Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.10.2006. Die FR hat einen Trost für das akademische Proletariat parat: Prekariat ist noch nicht Unterschicht. In der FAZ kritisiert Niall Ferguson ein neues amerikanisches Gesetz, das Kriegsgefangene zu Rechtlosen macht. Die SZ rügt den Provinzialismus der deutschen Verfassungsrichter, die der Stadt Berlin raten, 60 Milliarden Euro am Kultur- und Bildungsetat einzusparen. Die Welt begibt sich auf die Spuren der ältesten Zivilisation Südamerikas. Die NZZ untersucht die Affäre Tony Judt. In der taz verteidigt der amerikanische Historiker Paul Kennedy seine These vom kommenden Niedergang der USA. Und die Berliner Zeitung protokolliert Robbie Williams' stream of consciousness.

NZZ, 20.10.2006

Auf der Medien- und Informatikseite berichtet Heribert Seifert von einem "kühnen Sprung" der britischen Tageszeitung Daily Telegraph ins Internetzeitalter. Internet- und Printredaktion werden zusammengelegt. "Es gibt nicht mehr einen Redaktionsschluss, sondern mehrere 'touchpoints' im Lauf des Tages, an dem die Leser in den dann von ihnen bevorzugten Formen die gewünschten Inhalte abrufen können: Der Morgen ist textorientiert und bietet neben der traditionellen Druckausgabe eine Internetversion der Zeitung. Zur Mittagszeit sind auf der Website Videos mit Nachrichten und Features abrufbar. Am frühen Nachmittag werden Podcasts ins Netz gestellt. Nach 17 Uhr gibt es den 'Telegraph-pm', eine 10- bis 12-seitige Internetausgabe im PDF-Format. Wer sie herunterlädt, kann umfangreiche Multimedia-Angebote nutzen oder Teile davon für die Lektüre während der Heimfahrt ausdrucken. Am Abend schließlich werden 'news to use' angeboten, die die 'community' der Telegraph-Konsumenten stärken soll: Reise, Haus und Garten, Sport oder Fantasy football sind die Inhalte."

Im Feuilleton berichtet Andrea Köhler, dass der Historiker Tony Judt von einer Veranstaltung im polnischen Konsulat in New York wegen seiner israelkritischen Äußerungen (u.a. in der New York Times und in der New York Review of Books) ausgeladen wurde - angeblich auf Druck von zwei jüdischen Organisationen, dem American Jewish Committee und der Anti-Defamation League. "Laut dem Präsidenten der Anti-Defamation League, Abraham Foxman, hat die ADL mit der Absetzung der Veranstaltung nichts zu tun; 'wilde konspirative Theorien' seitens der Veranstalter seien im Spiel. Der stellvertretende polnische Konsul Marek Skulimowski gab gegenüber der Tageszeitung The New York Sun zu Protokoll, es habe Anrufe von 'Repräsentanten aus der amerikanischen Diplomatie und Intelligenzia' gegeben, die 'ihrer Besorgnis Ausdruck verliehen' hätten. Das Konsulat sei 'kein Debattierklub'. Doch in einer Zeit, in der der polnische Präsident gerade einen Besuch in Israel absolviert habe, sei Judt diesem Staat gegenüber 'unangemessen kritisch' eingestellt. So weit, so abstrus." (Judts Vortrag sollte an die Thesen über "Die Israel-Lobby" von John Mearsheimer und Stephen Walt anknüpfen. Leon Wieseltier hat im New Republik Judts Recht zu sprechen verteidigt, die Zensurvorwürfe findet er dennoch absurd: "The censorship of Tony Judt is not working. He is one of the least suppressed, repressed, and oppressed intellectuals who ever lived. If there is life on Mars, it knows what he thinks.")

Weiteres: Der Biochemiker Gottfried Schatz erzählt, wie er nachts im Bett liegt und sich fragt, ob er ein guter Wissenschaftler war. Matthias Messmer porträtiert den taiwanesischen Schriftsteller und Politiker Li Ao. Besprochen werden Sean Scullys Serie "Wall of Light" im New Yorker Metropolitan Museum und ein Abend des Bejart Ballets in Lausanne.

Auf der Filmseite stellt Susi Koltai Filme über den ungarischen Aufstand von 1956 vor. Hendrik Feindt schreibt über zwei Filme, in denen sich Jean-Marie Straub und Daniele Huillet mit Cezanne auseinandersetzten.

Welt, 20.10.2006

Berthold Seewald berichtet von einer sensationellen archäologischen Entdeckung: In Sechin Bajo im Casmatal, 370 Kilometer nördlich der peruanischen Hauptstadt Lima sind deutsche Forscher auf die wahrscheinlich älteste Zivilisation Südamerikas gestoßen: "Allein die Hauptpyramide mit Prozessionsstraße und eingesenkten runden Plätzen von Sechin Alto, die auf 1600 v. Chr. datiert wird, umfasst eine Grundfläche von rund 250 Fußballplätzen und ist größer als der klassizistische Teil Berlins Unter den Linden. Unter diesem gigantischen Komplex stießen die Archäologen jetzt auf die Fundamente der riesigen Pyramide. Deren Hauptbauachse weicht um 45 Grad von der der späteren Anlage ab. Geschätztes Alter: 3200 v. Chr."

Weiteres: Marion Meier stellt Webcuts vor, ein Festival für Filmkostbarkeiten aus dem Internet. Reinhard Wengierek spricht mit dem Autor und Regisseur Armin Petras über das Prekariat auf der Bühne. Matthias Heine meldet, dass Genesis nächstes Jahr wieder auf Tournee gehen, aber natürlich ohne Peter Gabriel. Katrin Wilkens urteilt über das neue Hundemagazin aus dem Hause Gruner und Jahr: "Dogs kann man auf dem Couchtisch liegen lassen." Peter Luley konstatiert, dass die Privatsender wieder verstärkt auf den Import amerikanischer Serien setzen, statt eigene zu produzieren.

Besprochen werden die neuen Alben von Renee Fleming und Anna Netrebko, Becks neue CD "The Information" und Benjamin Heisenbergs Film "Schläfer".

FAZ, 20.10.2006

Der britische Historiker Niall Ferguson, der sich nebenbei als Thatcherist outet, kritisiert in scharfen Worten den Military Commissions Act, der es den Amerikanern erlaubt, "illegale feindliche Kombattanten" quasi als Rechtlose zu behandeln - bis hin zur Folter. Bush sollte sich lieber ein historisches Vorbild nehmen, meint Ferguson: "Winston Churchill bestand während des ganzen Krieges darauf, Kriegsgefangene korrekt zu behandeln - das sei klug, und sei es nur, damit die eigenen Leute eine bessere Chance haben, ebenfalls gut behandelt zu werden, wenn sie gefangen genommen werden. Selbst im Zweiten Weltkrieg gab es ein hohes Maß an Wechselseitigkeit: Die Briten behandelten deutsche Kriegsgefangene gut und wurden umgekehrt von den Deutschen gut behandelt. Die Deutschen behandelten russische Kriegsgefangene unsagbar brutal und erhielten den blutigen Lohn dafür, als sich das Blatt wendete."

Weitere Artikel: Jordan Mejias geht Vorwürfen des Malers Botero an die amerikanischen Museen nach, die angeblich seine von Abu Ghraib inspirierten Folterbilder nicht ausstellen wollen, so dass er sie in einer großen New Yorker Privatgalerie zeigen muss. Patrick Bahners verknüpft in der Leitglosse den Spruch der Bundesverfassungsrichter gegen Berlin irgendwie mit den Privatproblemen des CDU-Politikers Friedbert Pflüger. In einem kurzen Artikel malen sich FAZ-Redakteure aus, welche Folgen der Tipp der Richter, Berlin möge seine 60 Milliarden Euro Schulden am Kulturetat sparen, für die Stadt haben könnte. Rainer Decker suchte die Quelle zu einem Buch, das behauptete, die Nazis hätten vorehelichen Sex gefördert, fand sie und sah die Behauptung zusammenbrechen. Dirk Schümer berichtet über eine "Dornenkrönung", die als echter Caravaggio identifiziert worden sei. Alexander Honold berichtet, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft die kritische Kafka-Ausgabe des Verlags Stroemfeld Roter Stern nicht fördern will. Und Rose-Maria Gropp gratuliert Elfriede Jelinek zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite kommentiert Michael Hanfeld die Entscheidung der Ministerpräsidenten, jetzt auch Computer mit Rundfunkgebühren zu belegen. Dirk Schümer schreibt über das geplante neue Mediengesetz in Italien, das auf den wilden Widerstand Silvio Berlusconis stößt. Melanie Mühl stellt das Blog-Projekt "One Day in History" vor, in dem alle Briten aufgefordert waren, ihre Erlebnisse am 17. Oktober für die Ewigkeit festzuhalten.

Für die letzte Seite sprach Andreas Obst mit Henning Mankell über Aids in Afrika und die mangelnde Hilfe aus Europa: "Westdeutschland hat in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung mehr Geld für den Aufbau des Ostens aufgebracht als ganz Europa in derselben Zeit für Afrika." Erna Lackner meldet, dass Franz Werfel von den Armeniern für sein Buch "Musa Dagh" mit der Ehrenbürgerschaft geehrt wurde. Und Andreas Platthaus präsentiert das 1708 vom Mailänder Instrumentenbauer Giambattista Grancino gefertigte Cello, welches bis zu seinem Tod von Siegfried Palm traktiert und jetzt an das Gewandhausorchester Leipzig verkauft wurde, wo es der Obhut des Solocellisten Jürnjakob Timm untersteht.

Besprochen werden die neue CD von Robbie Williams, Sartres "Schmutzige Hände" in Düsseldorf, die Ausstellung "Der große Kardinal - Albrecht von Brandenburg" in Halle und ein Sachbuch über amerikanische Kulturlandschaftstheorie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Der schöne Artikel von Neil MacGregor über das Bode-Museum aus der gestrigen FAZ steht heute online.
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FR, 20.10.2006

Im Interview mit Christian Thomas pocht der Soziologe Sighard Neckel auf eine Unterscheidung von Unterschicht und Prekariat: Nicht zu leugnen sei, dass es eine Unterschicht gebe, da "die deutsche Gesellschaft von der Einkommensverteilung über die Bildungschancen bis hin zur durchschnittlichen Lebenszeit durch eine vergleichsweise eindeutige Teilung in Klassen und Schichten gekennzeichnet ist". "Prekariat" aber sei etwas anderes: "Prekäre Lebenslagen mit geringer Sicherheit, wechselnder Beschäftigung und niedrigem Lohn gibt es auch in bildungsstarken Sozialgruppen, die nicht zur Unterschicht gehören, wenn wir etwa nur an das moderne akademische Proletariat denken, das sich mit Werkverträgen, Teilzeitjobs und Praktika herumschlagen muss. Armut an sich ist kein alleiniges Merkmal der Unterschichten, weshalb die Gruppe der gegenwärtig etwa elf Millionen Armen in Deutschland auch größer als die der so bezeichneten 'Unterschicht' ist."

Weiteres: Bernhard Uske berichtet von der Eröffnung der österreichischen Kulturtage in Wien. In Times mager greift Harry Nutt Berichte auf, nach denen Spaniens König Juan Carlos I. in Russland einen zahmen Bären erlegt haben soll, der vorher auch noch von Jagdhelfern betrunken gemacht worden sei. Besprochen wird Albert Ostermaiers Monolog "Radio Noir" im Frankfurter Gallus Theater.

Berliner Zeitung, 20.10.2006

Robbie Williams schildert Robert Rotifer im Interview zum neuen Album "Rudebox" das Selbstgespräch, das er auf der Bühne führt. "Zum Teufel, wofür hältst du dich eigentlich? Schau dich an, wie du versuchst, auf sexy zu machen. Und wie du furzt, während du tanzt. Du gibst dich aufreizend und furzt dabei, du Trottel. Und schau dir die da an, putzt die ihre Zähne mit Schießpulver? Und die Titten von der da! Tu sie wieder rein! Du kannst ja nicht einmal singen, und die Textzeile, die jetzt kommt, ist entsetzlich. Aber jetzt gerade hast du sogar was ziemlich Witziges gesagt. Das war gut, sehr brav."

TAZ, 20.10.2006

Im Gespräch mit Sebastian Heinzel verteidigt der amerikanische Historiker Paul Kennedy seine These von der imperialen Überdehnung und dem Niedergang der USA. "Wir bräuchten ein Amerika, das seinen relativen Abstieg intelligent managt. Doch es treibt die US-Neokonservativen auf die Palme, über irgendeine Form von Niedergang nachzudenken - selbst wenn er nur relativ ist. Chinas und Indiens Aufstieg sind nicht zu leugnen."

Weiteres: Harald Fricke befürchtet, dass die Sparzwänge Berlin zur "wild wuchernden Ruine" werden lassen. Christoph Twickel erzählt die Geschichte des Plattenlabels Fania Records, das im New York der Sechziger den Salsa für den Pop öffnete und nun seine alten Alben wieder auflegt. In der zweiten taz beobachtet Marius Meyer (wie Mike Davis vor zwei Wochen in der Zeit) die globale Renaissance von Mauern und Grenzwällen. Und "clem" meldet aus Schweden, dass nach dem Rücktritt einer des Schwarzsehens überführten Ministerin in der laufenden Woche 8000 neue Gebührenzahler registriert wurden, darunter bekannte Namen aus Politik, Wirtschaft, Kultur.

Eine Besprechung widmet sich der Ausstellung "You won't feel a thing: Zu Panik, Obsession, Ritualität und Betäubung" zum persönlichen Umgang mit der neoliberalen Welt im Kunsthaus Dresden.

Und Tom.

SZ, 20.10.2006

Das Bundesverfassungsgericht hat gestern die Klage Berlins auf Bundeshilfen abgelehnt. Jens Bisky weiß, dass die Hauptstadt sparen muss (hier die Urteilsbegründung in Kurzfassung), den Karlsruher Vergleich mit Hamburg verbittet er sich aber - wie alle Berliner: "Wäre es vernünftig, nun eine, besser zwei Universitäten in Berlin und ein paar Theater zu schließen? Er hätte, sagte der Präsident der Freien Universität Berlin, Dieter Lenzen, im Gespräch mit dieser Zeitung, nicht vermutet, dass die Provinzialität der Karlsruher Richter dieses Ausmaß annehmen würde. Berlin sei ein Zentrum der deutschen Wissenschaft, das zu zerstören oder beschädigen doch nicht ernsthaft erwogen werden könne. Mehr als 50 Prozent der hier Studierenden kommen nicht aus Berlin, Hunderttausende wollen in der Hauptstadt studieren. Hamburg als benchmark sei abwegig."

Im Interview mit Reinhard J. Brembeck zeigt sich der Direktor der Berliner Opernstiftung Michael Schindhelm überrascht von dem Urteil. "Ich bin davon ausgegangen, dass sich Deutschland eine Hauptstadt leisten möchte, die in diesen Fragen auch weiterhin ganz vorne mitmischt." Brembeck rechnet zudem vor, dass München entweder zu viele oder Berlin noch zu wenige Opernhäuser hat.

Weitere Artikel: Tobias Moorstedt berichtet vom Medienfestival "Steirischer Herbst", wo über die Kunsttauglichkeit von Programmiercodes geforscht wurde. Wolfgang Jean Stock war dabei, als der Architekturpreis "Neues Bauen in den Alpen" an den Graubündner Gion Antoni Caminada und an den Tiroler Rainer Köberl vergeben wurde. Will Ronald S. Lauder vielleicht die ehemals in Berlin gezeigte "Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner kaufen, spekuliert Stefan Koldehoff. Im Literaturteil berichtet Lothar Müller von der Diskussion um die Faksimile-Edition der Schriften Kafkas, die von der DFG nun nicht gefördert wird.

Besprochen werden misslungene Berliner Inszenierungen der Stücke von Anja Hilling und Christoph Nußbaumeder (über die Christopher Schmidt wütet, dass Thomas Ostermeier selbst "seiner niederbayerischen Heimat nur entronnen ist, um im Schrebergarten zeitgenössischer Pseudo-Avantgardismen Gartenzwergtheater zu machen"), das neue Album der "Mehrzweckhalle des Pop" Robbie Williams, Andrew Davis' Film "The Guardian" mit Kevin Costner, Joseph Anton Riedls Reihe über Neue Musik "Klangaktionen" in München und Bücher, nämlich Milos Vec' Ratgeber "Der Campus-Knigge" und Günther Kunerts Prosaskizzen "Irrtum ausgeschlossen" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).