Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.10.2006. György Konrad erinnert sich in der NZZ, wie sie Budapest 1956 zu einer einzigen Wandzeitung machten. Die Welt spekuliert, warum Janos Kadar die russischen Panzer hereingelassen hat. Die FR ruft das arme Berlin zum Spielen auf, während die Berliner Zeitung nicht glauben kann, dass die Hauptstadt 159 Euro pro Kopf für Kultur ausgibt. Die SZ schaut in die prekären Abgründe der Gesellschaft, die taz verwirft das Märchen vom Selfmademan. Die FAZ beschäftigt sich lieber mit tranchierten Augäpfeln und Rebecca Horn.

NZZ, 21.10.2006

Der Volksaufstand in Ungarn 1956 ist das Thema dieser lesenswerten Beilage Literatur und Kunst. Allen voran stürmt György Konrad (mehr), der sich auf zwei ganzen Seiten an die Tage des Aufruhrs erinnert. "Plötzlich fand ich mich im Demonstrationszug wieder, ich war vom Gehweg heruntergetreten und hatte mich den Jugendlichen zugesellt. Manche hakten sich unter und warteten an jeder Straßenecke darauf, dass der Staatsschutz anrücken und die Marschkolonne auseinandertreiben würde. Ein Wunder, wie sich die Bevölkerung innerhalb einer Stunde in ein Volk verwandelte. Schluss mit der Erstarrung, wir haben sehr wohl ein Recht auf die Straße. Eigenartig, nun haben sie Angst vor uns und nicht wir vor ihnen. Auf ein Blatt Papier kannst du schreiben, was immer du willst, und es an einen Baumstamm heften. Eine Rhetorik ist zusammengebrochen. Aufruhr der Sprache, die ganze Stadt eine einzige Wandzeitung. Volksfest der Unbotmäßigen."

Begleitend dazu informiert Andreas Oplatka über neue Erkenntnisse der Historiker zu 1956. Paul Jandl geht in Budapest wichtige Schauplätze der Ereignisse vor fünfzig Jahren ab. Herta Müller stellt das Romanprojekt vor, an dem sie in den vergangenen zwei Jahren gemeinsam mit Oskar Pastior (mehr) arbeitete, über das Arbeitslager in der Ukraine, in dem der Schriftsteller interniert war. Zu lesen sind einige Auszüge aus dem Manuskript Pastiors. "Ja, wenn man gewusst hätte, wie viele Jahre uns der Hungerengel heimsucht, wäre es leichter gewesen. Man hat ja gedacht: Von nun an immer. Und das war das Schlimme."

Im Feuilleton berichtet Andrea Köhler von den Marketinanstrengungen der New Yorker Metropolitan Opera, wo unter der Ägide des neuen Intendanten Peter Gelb Lunchtüten zur Generalprobe verteilt sowie die Premiere von Pucchinis "Madame Butterfly" live auf den Times Square übertragen wurden. Jürgen Tietz feiert die Wiedereröffnung des Bode-Museums in Berlin. Marc Zitzmann erinnert an den Marineoffizier, Romancier und bunten Vogel Pierre Loti.

Besprochen werden die Uraufführung von Mela Meierhans' Oper "Tante Hänsi" in Basel, und natürlich Bücher, darunter Ford Madox Fords Romane "Keine Paraden mehr" und "Der Mann, der aufrecht blieb" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 21.10.2006

In einem sehr informativen Text eruiert Krisztina Koenen in der Literarischen Welt, was den ungarischen Parteichef Janos Kadar dazu bewogen hat, sein Land 1956 den sowjetischen Panzern auszuliefern. "Es ist nicht das erste Mal, dass er für die Partei bereit ist, Blut zu vergießen. Als Innenminister bereitet er den Schauprozess gegen Laszlo Rajk (1948-1950) vor, immer mit der Bedrohung im Rücken, dass er der nächste sein dürfte. So kam es auch, 1952 wurde er wegen Verrats und Liquidatorentums zu lebenslanger Haft verurteilt, 1954 wieder auf freien Fuß gesetzt und rehabilitiert. Aber (der Historiker Tibor) Huszar ist sich sicher: Kadar muss im November 1956 befürchten, dass eines Tages die alten Sünden wieder hervorgeholt werden, falls er den russischen Genossen nicht zur Verfügung steht. Was folgte, ist hinlänglich bekannt."

Michael Pilz sieht mit dem iPod die Liste als literarische Gattung von erhabener Einfalt wiederbelebt. Seine Lieblingslisten: "Die Bundesliga-Abschlusstabelle 1977, Zutaten für einen Kessel Soljanka, die US-Hitparade der ersten Juliwoche 1965, der Winterfahrplan Berlin-Saßnitz, die sehr persönliche iPod-Wiedergabeliste 'Schund & Schmutz'." Besprochen werden unter anderem Harry Mathews' vermeintlich autobiografischer Roman "Mein Leben als CIA" und Darwins Tagebücher von seiner Reise mit der Beagle.

Zum Feuilleton: "Bissigen Provinzialismus" entdeckt Eckhard Fuhr in den Reaktionen auf das Karlsruher Urteil, nach dem Berlin keinen Anspruch auf weitere Finanzhilfen hat. Fuhr hält Kürzungen im Kulturetat für absoluten Quatsch: "Schlösse man eines der drei Opernhäuser - wie die pawlowschen Hunde fingen nach dem Karlsruher Spruch die Akteure des endlosen Berliner Opernstreits aus Gier oder Angst mit dem Geifern an - schlösse man also eine Oper, erbrächte das im Jahr eine Entlastung von ungefähr 30 Millionen Euro. Davon könnte der Zinsendienst für dreieinhalb Tage bezahlt werden... Ohne seinen kulturellen Überfluss wäre Berlin eine soziale und wirtschaftliche Problemzone plus Regierungsviertel."

Peter Zander resümiert das zu Ende gehende Filmfest von Rom. Michael Pilz frohlockt über Robbie Williams' neues Album "Rudebox": "Es klingt eitel, bockig, selbstgerecht, nostalgisch und an manchen Stellen schwer autistisch, kurzum: fesselnd." Bettina Aust plaudert mit Otto Waalkes über seinen neuen Film "Die 7 Zwerge - Der Wald ist nicht genug". Peter Dittmar erinnert an Paul Cezanne, der vor hundert Jahren starb.

Berliner Zeitung, 21.10.2006

Birgit Walter kann sich absolut nicht vorstellen, wie die Karlsruher Richter auf die 159 Euro gekommen sind, die Berlin angeblich pro Bürger im Jahr für Kultur ausgeben soll. "Das Statistische Bundesamt hat möglicherweise Ausgaben Berlins und des Bundes addiert, sonst sind sie nicht zu erklären. Der Kultursenator, der nun von höchster Stelle dazu angeregt wird, weitere Spardramolette auszuhecken, hat aber gar keinen Einfluss auf die Ausgaben des Bundes, bei den meisten handelt es sich um eigenständige Bundesinstitutionen. Er musste seinen Haushalt in den letzten fünf Jahren von 511 Millionen Euro auf 356 Millionen zusammenstreichen. Jedes Theater, jedes Museum in der Stadt bekam das zu spüren... Dass es dem Land nun statistisch zum Nachteil gereichen soll, wenn der Bund seine Kultur-Aktivitäten hier verstärkt, ist noch absurder als die Forderung, Berlin müsse seine Kultur ausgerechnet an Hamburg orientieren."

Im Magazin erinnert sich der ungarische Autor George Hodos an 1956: "Für mich begann die ungarische Revolution von 1956 schon am 6. Oktober 1956. Es war fast genau der Tag, an dem sieben Jahre zuvor Laszlo Rajk, damals noch der zweite Mann in der Partei, und drei seiner Genossen, darunter mein Freund Tibor Szönyi, hingerichtet und ihre Leichen in nicht gekennzeichneten Gräbern verscharrt worden waren. Szönyi hatte zuletzt die Kaderabteilung des Zentralkomitees der Partei geleitet und war Kommunist seit 1930. Ich hatte ihn während seiner und meiner Emigration vor 1944 in der Schweiz kennengelernt. Aus der Verbindung dieser 'Schweizer Gruppe' mit dem US-Bürger Noel Field wurde 1949 der Ungarische Schauprozess gegen 'Rajk und Konsorten' konstruiert. Er endete mit fünf Todesurteilen im Hauptprozess und weiteren 40 in Nebenprozessen, um nur die Todesopfer zu erwähnen. Gemeinsam mit Rajks Witwe Julia beschlossen wir, die Überlebenden, und die Leitung des Schriftstellerverbandes, die feierliche Neubeerdigung der Gehängten zu organisieren. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Budapest, und am 6. Oktober strömten 100 000 Menschen zusammen. Es wurde die erste spontane Massendemonstration seit 1949 gegen Tyrannei und Stalinismus."
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Tagesspiegel, 21.10.2006

Frank Castorf, seit fünfzehn Jahren Intendant der Berliner Volksbühne, sieht im Gespräch mit Rüdiger Schaper nach dem Karlsruher Urteil neue Aufgaben auf sich und seine Berliner Kollegen zukommen. "Wir werden bald ein anderes soziales Konfliktpotenzial vorfinden, daran wird man sich reiben. Man kann auch eine neue Solidarität mit dieser Stadt gegen den Rest der deutschsprachigen Welt zeigen." Castorf irritiert aber die Müdigkeit, die er - natürlich nur außerhalb seines Hauses - allenthalben registriert. "Das Publikum ist erschöpft, die Kritiker auch. Die Leute sind auf sich zurückgeworfen, sie können nicht mehr mitten in der Woche drei-, vier-, fünfstündige Theaterabende ansehen. Die Aufgeregtheit, die Lust ist weg. Andererseits ärgere ich mich über Regisseure, die Stücke stark 'entkernen': anderthalb Stunden, und ab in die Kantine."
Stichwörter: Frank Castorf

TAZ, 21.10.2006

In einem Text zur Unterschicht-Diskussion konfrontiert Cord Riechelmann die neoliberalen Verkünder der Willensstärke wie Ulf Poschardt oder Gabor Steingart mit Nietzsche und Lacan. Und daran wird dann klar, wie wenig diese Unterschicht-Verächter wissen wollen, wie so ein großes und starkes Ich zu dem wird, wofür es sich hält: "Sie schließen die sozialen Voraussetzungen und Bedingungen ihrer Willensformierungen aus ihren Betrachtungen aus und machen sich so zu Herren im eigenen Haus. Bei ihnen sitzt das Ich am Steuer, sie sind die Meister ihres Erfolgs. Ihre Individuation in der Karriere wird ihnen zum Maßstab ihres Menschenbildes. Die vorindividuellen, abhängigen Teile ihrer Existenz, die das gesellschaftliche Individuum auch ausmachen, sind in ihrem Text suspendiert."

Weitere Artikel: Tobias Rapp meditiert über die Einsamkeit des Popstars Robbie Williams. Tilman Baumgärtel schickt eine Post aus Manila über den Taifun. Kristina Graaff erzählt am Beispiel ihres prominentesten Vertreters Relentless Aron vom großen Erfolg der Urban Novel in den USA. Wie das U-Bahn-Unglück auf das neue Filmfestival in Rom seinen Schatten warf, weiß Barbara Schweizerhof zu berichten. Auf der Meinungsseite erklärt Marcia Pally in einer Post aus New York, warum die USA die Welt am Ende doch nicht regieren werden.

In der zweiten taz spricht Katrin Klingan, Leiterin des Festivals "relations", über unser Bild vom Osten, das auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von Klischees bestimmt ist. Steffen Grimberg setzt sich mit dem Phänomen des Aufmerksamkeitsgewinns durch Anzeigenschaltung auseinander. Marius Meyer informiert über die Versuche, das Prinzip Wikipedia vom Ruch der Unzuverlässigkeit zu befreien. Das Dossier des taz mag ist für diesmal zum Weinjournal mutiert und wendet sich an LeserInnen, die Überschriften wie "Le terroir, c'est moi" und dazu gehörige Artikel zu goutieren wissen.

Besprochen werden Andrew Davis' Rettungsschwimmerdrama "The Guardian - Jede Sekunde zählt", und Bücher, darunter Peter Longerichs Studie über die Judenverfolgung "'Davon haben wir nichts gewusst', Frank Bajohrs und Dieter Bohls thematisch eng verwandte Untersuchung "Der Holocaust als offenes Geheimnis" sowie Wolf Haas' literarische Literaturkritikdemontage und -hommage "Das Wetter vor 15 Jahren" und - in der crime scene - Asa Larssons durchaus offenes Kriminalkunstwerk "Weißes Licht" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages).

Und Tom.

SZ, 21.10.2006

Die Soziologen Sandra Hüpping und Wilhelm Heitmeyer liefern einen auf Befragungen gestützten Report zur gefühlten sozialen Situation. Die Ergebnisse sind durchweg beunruhigend - ein Beispiel ist die durch Hartz IV geschärfte Wahrnehmung von Prekarität: "Ein wachsender Teil der Bevölkerung stuft die eigene Position am Arbeitsmarkt als prekär ein. Mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen in unteren sozialen Lagen, aber auch 40 Prozent der Befragten in mittleren Soziallagen und sogar ein Viertel in gehobener Position äußern große oder sehr große Angst vor Arbeitslosigkeit."

Weitere Artikel: Der Germanist Dieter Borchmeyer klagt, dass die deutsche Universität "an diesem schwarzen Freitag, dem 13. Oktober 2006 nach längerem Siechtum verstorben" sei, denn: "Geistes- und Sozialwissenschaften zählen nicht mehr zum Kanon der elitebestimmenden Fächer. Sie sind beim Exzellenzwettbewerb hoffnungslos gescheitert." Andreas Beyer erinnert zum hundertsten Todestag an Paul Cezanne, den Vater der Malerei der Moderne. Vor dem großen Theaterkahlschlag in Thüringen, ausgelöst durch kaum haushaltswirksame Einsparmaßnahmen, warnt Jörg Königsdorf. Nicolas Weill informiert über die - immerhin schon - "vierte Heidegger-Affäre" in Frankreich.

Auf der Literaturseite ist der Vortrag abgedruckt, den der Direktor des internationalen Zentrums für Kulturwissenschaften Hans Belting auf einer Tagung seines Hauses zum kulturellen Wandel der Bibliothek gehalten hat. Vorwiegend süffisante Bemerkungen sind Helmut Böttiger beim Rundgang übers Berliner Benjamin-Festival-Gelände eingefallen.

Besprochen werden Sebastian Nüblings Stuttgarter Inszenierung von George Bizets "Carmen", Vera Nemirovas Inszenierung von Giuseppe Verdis "Otello" an der Dresdner Semperoper und Bourlem Guerdjous Beduinenwestern "Zaina - Königin der Pferde".

Auf der Medienseite gibt Michael Jürgs Einblicke in die heftigen Geld- und Aufmerksamkeitsverteilungskämpfe - vulgo: Hauen und Stechen - im Vorfeld der Veröffentlichung von Gerhard Schröders Erinnerungen. Im Buch lesen durfte Jürgs allerdings auch noch nicht.

Im Aufmacher der SZ am Wochenende würdigt Tobias Kniebe den britischen Komiker Sasha Baron Cohen, der die Figur des Ali G. erfunden hat und jetzt auch seinen kasachischen Reporter "Borat" ins Kino bringt. Marcus Jauer resümiert impressionistisch ein Jahr Große Koalition. Auf der Historienseite geht es um den Fahrstuhl, unten und oben sowie um Napoleon und Luise von Preußen. Im Interview spricht die "Body Shop"-Gründerin Anita Roddick über "Konsum".

FR, 21.10.2006

Harry Nutt begreift die nach dem Verfassungsgerichtsurteil durchaus prekäre Finanzlage Berlins auch als Chance zum Vabanque: "Das neue Deutschland hat sein Verhältnis zur Hauptstadt noch nicht gefunden. Berlin wird also weiter jene aus dem wendischen Bauerntum hervorgegangene Metropole sein, die die Hauptstadt nur spielt. Als ökonomisches Gemeinwesen aber wird sich die Stadt wohl einen Spieler-Leitsatz zu eigen machen müssen, der lautet: Wer viel Geld hat, darf nicht spielen. Wer wenig hat, der kann spielen. Wer aber keins hat, der muss spielen."

Weitere Artikel: Vom neu gegründeten Filmfestival in Rom berichtet Daniel Kothenschulte und zeigt sich von den dort gezeigten exzellenten Filmen sehr viel mehr als von den Preisgeldern beeindruckt, mit denen man um sich warf. Im Interview spricht der Magier Jeff Sheridan über seine Zunft als Kunst und die Tricks der Kollegen. Martina Meister meditiert in ihrer "Plat du jour"-Kolumne über Kate Moss' Karriere.

Besprochen werden ein Konzert von Bernadette LaHengst und En Transit, eine CD-Vorstellungsveranstaltung des Trios [em] und ein Konzert von Rumi Ogawa und die Ausstellung in der Schirn, in der Picassos Verhältnis zum Theater erkundet wird.
Stichwörter: Berlin, Deutschland, Geld, Trickster

FAZ, 21.10.2006

Auf den Wochenendseiten pocht der niederländische Soziologe Paul Scheffer auf die Trennung von Staat und Religion, wenn es um die Integration der Muslime geht. "In einigen Ländern, unter anderem in Deutschland, kann man jedoch die Tendenz beobachten, das Problem der Integration des Islam in einen Dialog zwischen den Religionen umzuwandeln. Eine ganze Reihe von Christdemokraten sagen, dass 'wir' - und damit meinen sie die christlichen Nationen Europas - mit den Vertretern des Islam ins Gespräch kommen müssten. Jeder Dialog ist begrüßenswert, doch es steht säkularen Autoritäten nicht an, sich mit einer bestimmten Glaubensrichtung zu identifizieren."

Was die Installationskünstlerin Rebecca Horn aus der Masse der jungen Konkurrenz heraushebt, sind ihre vielfältigen Bezugnahmen auf Kunst- und Kulturgeschichte, schwärmt der Kunsthistoriker Werner Spies. "Unübersehbar ist der Hinweis auf den tranchierten Augapfel, der seit Max Ernsts 'Oedipus Rex' und Dalis und Bunuels 'Andalusischem Hund' das innere Sehen, die Imagination in den Vordergrund rückt. Was Rebecca Horn vorführt, erinnert auch an die Vorstellungen der Romantik, an Jean Paul, der in seinem 'Titan' die Rede auf die 'Schwelgerei dieser künstlichen Blindheit' bringt." Im Berliner Martin Gropius Bau ist derzeit eine Ausstellung zu Rebecca Horn zu sehen.

Weiteres im Feuilleton: Für "Wichtigtuerei" hält Felix Johannes Krömer die Vermutungen des Historikers Sönke Zankel, der in einem Buch den Mitgliedern der Widerstandsbewegung "Weiße Rose" antidemokratische und antijüdische Vorstellungen vorwirft. Edo Reents hat auf dem "Festspiel der deutschen Sprache" der Kammersängerin Edda Moser einen Abend mit Heine und Claudius und beinahe ohne Anglizismen verbracht. Dieter Bartetzko ist höchst zufrieden mit der neu gestalteten Ulmer Mitte, wo Sichtbeton wie polierter Marmor wirkt. Alexandra Kemmerer erinnert an den Rechtswissenschaftler Hans Kelsen, der vor 125 Jahren geboren wurde und an der österreichischen Bundesverfassung von 1920 mitarbeitete. Andreas Rossmann gratuliert dem ehemaligen Duisburger Oberbürgermeister Josef Krings zum Achtzigsten.

Die Schallplatten- und Phonoseite bestreiten heute Joseph Parsons "perfektes,alkoholseliges" Countryalbum "The Fleury Sessions", Lloyd Coles Platte "Antidepressant" und das Album "Toto Mozart" mit dem Bassbariton Bryn Terfel.

Besprochen werden die "großartige" Ausstellung über "Picasso und das Theater" in der Frankfurter Schirn, ein Auftritt der Band "The Pipettes" in Köln, John Cameron Mitchells Film "Shortbus" (für Andreas Platthaus eine "Komödie der hinterhältigen Art"), Klaus Kinskis Auftritt als "Jesus Christus Erlöser" zum Nachhören, und Bücher wie Walter Muschgs "Tragische Literaturgeschichte" oder Angelica Ammars Erstling "Tolmedo" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der Frankfurther Anthologie stellt Friederike Reents ein Gedicht von Gottfried Benn vor.

"Brief nach Meran

Blüht nicht zu früh, ach blüht erst, wenn ich komme,
dann sprüht erst euer Meer und euren Schaum,
Mandeln, Forsythien, unzerspaltene Sonne -
dem Tal den Schimmer und dem Ich den Traum."