die Menschheit über die Schöpfung zu stellen." Auf den vorderen Seiten porträtiert Jutta Lietsch den aufmüpfigen chinesischen Autor Liu Xiaobo.

Besprochen wird Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke", den Bert Rebhandl als "große Allegorie des Kinos" begreift.

In der zweiten taz berichtet Cigdem Akyol über ein "Meeting für Mädchen" der Muslimischen Jugend Deutschland und hat dazu auch ein Gespräch mti der Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann geführt. Natalie Tenberg stellt eine Studie vor, die zu dem Ergebnis kommt, dass junge Frauen auch ohne Männer vorankommen. Über die Erfolge der ungesunden Smoothie-Getränke staunt Jörn Kabisch.

Und Tom.

Welt, 26.03.2008

Im April wird der Brockhaus mit seiner Enzyklopädie ins Internet umziehen, Hendrik Wernern hat deshalb noch einmal Jaron Laniers bahnbrechenden Essay über den "digitalen Maoismus" gelesen, der erhebliche Zweifel anmeldet an der Überlegenheit kollektiver Intelligenz (aber auch schon zwei Jahre alt ist): "Während Wikipedia seine lexikalischen Bemühungen durch den Geist eines Kollektivs legitimiert, dessen Mitglieder sich durch das vermeintlich selbstlose Herschenken ihres gegoogelten Halbwissens als uneigennützig und moralisch wertvoll feiern, dreht Lanier den Spieß um: Nicht etwa das gesichtslose, amorphe Kollektiv, das in der schwer nachvollziehbaren Summe seiner Einzelansichten nie zu mehr komme als zu einer Durchschnittsmeinung, trage Verantwortung. Dagegen erweise sich derjenige als kompetent und persönlich verantwortlich, der sich nicht in einer gestaltlosen Masse von Zulieferern verberge, sondern namentlich für einen Eintrag stehe."

Weiteres: Vor 50 Jahren wurde Elvis Soldat, Alan Posener erinnert daran, dass erst durch ihn die Deutschen ein positives Bild vom amerikanischen GI bekamen. Vorher haben sie ihn ganz gern noch denunziert. Peter Dittmar zeichnet nach, wie Tibet für uns ein mythisches Land wurde. Der Ex-Politiker Reinhard Klimmt preist eine Schau mit Kunst aus dem alten Königreich Benin im Berliner Ethnologischen Museum an. Manuel Brug greift in der Randspalte die Proteste der Berner Musiker (siehe NZZ von gestern) auf. Brug behandelt außerdem zwei Berliner Personalien: Peter Mussbach verlässt die Lindenoper, Heike Hoffmann das Konzerthaus. Dankwart Guratzsch blickt auf die geplante Rekonstruktion des Renaissance-Garten am Heidelberger Schloss.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung britischer Stücke an der Berliner Schaubühne.

NZZ, 26.03.2008

Noch immer ist Geert Wilders Film, mit dem er den Islam provozieren will, ein Phantom. Das Angebot eines muslimischen Senders, ihn mit anschließender Diskussion auszustrahlen, hat Wilders abgelehnt. Roman Bucheli fragt nach dem Sinn der ganzen Veranstaltung: "Doch was hat uns die bisherige Debatte gezeigt, und worüber kann uns Wilders' Video denn noch belehren? Dass es unter den islamistischen Fundamentalisten zu Mord und Gewalt bereite Extremisten gibt? Dass der Koran - wie jede heilige Schrift - für unsere heutigen Ohren Befremdliches enthält? Dass Geert Wilders ein Brandstifter ist? Wussten wir dies nicht ohnehin?" Bucheli plädiert dennoch für die Veröffentlichung des Films: "Der Film aber, so es ihn denn überhaupt gibt, muss an die Öffentlichkeit: Sei es, um seinen Urheber als Demagogen blosszustellen, sei es, um das bisweilen unbequeme freiheitliche Paradox einer tabulosen Gesellschaft auszuhalten."

Weitere Artikel: Gabriele Detterer berichtet von Plänen für Wolkenkratzer-Landschaften in Mailand. In einer Sprach-Glosse erklärt Klaus Bartels, woher das Wort "Raser" kommt.

Besprochen werden Christof Loys Frankfurter Inszenierung von Mozarts "Cosi fan tutte", eine Luzerner Aufführung von Benjamin Brittens Oper "Paul Bunyan", die Berliner Ausstellung "Macht und Freundschaft" über deutsch-russische Beziehungen im 19. Jahrhundert und Bücher, darunter Friederike Mayröckers Prosaband "Paloma" und Anton Holzers Studie "Die andere Front. Fotografie und Propaganda im Ersten Weltkrieg" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FR, 26.03.2008

Die Krise der SPD ist heute das große Thema im Feuilleton. Für Christian Schlüter hat sie sich einfach zu Tode gesiegt ("Heute sind wir, mehr oder weniger, alle Sozialdemokraten"), weswegen er ihr unter anderem folgende Empfehlung mit auf den Weg gibt: "Die FDP als Spaß- und Neidpartei mit ihrem fröhlichen Positivismus des Eigentums, der ein Individuum nur für sich selbst verantwortlich sein lässt, hat sich längst ins programmatische Abseits manövriert; die Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten strafen diese Ein-Punkt-Partei für Kleinbürger und -aktionäre jeden Tag aufs Neue Lügen. Für Sozialdemokraten heißt das, den Liberalismus wieder als das Freiheitsversprechen auf eine menschenwürdige Zukunft zu begreifen, das es einstmals war - als eine in der Verantwortung für die anderen begründete Freiheit."

Peter Michalzik sieht das Problem in der anhaltenden Orientierungslosigkeit in gloablisierten Zeiten: "Wie bleibt das Land auf dem Weltmarkt erfolgreich und bietet seinen Bewohnern zugleich die Möglichkeit, durch bezahlte Arbeit an diesem Erfolg teilzuhaben?"

Weiterers: In Times Mager weist uns Elke Buhr darauf hin, dass jetzt Lohas angesagt, der "Lifestyle of Health and Sustainability", womit Lifestyle, Gesundheit und Nachhaltigkeit unter einen Hut gebracht werden sollen. Auf der Medienseite nimmt Tilmann Gangloff die Honorare unter die Lupe, die Talkshows für ihre prominente Gäste hinlegen.

Besprochen werden Castorfs Inszenierung von Brechts "Maßnahme" und Heiner Müllers "Mauser" (denen Dirk Pilz einen gegen Null tendierenden politischen Lehrwert attestieren muss), Christof Loys Aufführung von "Cosi fan tutte" in Frankfurt und die aktuelle Einspielung des "anarchisch improvisierenden" Quartetts Doppelmoppel "Outside This Area".

FAZ, 26.03.2008

Eine große Hymne schreibt Michael Althen auf Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke" (Website), der nach dem autobiografischen Bericht des durch einen Schlaganfall fast völlig gelähmten Elle-Chefredakteurs Jean-Dominique Bauby entstand: "Wenn alles mit rechten Dingen zugehen würde, dann hätte dieser Film bei den Oscars für beste Regie, beste Kamera und bestes Drehbuch gewinnen müssen. Müssen! Nicht weil an den Konkurrenten etwas auszusetzen gewesen wäre, ganz im Gegenteil, sondern weil 'Schmetterling und Taucherglocke'genau die Sorte Film ist, die das Kino als populäre Kunstform immer wieder am Leben hält. Denn auch wenn er das Kino nicht neu erfindet, so ist er doch auf eine Weise auf der Höhe seiner Möglichkeiten, dass man sich fortwährend die Augen reiben möchte. Wie einfach doch das Komplizierte sein kann, und welche Schönheit man dort finden kann, wo man sie am wenigsten vermutet."

Weitere Artikel: Aus Indien berichtet Martin Kämpchen von gärenden ethnischen Konflikten im Nordosten und im Westen. In der Glosse informiert Felicitas von Lovenberg über britisches Dickens-Gedenken zu dessen 200. Geburtstag - das sich durch Dickens' ausdrückliches Verbot nicht aufs Werk gerichteten Gedenkens wenig beeindrucken lässt. Den türkischen Krimiautor Celil Oker porträtiert Karen Krüger. Max Nyfeller liefert Impressionen von der Osterausgabe des Lucerne Festival. Mit dem Parkour-Sport, dessen Herausforderung darin besteht, immer den geradesten Weg zu gehen, macht uns Alex Westhoff bekannt. Nicole Scheyerer erzählt vom heftigen Streit um eine Egger-Lienz-Ausstellung im Wiener Leopold Museum - der Sammler Rudolf Leonhard soll darin wissentlich Raubkunst präsentieren. Eine Brüsseler Tagung zu Jean Amery hat Dania Hückmann besucht. Edo Reents gratuliert dem Aerosmith-Sänger Steven Tyler zum Sechzigsten. Auf der Medienseite informiert Annika Müller über eine muslimische Initiative, Bilder des Propheten Mohammed von den Seiten der Wikipedia zu entfernen.

Besprochen werden Christoph Loys und Julia Jones' Frankfurter "Cosi fan tutte" (Julia Spinola hat reines "Mozart-Glück" erlebt), Angela Bullochs Lichtinstallation "The space that time forgot" im Münchner Lenbachhaus, eine Leipziger Ausstellung zur Druckkunst der Stamperia Valdonega und Bücher, darunter Volker Sommers Sammelband "Darwinisch denken" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 26.03.2008

Kunstgeschichtler und Bildwissenschaftler brauchen einander, behauptet Jutta Göricke und plädiert für einen größeren Zusammenhalt. "Die Kunstgeschichte ist in einem gewaltigen Umbruch - und wenn ihre Protagonisten nicht aufpassen, droht sie in drei Lager zu zerbrechen: das der Traditionalisten, die sich um Stil und Provenienzen kümmern, das der historischen Avantgardisten, die den Interpretationsrahmen von Kunstwerken um Naturwissenschaften und Technikgeschichte erweitern, und das der ahistorischen Bildwissenschaftler, die keinen Unterschied mehr machen zwischen der Venus von Botticelli und der Ultraschallaufnahme eines Oberbauchs."

Der Intendant der Berliner Staatsoper, Peter Mussbach, wird seinen bis 2010 laufender Vertrag nicht verlängern berichtet Jörg Königsdorf. Als Grund nannte Mussbach "ein Zerwürfnis mit dem Geschäftsführenden Direktor Georg Vierthaler". Der Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, Stefan Rosinski, nahm die Angelegenheit recht locker: Mussbach habe zwar sehr gute Arbeit geleistet, aber "dass Intendanten kommen und gehen, das ist letztlich der normale Gang der Dinge". (Mehr dazu online in der Berliner Zeitung und beim Tagesspiegel)

Weitere Artikel: Im Februar hat der Schriftsteller Rudolf Hochhuth dem Berliner Kulturausschuss die Errichtung eines Denkmals für den Hitler-Attentäter Georg Elser vorgeschlagen. Die SZ druckt Hochhuths Plädoyer, dass auch einen Standort vorschlägt: Ecke Wilhelmstr./Voßstr., also dort, wo Hitlers Reichskanzlei stand. Thomas Steinfeld fasst die geteilten Kritiken in Amerika zu Nicholson Bakers Buch "Human Smoke" zusammen (mehr hier, hier und hier). Der Unternehmer Hans Wall hat dem Berliner Senat eine großzügige Spende für den Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie angeboten: Von 15 bis 20 Millionen Euro ist die Rede. "20 Millionen Euro könnten fast reichen", jubelt Jens Bisky und stellt erste Überlegungen zum Wiederaufbau vor. Das Hip-Hop-Duo Dead Prez erläutert im Interview seine politischen Überzeugungen.

Auf der Medienseite stellt Claudia Tieschky zwei Pilotprojekte zur Internetverbreitung über digitale Rundfunkfrequenzen vor, die vor allem den ländlichen Raum mit besseren Internetverbindungen versorgen sollen.

Besprochen werden Julian Schnabels Film "Schmetterling und Taucherglocke" ("Eine wunderschöne, rührende und sehr tröstliche Geschichte, die Schnabel zu einem ungeheuer vitalen Kunstwerk verdichtet", schwärmt Susan Vahabzadeh), eine "Walküre" mit den Berliner Philharmonikern und Simon Rattle in Salzburg, eine Ausstellung über Samurai im historischen Museum der Pfalz in Speyer, Laurent Chetouanes Inszenierung von Goethes "Faust II" in Weimar und Bücher, darunter Ismail Kadares Roman "Spiritus" und Guy Delisles Comicroman "Pjöngjang" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).