Heute in den Feuilletons

"Adrenalinarchitektur für 300 Millionen Euro"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.10.2007. In der taz bewertet der Random-House-Jurist Rainer Dresen das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Maxim Billers Roman "Esra" als deutlichen Fortschritt für die Kunstfreiheit. In der SZ kritisiert der Theologe Jochen Teuffel den Paternalismus europäischer Missionarsgegner. Die FAZ gruselt es vor dem Putin-Kult. Die FR begutachtet die Adrenalinarchitektur von Coop Himmelb(l)aus BMW-Zentrum.

TAZ, 17.10.2007

In einem Interview auf der Meinungsseite begründet der Verlagsjurist von Random House, Rainer Dresen, inwiefern das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu Maxim Billers Roman "Esra" keine Verschärfung der bisherigen Rechtsprechung zum Schutz der Intimsphäre darstelle und darüber hinaus auch die Rechtslage für Schriftsteller verbessere. "Wenn sich jemand in einer Romanfigur einfach nur zu negativ porträtiert sieht, dann kann dies künftig nicht mehr als Verletzung des Persönlichkeitsrechts beanstandet werden. Jetzt sollen sogar eindeutig negative Darstellungen möglich sein - solange die Intimsphäre der erkennbaren Person respektiert wird und keine ehrenrührigen falschen Tatsachenbehauptungen enthalten sind. Das ist doch ein deutlicher Fortschritt für die Kunstfreiheit."

Im Kulturteil heute Besprechungen. Alexander Haas nimmt die nicht durchweg überzeugenden, dafür aber experimentier- und risikofreudigen vier Theaterabende in Augenschein, mit denen Karin Beier ihre Intendanz am Schauspiel Köln eröffnete. Brigitte Werneburg stellt die Ausstellung "Uli Richter, eine Berliner Modegeschichte" im Berliner Kunstgewerbemuseum vor. Und Daniel Bax lauschte dem Berliner Konzert von Amy Winehouse.

In tazzwei stellt Ira Mazzoni die heute eröffnende BMW-Welt des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au vor. Und Nicole Basel berichtet über eine Buchpräsentation von Naomi Kleins neuem Buch "Die Schock-Strategie".

Schließlich Tom.

NZZ, 17.10.2007

Die Philosophin Ursula Pia Jauch erinnert in der 17. Folge der Reihe "Die Zukunft von gestern" an Louis-Sebastien Merciers Roman "Das Jahr 2440", der im Jahr 1771 erschien. "rbl" beschäftigt sich in einer Glosse mit der Frage "Warum schweigen die Schweizer Schriftsteller" im Wahlkampf, die Lukas Bärfuss im Tages-Anzeiger stellte. Fritz Joachim Sauer verfolgte eine Gedenkveranstaltung für Ingmar Bergman in Stockholm.

Besprochen werden eine Doppelausstellung über den Architekten P. J. H. Cuypers in Rotterdam und Maastricht, Wagners "Meistersinger" in Dresden und Bücher darunter eine Biografie Dominique Bourels über Moses Mendelssohn und Julia Francks Roman "Die Mittagsfrau" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 17.10.2007

Das neue BMW-Auslieferungszentrum von Coop Himmelb(l)au ist "an den Effekt verschleudert", findet Oliver Herwig. "So viel Kraftmeierei war selten, selbst bei den Coops. Schwerkraft aufheben war ihr Programm von Beginn, in München geschieht das durch ausgefeilte Tricks. (...) Entstanden ist Adrenalinarchitektur für rund 300 Millionen Euro, eine Arena, dazu verdammt, vom nächsten Formgestalter überboten zu werden."

Weiteres: Christian Schlüter beschreibt, wie der Evolutionsbiologe Richard Dawkins und der britische Journalist Christopher Hitchens mit ihren Büchern "Der Gotteswahn" und "Der Herr ist kein Hirte" (Leseprobe) die Religion aus den Köpfen vertreiben wollen. Und in Times mager sinniert Daland Segler über Dankesreden. Gemeldet wird die Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises an Anne Will.

Besprochen werden die beiden Ausstellungen in der Kunsthalle und der Kunstsammlungen Böttcherstraße, mit denen Bremen die Malerin Paula Modersohn-Becker feiert, Harald Schmidts Show "Elvis lebt. Und ich kann es beweisen" am Staatstheater Stuttgart im Rahmen des Projekts "Endstation Stammheim", eine Inszenierung von Büchners "Woyzeck" am Staatsschauspiel Dresden, Richard Wagners Ring-Oper "Siegfried" am Deutschen Nationaltheater Weimar und Monika Marons neuer Roman (Leseprobe) "Ach Glück" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Welt, 17.10.2007

Mit seinem neuen Film "Gefahr und Begierde" hat Regisseur Ang Lee Peter Zander nicht gerade vom Hocker gerissen: "Wieder hat sich Ang Lee ein neues Genre ausgesucht, aber nicht den Spionagethriller. Sondern eigentlich den Wong-Kar-wai-Film." Hendrik Werner berichtet von sinkenden Nutzerzahlen bei Wikipedia, die der Physiker Robert Rohde herausgefunden hat, und vermutet als Ursachen die bestallten Administratoren und einen raueren Umgangston. Manuel Brug fragt sich, wohin die Berliner Lindenoper ausweichen soll, wenn das Gebäude restauriert wird. Sascha Krüger spricht dem Musiker Kid Rock über sein neues Album "Devil Without a Cause" und seine kurze Ehe mit Pamela Anderson.

Besprochen werden das Konzert von Amy Winehouse in Berlin, Volker Löschs Inszenierung des "Woyzeck" in Dresden, eine Ausstellung von Dürers Grafiken im Frankfurter Städel, die Ausstellung zur Leipziger Schule "Man muss sich beeilen, wenn man noch etwas sehen will" auf Gut Selikum in Neuss und das durch Europa tourende Musiktheater "Monkey, Journey to the West".

SZ, 17.10.2007

Der in Hongkong wirkende evangelische Pfarrer und Theologiedozent Jochen Teuffel erklärt, warum Missionierung, die Verbreitung der christlichen Botschaft, genau das Gegenteil von "kulturzerstörerisch" ist: "Wenn Europäer die Mission ablehnen, ignorieren sie die eigene tribale Vergangenheit. Die europäische Zivilisation verdankt sich dem Umstand, dass die christliche Mission unter germanischen Stammesgesellschaften vor mehr als tausend Jahren erfolgreich gewesen ist. Ohne die Kirche sind Schriftlichkeit und die Aneignung des klassischen Bildungsguts kaum vorstellbar. Warum sollte man dies anderen Kulturen nicht zugestehen? Wenn heute Mission das Werk einheimischer Christen ist, lässt sich der Paternalismusverdacht umkehren: Europäer, die die Mission verteufeln, projizieren ihre neuheidnischen Vorbehalte in andere Kulturen: 'Was für uns nicht (mehr) von Bedeutung ist, kann für euch auch nicht gut sein.'"

Weitere Artikel: Ein kleiner Musikschwerpunkt kreist um Musik und Internet: Paul-Philipp Hanske erklärt, warum das Ende des Münchner Labels Hausmusik zwar traurig aber nicht symptomatisch für die Pop-Branche ist: Die Zahl der Independent-Labels in Deutschland steigt insgesamt. Das Musikland Deutschland sollte endlich "das Jammern über den Untergang der Klassikkultur" einstellen, meint Reinhard J. Brembeck nach Lektüre eines Artikels von Alex Ross im aktuellen New Yorker über die segensreiche Wirkung des Internets auf die Klassik. Und Bernd Graff informiert über Pläne der großen Labels, eine eigene Verkaufsplattform im Netz zu errichten. Christine Dössel porträtiert den designierten Intendanten der Münchner Kammerspiele Johan Simons.

Holger Liebes beschreibt ein "neues Spielzeug" des Kunstmarkts: Nicht mehr Institutionskritik, sondern Kunstmessenkritik, "Art Fair Art", ist der letzte Schrei. Sonja Zekri berichtet über zwei Kunsthistoriker der FU Berlin, die von bulgarischen Nationalisten bedroht werden, weil sie die Geschichte eines Gemäldes mit dem Titel "Das Massaker von Batak" untersuchen. Susanne Klingenstein stellt die neue Harvard-Präsidentin Drew Gilpin Faust vor. Till Briegleb informiert über den internationalen Trend zum Wohnen auf dem Wasser, das nun auch in Hamburg gefördert wird. Zu lesen ist ein Interview mit Claretta Cerio, Autorin eines Bildbandes über Capri mit Aufnahmen des italienischen Fotografen Umberto D?Aniello.

Besprochen werden Ulrich Seidels Film "Import/Export", die Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße" im Berliner Martin-Gropius-Bau, eine Aufführung von Wagners "Meistersingern" unter Fabio Luisi an der Dresdner Semperoper und Bücher, darunter Li Angs Erzählungsband "Sichtbare Geister" und eine Studie über die Wahrheitsfähigkeit von "Sachfragen und Glücksfragen". (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

FAZ, 17.10.2007

In Russland greift der Putin-Kult um sich, weiß Kerstin Holm zu berichten, der dabei überhaupt nicht wohl ist: "Eine immer unselbständigere und von äußerer Gewalt zusammengehaltene Gesellschaft sucht heute ihren Trost im fetischisierten Herrscher. Auf dem Kongress der staatstragenden Partei 'Einheitliches Russland' feierte man ihn mit stehenden Ovationen wie zur Breschnew-Zeit. Dass eine Textilarbeiterin die Rednertribüne betrat und den Präsidenten im Namen des Volkes bat, doch bitte weiterzuregieren, auch wenn er dafür die Verfassung ändern müsse, griff gar ins Schatzkästchen stalinistischer Gepflogenheiten."

Weitere Artikel: In der Glosse denkt Ingeborg Harms über die verschiedenen Ausprägungen von Unlesbarkeit und des politischen Inkorrekten bei Harold Bloom (mehr) und Doris Lessing nach. Christian Schwägerl berichtet vom "2. Klima-Forschungsgipfel" in Berlin, der freilich mit Forschung wenig zu tun hatte. Jürgen Kaube war dabei, als im Jüdischen Museum Berlin Sergio Romanos Buch "Brief an einen jüdischen Freund" vorgestellt wurde. Postume Neubauten des Architekten Enric Miralles (der dies gebaut hat und das auch) hat sich Klaus Englert in Barcelona angesehen. Karol Sauerland stellt junge polnische Reaktionäre vor, die sich im "Klub der Kritik des politischen Denkens" zusammengetan hatten, um die politischen Schaltstellen zu erobern. Frank-Rutger Hausmann macht uns mit dem Briefwechsel des Romanisten Ernst Robert Curtius mit seinem im Krieg dann gefallenen Lieblingsschüler Karl Eugen Gass bekannt. John L. Flood gratuliert dem Sprachlehrer Werner Hüllen zum Achtzigsten.

Paul Ingendaay porträtiert den spanischen Journalisten und Autor Juan Jose Millas, der den mit 601.000 Euro nicht eben schlecht dotierten Planeta-Preis gewonnen hat. Philip Eppelsheim stellt Petra Hohn vor, die nach dem Selbstmord ihres Sohns einen Selbsthilfeverein gegründet hat. Gemeldet wird, dass die neuen Suhrkamp-Teileigentümer Claus Grossner und Hans Barlach wegen Verleumdung des Verlags und Ulla Unseld-Berkewiczs zu saftigen Geldstrafen verurteilt worden sind.

Auf der Medienseite ist zu lesen, dass die polnische Regierung die deutsche Presse samt und sonders des vorzugsweise anti-polnisch ausgerichteten deutschen Großmachtstrebens für schuldig hält.

Besprochen werden Ang Lees Venedig-Gewinnerfilm "Gefahr und Begierde", Christine Mielitz' Hamburger Inszenierung von Offenbachs "Les contes d'Hoffmann", die deutsche Erstaufführung von Roland Schimmelpfennigs neuem Stück "Start up" in Mannheim, ein Amy-Winehouse-Konzert in Berlin und Bücher, darunter John von Düffels Vaterschaftsroman "Beste Jahre" und zwei juristische Sachbücher über Handhaben gegen das Verschwindenlassen von Personen (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).