Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2006. Die NZZ porträtiert den Autor Daniel de Roulet, der einst das Chalet des Axel Caesar Springer in den Schweizer Bergen anzündete. In der FAZ erzählt Paula Fox, wie sie einmal in Deutschland herzlos lachen musste. In der SZ findet Arthur Schlesinger drastische Vergleiche für das Versagen der Regierung Bush in der Katrina-Katastrophe. Die taz annonciert einen Strukturwandel der popmusikalischen Öffentlichkeit.

NZZ, 03.03.2006

"An einem schönen Sonntag im Kalten Krieg habe ich oben auf einem Schweizer Berg Axel Caesar Springers Chalet in Brand gesteckt". In seinem Buch "Ein Sonntag in den Bergen" bekennt sich der Autor Daniel de Roulet zu dem bis dahin nie aufgeklärten Anschlag aus dem Jahr 1975. Roman Bucheli ist entsetzt über die Biederkeit des Brandstifters: "Er habe, so de Roulet, Springer für einen Nazi gehalten und ihm zu verstehen geben wollen, dass sein Aufenthalt in der Schweiz nicht erwünscht sei. Erst 2003 - oh heilige Naivität - sei er beim Smalltalk mit einer Berliner Psychiaterin über seinen Irrtum aufgeklärt worden. Darum habe er beschlossen, den 'Kalten Krieg zu durchschauen, jene Zeiten, als wir noch Sonntagsterroristen waren'. Was danach auf 120 locker beschriebenen Seiten folgt, ist eine Mischung aus Liebesgeschichte - de Roulet will den Anschlag auch verübt haben, um sich seiner damaligen Freundin als Mann der Tat zu beweisen -, Rührseligkeit und Biedersinn, versetzt mit Reminiszenzen aus Vietnam, dem Irak-Krieg und vom 11. September. Doch eine selbstkritische Auseinandersetzung mit den damaligen Verblendungszusammenhängen findet nicht statt."

Besprochen werden eine Ausstellung zu neuer Tessiner Architektur im Istituto Svizzero in Rom, Stephan Kimmigs "Torquato-Tasso"-Inszenierung am Wiener Burgtheater und eine Aufführung von Webers "Euryanthe" an der Dresdener Semperoper.

Auf den Medienseiten erklärt Colin Porlezza, warum Silvio Berlusconi "kein Unfall", sondern Teil des italienischen Mediensystems ist. Eine unabhängige journalistische Kultur, meint Porlezza, habe sich hier nämlich nie entwickelt: "Zum einen existiert in Italien eine sogenannte 'editoria impura', die journalistische Prinzipien den Interessen der Eigentümer unterordnet; Medienunternehmen gehören zudem meist branchenfremden Konzernen. Zweitens ist die Berichterstattung stark politisiert, nicht zuletzt aufgrund der starken Tradition von heute allerdings weitgehend verschwundenen Parteizeitungen. Daraus resultiert drittens der Meinungsjournalismus als dominierende Form der Berichterstattung."

"Hilft Tamiflu gegen einen Kater?" fragt Rainer Stadler anlässlich des medialen Alarmismus über den "Hinschied einer Katze in Norddeutschland". Stephan Russ-Mohl bedauert, dass es in Europa keine Studien über die Zuverlässigkeit journalistischer Berichte gibt. Eine entsprechende Untersuchung in den USA hat ergeben, dass 61 Prozent der Berichte über Lokales und der Features in Zeitungen "nicht akkurat" sind.

"O wie ich ihn liebe, den wunderbaren Schauspieler": Auf der Filmseite singt Dieter Meier eine Hymne auf Philip Seymour Hoffman: "Hoffman in 'Capote' ist eine Andacht, eine Hymne an die Möglichkeit, das Da-Sein auszuloten, ein permanentes Oszillieren zwischen der Darstellung und dem Dargestellten, ein flirrendes Vibrieren durch die lächerlichen Eitelkeiten des sterbenden Schwans Capote, den er sich erspielt mit seinem Instrument, der Schauspielkunst, den er ausstellt und preisgibt, den er seziert und dabei so verehrt, dass er sich nie über ihn stellt, wie das mediokre Künstler mit ihren Figuren machen."

TAZ, 03.03.2006

Begeistert kündigt Tobias Rapp einen Strukturwandel der popmusikalischen Öffentlichkeit durch die Blogosphäre an. "Nachdem die Musikjournalisten in den vergangenen Jahren (nicht ohne eine gewisse Häme) das Ende der Plattenindustrie beschworen haben, zeichnet sich nun ab, dass es ihren eigenen Institutionen an den Kragen geht. Online-Hypes lassen sich mit den Mitteln des klassischen Musikmagazins nicht mehr abbilden. Sie sind schlicht zu schnell. (...) Womit noch nichts über den größten Vorteil der Musikblogs gesagt wäre: die Möglichkeit, die Stücke, über die geschrieben wird, als mp3 direkt in den Text zu stellen." Und hier einige der Blogs und Magazine, die Rapp empfiehlt: Pitchfork, Tape, yousendit.

Besprochen werden eine neue CD von Stereolab und eine Ausstellung des Fotografen Thomas Hoepker im Fotomuseum des Münchener Stadtmuseums. Auf der Medienseite stellt Andrea Edlinger das Magazin Glück vor, das angeblich Porno für Mädchen macht. In tazzwei unterhält sich Christian Buss mit dem Produzenten Nico Hoffmann über den Zweiteiler "Dresden", der am Wochenende im ZDF läuft. Und Daniel Bax kehrte ratlos von der Pressekonferenz der Macher von "Tal der Wölfe" zurück.

Auf der Meinungsseite bestreitet die Grünen-Politikerin Nebahat Güclü einen mangelnden Integrationswillen der muslimischen Bevölkerung in Deutschland: "In den ersten neun Monaten nachdem das Zuwanderungsgesetz in Kraft trat, ließen sich rund 220.000 Menschen freiwillig für einen so genannten Integrationskurs registrieren beziehungsweise nahmen an einem solchen Kurs teil. Diese Zahl hat selbst die kühnsten Erwartungen übertroffen. Und das Beispiel zeigt: Dort, wo es sinnvolle Angebote gibt, werden diese auch genutzt."

Und hier noch TOM.

Welt, 03.03.2006

Uwe Schmitt verteidigt Samuel Huntington, der 1996 mit seinem Buch "Clash of Civilizations" Aufsehen erregte (hier der zugrundeliegende Aufsatz von 1993), gegen seine Kritiker. "So wird eher selten vermerkt, dass Huntington bei aller gebotenen Wehrhaftigkeit des Westens dessen Anspruch auf Universalität seiner Werte für falsch hält und mit China den Zivilisationskonflikt heraufziehen sieht wie mit dem Islam. Linke, Rechte und Liberale fühlten sich bei dem konservativen Professor aufgehoben, der von gewaltsamer Demokratiebeglückung im Nahen Osten durch einen Westen in postimperialer Missionarshaltung nichts hält. 'Unique, not universal', meint er, einmalig, nicht universell sei die westliche Zivilgesellschaft. Verteidigung sei die beste Verteidigung."

Weiteres: Aus gegebenem Anlass druckt die Welt noch einmal Dietrich Schwanitz' Satire über die Geburt der Rechtschreibreform ab. Wieland Freund nimmt einen Bestseller über die finanzielle Altersvorsorge zum Anlass, auch den USA ihren "Methusalem-Komplott" zu attestieren. Das Gespräch mit dem Produzenten und Drehbuchautor des umstrittenen Films "Tal der Wölfe" in Berlin wertet Hanns-Georg Rodek aufgrund der ausweichenden Antworten der beiden als enttäuschend. Marie Zimmermann (mehr), Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen, wird die Nachfolge von Jürgen Flimm als Intendantin der Ruhrtriennale 2008 bis 2010 antreten, meldet Reinhard Wengierek. Julika Pohle stellt das aufstrebende Bucerius Kunst Forum in Hamburg vor, das derzeit mit einer Rodin-Schau aufwartet.

Im Medienteil präsentiert Christiane Buck das mit der E-Ink-Technologie betriebene elektronische Blatt Iliad, das 200 Abonnenten der belgischen Wirtschaftszeitung de Tijd ab April testen. DW verkündet, dass die Welt für den Abdruck der Mohammed-Karikaturen Rückendeckung vom Presserat bekommen hat.

Besprochen werden Alain Platels "langweiliges" Stück "vsprs" an der Berliner Staatsoper, die Ausstellung "Deutsche Bilder" mit Werken von Lüpertz, Heisig, Klappheck, Mattheuer, Penck und Sitte in der Ludwig Galerie Schloß Oberhausen, sowie das neue Album "Some Skunk Funk" des amerikanischen Saxophonisten Michael Brecker.
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Tagesspiegel, 03.03.2006

Rüdiger Schaper kommt von Alain Platels Monteverdi-Bearbeitung "Vespero", die für drei Tage an der Berliner Staatsoper gastiert, nicht los, trotz Kitsch und Übertreibung. "Vom Ende der Platel?schen Vesper erholt man sich nicht so schnell. Fünfzehn, zwanzig Minuten kollektiven Wahns. Ein Geist kommt über das Ensemble, der jedenfalls unerbittlich ist. Wie die nordamerikanischen Shaker (Wikipedia), so zappeln sich die Tänzer in Ekstase. Etwas ergreift von ihnen Besitz; erst die Arme, den Oberkörper, die Beine, das variiert. Ist es Exorzismus, ist es Masturbation an allen Gliedern, ist es wilde Trance? Was immer, es lässt sich nicht abschütteln. Es steigert sich. Ungerührt steht die Sopranistin da und setzt zum 'Magnificat' an. Immer wieder. Ein Locken, ein Versprechen, das sich nicht einlöst. Es wirft die Tänzer zu Boden. Endlich kommt der Moment, und der Berg erstrahlt. Immer noch nimmt die Heftigkeit des Körperbebens zu. Ein Todeskampf? Cold Turkey, weil die Droge ausbleibt?"

SZ, 03.03.2006

Die fortdauernde Unfähigkeit der Regierung Bush bei der Bewältigung der Katrina-Katastrophe in New Orleans veranlasst den Historiker Arthur Schlesinger, zu drastischen Vergleichen: "Die New York Times berichtete, dass von den 135 000 Anträgen für Wohnwagen, die das Katastrophenschutzamt erhielt, 'nur knapp die Hälfte bearbeitet wurden'. Wäre Franklin Delano Roosevelt 1940 genauso schwerfällig gewesen, als es darum ging, die Produktion von Flugzeugen anzuordnen, hätte er den Krieg gegen Hitler wohl verloren."

Weitere Artikel: Im Aufmacher erklärt Hans Leyendecker die seltsame Welt der Geheimdienste, in der angebliche Verteidigungspläne Saddam Husseins herumgereicht werden, obwohl jedermann weiß, dass die in den Plänen figurierenden B-Waffen gar nicht existieren: "Eingebildete Bedrohungen haben über alle Zeitläufe hinweg das Überleben des Berufsstandes nicht gefährdet, sondern gesichert." Fritz Göttler zitiert einen Bericht des Guardian, der herausgefunden hat, dass Laurence Olivier, der sich nach seiner patriotischen Filmrolle in "Henry V." im Jahre 1944 verpflichtete, 18 Monate lang nicht aufzutreten, für seine Untätigkeit bezahlt wurde. Susan Vahabzadeh interviewt Hans-Christian Schmid über seinen Film "Requiem". Jürgen Schmieder porträtiert den amerikanischen Fernsehsatiriker Jon Stewart, vor dessen "Daily Show" die hiesigen Harald Schmidts erblassen dürften - Stewart wird die Oscar-Nacht moderieren. Constanze von Bullion berichtet von einer Pressekonferenz der Macher von "Tal der Wölfe", die ihren Film unverdrossen verteidigten. Holger Liebs besucht den französischen Künstler Pierre Huyghe, dem demnächst in der Tate Modern eine Retro gewidmet wird, zu einem Werkstattgespräch in Paris. Thomas Thieringer gratuliert der Schauspielerin Käthe Reichel zum Achtzigsten.

Besprochen werden Armin Holz' Inszenierung von Wildes "Ein idealer Gatte" am Schauspielhaus Bochum, Arbeiten von Monika Baer in der Münchner Pinakothek der Moderne, Das "Stück über den Tango" des Choreografen Henning Paar in Braunschweig und Bücher, darunter ein Gedichtband der amerikanischen Lyrikerin Amy Clampitt und neue Stories von Franz Xaver Kroetz.

FR, 03.03.2006

Hymnisch feiert Peter Michalzik den belgischen Choreografen Alain Platel, dessen Stück "vsprs" in Berlin derzeit unter dem Titel "vespero" gezeigt wird. "Die Vermählung von Schmerz, Sexualität und Erleuchtung: Wie lang hat es das nicht gegeben? Platel ist nicht nur ein Versammlungskünstler, ein Gemeinschaftsstifter, ein Individualitätsermöglicher, er ist auch einer, der mehr als andere zulassen kann, ein Durchlässigkeitsartist, ein Wahrnehmer und Wahrsager. Er ist einer jener Theatergurus, wie es sie längere Zeit nicht mehr gegeben hat, bei dem das Spiel nicht nur das Leben, sondern auch noch seine Heilung ist."

"Es riecht nach Krieg", meint Robert Misik angesichts der sich stetig aufheizenden Debatte um Karikaturen, Terror und Islamismus: "Zumindest bekommt man langsam eine Ahnung davon, wie das einmal gewesen sein muss. Wie eines das andere ergab, bis sich plötzlich gegenüberstanden: Wir gegen sie." In Times mager betrachtet Harry Nutt die "Hälse trauriger Schwäne" als Vorboten einer Pandemie. Besprochen wird Nadja Benaissas Soloalbum "Schritt für Schritt".

FAZ, 03.03.2006

Die Schriftstellerin Paula Fox erzählt im Interview von ihrer Reise nach Europa 1946, die sie im Auftrag einer Nachrichtenagentur machte. Diese Reise beschreibt sie auch im zweiten Band ihrer Memoiren "Der kälteste Winter". Sie habe ihre Emotionen sehr kontrollieren müssen, sonst hätte sie nur "Schock, Schock, Schock" schreiben können. "In zwei Episoden jedoch bringe ich meine damaligen Gefühle ein: einmal, als ich mein herzloses Lachen beschreibe, als der Pilot des Flugzeugs, in dem ich Warschau verließ, über eine Reihe deutscher Kriegsgefangener hinwegflog und den einen Flügel absenkte, als wollte er sie alle enthaupten. Das andere Mal, als mir jemand in Prag von einem Professor erzählte, dessen gesamte Familie von den Nazis ermordet worden war. Wenige Tage nach der Befreiung sah er auf der Straße einen deutschen Soldaten, den er verfolgte und mit dem Hals an einem Fleischerhaken aufhängte."

Weitere Artikel: Christian Schwägerl prüft, ob die Berliner Hirnschreibmaschine (mehr), die vollständig Gelähmten bei der Kommunikation helfen soll, auch "ein Gehirn wie meines" versteht. Eduard Beaucamp denkt über den Künstlerwettbewerb nach, den das Amsterdamer van Gogh Museum mit der "Rembrandt Caravaggio"-Ausstellung veranstaltet hat, und kommt zu dem Ergebnis: "Rembrandt verdient weiter alle Verehrung, doch Caravaggio setzt uns unter Hochspannung." Michael Althen kam ohne jeden Erkenntnisgewinn aus einer Berliner Pressekonferenz mit den zwei Machern des Films "Tal der Wölfe": auf konkrete Fragen antworteten sie mit "allgemeinen Friedensbotschaften". Irene Bazinger gratuliert der Schauspielerin Käthe Reichel zum achtzigsten Geburtstag. Rudolf Schieffer schreibt zum Tod des Historikers Eugen Ewig. Gerhard Rohde schreibt zum Tod des Opernregisseurs Bohumil Herlischka.

Auf der Medienseite schildert Siegfried Thielbeer das Versagen aller beteiligten Ministerien und der Justiz in der Telefonüberwachungsaffäre um zwei Journalisten der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung. Aro. anonnciert die letzte Mosaik-Sendung mit Friedrich Riehl. Michael Seewald beschreibt, wie die Serien "Cold Case" und "Without a Trace" entstehen.

Auf der letzten Seite porträtiert Kerstin Holm den Komponisten Friedrich Satzenhoven, dessen Hauptwerk, die Posse von den "Zwei Fra Diabolos", vom deutsch-russischen Musikhistoriker Denis Lomtjew als kommentierte Partitur publiziert und in Auszügen vom Ensemble "Solotoj wek" (Goldenes Zeitalter) im Palais der russischen Kulturstiftung aufgeführt wurde. Und Jordan Meijas meldet, dass der Hedge-Fonds-Manager Bruce Kovner der Juilliard School ein märchenhaftes Geschenk gemacht hat: eine Sammlung von 139 Autographen, Arbeitsmanuskripten, Skizzen, Druckfahnen und anderen Musikdokumenten, von Bach bis Strawinsky. "Der Sponsor hat darauf verzichtet, der Sammlung seinen Namen zu geben. Auch das darf als Sensation gelten."

Besprochen werden Robert Altmans Inszenierung von Arthur Millers Stück "Resurrection Blues" am Londoner Old Vic, Hans-Christian Schmids Film "Requiem" (ein "großer" Film, findet Andreas Kilb), ein Ballett nach Monteverdis "Vespro" an der Staatsoper Unter den Linden, Tommaso Traettas Oper "Sofonisba" in Mannheim und Bücher, darunter ein Band von Nasrin Alavi über die Weblogszene im Iran (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).