Heute in den Feuilletons

Müllhaufen aus Pornografie

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.02.2008. Very big Littell-Bewältigung heute in den Feuilletons. Hat er einen bösen Stil oder legt er nur einen pornografischen Müllhaufen vor?, fragt die FR. Auch die SZ sieht Littell als Pornografen. Die FAZ porträtiert den chinesischen Unternehmer-Dichter Huang Nubo. Die Welt schildert die sprachliche Purifizierung in Kroatien. In der NZZ macht sich der kosovarische Journalist Agron Bajrami Sorgen über die Zukunft seines frischgebackenen Landes.

NZZ, 22.02.2008

Agron Bajrami, Chefredakteur der Zeitung Koha Ditore, schreibt zur Unabhängigkeit des Kosovos: "Gerade wie jedes Neugeborene ist Kosovo eine kleine, zerbrechliche und schwache Kreatur. Es ist ein mittelloses Land mit einer armen und schlecht ausgebildeten Bevölkerung, mit hoher Arbeitslosigkeit, unterentwickelter Wirtschaft, instabilen politischen Institutionen, großen ethnischen Spannungen und einem schlechten Image. Außerdem ist es neben einem äußerst wütenden Nachbarn geboren worden: Serbien. Das alles gibt Anlass zur Sorge über die Beständigkeit dieses jüngsten europäischen Staates."

Weiteres: Aram Lintzel unterhält sich mit Thomas Meinecke über das neue Album der Freiwilligen Selbstkontrolle und das "totalitäre System" des Pop. Besprochen werden eine Ausstellung mit Victor Hugos beachtlich visionären Zeichnungen in der Fondation de l'Hermitage Lausanne, eine Schau zur Modefotografie aus der Sammlung F. C. Gundlach in Düsseldorf und ein Konzert unter Frans Brüggen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich.

Leider nur eine Meldung gibt es auf der Medienseite zu der spannenden Geschichte um die Enthüllungsseite Wikileaks, die auf Anordnung eines kalifornischen Richters geschlossen wurde respektive auf einen neuen Server ausweichen musste: "Die sogenannte Whistleblower-Website ist auf die Veröffentlichung geheimer und brisanter Dokumente spezialisiert und gewährt ihren Informanten Anonymität. Die Verfügung erfolgte aufgrund einer Klage der Zürcher Bank Julius Bär und ihrer Niederlassung auf den Cayman-Inseln." Es geht - natürlich - um den Verdacht der Steuerhinterziehung. (mehr hier)

Außerdem spricht die Journalistin Malalai Joya über die sich verschlechternde Situation der Medien in Afghanistan: "Der Islam wird gegen uns als Waffe benutzt, er dient zur Einschüchterung. Das letzte Jahr war das bisher blutigste für Journalisten in Afghanistan." Heribert Seifert stellt zwei Magazine vor, die sich den Liberalismus auf die Fahnen geschrieben haben, das libertäre Kampfblatt "Eigentümlich frei" und die etwas souveräneren Schweizer Monatshefte.

Welt, 22.02.2008

Hendrik Werner legt einen interessanten Artikel über sprachliche Purifizierung in Kroatien vor, das in diesem Jahr Gastland in Leipzig ist: "In Kroatien kann es serbischen Kunden passieren, dass sie leer ausgehen, wenn sie Brot mit dem serbischen Wort hljeb statt mit der kroatischen Vokabel kruh bezeichnen. Und das obwohl beide Begriffe an den Schulen des früheren Jugoslawien als gleichberechtigte Synonyme gelehrt wurden. Natürlich versteht die kroatische Verkäuferin, was ihre serbische Klientel mit hljeb meint. Aber der brachiale Wille zum sprachlichen Purismus, der den Balkankonflikt mit anderen Mitteln fortsetzt, verbietet es ihr, auf die verfemte Wortwahl einzugehen."

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat Henryk Broder vor ein paar Wochen ein paar Nachlässigkeiten im Umgang mit Informationen über die BBC und ihr Verhältnis zum Islam vorgeworfen. Nun reagiert Broder in seinem Blog "Achse des Guten" mit einer drastischen Generalattacke auf Niggemeier und sein Bildblog, die auf die Kritik durch Niggemeier nicht eingeht: "Niggemeier treibt es nicht mit sich allein. Einige zehntausend Afficionados, die nicht einmal eine gelesene Bild aus der U-Bahn mitnehmen würden, besuchen regelmäßig den Bildblog, um sich darüber zu informieren, was ihnen so zuwider ist wie einem Vegetarier eine Portion Tartar. So wichst zusammen, was zusammen gehört." Die Welt druckt Broders Artikel heute nach. Niggemeier berichtete neulich auch unter Verweis auf epd, dass der Springer Verlag das Bildblog wegen seiner häufigen Beschwerden beim Presserat von diesem Gremium sperren lassen will.

Weitere Artikel: Im Aufmacher denkt Michael Pilz anlässlich des Erfolgs von Tokio Hotel in Amerika über die frage nach, wie deutsch Popmusik sein muss, um trasatlantische Erfolge zu feiern. Rolf Schneider weist auf den Roman "Der Tod ist mein Beruf" des franzöischen Autors Robert Merle (1908-2004) hin, der lange vor Jonathan Littell SS-Rollenprosa erfunden hat - allerdings findet er Merles Entwurf eines bürokratischen Massenmörders wesentlich realitätsnäher als Littells schwulen Ästheten. Nikolaus Nowak porträtiert den spanischen Schauspieler Javier Bardem, der für den Oscar nominiert ist. Sven Felix Kellerhoff unterhält sich mit dem Historiker Hans Mommsen über den Reichstagsbrand vor 75 Jahren.

Im politischen Teil denkt Karl Schlögel schon mal über zwanzig Jahre Mauerfall nach. Vorabgedruckt wird ein Kapitel über die Osterunruhen 1968 aus Hans-Peter Schwarz'.

FR, 22.02.2008

Inspiriert von Georg Kleins Kritik an Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" - wonach Littell über keinen Stil des Bösen verfüge - vergleicht Ina Hartwig Littell mit den französischen poetes maudits. "Nehmen wir de Sade und Bataille, in deren Werken das Morden selbst mit Wollust verknüpft ist. Die Lust wird, und das wäre ein Kriterium des 'bösen Stils', zum obersten Gesetz erhoben. Littells Held Max Aue ist aber selbst in Momenten des Triebdurchbruchs noch ganz er selbst. Kontrolliert, fast schon einen Tick selbstironisch fasst er zusammen: 'Und so entschloss ich mich, den Arsch noch voller Sperma, in den Sicherheitsdienst einzutreten.' Die Moral wird nicht in Amoral verkehrt, sondern das herrschende Strafrecht wird betrogen, ausgetrickst."

Micha Brumlik, Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts, ist noch ungnädiger: "In diesem Sinn handelt es sich bei Littells 'Roman' literaturwissenschaftlich präzise um einen Müllhaufen aus Pornografie, seiner Thematik nicht entsprechenden Erzählstil, angelesener Zeitgeschichte und nicht zu Ende gedachten moralphilosophischen Bruchstücken."

In der Times mager rätselt Harry Nutt über das Touch and Travel Pilotprojekt der Deutschen Bahn, das sich als Informationssäule tarnt. Eine Besprechung widmet sich der Ausstellung "Der Impressionismus ist weiblich" in der Frankfurter Schirn.
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Berliner Zeitung, 22.02.2008

Warum löst Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" unter Kritikern so bedeutungsvolles Raunen aus, fragt sich Burkhard Scherer: "Zwei Vermutungen drängen sich dazu auf: Texte mit vielen Leichen produzieren offensichtlich reflexhaft einen pietätvollen Umgang, als sei Kritik Störung der Totenruhe, und zweitens ist da der Aspekt der Einschüchterungsprosa, sensible Hochbildungspartikel hier und da, man könnte ja an einem vorbeigestolpert sein und damit die Zentralpointe verschlafen haben. Kristallisiert findet sich das zum Beispiel in einer der Frühstartrezensionen aus dem Bereich des deutschsprachigen Qualitätsfeuilletons: 'Man traut sich nach einer ersten Lektüre nicht mit Sicherheit zu sagen, ob alles zuletzt nicht doch tiefer zusammenhängt.' Nach einer zweiten Lektüre traut sich dieser Berichterstatter, mit Sicherheit - und mit Robert Gernhardt - zu sagen: 'Mein Gott, ist das beziehungsreich! Ich glaub', ich übergeb' mich gleich.'"

TAZ, 22.02.2008

Marc Engelhardt besucht für die Tagesthemenseiten Kogelo in Westkenia, dass derzeit einen nie gekannten Aufschwung erlebt, weil dort die Großmutter Barack Obamas lebt. Nicht nur das Bier wird "Obama" genannt, sondern auch die "Schule wurde kurz vor Obamas Besuch in Senator-Obama-Schule umgetauft, Obama selbst hat hier eine Messingplakette enthüllt. 'Seitdem haben wir wahnsinnigen Zulauf, statt früher 40 sitzen heute mehr als 60 Kinder in einer Klasse.' Jeder hier hofft, dass auch nur ein bisschen von jenem Ruhm auf ihn abfallen möge, den der Sohn eines kenianischen Einwanderers inzwischen errungen hat. Nicht nur die Schule ist nach dem berühmtesten Enkel des Dorfes benannt. Auch an den meisten Marktständen prangt sein Name, sogar Kühe, Ziegen und Hühner sind auf den Namen des 'verlorenen Sohnes', wie ihn Kenias größte Tageszeitung Nation bezeichnet, getauft."

Klaus Englert begeistert sich im Kulturteil über das CaixaForum in Madrid, für das die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron im Auftrag einer privaten Kulturstiftung ein altes Elektrizitätswerk umbauten. Im Medienteil bedauert Heide Oestreich die Einstellung der dreißig Jahre alten "beiträge zur feministischen praxis".

Besprochen werden die "souveräne" Schau über die Impressionistinnen Berthe Morisot, Eva Gonzalaes, Mary Cassat und Marie Bracquemond in der Frankfurter Schirn und das Album "Freiwillige Selbstkontrolle" der Popformation F.S.K.

Schließlich Tom.

FAZ, 22.02.2008

Als außergewöhnliche Figur charakterisiert Mark Siemons den chinesischen Unternehmer-Dichter Huang Nubo, der es offenbar sehr ernst meint mit der Lyrik: "Tatsächlich scheint der Dichter-Unternehmer Huang inmitten des polit-ökonomischen Komplexes, in dem er sich tummelt, Institutionen schaffen zu wollen, die ihren eigenen Gesetzen gehorchen, denen einer autonomen Kunst. Sein Preis soll der Poesie gerade dadurch wieder zu größerer Autorität im Lande verhelfen, dass er sie allein an ästhetischen, international geltenden Kriterien misst. So zeichnete die siebenköpfige Jury auch einen Ausländer aus, der auf die chinesische Szene einen großen Einfluss hat: den französischen Lyriker Yves Bonnefoy, der in jungen Jahren noch mit den Surrealisten zusammen war."

Weitere Artikel: In der Glosse freut sich Andreas Platthaus, dass es bei Tchibo jetzt Euros aus Malta zum Schnäppchenpreis gibt. Julia Roebke unterhält sich mit dem Fundamentaltheologen Gregor Maria Hoff , der in der "Scham des unverschämten Anspruchs auf die nächste Million" den Grund für Steuerhinterziehung bei Superreichen sieht. Jürg Altwegg informiert über erste Sekundärliteratur in Frankreich zu Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten". Eine Erfurter Tagung zu "Religionskontroversen im Verfassungsstaat" hat Martin Otto besucht. Wiebke Hüster porträtiert die Choreografin Pina Bausch, die in diesem Jahr den Goethe-Preis erhält. Die Ersetzung des bisherigen Museumsdirektors am Pekinger "Ullens Center" Fei Dawei durch den Franzosen Jerome Sans kommentiert Mark Siemons. Rainer Blasius gratuliert dem Historiker Heinz Hürten zum Achtzigsten. Auf der Medienseite stellt Nina Rehfeld die exzellente US-Fernsehserie "Dexter" vor, die jetzt bei Premiere zu sehen ist.

Besprochen werden eine Impressionistinnen-Ausstellung in der Frankfurter Schirn, Choreografien von Jiri Kylian und Mats Ek beim Nederlands Dans Theater, eine Münchner Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Oper "Die Pilger von Mekka", James Grays Film "Helden der Nacht" und Bücher, darunter Marianne Gilbert Finnegans Reisebericht "Das gab's nur einmal" und das von Stefanie Peter herausgegebene "Alphabet der polnischen Wunder" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 22.02.2008

Nach Georg Klein (hier) und Kurt Kister (hier) jetzt auch noch eine ganze Seite Thomas Steinfeld über Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten". Für Steinfeld ist die "Überschreitung" wesentliches Merkmal des Romans. Littells Held Max Aue "lebt als literarische Figur nicht von der Einfühlung in die Perspektive der historisch-realen Täter, sondern von seiner entschlossenen, immer wieder aufflammenden Sexualisierung, von seiner Fixierung auf das Anale, die Fäkalien, auf den Inzest, vom Überschreiten geschlechtlicher Tabus." Damit gehe Littell hinter die Erkenntnis zurück, dass unter den Nazis gerade die "nicht-perversen, gewöhnlichen Täter" der eigentliche Schrecken waren.

Weitere Artikel: Harlem wird luxussaniert und verliert sein Flair, meint Jonathan Fischer, weil Leute wie Bobby Robinson von "Bobby's Happy House Records", Harlems erster schwarzer Ladenbesitzer, ihr Geschäft aufgeben müssen. Andrea Schenkels Roman "Tannöd" wird wohl nicht als Plagiat in die Rechtsgeschichte eingehen, glaubt Andreas Zielcke nach dem ersten Verhandlungstag. In den nächsten zehn Jahren hätte der Generaldirektor des Deutschen Museums in München, Wolfgang Heckl, gerne 400 Millionen Euro, um sein Haus auf den neuesten Stand zu bringen, wie Martin Thurau weiterträgt. Ingo Petz schreibt den Nachruf auf den sowjetischen Ur-Punker Egor Letow (Frontmann von Grazhdanskaya Oborona). Gemeldet wird, dass der Irak sich über die archäologisch unsensible US-Armee beschwert, die etwa in Ur auf historisch wertvollem Gebiet campiert (mehr hier).

Auf der Medienseite stellt Simon Feldmer fest, dass die Konkurrenz des Internets die Erotimagazine langsam aber sicher in die Knie zwingt. (Mehr bei Portfolio)

Besprochen wird die Schau "True Romance. Allegorien der Liebe von der Renaissance bis heute" in der Villa Stuck in München und Bücher wie Charles Simics Essayband "Die Wahrnehmung des Dichters" (mehr in unserer Bücherschau des Tages).