Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.06.2005. Klagen über Klagen über Klagenfurt: Die Bachmann-Tage laborierten laut FAZ an Blutarmut. Die taz fand die dort präsentierte Literatur zwar handwerklich solide. Aber die Welt erstickte an Staub, Schweiß und Tafelkreide. "Trüb!", sekundiert die FR. Die SZ begrüßt immerhin die Rückkehr des Semikolons. Außerdem: Die New York Times findet polnische Klempner ganz schön sexy.

FAZ, 27.06.2005

Die Bachmann-Tage waren für Felicitas von Lovenberg in diesem Jahre leider eine recht laue Veranstaltung. Der Hauptpreis für Thomas Langs "geschickt konstruierte" Vater-Sohn-Geschichte "Am Seil" gehe zwar in Ordnung. Aber sonst? "Fast ausnahmslos handelte es sich bei den eingereichten Texten um meditative Stimmungsbilder, Beobachtungen des mehr oder minder befremdlichen Alltags und seiner Akteure. Das Bestürzende jedoch war nicht der Mangel an handwerklicher Qualität (...), sondern die Blutarmut der Texte. (...)Was fehlte, war Dringlichkeit, das Gefühl, dass die Autoren selbst existenzielle Gefühle mit ihren Texten verbanden. Statt dessen lasen die meisten mit überzeugendem Gleichmut überzeugend gleichmütige Texte." (Volker Weidermann erkannte dagegen in der FAZ am Sonntag auf "Anzeichen für einen Aufbruch".)

Alle glauben, Bundespräsident Horst Köhler werde Kanzler Schröder eine manipulierte Vertrauensfrage durchgehen lassen. Der Politologe Wilhelm Hennis, der schon 1982 gegen Helmut Kohls ähnliche Manipulation protestieren half, entwickelt ein ganz anderes Szenario: "Wenn Horst Köhler schnell nach einer eventuell glückenden getürkten 'Vertrauenswahl' sich unverzüglich entscheiden würde, den Bundestag nicht aufzulösen, würde Schröder zurücktreten müssen. Der gegenwärtige Bundestag müsste - auf Vorschlag des Bundespräsidenten - einen Nachfolger wählen. Nach den üblichen Sondierungen würde Köhler den oder die vorschlagen, die die größten Chancen hat, gewählt zu werden. Er könnte seinen Vorschlag mit der Bitte verbinden, die neue Regierung möge bis zum Ende der Amtszeit dieses Bundestages eine Revision des Grundgesetzes vorantreiben."

Weitere Artikel: Dirk Schümer beschreibt in der Leitglosse, wie sich die Bevölkerung Neapels zusehends auf die Seite der Mafia schlägt. Andreas Platthaus resümiert eine Tagung der Nürnberger Akademie für Fußballkultur zum Thema "Spielkultur". Christian Schwägerl begleitet dreißig Nobelpreisträger aus Anlass des Einstein-Jahrs durch Berlin. Jürgen Kesting gratuliert Anna Moffo zum Siebzigsten. Thomas Meissner hat Uwe Timms Bamberger Poetikvorlesung zugehört. Jürg Altwegg blickt durch französische Zeitschriften und empfiehlt besonders eine Michel Houellebecq gewidmete Sondernummer der Inrockuptibles - der heiß erwartete neue Roman des Autors erscheint demnächst in Paris. Dirk Schümer meldet, dass der inhaftierte italienische Publizist Adriano Sofri jetzt zwei Tage im Monat Freigang hat.

Auf der Medienseite schildert Gerd Gregor Feth Programmpläne des Bayerischen Rundfunks ("es soll offenbar möglichst überall 'bayern'", fürchtet er). Martin U. Müller stellt den Verleger Turgay Yagan vor, der eine Zeitung nur für Kinder unter dem Titel Meine Zeitung herausbringt. Gemeldet wird, dass die SWR-Orchester fusioniert werden und dass die Frankfurter Rundschau ihr Stammhaus in der Frankfurter Innenstadt für 45 Millionen Euro verkauft hat.

Auf der letzten Seite berichtet Michael Gassmann von den Vorbereitungen einer "Turandot"-Inszenierung Zhang Yimous im Münchner Olympiastadion (die Produktion lief bereits in Paris). Jordan Mejias hat Billy Grahams jüngstem Missionswochenende in New York beigewohnt. Und Yvonne Pioch porträtiert den israelischen Lyriker Amir Or, der jüngst bei den Nürnberger Autorengesprächen auftrat.

Besprochen werden Bizets "Carmen", inszeniert von Andrea Breth, dirigiert von Nikolaus Harnoncourt in Graz (ein "fabelhafter" Abend nach Eleonore Büning), Stefan Puchers Theaterabend nach Bachs "Matthäus-Passion" in Zürich, musikalisch untermalte Rezitationen beim Berliner Poesiefestival und Konzerte beim Sonar-Festival für avancierte Techno-Musik in Barcelona (Oliver Ilan Schulz zeigt sich besonders beeindruckt von Konzerten Matthew Herberts und des französischen Duos Noze), außerdem Sachbücher.

TAZ, 27.06.2005

Nach Klagenfurt sieht Gerrit Bartels die deutschsprachige Literatur in der zweiten taz auf einem guten Weg. Unspektakulär, dafür handwerklich solide, mit Inhalten die sich dem Leben widmen. "Das Deutschland zwischen Pop, Arbeitswelt und Politik interessiert sie nicht besonders. Das kann man beklagen. Eine andere Literatur lässt sich jedoch nicht einfach so herbeizwingen, wie es etwa ein paar ewig zu kurz gekommene 78er-Literaten mit einem Manifestlein in der aktuellen Zeit versucht haben. So lebt die deutschsprachige Gegenwartsliteratur in ihrer eigenen Wirklichkeit, was bei den vielen nebeneinander her existierenden Wirklichkeiten in Ordnung geht, und diese Literaturwirklichkeit besteht aus Männern, die Frauen kennen lernen und umgekehrt, aus Menschen, die neben sich stehen, die essgestört, psychisch labil, gar wahnsinnig sind oder sonstige Macken haben und deren größte Sorgen fast immer familiärer Art sind."

Gabriele Goettle bestreitet mit ihrem Besuch bei der Atomkraftgegenerin Monika Tietke den gesamten Kulturteil. Seit 1979 kämpft Tietke ununterbrochen gegen ein Zwischen- und Endlager in Gorleben. "Wir haben damals gesagt, die einzige Möglichkeit, die wir jetzt noch haben - denn Argumente scheinen nichts zu bewirken -, ist, dass wir es Politik und Betreibern so schwer wie nur möglich machen. Das ist ja bis heute unsere Prämisse. Und als das Zwischenlager genehmigt war, da gab es ja dann weitere 'Probebohrungen'. 1001, 1002, 1003, und um jede Tiefbohrstelle gab es Kämpfe, bis hin, dass Bauern nachts Jauche reingepumpt haben."

Weiteres: Jan Feddersen entdeckt auf dem Berliner Christopher Street Day internationale Solidarität. Ingo Durstewitz lässt einen Landwirt von seinem multifunktionalen Dasein erzählen. Jony Eidenberg klagt über die Untätigkeit der Regierung bei Steuerschlupflöchern. Die einzige Besprechung widmet sich Klaudia Brunsts Talkshow-Analyse "Je später der Abend".

Und Tom.

Welt, 27.06.2005

In ein paar schmerzhaften Stichworten rechnet Elmar Krekeler mit den Autoren ab, die in Klagenfurt ihre "Institutsprosa" vorgetragen haben. "So wie das Berufspolitikertum irgendwann der Tod der Politik ist, wird das Berufsliteratentum der Tod der Literatur sein. Wie weit es mit dem Berufsliteratentum schon ist, lässt sich an den meisten Lebensläufen der Klagenfurter Autoren ablesen. Sie haben sich von Stipendien ernährt, seit sie die Schule, die Uni verließen. Sie leben vom Schreiben. Sie haben ihr Handwerk in Literaturinstituten gelernt. Es ist ihr einziges Handwerk. Ihre einzige Lehre, ihr einziges Leben. Sie können erzählen, sie können es wirklich. Die Geschichten sind gut gebaut. Die Bilder hängen gerade an den Wänden. Aber man interessiert sich nicht dafür. Sie können erzählen, wissen aber eigentlich nicht was. Sie riskieren nichts, schreiben ungefährdete, ordentlich geschnittene Literatur. Eine, die nach Putzmitteln riecht und nach Staub, Schweiß und Tafelkreide."
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FR, 27.06.2005

Ina Hartwig fasst ihre Eindrücke von den "29. Tagen der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt zusammen, die in mehrfacher Hinsicht Anlass zum Ärgernis gaben: "Ärger kam auf über das insgesamt eher trübe Niveau, auf dem die 17 Lesungen vor sich hinplätscherten, bei manchmal geringem Vorlesetalent; Ärger kam gelegentlich auch auf über die Reaktionen einer Jury, der mangelndes Niveau wahrlich nicht vorgeworfen werden kann, eher schon eine am Intuitiven vorbeischießende Interpretations- und Schmähbereitschaft am nicht immer passenden Objekt." Hartwig beschreibt Klagenfurter Literaturbusiness as usual: "Die Anwesenheit des Autors führt dazu, dass nicht über ihn, sondern über "den Text" gesprochen wird - der Text tut dies, der Text tut das: eine wahre Heldenverehrung am Text findet im Landesstudio Kärnten des ORF statt. Und wenn 'der Text' enttäuscht, dann: armer Autor, arme Autorin. Hinzu kam, dass es einige Male richtig Zoff gab innerhalb der Jury. Wer unter den Juroren besonders scharf gegen den Kandidaten eines anderen Juroren geschossen hatte ('dieser Text ist eine Katastrophe'), durfte sich nicht wundern, dass an seinem eigenen Kandidaten später die Retourkutsche geprobt wurde." Mit der Auszeichnung des Preisträgers Thomas Lang zeigt sich Hartwig einverstanden.

Weiter: Daniel Schreiber porträtiert die New Yorker Choreografin Sarah Michelson, die keine Krankenversicherung hat und ihre Miete nicht zahlen kann. Silke Hohmann macht sich in der Kolumne "Times mager" über einen beleidigten Klaus Wowereit lustig. Besprochen werden eine große John Baldessari-Retrospektive im Museum Moderner Kunst in Wien sowie die Weimarer Dramatisierung des Schillerschen Dramenentwurfs "Polizey" beim Festival "Räuber und Gendarmen".

Auf der Medienseite berichtet Harald Keller über Schleichwerbung bei den öffentlich-rechtlichen Sendern und einen von der ARD angekündigten Lehrfilm gegen selbige.

NZZ, 27.06.2005

Andreas Breitenstein verleiht seiner Enttäuschung über das Klagenfurter Wettlesen Ausdruck. "Gut gemachte Konventionalität" und "Eskapismus" hätten die Texte geprägt, den brennenden Fragen unserer Zeit aber seien sie ausgewichen. Dass Thomas Lang für "Am Seil" der Bachmann-Preis zugesprochen wurde, geht für Breitenstein allerdings in Ordnung. "Es ist die Geschichte einer Vater-Sohn-Verstrickung, die, ausgetragen in einem quälenden Technik-Jargon und ganz ohne metaphorisches Fangnetz, hoch über dem Boden 'Am Seil' irgendwo an einer Tenne ihr Finale findet ... Ob Sterbehilfe oder Doppelselbstmord - Langs 'peinlich-peinvolles' Männerduell (Klaus Nüchtern) ist von archaischer Kraft und zeitkritischer Brisanz, wenn man das Verhältnis der Generationen erwägt. Was selbst bei besseren Texten nur glimmte, leuchtete hier endlich machtvoll auf: Nostra res agitur."

Weiteres: Marc Zitzmann verbreitet sich ausführlich über Pläne der Städte Bordeaux, Lyon und Orleans, die Uferberereiche ihrer Flüsse umzugestalten. Rezensionen gibt es zu einer Ausstellung von Klosterkunst im Essener Ruhrlandmuseum, einer Aufführung von Bruckners erster Sinfonie in der Tonhalle Zürich, zwei Konzerten mit Werken jüdischer Komponisten am Eröffnungstag des fünten Boswiler Sommers, einer "Carmen"-Inszenierung in Graz und der Aufführung einer Matthäus-Passion in Zürich.

Weitere Medien, 27.06.2005

Die Polen machen Werbung mit einer französischen Angstfigur, berichtete die New York Times am Wochenende. Auf einem Plakat für das polnische Tourismusbüro posiert das Model Piotr Adamski als Klempner: "damit die Franzosen unser schönes Land besuchen", zitiert die New York Times Krzysztof Turowski, den Erfinder der Werbung. Und fürchten sollen sie sich auch nicht mehr: "Je reste en Pologne", verspricht der Mann auf dem Werbeplakat. Was eigentlich schade ist. "'Es ist lächerlich, wirklich bizarr zu sagen, polnische Klempner seien gefährlich für Frankreich', sagt Wieslaw Zieba, 55, der seit 25 Jahren in Frankreich als Klempner und Elektriker arbeitet. 'Dies ist ein Land, das dringend mehr Klempner braucht.' Tatsächlich fehlen nach Auskunft der französischen Klempnergewerkschaft 6.000 Klempner in Frankreich." An Piotr Adamski hat allerdings auch Mr. Zieba etwas auszusetzen: Ihm fiel auf, dass Mr. Adamski in der Anzeige den falschen Schneider für seine Rohre hält.

Tagesspiegel, 27.06.2005

Bereits in der gestrigen Ausgabe übte der amerikanische Autor David Rieff unter der Überschrift "Wenn Gutmenschen Schlechtes bewirken" schwere Kritik am blauäugigen Humanismus des Bob Geldorf. Die Live Aid-Konzerte von 1985 brachten zwar zwischen 50 und 70 Millionen Pfund zusammen, die Erfolgsbilanz sei aber dennoch höchstens zweischneidig: "Man sollte die Leistung von Live Aid nicht in Frage stellen. Nach Einschätzung des Äthiopien-Experten Alex de Waal konnte durch die Hilfsleistungen die Zahl der Toten kleiner gehalten werden, zwischen einem Viertel und der Hälfte. Das Problem ist, dass sie im Gegenzug zu einer gleich hohen Zahl von Toten beigetragen haben. Denn die Wahrheit ist, dass die Umsiedlungspolitik der Dergue - 600000 Menschen wurden aus dem Norden vertrieben, drei Millionen 'verdörflicht' - zum Teil auch ein Militärfeldzug war, verkleidet als humanitäre Rettungsaktion und unterstützt von westlichen Hilfsgeldern."

SZ, 27.06.2005

"Ich möchte keine Texte mehr ohne Semikolon lesen müssen", hat die Leiterin des Klagenfurter Literaturkurses und Autorin Katja Lange-Müller vor dem diesjährigen Bachmann-Wettbewerb verlauten lassen. Ihre Bitte wurde erhört, berichtet Ijoma Mangold, die große Entdeckung gab es in diesem Jahr aber nicht. Im "poetisch-handwerklichen Sinne waren die diesjährigen Wettbewerbsbeiträge zum größten Teil in Ordnung. Das monotone Aneinanderreihen von Hauptsätzen ist vorbei. Das Semikolon kehrt zurück. Wenn man über den Bachmann-Wettbewerb 2005 gleichwohl nur in mittleren Tönen wird reden müssen, dann hat das eben doch etwas mit der Stofffrage zu tun." Thomas Langs Siegertext "Am Seil" nennt Mangold "eine Freudsche Konstellation ohne Innenleben".

Andrea Breths düstere Inszenierung von Bizets "Carmen" in Graz überzeugt Gerhard Persche nicht, wie man zwischen den Zeilen herauslesen kann. Zum Glück sorgen Dirigent Nikolaus Harnoncourt und seine Truppe für ausreichend Satisfaktion. "Harnoncourt benützt die kritische Neuausgabe, erschienen bei der Verlagsgruppe Hermann bei Wien, die etwa auch schon seine Neujahrskonzerte mit Trouvaillen bereicherte. Hier nun hört man, pars pro toto, erstmals glitzernde Streicherfiguren und zahlreiche überraschende melodische Ideen im Finale des ersten Akts. Vor allem die Schluss-Szene ist musikalisch erweitert, so erhalten etwa die Choreinwürfe aus dem Off zusätzliches Gewicht. Nicht dass dies dramaturgisch unerlässlich wäre. Aber interessant."

Weiteres: Johannes Willms kündigt an, dass England die Seeschlacht von Trafalgar im Jahr 1805 morgen mit einer großen Flottenparade feiern will, während Frankreich sich verständlicherweise auf Austerlitz konzentriert. Christopher Schmidt begutachtet den Spielplan, den der neue Intendant des Bochumer Schauspielhauses Elmar Goerden vorgelegt hat und bemerkt eine Hinwendung zu älteren, komplexeren Stücken, von Goethe und Lessing bis zu Strauss und Handke. Auf der Medienseite kolportiert Hans Leyendecker, dass Doris Schröder-Köpf den Stern verklagt hat. Der hatte spekuliert, dass die Idee mit der Vertrauensfrage von ihr kam. Und Christiane Langrock-Kögel erfährt aus einer Dokumentation, dass die Stasi den NDR nicht flächendeckend infiltiriert hat.

Besprochen werden Puccinis "Turandot" im Münchner Olympiastadion unter der Leitung des Filmregisseurs Zhang Yimou, ein Schwerpunkt des Münchner Filmfests zum japanischen Kino mit Retrospektiven zu Kiyoshi Kurosawa und Keinosuke Kinoshita, eine DVD mit Brian Wilsons Bühnenversion von "Smile" und einer Dokumentation zu ihrer Entstehung vor vierzig Jahren, die zweiten Hamburger Jazztage, und Bücher, darunter die Erinnerungen des Literaturwissenschaftlers Werner Mittenzwei, die gesammelten Briefe von Johann Nestroy, Rainer Tetzlaffs und Cord Jakubeits neues "Standardwerk" über "Das nachkoloniale Afrika" sowie Stefan Wimmers Drogenroman "Die 120 Tage von Tulum", laut Bodo Mrozek das "wohl testosteronhaltigste Buch des Jahres" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).