Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.05.2005. In der SZ bekennt der Historiker Wolfgang Benz, "nichts" gelernt zu haben aus Breloers Speer-Film. In der NZZ bekennt Yasmina Reza, die französische Kritik an ihrem neuen Stück sei ihr "zutiefst egal". Und Cannes: FR und FAZ sind sich einig: Lars von Triers "Manderley" ist antiamerikanisch. SZ und FAZ sind sich einig: Michael Hanekes neuer Film ist ein Meisterwerk.

SZ, 17.05.2005

Was haben wir nun gelernt aus Heinrich Breloers sechsstündiger "öffentlich-rechtlicher Geschichtslektion" zu Albert Speer? "Nichts", urteilt ziemlich verärgert Wolfgang Benz, der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin. "Breloer folgt den Regieanweisungen Speers: Die Mitangeklagten und Mithäftlinge sind Popanze, als dumpf und uneinsichtig gezeichnet, vor denen sich der Bußfertige sympathisch abhebt, weil er der Wahrheit ins Auge sieht. Natürlich nur dem kleinen Teil, der den Nimbus nicht zerstört. Auf verzwickte Weise versucht sich der Nachspann zum Dreiteiler, der 'Dokumentarfilm' zum Dokudrama, wenigstens am Problem der behaupteten Ahnungslosigkeit Speers in Sachen Judenmord. Leider mit den falschen Mitteln, denn Leni Riefenstahl und Wolf Speer sind inkompetent, und die beiden Herren, die an der Erzeugung des Markenartikels Speer Ende der sechziger Jahre erheblichen Anteil hatten, Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, geben sich distanziert und unbeteiligt."

Weiteres: Der Politikwissenschaftler Iring Fetscher nimmt Abschied von seinem Kollegen, dem "eindrucksvollen Gelehrten und bedeutenden Autor" Kurt Sontheimer, der gestern in Murnau gestorben ist. Johan Schloemann hat beim Jubiläum des "New Europe College" in Bukarest beobachtet, wie sich eine neue europäische Elite aus dem "großen Durcheinander von Trash und Luxus, von Vergangenheit und Verheißung" zu bilden versucht. Nicht recht überzeugt ist Stefan Koldehoff von der Echtheit der angeblich gerade erst entdeckten 32 Gemälde von Jackson Pollock.

In Cannes hat Susan Vahabzadeh den ersten Palmenfavoriten gesehen: Michael Hanekes "beklemmenden, großartigen" Film "Cache". Christine Dössel würdigt die nun seit 30 Jahren bestehenden Mülheimer Theatertage als wichtigstes Festival für neue deutschsprachige Dramatik. Fritz Göttler heizt die Erwartungen der "Star Wars"-Fans weiter an: "Auch wenn man schon viel gehört und gelesen hat über diesen Moment der Transformation von Anakin in Darth Vader - wenn man ihn schließlich auf der Leinwand erlebt, ist die Magie voll wirksam, in ihrer Schaurigkeit." In der Zwischenzeit bekundet Wolfgang Schreiber seine Vorliebe für die tatendurstigen unter Schillers geflügelten Worten: "Dem Manne kann geholfen werden!"

Besprochen werden Doris Dörries Inszenierung von Puccinis "Madame Butterfly" am Münchner Gärtnerplatztheater, ein Thieleman-Konzert mit Beethoven und Strauss in München und Bücher, darunter Bas Böttchers Roman "Megaherz" und Eva-Maria Auchs Buch über die russische Kolonisierung des Kaukasus "Muslim - Untertan - Bürger" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 17.05.2005

Auch Daniel Kothenschulte hat ein aufregendes Kinowochenende in Cannes hinter sich. Gus van Sants "Last Days" über die letzten Tage des Kurt Cobain ist ein für ihn ein hochromantisches Meisterwerk: "Wenn ein Romantiker, dann ist der freilich ein Richard Wagner des Schweigens, ein Caspar David Friedrich ohne Zwang zur Perfektion, ein John Wesley Turner ohne parfümierte Palette." Lars von Triers "Manderley", der Fortsetzung von "Dogville", wirft Kothenschulte hingegen Antiamerikanismus vor: "Besser als die USA, die er nie besucht hat, kennt Lars von Trier ein anderes Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Es liegt im Dunkeln der Kinosäle. Und in der vermuteten Leere in den tausend Köpfen, die sich schon einen Reim auf allen smarten Unsinn machen werden, den die hungrigen Augen so fressen."

Weitere Artikel: Christoph Schröder schreibt zum Tod des amerikanischen Autors Tristan Egolf, der sich im Alter von 33 Jahren das Leben nahm. In Times Mager kommentiert Hans-Jürgen Linke eine Leitungswechsel beim Jazzfestival Moers. Besprochen werden eine Collage nach Malcolm Lowrys "Unter dem Vulkan" am Frankfurter Schauspiel und ein Konzert mit Alfred Brendel und dem SWR-Orchester unter Hans Zender in Frankfurt.

Auf der Medienseite interviewt Ines Stickler den neuen Chefredakteur der seit einiger Zeit in Deutschland herausgebrachten jüdischen Wochenzeitung Der Aufbau, Yves Kugelmann.

Berliner Zeitung, 17.05.2005

Sebastian Preuss hat sich Im Künstlerhaus Bethanien in Berlin die neuen Gemälde von Norbert Bisky angesehen, der immer noch blonde Knaben malt, die an Hitlerjungen oder junge Pioniere erinnern: Aber "der Malduktus entfesselte sich, die Modellierung der Körper gewann an sinnlicher Prägnanz. Die Farben lichteten sich und brachten den weißen Untergrund ins Spiel. Von den trügerischen Idyllen ist wenig übrig geblieben. Trotz strahlend lächelnder Gesichter und des unverdrossen fröhlichen Kolorits eröffnet sich eine Welt voller Gewalt und grausiger Details. Feuerstürme und brennende Flugzeuge schießen durchs Spielfeld der halbnackten Knaben."
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Stichwörter: Berlin, Norbert Bisky

NZZ, 17.05.2005

In einem Interview mit Marc Zitzmann gesteht Yasmina Reza, dass die unfreundlichen Kritiken ihres letzten Stückes "Une piece espagnole" in Frankreich ihr "zutiefst egal" sind: "Schließlich werden meine Stücke ja beileibe nicht nur in Frankreich gespielt. Im Fall von 'Une piece espagnole' freilich wurde die Arbeit der Schauspieler und des Regisseurs aus völlig deplacierten, eindeutig ideologischen Gründen malträtiert. Die Gewalt war ganz klar gegen mich gerichtet - schon ihre Heftigkeit zeigte, wie unehrlich sie war. Ich habe das als schmerzhaft empfunden." Im übrigen könne sie sich ein Leben ohne Schreiben durchaus vorstellen. "Aber nicht ohne Musik. Musik und Poesie sind die höchsten aller Künste."

Alfred Schlienger hat sich Ruedi Häusermanns "V. v. V. - Verneigung vor Valentin" am Theater Basel angesehen. Ein klingelndes Handy im Publikum hat den Rezensenten jedoch mehr beeindruckt als die Aufführung: "Die nicht mehr ganz junge Dame wühlt eine halbe Ewigkeit in ihrer Tasche, bekommt das Ding endlich in den Griff, stellt es aber nicht ab, sondern beginnt frisch-fröhlich mitten in der Vorstellung ein Gespräch, und da denkt man natürlich zuerst an einen Regieeinfall - schließlich musste sich Valentins Kunst auch im Rauch und Lärm von Münchens Singspielhallen durchsetzen. Der gutwillige Dechiffrieransatz erweist sich schnell als real-absurder Reinfall. Denn die Dame weiß schlicht nicht, was sie tut. Im Fußball bekommen solche Hooligans ab sofort Stadionverbot."

Weiteres: Ein "Nonkonformist des gegenstrebigen Ausgleichs" sei Kurt Sontheimer gewesen, heißt es in Uwe Justus Wenzels Nachruf auf den am Montag 76-jährig verstorbenen Politologen. Besprochen werden eine Aufführung von Mozarts "Zauberflöte" am Festspielhaus Baden-Baden unter dem Dirigat von Claudio Abbado, der von Haidar Safa und Mazen Abdallah gemeinsam verfasste Roman "Die Vogelscheuche", Günter de Bruyns "Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft", ein Band mit neu herausgegebenen Erzählungen von Mela Hartwig sowie Kurt Aeblis jüngstes Buch "Der ins Herz getroffene Punkt" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 17.05.2005

Dirk Baecker denkt darüber nach, wie sein Fach, die Soziologe, wieder etwas mehr Relevanz bekommen könnten: "Sie muss sich wieder eine Form geben, in der sie scheitern kann. Daran fehlt es, solange die Soziologie sich auf Post-hoc-Erklärungen beschränkt, das heißt, solange sie im Nachhinein plausible Beschreibungen und Erklärungen für Geschehnisse liefert, die schon passiert sind. Denn nachher sind alle klüger. Die Soziologie müsste versuchen, zumindest in Sachen Gesellschaft, Kommunikation und Sozialordnung vorher klüger zu sein."

Sven von Reden feiert die Rückkehr von Lars von Triers atemberaubender Europa-Trilogie in die deutschen Kinos. Gabriele Hoffmann besucht das Ausstellungsprojekt "Populism", das gleichzeitig in Vilnius, Amsterdam, Oslo und Frankfurt zu sehen ist. Aus Cannes erzählt Cristina Nord entäuscht, dass der mexikanische Regisseur Carlos Reygadas doch nicht so schrecklich ist, wie sein Ruf. Daniel Bax sucht die "poptheoretische Durchdringung" des Berliner Karnevals der Kulturen. Dorothea Hahn berichtet, wie der Milliardär und Kunstsammler Francois Pinault das französsiche Establishment düpiert hat.

FAZ, 17.05.2005

Verena Lueken hat in Cannes Filme von David Cronenberg, Carlos Reygadas, Lars von Trier, Marco Tullio Giordana gesehen. Viel Sex und Blut, meint sie, am besten hat ihr Michael Hanekes "Cache" gefallen, "eine hochkonzentrierte, kalte Geschichte ..., über der ein gar nicht so unbestimmtes Gefühl der Bedrohung liegt, die von an sich ganz harmlosen Videobändern ausgeht, die einer bildungsbürgerlichen Familie zugeschickt werden. Von wem, wird bis zum Ende nicht ganz klar, aber was in der Zwischenzeit mit der Familie geschieht und wie Daniel Auteuil und Juliette Binoche es spielen, wie sie beginnen, einander zu belauern, einander zu misstrauen, das hebt den Film aus dem Wochenendprogramm heraus."

Weitere Artikel: Eberhard Rathgeb hat sich in den Hörsaal begeben und Malte Mienert, den er gern und häufig "Juniorprofessor" nennt, bei seiner Vorlesung "Entwicklungspsychologie" zugehört. Jordan Mejias wirft einen Blick in die Mai-Ausgabe von Atlantic Monthly und referiert Bernard-Henri Levys Beschreibung seiner Amerikareise.

Auf der Medienseite kündigt Michael Hanfeld das neue Magazin von Gruner und Jahr an: Park Avenue. Es soll am 7. Juni erstmals erscheinen und kein weiteres People-Magazin sein: "Es geht nicht um Prominenz - allein -, sondern um Bedeutung", wird G+J-Vorstand Bernd Buchholz zitiert. Auf der letzten Seite porträtiert Dieter Bartetzko den Dokumentarfilmer Volker Koepp, der gerade mit dem Georg-Dehio-Kulturpreis ausgezeichnet wurde. Andreas Platthaus skizziert die kniffligen Beziehungen zwischen China und Taiwan. Und Andreas Rossmann warnt die Kölner: Wenn sie weiter Hochhäuser bauen, wird der Dom doch noch von der Welterbeliste gestrichen.

Besprochen werden George Lucas' "Star Wars, Episode III", eine von Claudio Abbado dirigierte "Zauberflöte" in Baden-Baden, Franz Wittenbrinks Brechtstück "Die Farbe Rot" in Berlin, ein Mozart-Konzert mit Alfred Brendel in der Frankfurter Alten Oper, eine Ausstellung mit typografische Bildern und Drucken von HN Werkman, Willem Sandberg, HAP Grieshaber, Josua Reichert und Ewald Spieker in der Städtischen Galerie Rosenheim, eine Ausstellung der Fotografiesammlung Herzog im Münchner Haus der Kunst und eine Bearbeitung von Malcolm Lowrys "Unter dem Vulkan" im Schauspiel Frankfurt.