Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.01.2006. Die taz widmet ihre Seite 1 dem Pinocchio-Preis für Silvio Berlusconi - mit einer Laudatio von Dario Fo. Die Welt spricht mit der Mao-Biografin Jung Chang über die Viererbande. Die Zeitungen bestaunen Steven Spielbergs "München"-Film, aber sie bewundern ihn nicht.

TAZ, 25.01.2006

Die Seite eins ist der Verleihung des Pinocchio-Preises für unverantwortliches unternehmerisches Handeln gewidmet, der am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos heute an Silvio Berlusconi verliehen wird. Der italienische Dramatiker und Literatur-Nobelpreiträger Dario Fo schreibt in seinem Gastkommentar: "Nichts bildet Berlusconi besser ab als dieser Preis; mehr noch: die Auszeichnung wird ihm den ihm zustehenden Platz in der Geschichte einräumen." Entgegen nehmen wird den Preis Berlusconis Doppelgänger Maurizio Antonini, dessen Dankesrede ebenfalls dokumentiert ist.

Auf den Tagesthemenseiten befassen sich zwei Artikel mit Steven Spielbergs kontrovers diskutiertem Film "München": Adrienne Woltersdorf fasst zusammen, wie der Film in den USA angekommen ist, während Sven von Reden daran erinnert, dass es sich dabei um einen Spielfilm handelt.

Auf den Kulturseiten fragt Andrea Szulaka nach der Debatte um den Muslimtest, wo wirklich die Probleme bei der Integration der zweiten und dritten Migrantengeneration liegen. Dirk Knipphals stellt witterungsbedingte Betrachtungen an. Jan Hendrik Wulf sichtet neue Ausgaben der Blätter für deutsche und internationale Politik, Merkur und Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte vor. Stefan Reinecke resümiert eine prominent besetzte Tagung in Jena zum Thema "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Geschichte des 20. Jahrhunderts?"

In der tazzwei kommentiert Bettina Gaus den Vorschlag, Susanne Osthoff für ihre wirren Fernsehauftritte mit dem Grimme-Preis auszuzeichnen: "Man kann die Fernsehauftritte der Archäologin genial und subversiv finden. Und man kann vorschlagen, einen Preis für geniale und subversive Auftritte auszuloben. Der Grimme-Preis ist dafür nicht geeignet."

Und hier Tom.

Welt, 25.01.2006

Heute vor 25 Jahren wurden in Peking die Mitglieder der berüchtigten "Viererbande" verurteilt. Thomas Kiesinger unterhält sich im Magazin mit Mao-Biografin Jung Chang über die Rolle, die Maos Frau Jiang Qing bei der Kulturrevolution spielte: "Die Weisungen, die sie den Roten Garden gab, kamen alle von Mao. Ich erinnere an ihre eigenen Worte während des Prozesses: 'Ich war Maos Hund, der Große Vorsitzende legte mir auf, zu beißen. Und ich biss zu.' ... Sie war aggressiv und kompromisslos, wo sie Menschen verfolgte und ins Gefängnis schickte. Aber sobald sie in Maos Umfeld auftauchte, war sie artig wie eine Maus. Mao wollte sie zum Schluss gar nicht mehr sehen, sie irritierte ihn, er gab Anweisungen selbst an seine Mätressen, Jiang Qing nicht mehr vorzulassen."

Morgen läuft Steven Spielbergs "München" an. Hanns-Georg Rodek reiht ihn in das Genre "Auftragskiller-Kintopp", scheint dies aber gar nicht so negativ zu meinen: "Wenn Spielberg gegen Ende Szenen größten Horrors und größter Ekstase parallel schneidet, wirkt das, als hätte sich ein Jahrhunderttalent in seinem gestalterischen Ehrgeiz für einmal überhoben. An Stelle der berühmten Spielbergschen Fugenlosigkeit hat 'München' Spalten und Ritzen, und das ist gut so, denn darin gedeihen wildwachsende Gedanken. Auch der dritte Schlüsseldialog, zwischen Avner und Ephraim, kennt keinen Sieger - und am Schluss, wenn die Quote der erledigten Gegner 9 von 11 beträgt, kommt der Blick der Kamera auf den Twin Towers zum Stillstand."

Weiteres: Hanns Zischler sinniert im Rückblick auf die aufwändigen Dreharbeiten mit Spielberg über das "furiose Verschwinden", das "schwarze Loch der Kinematografie". Von der Kairoer Buchmesse berichtet Klaus Jonas, dass Nobelpreisträger Nagib Machfus offenbar den Kampf gegen das religiöse Establishment aufgegeben hat: Er hat seinen als unislamisch verdammten Roman "Die Kinder von Gebelawi" der Kairoer Al-Azhar Universität zur Beurteilung vorgelegt und auch die Moslem-Bruderschaft um Wohlwollen gebeten. Paul Badde informiert, wie Papst Benedikt XVI. in seiner heutigen Enzyklika die Liebe retten will. Jörg von Uthmann berichtet, dass Dresdens Grünes Gewölbe zurzeit in Versailles gastiert. Besprochen wird eine Wagner-Ausstellung im Genfer Musee Rath.

FR, 25.01.2006

Daniel Kothenschulte argumentiert in seiner Besprechung von Steven Spielbergs Film "München", der Regisseur setze darin auf das "Genrekino als Aufklärungsinstrument". "Wer das Genrekino nicht für das Maß aller Dinge hält wird niemals begreifen, warum man sich all diese Probleme bereiten kann, die aus 'München' zugleich einen konsumierbaren Thriller und ein befremdliches Rätsel machen. Eine Stilübung und eine Stilfrage." Dennoch sei Spielberg mit seiner "Sehnsucht, auch komplexe Sachverhalte aufzulösen in noch so perfekter Konvention" gescheitert. "Spielberg hat in seiner Karriere Erstaunliches erreicht, München kann man ebenfalls bestaunen - aber nicht bewundern."

Mathias Arning berichtet von der Tagung in Jena über die Beschäftigung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts, auf der sich die Historiker "weiterhin Deutungskraft" zugestanden hätten. Und in Times mager redet Hans-Jürgen Linke mutwillig "ein bisschen Unsinn übers Wetter".

Besprochen werden eine Inszenierung von Mozarts "Le Nozze di Figaro" an der Semperoper in Dresden und Bücher, darunter John Updikes Roman "Landleben", die Reiseschilderungen von Ryszard Kapuscinski "Meine Reisen mit Herodot" und Hanna Kralls neues Buch über jüdisches Leben in Polen "Eine ausnehmend lange Linie". In der Abteilung politisches Buch geht es unter anderem um eine Untersuchung über die "Schrumpfende Gesellschaft" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FAZ, 25.01.2006

Obwohl Steven Spielberg in seinen "München"-Film über die Tötung palästinensischer Olympia-Attentäter durch den Mossad Dokumentarmaterial einbaut, verlangt Verena Lueken in ihrer eher skeptischen Kritik des Films nicht unbedingt historische Akkuratesse: "Politthriller wie dieser müssen nicht der historischen Wahrheit entsprechen, aber glaubwürdig sollten sie schon sein, und wer kann glauben, der Mossad wähle für eine so wichtige Aufgabe einen unerfahrenen und - wie sich zeigen wird - von Gewissensbissen geplagten werdenden Vater, dem die Hand zittert, wenn er zum ersten Mal morden soll?" Auch Spielbergs Europa-Bild gefällt Lueken nicht: "Durch Europa heißt bei Spielberg: mit dem Fahrrad in Holland, unterm Eiffelturm in Paris, bei Regen in London."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg schildert im Aufmacher die französische Reaktion auf Angela Merkel. Jürgen Kaube verteidigt in der Leitglosse die Weisung einer Berliner Schule, auf dem Pausenhof deutsch zu sprechen. Vom ungarischen Autor Laszlo Darvasi wird eine kleine Fußballerzählung abgedruckt. In einem ausführlichen Hintergrundartikel erzählt Birgit Schwarz die Geschichte des Streits um die Restitution zweier berühmter Klimt-Gemälde in Wien. Hans-Christoph Buch (mehr hier) hat der Lesung eines der letzten Autoren der Beatgeneration, Herbert Gold, in Berlin zugehört. Michael Gassmann berichtet, dass der Altarraum im Freibürger Münster umgebaut wird. In der Rubrik "Aus unseren Auslandsbüros" berichtet Dirk Schümer über einen italienischen Skandal um ein Gemälde des Malers Giuseppe Veneziano - es zeigt eine enthauptete Oriana Fallaci (hier mit dem Maler).

Auf der Medienseite sammelt Michael Hanfeld neueste Äußerungen zur Frage der Ministererlaubnis für die Fusion von Springer mit Pro 7 Sat 1. Christoph Ehrhardt meldet die Eröffnung einer deutschsprachigen Version der Suchmaschine Ask Jeeves, die Google ein klein wenig Konkurrenz machen will. Michael Seewald beklagt die immer knapperen Mittel der Bayerischen Filmförderung. Jürg Altwegg stellt fest, dass sich gerade die Quoten der Jugendradios in Frankreich nach den Unruhen in den Banlieues verschlechtert haben. Und Gina Thomas schreibt einen Nachruf auf den britischen Kolumnisten Michael Wharton.

Auf der letzten Seite hält Mario Vargas Llosa ein Plädoyer für die Wiederentdeckung von Ortegy y Gassets Buch "Der Aufstand der Massen" (hier das spanische Original des Artikels). Martin Kämpchen wirft einen Blick auf kommende indische Kulturereignisse in Deutschland (unter anderem wird Indien Gastland bei der Buchmesse sein). Und Andreas Platthaus porträtiert den ehemaligen Wehrmachtssoldaten Heinz Drossel, der in Berlin Juden rettete und nach dem jetzt jetzt eine Zivildienstschule in der Schwarzwaldgemeinde Seelbach benannt wird.

Besprochen werden Jean-Philippe Rameaus Oper "Platee" in Gelsenkirchen und eine Gemäldeausstellung über das bäuerliche Russland in Petersburg.

Jetzt online: ein Gespräch mit Bernard-Henri Levy aus der Sonntags-FAZ.

NZZ, 25.01.2006

Barbara Villiger Heilig fragt sich, ob das Theater Basel auch mit den diskutierten Kürzungen ein Dreispartenhaus bleiben kann, und fordert vom neuen Intendanten Georges Delnon schon mal im Voraus mehr Besuchernähe (Spielplan). Paul Jandl kann über die "Saliera-Groteske" in Österreich und die windigen Sicherheitsvorkehrungen nur den Kopf schütteln. Roman Bucheli besichtigt das Frankfurter Literaturhaus ein halbes Jahr nach dem Umzug in seiner neuen Heimstatt, der wiederaufgebauten Alten Stadtbibliothek am Mainufer.

Besprechungen widmen sich Steven Spielbergs Thriller "Munich", laut Alexandra Stäheli eine "Mischung aus James Bond und Gaunerstücken wie 'Ocean's Eleven'", und einigen Büchern, darunter Neuerscheinungen zu Heiner Müller, zwei Publikationen zu Oskar Schindler sowie ein Gedichtband von Jürgen Theobaldy (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 25.01.2006

Die SZ widmet Steven Spielberg und seinem Film "München" gleich die komplette Aufmacherseite. Als "provozierenden und enervierenden Widerspruch" bewertet ihn Tobias Kniebe in seiner Besprechung. Er schreibt aber auch: "Das Verhältnis von Realität und Kino ist und bleibt prekär - und es ist nicht nur legitim, darauf immer wieder hinzuweisen: Zu groß ist sonst die Kraft der Kinobilder, sich vor die Wirklichkeit zu schieben." Dennoch sei dieses Stück Kino "bei allen Einwänden, die man dagegen vorbringen kann, mit Sicherheit anregender, nachdenklicher und diskussionswürdiger als die meisten Werke, die uns in diesem Jahr noch aus Hollywood erreichen werden". Susan Vahabzadeh trägt einige Fakten zusammen, an die Spielberg sich nicht gehalten habe - und seine Kritiker ebenfalls nicht. Und Fritz Göttler fragt sich, ob der Regisseur selbst für diesen Film die "falsche Strategie" gewählt und "den falschen Ton" angestimmt habe.

Carlos Widmann untersucht in seinem Porträt des neuen bolivianischen Staatschefs Evo Morales, ob dieser in erster Linie der "Häuptling aller bolivianischen Urvölker" sei. Alexander Kissler resümiert eine Tagung der Bertelsmann Stiftung über "Die Rolle der Religionen in der modernen Gesellschaft" in Berlin. Zu lesen sind Interviews mit dem "Altmeister des arabischen Kinos" Youssef Chahine anlässlich dessen 80. Geburtstags und mit Amelie Niemeyer, die vor Antritt ihrer Intendanz in Düsseldorf mit einer Gastinszenierung von Schillers "Maria Stuart" ans Münchner Residenztheater zurückgekehrt ist. Fritz Goettler gratuliert Defa-Meister Kurt Maetzig zum 95. Geburtstag. In der losen Reihe "Verblasste Mythen" nimmt sich Harald Eggebrecht der Winchester an. Und Alexander Kissler berichtet von Plänen, nach denen Leichenplastinator Gunter von Hagens im ostdeutschen Guben mit Plastinationsfabrik und "Körperspendezentrum" 200 Arbeitsplätze schaffen will.

Besprochen werden eine "peinliche" "Werther"-Spurensuche am Schauspielhaus Hamburg und Bücher, drei Studien über Seuchen, das neue Buch von Paul Auster "Die Geschichte meiner Schreibmaschine" sowie eine 36-teilige CD-Hörbuchausgabe mit Werken von Thomas Mann inklusive vieler Originalaufnahmen des Schriftstellers (siehe hierzu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).