Georges Didi-Huberman

Bilder trotz allem

Cover: Bilder trotz allem
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2007
ISBN 9783770540204
Kartoniert, 260 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Peter Geimer. Im August 1944 gelang zwei Häftlingen des Konzentrationslagers Auschwitz eine Serie fotografischer Aufnahmen der Exekutionen. Während einer der beiden Häftlinge die Wachmänner der SS im Auge hielt, machte ein Mitgefangener vier Aufnahmen, die das Gelände um das Krematorium V zeigen. Georges Didi-Huberman widmet sich in seinem neuen Buch der Paradoxie dieser Bilder: dass sie so gut wie nichts zu sehen geben, aber gleichwohl unersetzliche Überreste sind. Diese Fotografien sind, so der Titel des Bandes, Bilder trotz allem, images malgre tout. Berufen wir uns nicht auf das Unvorstellbare, mit dieser Aufforderung beginnt Didi-Huberman. Damit ist von Anfang an die Skepsis gegenüber der These formuliert, die in den Lagern begangenen Morde seien Fälle des Unvorstellbaren schlechthin. Neben vielen anderen hat der französische Psychoanalytiker Gerard Wajcman diese Auffassung wiederholt vertreten. Die Geschehnisse in den Lagern, so Wajcman, seien für immer bilderlos, ohne eine Spur des Vorstellbaren, eine Zerstörung ohne Ruine. Didi-Huberman geht es keineswegs darum, diese These einfach umzukehren, in den fraglichen Aufnahmen also Zeugnisse zu sehen, die das Geschehen in den Lagern begreifbar machen würden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.02.2008

Georges Didi-Hubermans Buch über vier Fotografien, die jüdische Gefangene in Auschwitz 1944 aus einem Krematorium heraus machen konnten, hat Rezensent Helmut Lethen sehr beeindruckt. Er findet in dem Buch, das in Frankreich kontrovers diskutiert wird, eine ausführliche Auseinandersetzung des französischen Kunsthistorikers mit dessen Kritikern, die sich an der Kommentierung der Bilder in einem Katalog zur Ausstellung "Memoires des camps" im Jahr 2000 störten. Im Mittelpunkt der Diskussion sieht Lethen den Umstand, dass der Autor aus den Bildern, Ikonen des Holocausts, "Objekte der Gewissheit" mache, sie als Fragmente des Realen und Akte des Widerstands betrachte. Detailliert und kenntnisreich befasst sich Lethen mit der Diskussion, schildert die Positionen der Kritiker, etwa des Psychoanalytikers Gerard Wajcman, und geht auch schwierigen Fragen der Bildontologie nicht aus dem Weg. Insgesamt neigt er dazu, Didi-Huberman zuzustimmen und sein Beharren auf der Evidenz der vier Fotografien als "überzeugend" zu werten.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.11.2007

Großen Respekt zollt Rezensentin Andrea Gnam Georges Didi-Hubermans Verteidigung seiner Analyse von Auschwitz-Fotografien, die der Kunstwissenschaftler zunächst 2001 in einem Katalogbeitrag zur Pariser Ausstellung "Memoire des camps" veröffentlichte. Damals analysierte er vier Fotografien, die ein Auschwitz-Häftling mit einer vom polnischen Widerstand eingeschmuggelten Kamera im Lager geschossen hatte, und zeigte, wie die spätere Beschneidung der Bilder den ikonographischen Wert der Bilder steigerte und gleichzeitig ihre Authentizität verringerte, indem beispielsweise der Eingang zu einer Gaskammer weggeschnitten wurde. Dieser Artikel, der in "Bilder trotz allem" wiederabgedruckt wird, löste in Frankreich eine heftige Debatte um fotografische Dokumente des Holocaust aus. Didi-Huberman setzt sich in "Bilder trotz allem" mit seinen Kritikern auseinander und liefert eine  "aufschlussreiche Analyse der unterschiedlichen Bildtheorien", wie Andrea Gnam lobt. Dabei legt er sein Konzept der Fotografie als "visuelle Spur" dar, derzufolge kein Bild je für das ganze Grauen des Holocaust stehen oder ein "absolutes Bild" sein könne, eine These, die er hinter dem von seinen Kritikern geforderten Bilderverbot vermutet.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.11.2007

Ausgesprochen beeindruckt bespricht Rezensent Micha Brumlik dieses Buch des französischen Kunsthistorikers Georges Didi-Huberman zur Frage, ob es möglich ist, das Grauen der Todeslager fotografisch darzustellen, ohne es zu verharmlosen oder die Opfer erneut zu entwürdigen. Das vorliegende heftig umstrittene Buch stellt für den Rezensenten einen Paradigmenwechsel in dieser Frage dar. Im Zentrum stünden vier von Opfern gemachte Fotos, die - aus dem Innern einer Gaskammer aufgenommen - den Horror dokumentieren. Daran nun habe Georges Didi-Huberman eine eigene Bildtheorie entwickelt, die das bisherige Bilderverbot aus Sicht Brumliks eindrucksvoll entkräften. Unter anderem in der Hinsicht, dass das Bilderverbot Auschwitz ins Unvorstellbare rückt, wo es doch im Gegenteil "ausschließlich vorstellbar" ist. Aber auch die Tatsache, dass diese Bilder von einigen dem Tod geweihten Opfern aufgenommen worden sind, lässt für Didi-Huberman folgern, dass ein "Missverständnis ästhetisch-ethischer Praxis" wohl kaum zu diskutieren ist, sondern stattdessen einen "Willen zum Zeugnis" belegt, dem Respekt zu zollen ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.10.2007

Als "Dokument von seltener Eindringlichkeit" feiert Rezensent Horst Bredekamp dieses Buch des Pariser Kunsthistorikers, das sich mit der Geschichte von vier, von Häftlingen illegal aufgenommenen Fotografien der Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz befasst. Zum Politikum macht sie Bredekamp zufolge einerseits das in den Lagern verhängte Bilderverbot der Nazis, die auf diesem perfiden Weg der Nachwelt nur die eigene Darstellung überliefern. Andererseits verfolgt der Rezensent auch George Didi-Hubermans Verteidigung der Publikation der Bilder im zweiten Teil des Buches hochinteressiert, die gegen das von einigen Holocaust-Spezialisten vertretene Dogma der "von äußeren Bildern freien Erinnerung" Stellung bezieht. Was das Buch für den Rezensenten ebenfalls zum Ereignis macht, ist die ebenso "flüssige wie skrupulöse" Übersetzung von Peter Greimer, der Bredekamps Informationen zufolge ebenfalls ein "herausragender Fotohistoriker" ist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.10.2007

Als "Dokument von seltener Eindringlichkeit" feiert Rezensent Horst Bredekamp dieses Buch des Pariser Kunsthistorikers, das sich mit der Geschichte von vier von Häftlingen illegal aufgenommenen Fotografien der Vernichtungsmaschinerie in Auschwitz befasst. Zum Politikum macht Bredekamp zufolge einerseits das in den Lagern verhängte Bilderverbot der Nazis, die auf diesem perfiden Weg der Nachwelt nur die eigene Darstellung überliefern. Andererseits verfolgt der Rezensent auch hochinteressiert Georges Didi-Hubermans Verteidigung der Publikation der Bilder im zweiten Teil des Buches, die gegen das von einigen Holocaust-Spezialisten vertretene Dogma der "von äußeren Bildern freien Erinnerung" Stellung bezieht. Was das Buch für den Rezensenten ebenfalls zum Ereignis macht, ist die ebenso "flüssige wie skrupulöse" Übersetzung von Peter Greimer, der Bredekamps Informationen zufolge ebenfalls ein "herausragender Fotohistoriker" ist.