Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.06.2007. Die FAZ berichtet, dass China aus Anlass der Frankfurter Buchmesse erstmals Dissidenten akzeptiert. Die SZ schildert die Nöte der Handtaschen-, Kultur- und Pharmaindustrie mit den Raubkopierern. In der FR stellt der Schriftsteller Abdourahman A. Waberi aus Dschibuti fest, dass Afrika in Berlin abwesend ist. Die NZZ ist überwältigt von Luc Bondys "König Lear"-Inszenierung in Wien. Die Welt deckt auf: Auch in der Kunstwelt wird gedopt. Die taz deckt auf: Es gibt die Scorpions immer noch.

FR, 01.06.2007

Der Schriftsteller Abdourahman A. Waberi, in Dschibuti geboren, heute in Caen lebend, sucht in Berlin nach Spuren Afrikas, "die in der Bundeshauptstadt so spärlich verstreut sind. Für Afrikaner bleibt die Stadt synonym mit jener Konferenz vom 15. November 1884 bis zum 26. Februar 1885, einberufen von Bismarck, um die Spielregeln für die Aufteilung des Kontinents festzulegen. (...) Heute ist es sehr leicht festzustellen, dass Afrika in Berlin abwesend ist - im Unterschied zu Paris, London, Lissabon oder Brüssel. Es kommt vor, etwa in Schöneberg, dass man an einem kleinen Restaurant vorbeigeht, an einem Friseursalon oder einem Nachtclub, die geführt werden von Leuten aus Accra, Asmara oder aus Conakry. Häufiger allerdings passiert es, dass uns eine Nachricht erreicht über juristische Hindernisse, die das tägliche Los der schwarzen Staatenlosen sind - dieser Wanderer der Not, allesamt Vettern von Walter Benjamin, dessen Namen sie nicht kennen und die sich in irgendeinem Heim Brandenburgs vor Sehnsucht verzehren, nach dem Muster des Asylantenheims von Belzig, wenn sie nicht gerade vor den von brandstiftenden Nazihorden fliehen." (Der Artikel ist Teil eines Afrika-Specials in der heutigen FR)

Peter Michalzik kommt enthusiasmiert aus Luc Bondys "König Lear" am Wiener Burgtheater: "Um es schnell und deutlich zu sagen: Der Lorbeer ist ihm sicher, alles, was man in Berlin in zehn Stunden nicht bekommt, sensibler Aufschluss über den Text, Stilsicherheit in Äußerlichkeiten (Bühne, Gesten), ein spürbares Anliegen der Aufführung und vor allem hervorragende Schauspieler, bekommt man in Wien."

Weiteres: Times mager ist heute mit Vorsicht zu genießen: Hans-Jürgen Linke reicht Reese's Erdnussbutterplätzchen in Vollmilchschokolade, "42 Gramm (1,5 Unzen) geradezu pervers schmackhafte reine Kalorien". Daniel Kothenschulte schreibt zum Tod des Schauspielers Jean-Claude Brialy.

Welt, 01.06.2007

Uwe Wittstock blickt aus gegebenem Anlass auf das Doping unter Künstlern: "Gerade Schriftstellern und Künstlern ist die Überlegung nicht fremd, dass die totale Hingabe an eine Leidenschaft, dass der Kampf um die Vollendung eines Könnens nur wenig mit Wohlbefinden, sehr viel aber mit Selbstzerstörung zu tun hat - und nicht selten mit angeblich oder tatsächlich leistungssteigernden Drogen. Novalis schwärmte in seinen "Hymnen an die Nacht" vom "braunen Safte des Mohns". Baudelaire und Verlaine ließen von Absinth bis Opium wenig Halluzinogenes aus. Georg Trakl tat es ihnen nach und starb an einer Überdosis. Klaus Mann heizte sich mit Heroin kräftig ein und kam dann schwer wieder davon los. Ernst Jünger experimentierte mit Meskalin und LSD, Walter Benjamin schwor auf Haschisch. 'Den Ich-Zerfall, den süßen, tiefersehnten / Den gibst Du mir', pries Gottfried Benn das Kokain."

Weitere Artikel: Vor vierzig Jahren kam das Beatles-Album "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band". Wie es zum meistverklärten Album der Popgeschichte wurde, erklärt Michael Pilz: "Nicht die Stücke selbst haben das Album regelmäßig an die Spitze sämtlicher Die-größten-Alben-aller-Zeiten-Ranglisten im gleichaltrigen Rolling Stone befördert, sondern das Konzept." In der Randspalte sinniert Peter Dittmar über die Rolle des Goethe-Instituts in diktatorischen Ländern. Thomas Lindemann meldet, dass die Dresdner Gemäldegalerie als erstes großes Museum komplett für Second Life nachgebaut wurde. Holger Kreitling beschwert sich über Hollywood: "Das Blockbuster-Kino macht derzeit gar keinen Spaß." Und Hanns-Georg Rodek schreibt den Nachruf auf den Schauspieler Jean Claude Brialy.

Besprochen werden die Berliner Schau französischer Meister des Metropolitan Museum, der Grundgesetz-Film "GG19" und Luc Bondys "König-Lear"-Inszenierung mit Gert Voss an der Wiener Burg ("Sie gönnt dem Publikum einen Reichtum, wie es wohl nur noch das Burgtheater kann", seufzt Matthias Heine).

Erst jetzt entdeckt haben wir einen Bericht aus der Welt Online über den Streit um die Fassbinder-Foundation: "Eine Gruppe von 25 früheren Mitarbeitern Fassbinders, darunter Schauspieler, Regisseure und Produzenten, haben am Mittwoch Juliane Lorenz aufgefordert, von der Geschäftsführung der Rainer Werner Fassbinder Foundation zurückzutreten. Außerdem sollte das Gesamtwerk Fassbinders der Stiftung Deutsche Kinemathek Berlin übergeben werden. Die Erklärung ist unter anderem von den Regisseuren Werner Schroeter und Walter Bockmayer, den Schauspielern Ingrid Caven, Peter Kern und Udo Kier sowie von dem langjährigen Ko-Regisseur und Produzenten Fassbinders, Michael Fengler, unterzeichnet."

Spiegel Online, 01.06.2007

Für Spiegel TV auf Spiegel Online ergibt sich für folgende Frage dringender Klärungsbedarf: "Liebesangelegenheiten: Was ist dran am Mythos Sex?"

In einer ddp-Meldung zitiert Spiegel Online auch die Kritik des Berufsverbands Bildender Künstler Berlins (BBK) an einer grauenhaften Plastik, die neuerdings den Vorplatz des Berliner Hauptbahnhofs ziert (Bild): "In wesentlichen Merkmalen sei das Werk eine Replik der seit Jahren in Heidelberg stehenden Plastik 'Sprinting Horse'. Diese Vorlage habe der Bahnchef Hartmut Mehdorn als früherer Chef der Heidelberger Druckmaschinen AG in Auftrag gegeben."
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Stichwörter: Hartmut Mehdorn

TAZ, 01.06.2007

Mein Gott, die Scorpions gibt es immer noch, und eine neue CD haben sie auch rausgebracht. Arno Frank kann es nicht fassen - "Als diese Gruppe gegründet wurde, da hockte in Bonn noch Ludwig Erhard im Kanzleramt" - und hat Klaus Meine getroffen: "Sein Händedruck ist trocken und fest und verbindlich: 'Meine', sagt er freundlich, und seine sehr blauen Augen fügen diskret hinzu: Ich bin Klaus Meine, Prophet im eigenen Lande. Ich habe 'Wind Of Change' geschrieben und ihr habt alle mitgepfiffen, auch wenn's euch heute zum Hals raushängt. Also komm mir nicht blöd, sei so gut."

Besprochen werden Michael Schorrs Filmkomödie "Schröders wunderbare Welt" und die Erdmöbel-CD "No. 1 Hits".

Und Tom.

NZZ, 01.06.2007

Einfach überwältigt ist Barbara Villiger Heilig von Luc Bondys "König-Lear"-Inszensierung am Wiener Bugtheater: "Der Tod fällt die einen im blutigen Spektakel, die andern still und unsichtbar. Edgar rapportiert, wie Gloster starb aus Glück über die Wiederfindung des verlorenen Sohns. Denn glückliche Momente gibt es durchaus bei Bondy, der freilich durch ihren Kontrast das traurige Unheil seiner 'Lear'-Welt noch vertieft. Lear und Cordelia als Inbild der unmöglichen Liebe von Vater und Tochter, am Schluss innig vereint zur Pieta, daneben die Schwestern - alle tot. Luc Bondy hat sie durch ein unbeschreiblich reiches Dasein geleitet, dessen schauerliche, wundersame, illusionäre, grausame, liebeskranke, rachsüchtige und tröstende Aspekte dank seiner Kunst auflebten - unmittelbar vor uns. Kann Theater mehr?"

Weiteres: Ein wenig angeekelt blickt Uwe Justus Wenzel auf die heute in den Niederlande ausgestrahlete Nieren-Oder-Tod-Show, gibt aber zu bedenken, dass die Realitäten der Organspende "noch viel geschmackloser" seien. Marc Zitzmann sammelt kritische Stimmen zu Nicolas Sarkozy beschönigendem Bild der französischen Vergangenheit.

Besprochen werden Liedaufnahmen des jungen Dietrich Fischer-Dieskau und Peter Weiss' "Ästehtik des Widerstandes" als Hörbuch (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Auf der Medienseite berichtet Stephan Russ-Mohl vom Jahreskongress der Kommunikationsforscher in San Francisco: "Wilson Lowry (University of Alabama) hat sich etwa mit den 'Routinen des Blogging' beschäftigt und damit eine Forschungsfrage zu seinem Thema gemacht, die man vor kurzem noch gar nicht hätte stellen können. Spannend daran ist, dass Blogger offenbar mit der Veralltäglichung ihres Tuns Erfahrungen sammeln, die den Herangehensweisen professioneller Journalisten ähneln: Je öfter ein Weblog angeklickt werde, desto mehr würden sich die Blogger ihres Publikums 'out there' bewusst und desto mehr orientierten sie sich an Erwartungen ihrer jeweiligen virtuellen Gemeinschaften. Sie würden mit unfundierten Behauptungen vorsichtiger, es bildeten sich Recherche- und Berichterstattungsroutinen heraus, um Glaubwürdigkeit nicht zu verspielen."

FAZ, 01.06.2007

Mark Siemons informiert darüber, dass China als Buchmessengastland des Jahres 2009 nun auch Dissidenten als chinesische Buchmessengäste akzeptieren wird. Interessanter aber fast ist noch Siemons' Beschreibung des scheinliberalisierten Buchmarkts in China selbst, der "von Laotse bis zum Poststrukturalismus, von Karl Marx bis zu Daniel Kehlmann eine Vielfalt bietet, die auf den ersten Blick von jener westlicher Märkte kaum zu unterscheiden, jedenfalls Galaxien entfernt von der früheren Monokultur ist." Freilich gilt dabei: "Die Verlage müssen Titel und Inhaltsangabe bei der Buchbehörde einreichen, bei sensiblen Themen - politische Führer, Militär, Religion, jüngere Geschichte - das ganze Manuskript, das dann von einer 'kritischen Lesegruppe' aus pensionierten verlässlichen Kadern studiert wird. Verlage, die zu viele ungenehme Bücher einreichen, bekommen im nächsten Jahr weniger Lizenznummern. So ist eine Öffentlichkeit entstanden, die oft bis ins Detail hinein derjenigen einer offenen Gesellschaft gleicht - nur dass eben alles darin ausgespart ist, was der Macht und ihrem Bild des Landes gefährlich werden könnte."

Weitere Artikel: Edouard Beaucamp situiert den verstorbenen Jörg Immendorff im Kontext der (alten) Leipziger Schule - und geht dann genauer auf deren große Bedeutung ein. In der Glosse springt Dirk Schümer vor Freude über große Kunst des Abendlands in Berlin (Impressionisten), Wien ("Lear" unter Luc Bondy) und Trier (Konstantin) im Dreieck. Unverhohlen triumphiert auch Gerhard Stadelmaier, und zwar über den angekündigten Abschied der Frankfurter Intendantin Elisabeth Schweeger. Andreas Rossmann bringt Neuigkeiten über den Verschwendungsfall Bonner Kunsthalle. Edo Reents gratuliert dem Stone Ron Wood zum Sechzigsten.

Für die letzte Seite kann Matthias Hannemann trotz intensiver Recherche auch kein Licht ins Dunkel um den letzten Harry-Potter-Band bringen. Rainer Hermann porträtiert Rober Haddeciyan, den "Meister des Westarmenischen". Hannes Hintermeier hat sich mit dem Architekten Anselm Thürwächter unterhalten, der das Frankfurter Technische Rathaus mitentwarf, das nun abgerissen werden soll.

Besprochen werden die große vom New Yorker Metropolitan-Museum nach Berlin verfrachtete Sammlung französischer Malerei des 19. Jahrhunderts, Luc Bondys "Lear"-Inszenierung mit Gert Voss in der Hauptrolle ("Jubel" schließt Gerhard Stadelmaier lakonisch seine begeisterte Rezension), Emanuele Crialeses Film "Golden Door", eine Aufführung von Domenico Cimarosas "Il ritorno di Don Calandrino" unter Riccardo Muti bei den Salzburger Pfingstfestspielen, Thomas Langhoffs Münchner Inszenierung von Ibsens "Klein Eyolf" und Bücher, darunter Robert Tarek-Fischers "Richard I. Löwenherz"-Biografie (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 01.06.2007

Das SZ-Feuilleton bringt eine ganze Seite zur Verteidigung der Urheberrechte und schildert die Nöte der von ihnen lebenden Industrien, die auch beim G8-Gipfel zur Sprache kommen werden. Andreas Zielcke schreibt: "Der Raubkopierer ist der öffentliche Verächter und der heimliche Verehrer des Urhebers, um nicht zu sagen: Er ist der Stalker des Originals." Alex Rühle besucht den größten Schwarzmarkt für Fälschungen Europas in Budapest: "Willkommen auf dem 'Markt der vier Tiger' in Budapest, dem größten Umschlagplatz für Plagiate in Europa. Nike-Imitate kosten zwölf Euro, Chanel-Parfüms 15 Euro, oder wollen Sie für einen Euro drei Stallone-DVDs?" Und Petra Steinberger schildert den Kampf der Pharmaindustrie gegen Entwicklungsländer wie Indien und Brasilien um den Zugang zu Medikamenten, die etwa bei Aids zum Einsatz kommen.

Weitere Artikel: Fritz Göttler schreibt zum Tod von Jean-Claude Brialy. Karl Bruckmaier schreibt eine Hommage auf die Ärzte, die angeblich beste Rockband Deutschlands. In einer Meldung geht's um neuen Streit bezüglich der Waldschlösschen-Brücke in Dresden. Susan Vahabzadeh gratuliert Morgan Feeman zum Siebzigsten. Stephan Handel schildert in einem Artikel, der Vorlage für einen Krimi werden könnte, die angeblichen Geschäfte des Kunsthändlers Bruno Lohse, der einst für Hermann Göring raubte und, wenn wir richtig verstehen, bis zu seinem Tod vor einigen Monaten immer noch mit Werken aus ehemaligem jüdischem Besitz handelte oder handeln ließ. Philipp Wurm begutachtet die "gefühlslinke deutsche Poplandschaft", die aus Anlass des G8-Gipfels ihre Bedenken gegen die Globalisierung konzertierend zum Besten gibt.

Besprochen werden die Ausstellung "Surreal Things - Surrealism and Design", im Victoria and Albert Museum in London, Konzerte der Tage Alter Musik in Regensburg und Bücher, darunter Peter Atkins' Essay "Galileos Finger - Die zehn großen Ideen der Naturwissenschaft" (mehr hier). Außerdem werden auf einer Seite neue Kinder- und Jugendbücher vorgestellt.

In ihrer Weinbeilage empfiehlt die SZ diesmal Weine aus Österreich. Die nächste Seite "Wein aus Österreich" erscheint am Freitag, 6. Juli, und behandelt den Wagram.