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Heute in den Feuilletons

"Handgemachter Techno"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.11.2007. In der FR spricht Amartya Sen über nationalen und religiösen Identitätswahn. Die NZZ meint: Der Islam kann Österreich gar nicht k.u.kratzen. Die Jungle World kritisiert konservative Feuilletonisten und die proiranische deutsche Außenpolitik. Die SZ befasst sich mit dem Genre des Videoblogs von Kollegen. Die taz schildert die Eichstätter Verzweiflung über den Mangel an Arbeitslosen. Die FAZ feiert Thetan Cruise, der von Titan Schirrmacher geehrt wurde. Wegen seiner Courage, den Stauffenberg zu spielen.

NZZ, 30.11.2007

Hin und wieder muss auch in Österreich ein Islamist verhaftet werden, doch meist hält sich die Aufregung in Grenzen, berichtet Paul Jandl. Die einstige k.u.k. Monarchie blicke immerhin auf eine Geschichte als Vielvölkerstaat zurück, der seit der Einverleibung Bosniens und Herzegowinas 1878 mit dem Islam lebe. Die Situation heute umreißt Jandl so: "Hatten 2001 rund 14 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund, so sind es 2007 über 16 Prozent. Die meisten Zuwanderer leben in Wien. Bereits ein Drittel der Stadtbewohner ist nicht in Österreich geboren. Wer allerdings reflexartig die Balkanisierung des Landes fürchtet, der kann beruhigt werden. Die Mehrzahl der neuen Bürger kommt nicht mehr aus klassischen Gastarbeiterländern, sondern aus der EU. Die stärkste Gruppe von Zuwanderern bilden die Deutschen. Kann es sein, dass in Österreich der Kampf der Kulturen bisher weniger scharf ausgefallen ist als anderswo? Selbst das Kopftuch war bisher kein Streitthema. Eher im Gegenteil. Als die Stadt Wien vor kurzem die neue offizielle Arbeitskleidung ihres Reinigungspersonals präsentierte, war auch ein Dienstkopftuch für muslimische Frauen dabei."

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome" (über die Dirk Pilz sich das "Grau der Beliebigkeit" senken sah), eine Ausstellung zu Hans Poelzig in der Akademie der Künste in Berlin, die Schau "Begegnung mit der Vergangenheit" zum 100-jährigen Jubiläum des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, die neue Ausgabe des Schreibhefts zu Ezra Pound und das Comeback-Album "8 Diagrams" des Wu-Tang Clan (dem wir die "wirtschaftliche und künstlerische Strategie der Diversifizierung" verdanken", die heute "im Popzirkus Standard ist", wie Matthias Daum es ausdrückt).

Die Medienseite ist dem hochauflösenden Fernsehen HDTV gewidmet, das ab dem 3. Dezember in der Schweiz frei empfangbar sein wird, wie S.B berichtet und Albrecht Gasteiner näher erklärt.

Weitere Medien, 30.11.2007

Pro Mosebach und contra Internet. Peter Dierlich kommt in der Jungle World noch mal auf den Debattenherbst zurück und findet strenge Worte über die konservativen Wortführer: "Es gibt nur ein paar korrekt gekleidete Herren, die sich konservativ und elitär gebärden und in den Feuilletons mit ihrem Abiturzeugnis herumwedeln. Sie reden von Traditionen, Tugenden und Werten und von der Familie und sind dabei genauso hilflos wie die Achtundsechziger, von denen sie sich noch immer unterdrückt und bevormundet fühlen... Doch eines haben sie ihren vermeintlichen Feinden, die zu überrollen sie sich nun anschicken, immerhin voraus: Die Achtundsechziger erreichten das Stadium ihrer kompletten Lächerlichkeit erst nach anderthalb Jahrzehnten, unsere selbstbewussten Konservativen aber haben dasselbe in ein paar Wochen geschafft."

Im politischen Teil der Jungle World kritisiert Matthias Küntzel die in den Medien wenig reflektierte, aus Handelsinteressen begründete proiranische Politik der Deutschen (die auch Timothy Garton Ash neulich in deutlichen Worten anprangerte): "Wir leben in Zeiten einer übergroßen Koalition. Die Abgeordneten, die die Aufgabe hätten, das Regierungsgebaren zu kontrollieren, schweigen, während sich die Medien in der Rolle des Erfüllungsgehilfen exekutiver Macht gefallen. Das iranische Regime droht mit der Vernichtung Israels. Deutschland steht in vorderster Reihe, aber nicht bei jenen, die das Unheil abzuwenden suchen, sondern bei jenen, die ihm den Weg bereiten."

Welt, 30.11.2007

Im Feuilletonaufmacher feiert Holger Kreitling zum 70. Geburstag Ridley Scotts die auf DVD erscheinende restaurierte Fassung seines Klassikers "Blade Runner". Rüdiger Sturm unterhält sich mit dem Regisseur. In der Leitglosse kommentiert Uwe Wittstock den Abgang des Eichborn-Chefs Matthias Kierzek Gerhard Charles Rump annonciert die Versteigerung von Kennedy-Fotos in München. Paul Badde freut sich auf die neue Enzyklika des Papstes, die maßgeblich von Kardinal Van-Thuan Nguyen mitgeprägt wurde. Jacques Schuster meldet, dass sich die jüdische Gemeinde Bremens gegen den Hannah-Arendt-Preis für Tony Judt wendet, der in der New York Review of Books eine harsche Kritik an Israel veröffentlicht hatte. Gerwin Zohlen besucht die in der Nähe des Auswärtigen Amtes entstehenden Townhouses für begüterte Neuberliner. Und Ulrich Weinzierl gerät angesichts der Meldung dass die Wiener Piano- und Flügelfabrik Bösendorfer, die gegen Steinway schon längst keine Chance mehr hat, nun an Yamaha verkauft wird, keinewegs in kulturpessimistische Stimmung.

Besprochen werden einige neue Rock-CDs und ein "Idomeneo" in Magdeburg.
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FR, 30.11.2007

Im Gespräch mit Michael Hesse geht der Wirtschaftswissenschaftler und Autor Amartya Sen noch einmal gegen die immer wieder praktizierte Verflachung des eigentlich multidimensionalen Menschen vor. "... es ist doch sehr schwer einzusehen, warum wir jemanden gänzlich oder primär als Mitglied einer so genannten Zivilisation ansehen sollen, die sich ausschließlich durch die Religion definiert - oder, um in Huntingtons Kategorien zu bleiben, als Mitglied der 'islamischen Welt', der 'westlichen Welt' oder der 'buddhistischen Welt'. So reduziert man Menschen auf diese eine Dimension - in diesem Fall auf ihre Religionszugehörigkeit. Dabei gibt es so viele andere Zugehörigkeiten, wie Sprache, Literatur, Nationalität, Beruf, Lebensstellung, Erziehung, politische Bindungen, soziale Überzeugungen."
Michael Santen spricht mit David Ensikat vom Tagesspiegel, dem wohl einzigen Nachruf-Redakteur Deutschlands. In der Times mager kommentiert Christian Thomas die halbstündige Zeitverschiebung in Venezuela, die der "Halunke" Chavez initiiert hat.

Besprechungen widmen sich einer Schau mit hundert Filmplakaten aus den Sechzigern im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, einer Ausstellung der Skulpteurin Eva Grubinger in der Frankfurter Schirn, einer CD mit Heiner Goebels' Oper "Landschaft mit entfernten Verwandten" und Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers "Titus Andronicus" am Deutschen Theater ("Das Sprechen ist das Merkwürdigste an der Aufführung. Egal ob die Schauspieler brüllen oder das Publikum quasi intim ansprechen, sie sagen vor allem: Sieh, ich spreche", bemerkt Peter Michalzik spitz).

TAZ, 30.11.2007

Auf den Tagesthemenseiten berichten Astrid Geisler und Volker Derlath aus dem oberbayerischen Eichstätt, wo eine Arbeitslosenquote von 1,13 Prozent viele Unternehmer in den Wahnsinn treibt und sich mancher wieder eine "gesunde" Quote wünscht. "Wenn man den 34-Jährigen aus dem Tritt bringen will, muss man ihn auf Arbeitslosigkeit ansprechen. Er zögert einen Augenblick. 'Ganz ehrlich', sagt er dann vorsichtig und schiebt die Ärmel seines wollweißen Ralph-Lauren-Pullis hoch. 'Ich selbst kenn keinen einzigen Arbeitslosen.' Ihm sei auch nicht klar, wie man in dieser Region keinen Job finden könne."

Die taz-Kultur ist gespalten über Florian Havemanns 1000-seitiger Abrechnung mit seinem Vater Robert Havemann, mit Wolf Biermann und dem eigenen Leben. Jörg Magenau ist begeistert: "Dass man keine der unglaublichen Geschichten ungeprüft glauben darf, ist die Grenze, in der es sich bewegt. Doch innerhalb dieser Grenzen ist es in seiner Maßlosigkeit, seinem hypertrophen Egozentrismus, seiner Ungerechtigkeit und seiner teilweise unerträglichen Geschwätzigkeit vor allem dies: faszinierende Literatur." Rudolf Walther ist angewidert: "Die Peinlichkeiten, die Havemann über sein eigenes Sexualleben und die bodenlosen Gerüchte über dasjenige anderer ausbreitet, belegen nur, was der Autor selbst einräumt: 'Havemann [ist] eine Form des Exhibitionismus', und zwar der vulgären Art."

Weiteres: Ernst Klee, ein Vorreiter der deutschen Behindertenbewegung, wird mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille geehrt, wie Oliver Tolmein informiert. Besprochen werden neue Techno-Platten.

Und Tom.

FAZ, 30.11.2007

Von einem Ereignis welthistorischen Ausmaßes ist, aus Aktualitätsgründen, erst einmal nur online zu lesen. Der bedeutende Nazi-Widerstandskämpfer und scientologische Thetan Tom Cruise erhielt gestern Abend, wie Oliver Jungen berichtet, den Bambi - und mitnichten für seine schauspielerischen Leistungen: "Der wichtigste Preisträger der diesjährigen Bambi-Verleihung war zweifellos Tom Cruise, der eine Auszeichnung in der wohl schönsten Kategorie erhielt: Courage. Mut habe Cruise bewiesen durch seinen Einsatz für den Film 'Valkyrie' und insbesondere durch die Übernahme der Rolle des Claus Schenk Graf von Stauffenberg." Gratulieren müssen wir auch dem journalistischen Titanen Frank Schirrmacher, der Cruise' mutige Tat öffentlich machte und nun die Laudatio halten durfte sowie natürlich dem von ihm mitherausgegebenen Widerstandsblatt FAZ, das es wagt, von diesem Ereignis in angemessener Ausführlichkeit zu berichten. (Einen weiteren Bambi erhielt übrigens der andere große Nazi-Widerständler Johannes Heesters.)

In Sachen französischer Kulturpolitik vollzieht sich, wie Jürg Altwegg informiert, unter der Regierung Sarkozy gerade ein "Epochenbruch": "In Frankreich, wo das Mäzenatentum wenig entwickelt ist, leitet Sarkozy eine Kulturrevolution ein, die mit der Tradition der Gaullisten und der Sozialisten bricht. Die Kulturfinanzierung wird entstaatlicht und privatisiert. Das Ende der 'exception culturelle' hat begonnen."

Weitere Artikel: In der Glosse bringt uns Rose-Maria Gropp auf den neuesten - wenn auch nicht sonderlich neuen - Stand der Dinge in Sachen Kulturgüterstreit zwischen dem Land Baden-Württemberg und Haus Baden. Über trashliterarische Kommentare auf das putinistische Russland informiert Kerstin Holm. Kritisch äußert sich Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Wiener Albertina, zu den jüngsten Michelangelo-Werkenteignungsversuchen.

Von italienischen Plänen zu Wahlrechtsreformen nach deutschem Vorbild berichtet Dirk Schümer. Klaus Ungerer hat sich mit der Computerspieleentwicklerin Jane Jensen unterhalten. Thomas Thiel stellt den Markt der Serviceroboter vor und legt uns insbesondere den Haushalts- und Krankenpflege-Helfer Twendy-One (sic!) ans Herz, der leider erst 2015 reif sein wird für den Massenmarkt. Jordan Mejias gratuliert dem Autor und Filmregisseur David Mamet zum Sechzigsten.

Besprochen werden die neue Ausstellung im wiedereröffneten Leipziger Grassi-Museum für angewandte Kunst, die Edward-Steichen-Ausstellung im Pariser Jeu de Paume, die Varian-Fry-Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste, Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome" am Deutschen Theater Berlin, Leander Haußmanns Sachbuch-Verfilmung "Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken" und Bücher, darunter die Reisetexte "Geht so" des Fehlfarben-Sängers Peter Hein sowie auf der Sachbuch-Seite Simon Reynolds Geschichte des Postpunk "Ript It Up And Start Again" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Außerdem hat die FAZ heute eine Literatur-Beilage, in deren Aufmacher Henning Ritter den Supplementband zur Frankfurter Proust-Ausgabe feiert. Wir werden sie in den nächsten Tagen auswerten.

Freitag, 30.11.2007

Der in Wien und Bukarest lebende Autor Jan Koneffke schreibt über die Vergangenheitsbewältigung in der rumänischen Öffentlichkeit und Kulturszene, etwa über den Fall des Journalisten Carol Sebastian, der lange eine Aufarbeitung forderte und selbst, wie sich jetzt herausstellte, für die Securitate IM war: "Wie in Mungius Film 'Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage' hatte seine Freundin eine Abtreibung vornehmen lassen. Mit dem Wissen um diese Straftat setzte der Geheimdienst Carol Sebastian unter Druck. Wenn seine Freundin nicht im Gefängnis landen sollte, müsse er kollaborieren - und der Student unterschrieb."

SZ, 30.11.2007

Auf einer ganzen Seite geht es um afrikanische Musik. Jonathan Fischer erzählt von den elektrischen Likembe-Orchestern in Kinshasa, von denen einige heute abend im Haus der Kulturen der Welt in Berlin auftreten: "Große Xylophone mischen ihr Gongen in den Beatkreisel. Pfeifen sirren, und eine Sirene geht heulend los, während die Gruppe vielstimmig den Chant aufnimmt. Handgemachter Techno. Urbane Geisterbeschwörung. Dank der Tonabnehmer - es sind zweckentfremdete Magnetspulen von Schrottautos - und einer übersteuerten Anlage schwimmt der Likembe-Rock in Rückkopplungen wie die Papayaschalen in den Pfützen vor dem Club." Werner Bloch stellt das "Orchestra Baobab" aus Dakat vor (mehr).

Ob nun Gero von Randow, Matthias Matussek, Harald Martenstein oder Volker Weidermann. Sie alle sind Journalisten und sie alle haben eigene Videoblogs, die Ijoma Mangold, der noch keines hat, als neue journalistische Form zwischen Print, Internet und Fernsehen wahr- und auseinandernimmt (Mangolds Text ist nur beim SZ-Jugendableger jetzt.de online zu lesen.) "Im Videoblog geht es auffallend häufig um Mögen und Nicht-Mögen. Gerne auch in ausdrücklich privater Ausrichtung. In einem herkömmlichen Medium muss der Journalist immer zumindest den Schein einer verallgemeinerungsfähigen These, die es auf den Gesellschaftszustand insgesamt abgesehen hat, anstreben. Ist diese Form gewahrt, kann man dann durch die Blume seine mehr persönlichen Invektiven fahren. Solche Umständlichkeiten sind im Videoblog nicht mehr nötig." (Ach so, dann dient das Printformat vor allem der Wahrung des Scheins?)

Weiteres: Burkhard Müller freut sich über die unerwarteten Kunstgenüsse in der so plötzlich aus dem Nichts aufgetauchten Sammlung Gunzenhauser in Chemnitz. Bernhard Prinz von Baden hat mit Hilfe von drei Professoren festgestellt, dass Kunstwerke im Wert von mehreren Hundert Millionen Euro ihm und nicht Baden-Württemberg gehören, wie Bernd Dörries weiterträgt. Milosz Matuschek fordert nach der Einladung von David Irving nach Oxford ein europaweites Gesetz gegen die Leugnung des Holocaust. Fritz Göttler wünscht dem Regisseur Ridley Scott alles Gute zum Siebzigsten. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod von Fred Chichin, Gründer des französischen Popduos Les Rita Mitsouko.

Im Medienteil begutachtet Jörg Häntzschel die neuen Redaktionsräume der New York Times, wo Online und Print Hand in Hand arbeiten, und freut sich besonders über den Verzicht auf Boulevard-Elemente beim Web-Auftritt, der im eigenen Haus ja nicht ganz durchgehalten wird.

Buchrezensionen widmen sich unter anderem der in den USA herausgegebenen "Neuen Geschichte der deutschen Literatur" und zwei Ausgaben von Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).