Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.04.2006. Die Welt liest in den Stasi-Akten Jenny Gröllmanns und hat kaum Zweifel an der Konspiration. In der Welt erzählt Paul Theroux auch eine hochnotpeinliche Episode aus seiner Jugend. In der taz bezeichnet der Architekt Christoph Mäckler die "Frankfurter Welle" als "pissoir royal". Die FR besucht die China-Ausstellung im Haus der Kulturen und stellt fest: Der Fortschritt sitzt im Fleisch. In der NZZ erinnert sich Aharon Appelfeld an Czernowitz, die Stadt seiner Kindheit. In der SZ erinnert sich die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch an Tschernobyl.

Welt, 22.04.2006

Auf der Medienseite schreibt Uwe Müller einen interessanten Hintergrundartikel zum Fall der Jenny Gröllmann, der einstigen Frau von Ulrich Mühe, der trotz erdrückender Belege keine Vorwürfe der Stasi-Mitarbeit gemacht werden dürfen: "Ihre Stasi-Akte umfasst mehr als 500 Seiten, von denen die Birthler-Behörde ein Drittel freigegeben hat. Das Konvolut enthält eine überwältigende Fülle starker Indizien, die eine Stasi-Tätigkeit mit größter Wahrscheinlichkeit nahelegen. Dazu zählen Abschriften von Tonbandaufnahmen, die angesichts der minuziösen Schilderungen in der Ich-Person kaum Zweifel an der Konspiration aufkommen lassen können." Müller kritisiert, dass die Rechtsprechung solchen Dokumenten immer geringere Beweiskraft zubilligt - so dass die Täter am Ende nochmals über die Ofer triumphierten.

Die Literarische Welt druckt eine Erzählung Paul Theroux' über eine peinliche Episode aus seiner Jugend: Die ganze Familie sitzt am Küchentisch, das Telefon klingelt - und das war damals noch nicht kabellos: "'Jay?' Monas Stimme klang flach, als wäre ihr alles Leben entzogen. Und doch hatte sie eine große Schwere in sich, ihr verzweifelter Klang zwang mich zum Zuhören. 'Hi', sagte ich fröhlich, um meine Familie abzulenken, denn alle acht hielten ihre Messer und Gabeln hoch und hatten aufgehört zu kauen, um alles besser mitzubekommen. 'Ich habe meine Tage nicht bekommen. Ich bin drei Wochen überfällig. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin am Boden' - ihre Stimme zitterte und brach - 'und Dir bin ich egal!' - 'Ja', sagte ich mit falscher hoher Stimme, 'tue ich tatsächlich', und sah, wie meine Mutter mir einen Seitenblick zuwarf..."

Außerdem: Ein Auszug aus den demnächst erscheinenden Erinnerungen Paul Rusesabaginas, der in Ruanda 1268 Menschen vor dem Völkermord rettete. Besprochen werden unter anderem Katharina Hackers neuer Roman "Die Habenichtse" und Ulrich Ladurners und Gero von Randows Buch über "Die iranische Bombe". Und Tilman Krause spricht "Klartext" übers 18. Jahrhundert.

Im Feuilleton stöhnt Jörn Lauterbach über kulturelle Bemühungen um den Fußball: "Dieser wunderbare, einfache Sport wird missbraucht. Im günstigsten Fall sind es Ausstellungen zur Fußballgeschichte mit historischem Lederball und den Maskottchen früherer Turniere, im Steigerungsfall setzen sich Soziologen und Philosophen auf Podien und sprechen über Fußball an und für sich, im brutalsten Fall lesen Dichter Selbsterdachtes vor."

Weitere Artikel: Stefan Keim zeichnet ein Profil der Brüssler Oper unter dem Intendanten Bernard Focroulle, die mit der jüngsten Inszenierung des "Boris Godunow" ihren Ruf als international führendes Haus festigte. Wieland Freund annonciert den morgigen Welttag des Buchs und berichtet über den Schlachtruf des Börsenvereins "Jungen brauchen Bücher für Jungen" - denn die Branche sei inzwischen von Frauen dominiert, die nicht den richtigen Stoff feilböten. Einige Artikel widmen sich dem Kunstmarkt.

Im Forum feiert Sergio Fajardo Valderrama, der Bürgermeister von Medellin, die Wiedergeburt seiner Stadt.

TAZ, 22.04.2006

Dächerkrieg im tazmag. Der Architekt Christoph Mäckler, der den Frankfurtern gerade ein spitzdachiges Torhaus gebaut hat, erleichtert sich im Gespräch in einem Rundumschlag von der Architekturmoderne, die seiner Ansicht nach das Ortsgedächntis ignoriert: "Gucken Sie sich dieses grüne Etwas an, diese 'Frankfurter Welle'! Was hat das, bitte, mit dem Opernplatz zu tun? Nichts! Das ist ein ? Pisspott, ein Pissoir royal. Dieser Platz war einmal in Sandstein gestaltet. Die Alte Oper ist aus französischem gelbem Sandstein. Hier die Häuser sind auch alle aus Sandstein. Die 'Welle' dagegen mit ihrer grünen Glasfassade ignoriert in geradezu aufreizender Weise den Charakter dieses Ortes, sie verweigert sich seiner Geschichte und dem vorgefundenen architektonischen Ensemble. Dieses Verständnis von Architektur ist heute typisch."

Ansonsten dreht sich in der taz heute fast alles um die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor zwanzig Jahren. Die Soziologin Irmgard Schultz erklärt im Interview geschlechtsspezifisches Risikosensibilitäten: "Eine Studie über das Risikoverhalten nach Lebensmittelvergiftungen zeigt, dass auch junge Frauen, die noch wenig mit Haushalt und Familie zu tun haben, ein anderes Risikobewusstsein haben als Männer. Sie vergrößern das Risiko eher und versuchen es dann zu vermeiden, während die Männer, die ebenfalls eine Lebensmittelvergiftung erlebt hatten, mögliche Ernährungsrisiken bagatellisieren. Das ist im Straßenverkehr ähnlich. Das scheint tatsächlich ein kultureller Geschlechtsunterschied zu sein."

Tschernobyl strahlt bis ins Feuilleton - Gerrit Bartels widmet sich dem Fotoband "Nahaufnahme" des Fotografen Igor Kostin. In der Krimikomödie "Mord und Margaritas" beobachtet Anke Leweke hingegen erleichtert, wie Pierce Brosnan sein "James-Bond-Image in die Tonne tritt".

Besprochen werden (im Magazin) Michel Wieviorkas Studie "Die Gewalt", der Attac-Sammelband "Das kritische EU-Buch. Warum wir ein anderes Europa brauchen", Norbert Zähringers Roman "Als ich schlief", Elke Schmitters Neuling "Veras Tochter" (hier eine Leseprobe) und - in einer Sammelrezension - Gedichte von Rosa von Praunheim, Thomas Knoefel und Friedrich Schröder-Sonnenstern (mehr in unserer Bücherschau des Tages).

Schließlich Tom.

FR, 22.04.2006

Die chinesische Kunst bewegt sich ganz im Hier und Jetzt, meint Elke Buhr, nachdem sie eine Ausstellung mit neuer Fotografie und Videokunst aus China im Berliner Haus der Kulturen der Welt gesehen hat: "Es ist alles andere als ein klischeehaftes Einerlei, das einem die 48 gut ausgewählten Künstler und Künstlerinnen dieser Ausstellung präsentieren, vielmehr ein weiterer Beleg dafür, dass in China gerade unendlich viel passiert, von dem wir nur einen Zipfel wahrnehmen. Und der Verdacht entsteht, dass sich das alles anfühlen muss wie auf dem riesigen, brutalen Foto 'Shin Brace' von Feng Feng: Es zeigt den Fuß eines Arbeiters, mehrfach gebrochen, mit einem High-Tech-Stahlteil genagelt. Der Fortschritt sitzt direkt im Fleisch."

Weitere Artikel: Katharina Rutschky kann einer christlich motivierten Werteerziehung, wie sie Familienministerin Ursula von der Leyen propagiert, nichts abgewinnen. Vladimir Sorokin spricht im Interview über seinen neuen Roman und die Literatur in Russland. Stefan Raulf freut sich auf das japanische Filmfestival "Nippon Connection" in Frankfurt. In der Plat du Jour meldet Martina Meister, dass sich die französischen Medien an der Ehe des Sozialminister Borloo stören: Er ist verheiratet mit einer Nachrichtensprecherin von France 2, das allerdings schon seit fast einem Jahr.
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NZZ, 22.04.2006

In Literatur und Kunst interviewt Andreas Breitenstein den israelischen Autor Aharon Appelfeld, der kürzlich zum ersten Mal wieder Czernowitz, die Stadt seiner Kindheit, besuchte: "Ich habe die Stadt verlassen, als ich acht war. Meine konkreten Erinnerungen sind klein. Heute ist es eine ganz andere Stadt. Es ist eine Stadt, in der Ukrainer leben. Große, blonde, starke Ukrainer; man spricht Russisch und Ukrainisch, vielleicht noch etwas Rumänisch. Vor dem Weltkrieg gab es in Czernowitz bis zu sechzig Prozent Juden, die meisten sprachen Deutsch. Die Bukowina war eine deutschsprachige Provinz. Unser Haus steht noch, die Gassen gibt es noch, aber sie sind ganz anders, auch wenn sie - völlig heruntergekommen - äußerlich gleich geblieben sind. Czernowitz hat keine Atmosphäre mehr, keine Farbe." Zum Interview gehört Breitensteins Besprechung von Appelfelds neuem Roman "Bis der Tag anbricht".

Weitere Artikel in der Samstagsbeilage: Im Aufmacher schreibt Dario Gamboni über neue Deutungen des Gemäldes "Die Vision der Predigt" von Paul Gauguin. Franz Zelger besucht die Frankfurter Ausstellung über den Maler Adam Elsheimer (1578-1610). Uwe Justus Wenzel schreibt über das bisher nur auf Englisch erschienene neue Buch "Philosophy as a humanistic discipline" von Bernard Williams. Der Philosoph Ralf Konersmann meditiert über die Frage "Kann ein Film philosophisch sein, philosophisches Denken filmisch?" Und Kurt Flasch stellt die ersten Bände der "Bibliothek der Philosophie des Mittelalters" aus dem Herder Verlag vor.

Im Feuilleton resümiert Joachim Güntner noch mal die Debatte um die Berliner Rütli-Schule und die Missstände im deutschen Bildungswesen. Franz Haas berichtet über eine von der Zeitschrift Critica Liberale verbreitete Anschuldigung gegen Pasolini, der 1942 im Alter von 20 Jahren einen antifaschistischen Kommilitonen in Bologna bei der Polizei verpfiffen haben soll. Eva Clausen begutachtet die von Richard Meier entworfene und in Italien recht umstrittene Schutzhülle um die Ara Pacis Augustae in Rom.

Besprochen werden die Ausstellung einer Papyros-Rolle, die antiken Künstlern als "Skizzenblock" diente und darum Aufschluss über ihre Techniken gibt, in Turin, "Boris Godunow" von Mussorgsky in Brüssel, die Ausstellung "Frauen im Galluskloster" in Sankt Gallen und Bücher, darunter neue Erzählungen von Alice Munro.

SZ, 22.04.2006

Den "Ausländerschein", den angehende Lehrer in Berlin machen müssen, hält Johan Schloemann für eine ziemlich nutzlose Einrichtung: "Bislang lernt man in diesen Kursen meistens ein paar Migrationstheorien und schaut ein paar Projekt-Filme. Das hilft in der Schulpraxis überhaupt nicht. Dahinter steht oft noch ein erziehungswissenschaftliches Milieu, das aus Angst vor ausländerfeindlicher Panikmache die bestehenden pädagogischen Probleme verharmlosen will und Ideen multikultureller Zweisprachigkeit anhängt, die die bestehenden Deutsch-Defizite der Einwandererkinder lange ausgeblendet haben. Bessere Sprach-Angebote für Ausländerkinder waren für dieses Milieu bis vor kurzem ein Gedanke überholter 'Ausländerpädagogik'".

Im Gespräch denkt die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch darüber nach, wie Tschernobyl die Welt verändert hat: "In der Zone stiegen Hubschrauber auf, Techniker liefen zu Tausenden herum, aber niemand hatte eine Erklärung. Es war eine neue Wirklichkeit. Es war verboten, sich auf den Boden zu setzen. Es war verboten, länger unter einem Baum zu stehen. Angler sagten, dass sie keine Regenwürmer mehr fanden, dass sich die Würmer eineinhalb Meter tief in den Boden gebohrt hatten. Offenbar hatte die Natur Signale empfangen. Das faszinierte mich. Menschen erzählten, sie hätten nicht nur ein Feuer gesehen, sondern ein himbeerfarbenes Leuchten, sie hätten niemals gedacht, dass der Tod so schön sein kann. Ehemalige Afghanistan-Kämpfer wurden eingeflogen mit Kampfhubschraubern und Maschinengewehren und sagten: Was sollen wir hier mit unseren Hubschraubern? Eine ganze Kultur brach da zusammen, die vertraute Kultur des Krieges."

Weitere Artikel: Fritz Göttler sieht in der Radikalisierung des amerikanischen Horrorgenres eine folgerichtige filmische Reaktion auf Abu Ghraib. Auf dem Broadway sieht indes Andrian Kreye mit Previews und Quotendruck bereits die "Geister von Hollywood" einziehen. Thomas Urban berichtet von polnischen Nationalkatholiken ("geistliche Scharfmacher"), die über ihr Sprachrohr Radio Maryja gegen einen deutschen Papst mobil machen.

Besprochen werden die Werkschau des Fotografen Robert Polidori im Berliner Martin-Gropius-Bau, die Ausstellung "Das 'Dritte Reich' und die Musik" auf Schloss Neuhardenberg, die Ausstellung "An American Family" im Kunstverein München und Bücher, darunter die Briefkorrespondenz zwischen Wolfgang Koeppen und Siegfried Unseld (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende erklärt uns Stephen Greenblatt im Gespräch Shakespeares Universalität. Sven Siedenberg stellt ein Projekt vor, das Francesca von Habsburg angestoßen hat: Kutlug Atamans Videoinstallation "Küba" - 40 Interviews mit den Bewohnern des gleichnamigen Armenviertels in Istanbul. Und Sebastian Schoepp erklärt, warum die Katalanen partout keine Spanier sein mögen

Tagesspiegel, 22.04.2006

Beim Berliner Tanzkongress kam es zur Begegnung zweier Königskinder in einer 15-minütigen Choreografie, berichtet, noch völlig aus dem Häuschen, Sandra Luzina: "Bei der Verbeugung auf der Bühne sieht man eine Sasha Waltz, die strahlt, ja von innen leuchtet. Und einen schwärmerischen, überschwänglichen Vladimir Malakhov, der seine Choreografin innig umarmt. Eine berührende, unglaublich emotionale Szene, die alle Selbstinszenierung übersteigt. Hier stehen zwei, die sich gefunden haben. Die gar nicht voneinander lassen wollen. Und man wird Zeuge eines Glücks, das sich künstlerisch nicht planen lässt."
Stichwörter: Sasha Waltz

FAZ, 22.04.2006

Im Aufmacher kommentiert Christian Geyer Wolfgang Schäubles auf den rassistischen Mordanschlag in Potsdam gemünzte Erkenntnis, dass zuweilen auch blonde und blauäugige Menschen zu Verbrechensopfern werden. Heinrich Wefing wirft einen nicht besonders begeisterten Blick auf mögliche Kandidaten zur Nachfolge Adolf Muschgs in der Berliner Akademie der Künste - nächste Woche wird gewählt. Dietmar Dath schreibt eine kapitalismuskritische Glosse über die jüngste Erfindung des Philips-Konzerns, einen Videorecorder, der verhindert, dass man bei Werbepausen zappt. Jordan Mejias liest amerikanische Zeitschriften, die sich mit der Umweltschutzbewegung in den USA befassen.

In der ehemaligen Tiefdruckbeilage erinnert Christoph Kampmann an den Historiker Fritz Dickmann, der in diesen Tagen hundert Jahre alt würde. Und Heinrich Wefing besucht Max Liebermanns Sommervilla am Wannsee, die wieder für das Publikum geöffnet wird.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um Mozart-Aufnahmen der Pianisten Michail Pletnev und Lars Vogt, um die deutsch-schottische Popband Music A.M., um eine CD des Jazzsaxofonisten Tony Lakatos, um Organa von Perotin mit dem Hilliard-Ensemble und Uli Aumüller und um den schwedischen Musiker Terje Isungset, der ein CD mit aus Eis gefertigten Instrumenten einspielte.

Auf der Medienseite berichtet Nina Rehfeld über das neueste Massenphänomen im Internet, die jüngst von Rupert Murdoch gekaufte Plattform MySpace. Und auf der Literaturseite widmet sich Peter von Matt einer in der Harvard University Press bisher nur auf englisch herausgebrachten "New History of German Literature".