Amartya Sen

Die Identitätsfalle

Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt
Cover: Die Identitätsfalle
C. H. Beck Verlag, München 2007
ISBN 9783406558122
Gebunden, 208 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Friedrich Griese. Gibt es einen "Krieg der Kulturen" zwischen dem Westen und dem Islam? Die einen sagen, wir sind bereits mitten in diesem Krieg, die anderen hoffen, den Konflikt durch einen Dialog der Kulturen entschärfen zu können. Amartya Sen zeigt in seinem Buch, dass die falsche Illusion einer einzigen Identität diesen "Krieg der Kulturen" konstruiert und zugleich fatal vorantreibt. Während die Welt zunehmend aufgeteilt wird in Blöcke aus Religionen, Kulturen oder Zivilisationen, geraten uns andere Faktoren des menschlichen Daseins wie Klasse, Geschlecht, Bildung, Beruf, Sprache, Kunst, Wissenschaft, Moral oder Politik immer mehr aus dem Blick. Globale Bemühungen, der eskalierenden Gewalt Einhalt zu gebieten, scheitern zudem an einer Konzeptlosigkeit, die das direkte Resultat dieser undifferenzierten und eindimensionalen Konstruktion von Identität ist. Wenn die Beziehungen zwischen menschlichen Individuen auf einen "Krieg der Kulturen" reduziert werden, dann schnappt die "Identitätsfalle" zu.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.04.2008

Einen ambivalenten Eindruck hat Amartya Sens Buch "Die Idenitätsfalle" bei Wilfried von Bredow hinterlassen. Er kann mit der liberalen Grundüberzeugung des Autors einiges anfangen, vor allem mit dessen Kritik an der Vorstellung, Individuen seien vor allem über das Merkmal ihrer Gruppenzugehörigkeit definiert, eine Ansicht, in der Sen das Hauptübel der Gegenwart sieht. Auch Sens Plädoyer für die Freiheit des Individuums, die eigene Gruppenzugehörigkeit zu reflektieren und gegebenenfalls zu verändern, kann Bredow nur zustimmen. Er findet das Buch immer dann "spannend und lehrreich", wenn der Autor seine Thesen mit Beispielen aus eigenen Biografie oder aus der Geschichte des indischen Subkontinents illustriere. Allerdings hält er Sen vor, er verwechsle die Begriffe Rolle und Gruppenzugehörigkeit. Während Rollen sich relativ leicht abstreifen ließen, sei dies mit der Gruppenzugehörigkeit wesentlich schwieriger. Bredow weist in diesem Kontext darauf hin, die von Sen kritisierten Theoretiker wie Samuel Huntington würden Individuen keineswegs auf eine "einzige, ihnen vom Schicksal bestimmte Gruppe" festlegen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2007

Mit großer Zustimmung hat Uwe Justus Wenzel diesen Essay über die Konstruktion falscher Identitäten im Blick auf den oft beschworenen Kampf der Kulturen von Amartya Sen gelesen. Die Kritik des Autors am Bild zweier Kulturen, des christlichen Westens und des Islams, die aufeinanderprallen, hält er für überaus überzeugend. Zentral scheint ihm die Warnung des Autors vor den Gefahren der Reduktion menschlicher Identität auf ein einziges Merkmal wie Religionszugehörigkeit, die weder den sozialen Sachverhalten noch den tatsächlichen Problemlagen und der konkreten, vielgestaltigen Individualität der Menschen gerecht werden. Im Visier von Sens Kritik sieht er dabei neben den akademischen Kommunitaristen vor allem die Propagandisten einer globalen "Kulturpolitik", welche die Weltbevölkerung in verschiedene - religiös grundierte - "Kulturen" oder "Zivilisationen" einteilt. Solche Kategorisierungen betrachte Sen als eindimensional und Unfrieden stiftend. Wenzel unterstreicht die Einsicht des Autors, dass Menschen auf sehr verschiedene Weise verschieden sind, ebenso wie Gemeinschaften, die nicht notwendigerweise religiöse Glaubensgemeinschaften sind.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.03.2007

Selten, bewundert Rezensentin Elisabeth von Thadden, sei das Denken "so elegant, so menschenfreundlich" dahergekommen wie bei Amartya Sen, dem großen Weltbürger und Ökonom, der sich in diesem Buch mit den Gefahren beschäftigt, die mit der Festschreibung von Identitäten einhergehen. Für Sen ist dieses Festnageln vor allem eine Quelle des Konflikts und der Gewalt. Und so will er zeigen, dass Menschen nicht eine feste Identität haben, dass Identität nur im Plural zu denken und im steten Wandel ist. Kein Mensch ist nur Muslim oder Hindu, er ist auch Frau oder Mann, hat Kinder oder nicht, politische Überzeugungen, eine eigene Biografie - oder auch eine bestimmte Schuhgröße, die ihn mit anderen Menschen verbindet oder nicht. Als subtil und komisch lobt Thadden das Buch, zugleich beschriebt sie es auch als "tief besorgte Kampfschrift". Einwand erhebt sie dagegen, dass Sen nicht der stärkenden Kraft der Identität Rechnung zollt, denn in Fragen der Emanzipation bestimmter Gruppen könne die gemeinsame Identität durchaus eine positiv Quelle der Kraft sein. Und unübersehbar ist die Redundanz des Buches, eine Schwäche, die sich die Rezensentin aber gefallen ließ.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.03.2007

Markus Messling hofft, dass dieses "Pamphlet", wie er es freundlich nennt, einen breiten Leserkreis findet. Denn selbst wenn Amartya Sen mit seiner Feststellung, dass sich kein Mensch auf seine kulturelle oder religiöse Herkunft reduzieren lässt, dem postmodernen Leser Focaults oder Derridas nichts Neues sagt, seien Sens Forderungen doch wichtig in einer Zeit, in der internationale Konfliktlinien in Medien und Öffentlichkeit zum Großteil entlang kultureller und religiöser Linien gezogen werden. Innenpolitisch wende sich Sen in seinem leider mit Wiederholungen gespickten Text gegen Kommunitaristen und die Praxis des Multikulturalismus im Sinne eines "pluralen Monokulturalismus" All das kann Messling unterschreiben. Nur vertraut er nicht auf die "freie Entscheidung", die laut Sen jeder in Bezug auf seine kulturelle Identität hat. Denn bei den meisten werde die eigene Identität eher unterbewusst wahrgenommen, was eine rationale und distanzierte Diskussion darüber erschwere, wie sie sich Sen wünscht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2007

Rezensent Martin Bauer begrüßt dieses Buch von Amartya Sen, da es ihm "grundgescheit" und gründlich durchdacht erscheint. Den Thesen des Autors, die er ausführlich referiert, kann er nur zustimmen. Er unterstreicht vor allem dessen Warnung, die Identitäten von Individuen und Kollektiven über die Zugehörigkeit zu einer einzigen Kultur zu bestimmen, arbeitet eine solche Zuschreibung doch mit einem falschen, weil reduktionistischen Konzept von Identität. Demgegenüber macht Sen seines Erachtens zu Recht die Vielzahl an Zugehörigkeiten von Individuen geltend und zeigt auf, wie falsch alle Versuche, die Weltbevölkerung in eine Handvoll von Kulturen einzuteilen, im Kern sind. Sens Kritik an Samuel Huntigons populärer These vom Kampf der Kulturen hält Bauer für berechtigt und überzeugend, schließlich sind die Gefahren, die von entsprechenden simplifizierenden Klassifikationen ausgehen, nicht zu unterschätzen. So schließt er sich auch Sens Argumentation für eine nüchterne Differenzierung an. Kritik äußert Bauer an der Übersetzung des Werks. Diese weist seiner Ansicht nach nicht nur einige kleine Fehler auf, sie wirkt auf ihn, anders als die "jargonfreie und federnde Prosa" des Originals, auch recht "hölzern".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.02.2007

Originell, lehrreich und in seiner Argumentation ausgesprochen eigenständig findet Rezensent Stefan Reinecke diesen Essay des indisch-britischen Nobelpreisträgers. Es handelt sich Reinecke zufolge um einen sehr überzeugenden Widerspruch gegen die These vom "Krieg der Kulturen" und ist als solcher aus Sicht des Rezensenten mehr als geeignet, "das Feld, auf dem sich westliche Kulturfundis und Multikulti-Ideologen" bekämpfen, gründlich umzupflügen. Kern der Thesen Amartya Sens ist dem Rezensenten zufolge ein deutlich weiter gefasstes Konzept von kultureller Identität, als das Samuel Huntingtons oder der Multikulti-Ideologen. Auch konstatiere Sen eine globale Vielfalt kultureller Identitäten, was einer "Engführung des kulturalistischen Diskurses" aus Sicht des Rezensenten ebenfalls widerspricht. Überzeugen kann Sen auch mit seinen Analysen aktueller Konflikte und Kriege und besonders mit einer "Dialektik des kolonialisierten Geistes" beeindrucken, mit der Sen bei den früheren Kolonialisierten heute eine "parasitäre Besessenheit von den Exkolonialherren" diagnostiziert. Allerdings vermisst der Rezensent eine "zumindest knappe Analyse", warum der radikale Islamismus in Indonesien und Malaysia auf dem Vormarsch ist und bemängelt gelegentliche Redundanzen.
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