Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2005. Die NZZ würdigt Armin Petras als ernsthaftesten Spieler auf dem Gebiet des "intelligenten Stadttheaters". In der Welt wünscht sich der Biograf Gottes Jack Miles einen Chinesen als Papst. Die taz würdigt Grass, Enzensberger und Rühmkorf als Dichter der mittleren Gefühligkeit. In der FR und den anderen Zeitungen kommt Pina Bauschs neues Ballett nicht so gut weg.

NZZ, 18.04.2005

"Jede neue Einsicht schlägt eine alte tot. Der Friedhof der wissenschaftlichen Wahrheiten ist ungeheuer": Die NZZ druckt einen Vortrag von Peter von Matt, in dem der Literaturwissenschaftler den Triumph der Bibliotheken besingt: "Alle römischen Kaiser nach Augustus gründeten eine Bibliothek. Heute tun dies alle amerikanischen Präsidenten und gelegentlich auch ein französischer. Was die alten wie die neuen Cäsaren bewegt, ist aber nicht einfach ihre Eitelkeit. Das Phänomen gründet tiefer, es gründet in der geheimen Kränkung der Macht durch den Geist. Das Wort ist dauerhafter als Stein und Eisen. Der brüchige Papyrus und das vergängliche Papier, dessen Herstellung die Araber einst ihren chinesischen Kriegsgefangenen abguckten, ermöglichten einen Triumph des Geistes über die Zeit, der jeden Machthaber auf dem Gipfel seines Ruhms nervös machen muss. Heute bin ich der Größte, aber was ist morgen?"

Als einen "gewandtesten und gleichzeitig ernsthaftesten Spieler" auf dem Gebiet des "intelligenten Stadttheaters" porträtiert Milo Rau den Regisseur Armin Petras, der im nächsten Jahr das Berliner Maxim-Gorki-Theater übernimmt. Sein Konzept: "Kein abgehobenes Avantgardetheater, sondern der fast halsbrecherische Versuch, den Graben zwischen Theater und Gesellschaft anhand populärer Inszenierungen zuzuschütten."

Weiteres: Wirklich Neues hat Christina Thurner nicht bei der Uraufführung von Pina Bauschs neuem Tanzstück in Wuppertal erlebt, aber doch "eine Wucht in den schnellen, heftigen und eine Intensität in den langsamen, leisen Passagen, die einen nicht unbewegt lässt". Iso Camartin stellt in der Reihe "Europäische Kulturhorizonte" Pieter Bruegels Bild der zwei gefangenen Affen (hier) vor.

Besprochen werden ein Konzert von Anne-Sophie Mutter und ihrem Trio in der Zürcher Tonhalle und eine Ausstellung zu Architektur-Werbung in Rotterdam.

FR, 18.04.2005

"Pina Bausch ist verlässlich geworden, so verlässlich wie ihr Publikum, das sich erhebt, kaum, dass sie zum Schlussapplaus die Bühne betritt. Da lächelt sie fein." Auch Sylvia Staude kann über den angenehmen Abend mit der neuen Uraufführung des Tanztheaters Wuppertal nur lächeln. "Den Schmerz der Vergeblichkeit scheinen heute vor allem die Tanz-Soli hinauszurufen; die kleinen Spiel-Szenen nehmen die Beziehungs-Irrungen eher leicht, oft mit Humor. Überhaupt sind Pina Bauschs Stücke heller geworden über die Jahre, man könnte sagen abgeklärter, oder auch: ein bisschen harmloser."

Frank Keil kann sich in seiner Times mager nicht entscheiden, ob er das Treffen der drei Lyriker Enzensberger, Grass und Rühmkorf oder das Spiel des VFB Lübeck verfolgen soll. Arne Karsten serviert ein historisches Konzentrat der Papstwahl. Im Medienteil rezitiert Ralf Siepmann Wilhelm Heitmeyers Thesen von der fehlenden Integrationsfähigkeit des Fernsehens. Die einizge Besprechung ist der Vertonung der Kompositionen von Fred Frith durch das Arditti Quartett gewidmet.
Stichwörter: Pina Bausch, Lübeck, Wuppertal

SZ, 18.04.2005

Die SZ druckt eine gekürzte Fassung der Rede über Albert Einsteins Verhältnis zu Deutschland und den Deutschen, die der Historiker Fritz Stern (mehr) kürzlich vor der Deutschen Physikalischen Gesellschaft in Berlin gehalten hat. Einstein selbst hatte wenig Gnade mit seinen ungeliebten germanischen Mitbürgern. "Wenn diese Leute mit Franzosen und Engländern zusammen sind, welcher Unterschied! Wie roh und primitiv sind sie. Eitelkeit ohne echtes Selbstgefühl, Civilisation: schön geputzte Zähne, elegante Kravatte, geschniegelter Schnauz, tadelloser Anzug, aber keine persönliche Kultur."

Kristina Maidt-Zinke beobachtet die drei "Solisten" Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass und Peter Rühmkorf bei einem gemeinsamen Auftritt in Lübeck. Susan Vahabzadeh erforscht für die Serie über das Geschlechterverhältnis die Beziehung von Mann und Frau auf der Leinwand und entdeckt nur Überkommenes. "Das Working Girl wurde niedergeknutscht, auf Manolos aufgebockt (mehr) und mutiert zur Plüschtierversion dessen, was sie wirklich ist." Gustav Seibt hat es auf der halbstaatlichen Schillerfeier in Berlin nicht gefallen, die Talkrunde geriet begrifflich außer Rand und Band, und der Bundespräsident wurde für seinen Wunsch nach einem provozierenden Theater nur belächelt. Anke Sterneborg plaudert mit Regisseur Sydney Pollack anlässlich der Dolmetscherin über Drehgenehmigungen im UN-Gebäude und andere Abenteuer beim Filmemachen. Werner Bloch zweifelt, ob die Türkei ihre repressiven Gesetze gegenüber den Kurden umfassend liberalisieren wird und schildert die Unterdrückung der kurdischen Musikszene am Beispiel des populären Musikers Ferhat Tunc.

Auf der Bücherseite, die heute zum Schauplatz Vatikan erhoben wird, kürt Gustav Seibt das 19. Jahrhundert zum Höhepunkt der literarischen Vatikanbegeisterung. Und er erfährt vom giftigen Positivisten Hippolyte Taine mehr, dass "die Sittlichkeit der Franzosen ganz auf die Ehre konzentriert sei, die der römischen Geistlichkeit jedoch um den Sex kreise, denn ihr höchster Wert sei die Keuschheit." Lothar Müller versucht das Genre des Vatikan-Thrillers zu charakterisieren. Auf der Medienseite erfährt Detlef Esslinger von Strafverteidiger Eberhard Kempf, welche Defizite das juristische System in Falle seiner prominenten Angeklagten hat. Oft rät er seinen Mandanten, lieber zu zahlen als das Urteil abzuwarten. "Kein Freispruch dieser Welt stellt Rehabilitation dar."

Besprochen werden Pina Bauschs misslungene "biederbunte" Frühjahrsuraufführung ohne Titel in Wuppertal, Wilfried Minks Aufführung von Schillers "Don Carlos" in Hannover, der die Zuschauer in Hannover "wie eine Touristengruppe durch ein totalsaniertes und entsprechend aseptisches europäisches Schloss" führte, wie Christopher Schmidt berichtet, Atto Melanis Darstellung "Die Geheimnisse der Konklaven und die Laster der Kardinäle", die von Gerhard Höpp, Peter Wien und Rene Wildangel herausgegebene Aufsatzsammlung "Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus" und der Band "Unsere Opfer zählen nicht" über die Opfer, die der Zweite Weltkrieg in der Dritten Welt verursacht hat (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Welt, 18.04.2005

Im Forum schlägt Jack Miles, Biograf Gottes (mehr hier und hier), eine originelle Papstwahl vor: "Wenn die Kirche heute den Mut aufbrächte, ihren Triumph ekklesiastischer Geopolitik von 1978 zu wiederholen, dann würde sie den chinesischen Bischof Zen Zekiun aus Hongkong zum Papst nominieren, den Johannes Paul II. angeblich heimlich zum Kardinal gemacht hat. Seine Wahl würde signalisieren, dass die Kirche nicht bereit ist, Millionen von ostasiatischen Katholiken dem chinesischen Kommunismus zu überlassen."

Mariam Lau hat in Potsdam eine von der Philosophin Susan Neiman und ihrem Potsdamer Einstein-Forum organisierte Tagung über "Nazismus, Kommunismus und das 20. Jahrhundert" verfolgt, auf der offensichtlich auch ein paar hochintelligente Sottisen geäußert wurden: "Mit Abu Ghraib habe die Bush-Administration die Grenze von 'hassenswert' zu 'böse' überschritten, glaubt Neiman, und fand sich in schöner Eintracht mit dem Briten Eric Hobsbawm, der das 20. Jahrhundert als Zeitalter zunehmender Barbarisierung betrachtet, mit der pikanten Pointe, dass der Zenit nicht etwa in Auschwitz oder im Gulag, sondern erst in der heutigen Ausbildung amerikanischer Soldaten erreicht sei, denen das Foltern beigebracht werde."

TAZ, 18.04.2005

Den Titel "Gipfeltreffen der deutschen Lyrik" findet Alexander Cammann eher peinlich, und auch ansonsten sehnt er sich bei der gemeinsamen Lesung der "scheinbar unsterblichen Dinosaurier" Enzensberger, Grass und Rühmkorf in der Lübecker Musikhochschule nach neuen Gesichtern. Aber jedes Land hat die Dichter, die es verdient. "Die Antwort hat vielleicht schon vor Jahren Hans Magnus Enzensberger geliefert, als er in 'Mittelmaß und Wahn' sein Hohelied des Mittelmaßes anstimmte. Für die mittlere Gefühligkeit der alten bundesrepublikanischen Welt, die bis heute nachlebt, boten deren Literatur und Dichtung einfach die passende Stimmlage. Darüber hat an diesem Abend mit den drei Dichtern auch der Mythos Lübeck nicht gänzlich hinwegtäuschen können." Vor der Veranstaltung führte Günter Grass die Kollegen noch durch sein Denkmal zu Lebzeiten.

Japan hat noch immer zu keiner klaren Haltung gegenüber den Kriegsverbrechen in China gefunden, schreibt Chikako Yamamoto im Meinungsteil anlässlich des Aufruhrs in China. "Nicht wenige Japaner denken, ihre 'pazifistische' Nachkriegsgeschichte werde in China und Korea zu Unrecht nicht wahrgenommen. Allerdings nähert sich Japans 'pazifistische' Ära gerade ihrem Ende. Viele junge japanische Politiker plädieren heute für Verfassungsänderungen und wollen Japan zu einem 'normalen' Land machen. Tatsächlich geht der Rechtsruck durch die ganze Gesellschaft: Schon wird an den Schulen wieder bestraft, wer nicht die Nationalhymne singt. Für den Umgang mit China verheißt das alles nichts Gutes. Japan leidet an Chinas Aufstieg und dem eigenen Bedeutungsverlust. Der lässt sich mit moralischer Aufrüstung und diplomatischer Frechheit nicht kompensieren."

In der zweiten taz schildert Anne Seth ein Treffen von Überlebenden des KZs Sachsenhausen mit Jugendlichen. Peter Unfried stellt sich 42 bewegende Fragen, etwa ob es gute und böse Gastro-Linke gibt. Im Gerangel um Gracia und ihre Berechtigung für einen Auftritt beim Eurovision Song Contest rät Jan Feddersen zu Besonnenheit. Und "clem" wähnt das deutsche Bier in einer Imagekrise. Auf der Medienseite rätselt Carla Palm mit den amerikanischen Medien um die Wette, was der "Mini-Murdoch" und konservative Milliardär Philip Anschutz wohl mit seinem wachsenden Gratiszeitungs- Unternehmen noch vorhat.

Besprochen werden Auftritte der Hip-Hop-Kapellen "Fettes Brot" und "Orishas" in Berlin, die Ausstellung "Polaroid als Geste" im Museum für Photographie Braunschweig und das von Steve Christ herausgegebene "Polaroid-Buch".

Und Tom.

FAZ, 18.04.2005

Diese Zeitung ist stets für eine spritzige Idee gut. Nach den Serien "Wir vom Archiv" mit Fundstücken aus Marbach und "Wir vom Bundesarchiv" mit Beständen aus Koblenz und Berlin folgt nun die Serie "Wir vom Politischen Archiv" mit Raritäten aus den Archiven des Auswärtigen Amts. Rainer Blasius erzählt im Aufmacher die Geschichte des Archivs, und als erstes Fundstück wird ein Schreiben von Honoratioren aus North Dakota vorgestellt, die den Reichskanzler Bismarck davon in Kenntnis setzen, dass sie ihre Hauptstadt nach ihm benennen werden. Hubert Spiegel berichtet von einer gemeinsamen Gedichtrezitation der großen alten Dichter Rühmkorf, Grass und Enzensberger in Lübeck. Heinrich Wefing zitiert eine offensichtlich recht harmlose Schiller-Rede des Bundespräsidenten Horst Köhler im Berliner Ensemble. Wiebke Huester schreibt sehr ungnädig über Pina Bauschs neuestes, noch namenloses Ballett mit Motiven aus einer Korea-Reise ("Das namenlose Stück ist so gut wie eine auf den Asia-Märkten angebotene falsche Rolex. Es sieht nämlich aus, als hätte jemand versucht, ein Stück von Pina Bausch nachzumachen.") Gina Thomas stellt ein neues Gemälde von Lucian Freud vor, ein rätselhaftes Selbstporträt mit Aktmodell, das zur Zeit in der Londoner National Portrait Gallery ausgestellt wird. Wiebke Huester gratuliert dem Choreografen Mats Ek zum Sechzigsten. Katharina Iskandar hat einer Poetikvorlesung Felicitas Hoppes in Wiesbaden zugehört.

Auf der Medienseite informiert Tobias Piller über den journalistischen Auftrieb und die Schwierigkeiten und Kosten der Terrassenanmietung zum Konklave in Rom. Stefan Niggemeier meldet, dass die Schlagersängerin Gracia beim Grand Prix d'Eurovision Deutschland repräsentieren soll, obwohl sie angeblich durch Manipulationen in die Hitparade gehievt wurde. Und Michael Jeismann empfiehlt eine Dokumentation über die Gestapo im Ersten.

Auf der letzten Seite erzählt Manfred Lindinger zum fünfzigsten Todestag Einsteins noch einmal die grausige Geschichte seines Gehirns, das von einem Pathologen zerschnipselt und entführt wurde. Jordan Mejias meldet, dass die Finanzierung für ein von Frank O. Gehry zu planendes Kulturzentrum am Ground Zero in New York noch keineswegs steht. Und Wolfgang Sandner würdigt das von Gidon Kremer gegründete baltische Kammerorchester Kremerata Baltica.

Besprochen werden Wilfrid Minks' Inszenierung von Schillers "Don Carlos" im Schauspiel Hannover in und der Film "Atash" des israelisch-palästinensischen Regisseurs Tawfik Abu Wael.