Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.10.2006. Die taz empfiehlt das Modelabel für die Unterschicht, die auf sich hält: Picaldi. In der FAZ feiert Neil MacGregor, Leiter des British Museum, das neue Bode-Museum als europäischen Skulpturengarten. In der FR plädiert Georg Klein für eine kenntliche Mary Shelley. Die NZZ ergründet das Wesen der Kunst Diddys: Geschäftsmann! Peng! Die Zeit verhält sich mittels eines verglasten Lastwagens in Sofia dekonstruktivistisch zur Welt. Stefan Krohmers Film "Sommer 04" inspiriert die Kritiker von FR und SZ zu Hymnen.

Zeit, 19.10.2006

In Sofia besucht Evelyn Finger den Schweizer Regisseur Stefan Kaegis, der einen Lastwagen verglast und zum fahrenden Zuschauerraum ausgebaut hat, damit durch Europa tingelt und bei jeder Station die lokalen Tankstellen, Müllhalden und Problemviertel wieder neu als Kulisse seines Dokumentartheaters nutzt. "Hier eröffnet sich eine seltsam zusammenhanglose Welt. Der dicke Mann, der an den Zaun der Spedition pinkelt. Das halbe Schwein, das im Zigeunerghetto vom Gartentor weg verkauft wird. Die junge Mutter, die, ihr Baby auf dem Arm, in fünf Nummern zu großen Herrenlatschen die Straße überquert. Das 'Cargo Sofia'-Projekt verhält sich, im Gegensatz zu den meisten Theaterexperimenten, dekonstruktivistisch nicht zum Theater, sondern zur Welt."

Katja Nicodemus erzählt vom wichtigsten asiatischen Kinofestival im südkoreanischen Pusan, wo die meisten Besucher um die zwanzig sind, Dynamik alles ist und keiner Angst vor Kim Jong Il hat. "Leider hat der Regisseur Lee Jyong ('Dasepo-Naughty Girl') nur zweiundzwanzig Minuten Zeit für ein Interview, denn er ist 'very busy', wie alle auf diesem Festival. Vielleicht liegt es an der Hektik, dass er die letzte obligatorische Frage nach den Auswirkungen des nordkoreanischen Atomtests missversteht. Er glaubt, es gehe um die in Korea sehr beliebten Hammercocktails, die sogenannten 'bomb drinks'. Schon im Weggehen verrät er noch schnell sein ganz persönliches Rezept. ein Drittel Soju-Schnaps, ein Drittel Wein, ein Drittel Bier. 'Trinken Sie sehr schnell vier, fünf Gläser hintereinander', sagt Lee Jyong, 'und es wird ein wunderbarer Abend, an den Sie sich nie wieder erinnern werden.'"

Weitere Artikel: Christof Siemes hält das neue Finanzierungsmodell des Schlosses Salem, für dessen Sanierung ursprünglich wertvolle Handschriften verkauft werden sollten, für eine Milchmädchenrechnung. Eva Schweitzer berichtet, dass das englische Theaterstück "My Name is Rachel Corrie" über eine Amerikanerin, die 2003 von einem israelischen Bulldozer überrollt wurde, nach langen Querelen nun auch in New York aufgeführt werden konnte. In "Pooh's Corner" erzählt Harry Rowohlt ein paar Schwänke von der Buchmesse. Hanno Rauterberg testet die Riesenrutschen, die Carsten Höller in der Tate Modern in London installiert hat, und besichtigt das Gesamtwerk von Peter Fischli und David Weiss. Und Tobias Timm reportiert von der bei Prominenten beliebten Londoner Kunstmesse "Frieze".

Besprochen werden John Cameron Mitchells "verzagter" Skandalfilm "Shortbus", Kirsten Harms' "ziemlich kleinteilige" Inszenierung von Alberto Franchettis Oper "Germania", das Album "Orient - Okzident. 1200 bis 1700" des Gambisten Jordi Savall und Robbie Williams' Album "Rudebox" (das Frank Sawatzki "unausgegoren, selbstverliebt, nostalgisch und durchaus unterhaltsam" findet).

Für den Literaturteil besucht Hilal Sezgin den Nobelpreisträger Orhan Pamuk in Istanbul. An Büchern werden unter anderem Felicitas Hoppes Roman "Johanna" und Christoph Twickels "reizvolle" Biografie von "Hugo Chavez" rezensiert (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 19.10.2006

"Nichts und niemand vermag eine literarische Figur zu beschützen," schreibt der Schriftsteller Georg Klein in einem Plädoyer für einen - neu ins Deutsche übersetzten - Roman, der bis zur Unkenntlichkeit verwurstet wurde. "Mary Shelley, Autorin von 'Frankenstein or the Modern Prometheus', hat schnell miterlebt, wie ihr literarisches Kind malträtiert wurde. Ab 1823, kaum fünf Jahre nach dem Erscheinen des Buches, füllten verschiedene Dramatisierungen die Londoner, Pariser und New Yorker Theater. Weil es keinen Rechteschutz für dergleichen Bearbeitungen gab, erhielt sie nicht einmal Tantiemen als Schmerzensgeld dafür, dass das bei ihr anrührend eloquente Monster nun auf der Bühne der Sprache nicht mehr mächtig war und dass seine besondere Körperlichkeit durch knallblaue Schminke beglaubigt wurde. Bald beginnen auch erste parodistische Versionen ihren Zug durch eine nie abreißende Verwertungskette." Dabei erzähle der Roman auf eine auch heute noch "zwingende Weise davon, wie die moderne Wissenschaft etwas Ungekanntes an den belebten Körpern aufdeckt und das Enthüllte sogleich auf eine eigentümliche Weise verunheimlicht."

"Die Einkaufswelten sind im Umbruch", behauptet Robert Kaltenbrunner und untersucht neue, innerstädtische Shopping Center (zum Beispiel diese) in der Republik. "Heutige Handelsarchitektur sucht eben jenes urbane Milieu, das die industrielle Handelskultur weithin überwunden glaubte. Der öffentliche Raum ist ein Standortkriterium und ein Faktor in der Städtekonkurrenz. Wie wichtig dieser öffentliche Raum für den Handel ist, zeigt sich daran, dass er mit Malls und Galerien eigene Formen entwickelt hat, die aus Sicht des Handels optimal gestaltbar und kontrollierbar sind."

Weitere Artikel: Rudolph Walter nimmt den Pariser Gallimard-Verlag im Zusammenhang mit einem abgelehnten Pro-Heidegger-Sammelband von Francois Fedier vor Zensurvorwürfen in Schutz. In der Kolumne Times Mager erzählt Julia von Sternburg tierische Geschichten. Der Sexualforscher Volkmar Sigusch befasst sich mit der Frage, wie Sexualforscherinnen und Sexualforscher eigentlich zur Sexualforschung gekommen sind.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Uraufführung von Christoph Nußbaumeders Stück "Liebe ist nur eine Möglichkeit" an der Berliner Schaubühne, Stefan Krohmers Gefühlsthriller "Sommer '04" (für Rüdiger Suchsland "das präziseste Gegenwartsportrait des Jahres"), John Cameron Mitchells Film "Shortbus" und Andrew Davis' Actiondrama "Jede Sekunde zählt - The Guardian" (den Michael Kohler als "schönen Genrefilm" preist).

Berliner Zeitung, 19.10.2006

Das neue römische Filmfestival hat einen respektablen Start hingelegt, meldet Josef Schnelle. Viele Fans, Stars und sogar einige Einkäufer. "Somit hätte die Festa Rom gleich in ihrer ersten Ausgabe das Festival von Venedig auf den zwei wichtigen Kampfplätzen besiegt: Publikum und Business. Und auch das Filmprogramm des Wettbewerbs von Rom beeindruckte. Herausragend etwa der türkische Film 'Zeiten und Winde' von Reha Erdem: eine Studie über das Jungsein in der Türkei; und der Film 'Der Go-Meister' des chinesischen Regisseurs Tian Zhuangzhuang. Eine mit 50 römischen Filmfans besetzte Publikumsjury wird unter der Führung des italienischen Meisterregisseurs Ettore Scola über den Gewinner des Festivals entscheiden; der darf am Ende immerhin 200 000 Euro mit nach Hause nehmen. Das Schmuckhaus Bulgari hat den Preis entworfen: einen Marc Aurel hoch zu Pferde."
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TAZ, 19.10.2006

"Sie machen Migrantenmode. Picaldi-Jeans", stellt Johannes Gernert das Berliner Billig-Label von Nedim Güner vor. "Oben weit, nach unten hin immer enger. Manchmal enden sie in den Socken, aber das ist eigentlich schon wieder vorbei. 472 heißt der Schnitt. Jungsmode, für Halbstarke, die sich gegenseitig 'Opfer' nennen, 'Spast' und gerade Hosen hassen, wie Güner sie trägt, 'schwul' nennen sie die. Die Rapper bewundern, in deren Texten viel gefickt wird: Väter, Mütter, Muschis, Steaks. Rapper wie Bushido oder Eko Fresh. Auf dessen neuestem Album zeigt ihn ein Foto im Picaldi-Pullover. Das Album heißt 'Hartz IV'. Reduziert kosten manche Picaldi-Jeans so viel wie die CD. Sie haben viel Werbung gemacht, um zu expandieren, zu existieren. Ein Slogan heißt: 'Nix Aldi, Picaldi'. Es ist nicht nur Migrantenmode, es ist auch Hartz-IV- Mode."

Weiteres: Jürgen Berger kommentiert die DFG-Entscheidung, die renommierte deutsche Kafka-Edition der beiden Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle nicht zu fördern und berichtet von weltweitem Protest. Marcus Woeller inspiziert das wiedereröffnete Berliner Bode-Museum. Kolja Mensing eröffnet eine taz-Reihe über Shopping-Malls mit einem Bericht über das Bremer Roland Center, das 1972 in Betrieb genommen wurde. Ines Kappert untersucht, was am Begriff der Leistung so fragwürdig ist. Auf der Meinungsseite spricht sie dann mit der bosnischen Psychologin Marijana Senjak über die Rolle, die der Erfolg von Jasmila Zbanics preisgekröntem Film "Esmas Geheimnis" bei der Anerkennung von Vergewaltigungsopfern als Kriegsversehrte spielte.

Auf der Meinungsseite diskutiert Christian Semler die Kriegsverbrecherprozesse von Nürnberg und bedauert, dass das Versprechen dieser Revolution des Völkerrechts noch immer nicht eingelöst ist.

Besprochen werden John Cameron Mitchells Film "Shortbus" umd Abel Ferraras Film "Mary", der jetzt als DVD erschienen ist.

Und Tom.

Welt, 19.10.2006

Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff erinnern an Imre Nagy, die Symbolfigur des Ungarn-Aufstandes von 1956, den sie als zögerlichen Reformer darstellen, der im Strudel der Ereignisse an die Spitze der Revolte geriet: "Seit dem 24. Oktober amtierte Nagy wieder als Ministerpräsident, doch er agierte wenig revolutionär. Seine langsame Auffassungsgabe, bisher als sympathisch empfunden, wurde nun zum Hindernis: Er verstand nicht, was passierte. Stattdessen versuchte er vergeblich, Demonstranten, Parteidogmatiker und die nervöse Führung in Moskau zu beruhigen und ihre Forderungen unter einen Hut zu bekommen. Er verzettelte sich, blieb stur gegenüber den Vorschlägen von Mitarbeitern. Schnell hieß es, er sei lediglich ein Mann Moskaus. Dort hatte man die Hoffnung aufgegeben, Nagy würde für Ruhe und Ordnung sorgen. Im Gegenteil. Ende Oktober schnauzte Marschall Georgi Schukow: 'Nagy spielt ein Doppelspiel.'"

Weiteres: Hendrik Werner schlägt Alarm: "Der Verfall unserer Sprache schreitet scheinbar unaufhörlich voran. Überall werden neue Anglizismen gebraucht." Eckhard Fuhr hat Angela Merkel bei der Eröffnung des Bodemuseums vermisst. Frank Armbruster berichtet, dass das Land Baden-Württemberg zahlreiche Kulturinstitutionen aus der Förderung streicht, die Sanierung des Schlosses Salem zu finanzieren, darunter das Forum Neues Musiktheater. chs meldet, dass der Presserat eine Zunahme der Schleichwerbung auch in Printmedien verbucht. Ulrich Weinzierl war dabei, als in Wien Franz Werfel die "Musa-Dagh-Ehrenbürgerschaft" postum verliehen wurde.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Christoph Nußbaumeders "Liebe ist nur eine Möglichkeit" als saftig sentimentales Volkstheater und John Cameron Mitchells Sexfilm "Shortbus".

SZ, 19.10.2006

In den USA ist gerade ein Buch erschienen, das die Exzellenz deutscher Universitäten des 19. Jahrhunderts feiert (Besprechung im New Yorker). In Deutschland dagegen macht ein sogenannter Exzellenz-Wettbewerb gerade die letzten Reste ehemaliger Exzellenz zunichte: Für Thomas Steinfeld hängt das mit der Politisierung des Wissenschaftsbetriebes zusammen. "Die eigentliche Leistung dieses Wettbewerbs ist der Wettbewerb selber. Er ist das Mittel, um die Universität - bislang immer noch ein Fremdkörper in einer nach den Prinzipien des freien Wettbewerbs eingerichteten Gesellschaft - in eine der Form nach (und oft: nur der Form nach) marktwirtschaftliche Institution zu verwandeln. Zu Recht ist in den vergangenen Tagen bemerkt worden, dass mit den Entscheidungen des Auswahlausschusses die Idee der 'universitas', der alle Wissensbereiche enthaltenden und alle im Prinzip gleichrangig behandelnden Universität, preisgegeben worden ist."

Rainer Gansera singt eine Hymne auf die jungen deutschen Filmemacher und ihr Kino der Leidenschaften: "Valeska Grisebachs 'Sehnsucht' gehört dazu, vor allem aber Stefan Krohmers 'Sommer 04', der in Cannes, damals noch als 'Sommer 04 an der Schlei', von den Franzosen als neuestes Glanzlicht der 'Nouvelle Vague Allemande' gepriesen wurde. Krohmer, Jahrgang 1971, entfaltet einen leichthin fließenden, beinahe heiter-beschwingten Bilderbogen aus Atmosphäre und feiner Charakterzeichnung, in den sich allmählich die Konturen einer Tragödie einschreiben. 'Sommer 04' ist Kammerspiel, Thriller und Generationendrama. In Szene gesetzt mit französischer Eleganz und deutschem Schicksalsernst. Das Tragische kommt wie auf Zehenspitzen daher. Erst nachträglich wird einem das Ungeheuerliche des Geschehens klar: Hier opfert eine vierzigjährige Frau ein zwölfjähriges Mädchen auf dem Altar ihrer als Fürsorge getarnten Egozentrik."

Weitere Artikel: Jürgen Berger beobachtet den Saisonstart des Nationaltheaters Mannheim, das jetzt von Burkhard C. Kosminski geleitet wird. Christina Jostmann war auf einer Mediävisten-Tagung, die zur 650-Jahr-Feier des Gesetzbuchs "Goldenen Bulle" Karls IV. in Berlin stattfand. Der Dokumentarfilmer Ulrich Gaulke erzählt im Interview von den Dreharbeiten in Nordkorea zu seinem Film "Comrades in Dreams".

Besprochen werden John Cameron Mitchells Film "Shortbus" ("eine Art Reigen in New York", schreibt Susan Vahabzadeh), Jacques Rivettes Film "Die schöne Querulantin" von 1991 der jetzt wieder im Kino ist, Thomas Arslans Türkei-Film "Aus der Ferne", die Allan-Kaprow-Schau "Kunst als Leben" (dem Christoph Schlingensief in der Berliner Volksbühne seine Inszenierung "Kaprow-City" gewidmet hat) im Münchner Haus der Kunst, und Bücher, darunter Petra Morsbachs Buch über die Wahrheit des Erzählens, "Warum Fräulein Laura freundlich war" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 19.10.2006

Anlässlich des neuen Albums des derzeit wohl einflussreichsten Rappers Sean Combs alias Diddy (ex-Puffy, ex-Puff Daddy, ex-P. Diddy) meditiert Markus Hablizel über den Wesenskern des Künstlers, Producers, Designers etc.: "Fragt man ihn selbst nach seiner Identität, dann fällt die Antwort allerdings eindeutig aus: ein Geschäftsmann! Peng!"

Besprochen werden eine Turiner Doppelausstellung über den Designer und Architekten Carlo Mollino - im Castello di Rivoli und in der Galleria Civica d'Arte Moderna e Contemporanea, eine Aufführung von Mahlers Vierter in der Zürcher Tonhalle, eine Ausstellung mit Rembrandtzeichnungen im Berliner Kupferstichkabinett und Erika Burkarts Buch "Die Vikarin" (mehr in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).
Stichwörter: Carlo Mollino

FAZ, 19.10.2006

Zur Wiedereröffnung des Bode-Museums schreibt heute Neil MacGregor, Leiter des British Museum und offenbar ein großer Kenner der Berliner Sammlungen, die er in höchsten Tönen lobt. Über die neue Präsentation der Skulpturen schreibt er: "Das Ergebnis ist... ein Haus, in dem man durch die Geschichte der europäischen Skulptur wandern kann - vom Untergang Roms und den frühen Jahren des Byzantinischen Reichs bis hin zum Aufklärungsoptimismus des Friderizianischen Berlin. Alle großen europäischen Länder sind repräsentiert. Nur das Victoria and Albert Museum in London und der Pariser Louvre versuchen etwas Ähnliches, haben es aber nicht gewagt, derart viele Objekte zu versammeln. Das V&A präsentiert sehr viel weniger, und im Louvre sind die nationalen Schulen so weit voneinander entfernt, dass von einer den ganzen Kontinent verbindenden Geschichte nichts zu spüren ist... Man kann mit Fug und Recht sagen, dass Europa im neuen Bode-Museum seine ästhetische, religiöse, intellektuelle und politische Geschichte erstmals in dreidimensionaler Form lesen kann."

Weitere Artikel: Die Basler Historikerin Almut Höfert fordert in Antwort auf einen Text des Althistorikers Egon Flaig, in dem dieser dem Islam pauschal einen Welteroberungswillen nachsagte, historische Differenzierung ("Egon Flaig... steht mit seiner ahistorischen Auffassung eines vermeintlich monolithischen Islams islamistischen Pamphleten näher als der kritischen Geschichtswissenschaft"). Christian Schwägerl glossiert die "feierliche Immatrikulation" an der Freien Universität Berlin unter Aufbietung intellektueller Stars wie Sandra Maischberger. Paul Ingendaay berichtet über den Nachweis, dass das einzige historische Foto, das Hitler und Franco gemeinsam zeigt, geschönt wurde, um Franco besser ins Bild zu setzen. Felicitas von Lovenberg gratuliert dem Kinderbuchautor Philip Pullman zum Sechzigsten. Gerd Roellecke resümiert ein Düsseldorfer Kolloquium über "Gemeinwohl und politische Parteien".

Auf der Kinoseite berichtet Andreas Rossmann über einen Iran-Schwerpunkt beim Frauenfilmfestival in Köln. Andreas Rosenfelder verfolgte das Bitfilm-Festival in Hamburg. Andreas Platthaus schreibt zum Tod des Trickfilmzeichners Ed Benedict. Präsentiert wird außerdem ein Gedicht Albert Ostermaiers, das die Atmosphäre französischer Filmkrimis der sechziger und siebziger Jahre aufgreift: "le samourai -

sein gesicht ein gletscher blasse
haut im gedimmten licht die
schwankende glühbirne an der
decke umschreibt ihr sonnen
system die fliegen zerplatzen an
der hitze kreisen um sie wie
schlaftrunkene planeten (...)"

Auf der Medienseite annoncieren Michael Hanfeld und Marcus Theurer neuen Streit um die Fernsehgebühren beim heutigen Treffen der Ministerpräsidenten, die hier nicht nur über die Computergebühr zu entscheiden haben. Jürg Altwegg berichtet, wie die sozialistische Kandidatin zur französischen Präsidentschaftskandidatur Segolene Royal die Medien manipuliert. Und Olaf Sundermeyer meldet, dass die Verlagsgruppe Passau eine Zeitung für Polen plant. Für die letzte Seite begibt sich Andreas Rosenfelder nach Köln-Chorweiler, wo das abgehängte Prekariat der Stadt haust. Oliver Tolmein resümiert Rechtsstreitigkeiten über die ungeklärte Frage, ob Anwälte unter ihren Roben stets weiße Krawatten zu tragen haben. Und Andreas Obst porträtiert den Rocksänger Meat Loaf, der ein neues Album herausbringt.

Besprochen werden Christoph Nußbaumeders Stück "Liebe ist nur eine Möglichkeit" in Thomas Ostermeiers Inszenierung an der Berliner Schaubühne, Ereignisse der Musikbiennale in Venedig, ein Konzert der kalifornischern Rapper Jurassic 5 in Berlin, ein Konzert von Ryan Adams und Neal Casal in Ludwigshafen und Stefan Krohmers Film "Sommer 04".