Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2005. Die FR freut sich, dass Charles Saatchi nun auch die deutsche Malerei entdeckt. Die NZZ meditiert über den den revolutionären Chic in der Ukraine. In der SZ zeigt sich Joachim Kaiser begeistert: Bei Lang Lang sind die Rubati lang lang. In der Welt spricht Georg Baselitz über seine Bilder und seine Halbschuhe. Und Stephan Wackwitz verteidigt die Sexualität des erwachsenen Mannes gegen die Feier leonardodicaprioider Niedlichkeit.

Welt, 02.02.2005

Im Interview spricht Georg Baselitz über Heimat, seine Midlife-Krise und neue Bilder. Er hat "mehrere Stalinporträts gemalt, wie ihn Picasso gezeichnet hat, als freundlichen jungen Mann mit Schnurrbart ... Von meinen Stalinbildern sind nur zwei, drei gut. Die anderen hab ich überstrichen. Nach meiner Theorie: Ein Ding über das andere malen. 1963 habe ich meine ersten Füße gemalt, und diese Füße kommen jetzt immer wieder vor. Inzwischen habe ich Füße mit Schuhen gemalt, mit schwarzen Schuhen. So genannten Halbschuhen. Schwarzen Herrenhalbschuhen. Inzwischen hängt mein ganzes Atelier voll mit diesen Halbschuhen. Ein bisschen idiotisch, aber so lange es geht, mach' ich das. Es ist nur blöd zu sehen, dass überall diese Halbschuhe herumhängen, manche mit Hosenbeinen. Gestern fiel mir nun ein, nachdem ich so 30 Halbschuhe gemalt habe: Mal doch mal nur - ein genialer Einfall! -, mal doch mal nur die Halbschuhe, ohne Hose. Nur die Halbschuhe. Und siehe da, es funktioniert. Es ist so doppelbödig, dass man davor steht und sagt: Ein Bild ist es nicht. Was ist es dann?"

Der israelische Schriftsteller Yoram Kaniuk erklärt im Gespräch mit Norbert Jessen, warum er es für falsch hält, die deutsche Sprache zu dämonisieren: "Richard Wagners Musik wird boykottiert, die Lieferung von deutschen U-Booten aber nicht. Dafür hab ich kein Verständnis. Soll vergessen werden, wie sehr die deutsche Sprache die neuhebräische beeinflusst hat? Dass unsere wichtigsten Dichter lange in Deutschland lebten?"

"Womit haben sexuell aktive Junggesellen eigentlich die schlechte Presse verdient", fragt auf der Forumsseite Stephan Wackwitz (mehr). "Die männliche Sexualität ist inzwischen so dicht von einer geschlossenen Phalanx allerorten naiv geäußerter öffentlicher Verdächtigungen umstellt (Penetration! Ausbeutung! Vergewaltigung! Nur das Eine! Schmierigkeit!), dass er sich nur in der Form jungmännerhaft leonardodicaprioider Niedlichkeit und fast noch Unschuld (jedenfalls als Auslöser des Aufschreis süüüüüß!) ungestraft im Licht der Öffentlichkeit zeigen kann. Jenseits der 35 dagegen hat der unverheiratete Mann entweder schwul zu sein (noch besser: impotent) oder sich zu verstecken, wenn er der (hier plötzlich ganz ungebremsten, von politisch korrekten Skrupeln nicht angekränkelten) Diskrimination durch einen längst zum Mainstream, zur politischen Folklore und einer Art theoretischer Airport Art gewordenen Feminismus entgehen will."

FR, 02.02.2005

"Der Triumph der Malerei"! - so lautet der Titel der jüngsten Schau in der Saatchi Gallery, die damit einen alten Diskurs wieder ausgegraben hat: "die Feindschaft von Konzept-Kunst und reiner Malerei", berichtet Judith Jammers. "Selbst die Financial Times schreibt, dass Saatchi eine Kehrtwende gemacht habe, die so drastisch sei, wie eine Konvertierung Lenins zum Kapitalismus." Für "junge deutsche Künstler" sei die Ausstellung "jedenfalls ein Glücksfall: Sie werden die Sommerschau zur Hälfte bespielen". Im übrigen habe Charles Saatchi "von Anfang an auch Malerei gesammelt: 1985 stellte er neben amerikanischen Minimalisten, auch Bilder von Cy Twombly aus, zwei Jahre später Anselm Kiefer, darauf Sigmar Polke, dann Kossoff, Auerbach und Freud und inmitten der YBA-Zeit Maler wie Jenny Saville, Paula Rego, Terry Winters, Alex Katz und Elizabeth Peyton. In den letzten Jahren sah man Sophie von Hellermann, Daniel Richter, Jonathan Meese und Tilo Baumgärtel, die auch alle im dritten Teil der Ausstellungsreihe vertreten sein werden. Es scheint Saatchi gleichgültig, dass ihn viele als Sammler und Connaisseur nicht ernst nehmen, weil er en gros einkauft und Entscheidungen spontan und impulsiv fällt; und zugegebenermaßen gibt es, besonders unter den Werken der von ihm geförderten jungen britischen Künstler große Qualitätsunterschiede. Doch was die Eröffnungsschau zum 20. Geburtstagsjahr der Galerie erstmalig zeigt, ist gerade jene Kontinuität und Qualität, die seiner Sammlung oft abgesprochen wird."

Weitere Artikel: Harry Nutt stellt eine kühne These zum Fußballskandal auf: "In der Wirtschaftstheorie gibt es veritable Stimmen, die längst die kulturschaffende Kraft der Korruption zu würdigen wissen. Eine solche Funktion könnte auch dem aktuellen Fußballskandal einmal zugeschrieben werden", wenn Sportwetten sich endlich "als legitimer Wirtschaftszweig etablieren" können. In Times Mager berichtet Frank Keil von einem Besuch in Einar Schleefs Heimatstadt Sangerhausen.

Auf der Medienseite: Ein Interview mit Perlentaucher Thierry Chervel über das Netz, die Zeitungen und den neuen englischsprachigen Dienst des Perlentauchers.

Besprochen werden Bücher, darunter Peter Zilahys Revolutions-Alphabet "Die letzte Fenstergiraffe" ( Leseprobe, Zilahys homepage,) und Aharon Appelfelds "Geschichte eines Lebens" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

NZZ, 02.02.2005

Ulrich Schmid beschäftigt sich mit Stilfragen der Revolution und hat bei den Revolutionären in Kiew einen "neuen Chic" ausgemacht. "Die Idee, dem Umsturz eine Farbe zu geben wie einem Produkt, war von durchschlagendem Erfolg. In der Ukraine hat man die erste 'Corporate Revolution' gesehen. Ein Schal genügte, um dem korrupten Regime die Zunge herauszustrecken, wer Orange trug, war ein Bekenner, die eigene Stärke leuchtete einem auf Schritt und Tritt entgegen, und alles, was schon vorher orange war - Firmenlogos, Autobusse, die Ausstaffierung der Straßenarbeiter -, wurde nolens volens zur Reklame. Die moderne Revolution präsentiert sich leicht und chic: Das latent Waldschrathafte der bärtigen Demonstranten von damals ist gestyltem Outfit gewichen, und am Lagerfeuer greift kaum noch jemand zur Klampfe."

Sabine B. Vogel schreibt über die elfte Kunsttriennale in Delhi, die allerdings von den meisten bekannten indischen Künstlern boykottiert wird. "Einer der zentralen Kritikpunkte ist die traditionell orientierte Auswahl. Diese Kontroverse betrifft interessanterweise auch die internationalen Beiträge. Weiß man über die Kunstszene Kirgistans zu wenig, um die Bilder beurteilen zu können, ist die Auswahl etwa der Türkei, Russlands (sieben Künstler!) und Finnlands besonders erschreckend: Malerei auf Volkshochschul-Niveau aus Ländern, die absolut mehr zu bieten haben."

Besprochen werden das Stuttgarter Festival "Eclat" (homepage), Mozarts Singspiel "Zaide" in Zürich und Bücher, darunter ein Gedichtband des "dadaistischen Aphoristikers" Stephan Krass, Esther Sophia Sünderhaufs Studie über die "Griechensehnsucht" der Deutschen sowie Paul Martin Neuraths Innenansicht des Konzentrationslagers Dachau (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Stichwörter: Eclat, Finnland, Ukraine, Zürich, Delhi

TAZ, 02.02.2005

"Politik, aber auch Wirtschaft lösen sich zunehmend in 'Kultur' auf", meint Robert Misik. "Weltpolitik ist heute stark von der Vorstellung eines 'Kampfes der Kulturen' bestimmt." Aber für Misik sind das nur neue Wörter für eine alte Sache: Rassismus. "Der moderne Rassist ist in der Regel nicht der Meinung, der Andere sei genetisch minderwertig oder in irgendeiner naturwissenschaftlichen Hinsicht rassisch schädlich - er erlaubt sich nur den Hinweis, die Anderen haben eine andere Kultur. Die müsse nicht schlechter oder besser als die unsere sein, es reicht, dass sie eine fundamental andere ist, um den Schluss zu provozieren: Wir und die Anderen sollten uns besser nicht ins Gehege kommen. Was dann konkret meist heißt: Sie sollten bleiben, wo der Pfeffer wächst."

Weiteres: Gerrit Bartels war dabei, als Michael Crichton in Berlin sein neues Buch "Welt in Angst" vorstellte. Besprochen wird die Uraufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Der Bus" am Hamburger Thalia Theater: "Unter den vielen Religionsprojekten und -themen in dieser Spielzeit tritt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss, dessen "Bus" morgen auch in Bern Premiere hat, als der Jürgen Habermas des Theaters auf: Er versprachlicht das Sakrale und versucht, theologische Gehalte zu retten, ohne Erlösungswahn oder historische Hypotheken zu übernehmen", lobt Simone Kaempf.

Schließlich Tom.

FAZ, 02.02.2005

Heinrich Wefing warnt vor eine Bebauung des zentralen Berliner Schlossplatzes durch private Investoren, wie es in einem Papier des Bundesbauministeriums vorgeschlagen wird. Jürgen Kaube fürchtet, dass die vom Bundesverfassungsgericht einmal zugelassenen Studiengebühren nun erst nach Jahren der Grundsatzdiskussion verwirklicht werden. Lorenz Jäger spottet in der Leitglosse über den an britischen Schulen geplanten "Gay, Lesbian, Bisexual and Transgendered History-Month". Andreas Kilb schickt eine atmosphärische Reportage aus dem Cafe King in der Berliner Rankestraße, dem Ausgangspunkt des neuesten Fußball- und Wettskandals (viele schöne Fotos hier). Dirk Schümer fragt, was aus dem venezianischen Palazzo Grassi wird, nachdem die Industriellenfamilie der Agnellis dieses große Ausstellungshaus verkaufen will. Alexander Kosenina resümiert eine Londoner Tagung über Schiller (hier das Programm). Gustav Falke kritisiert die zögerliche Erinnerungspolitik der Humboldt-Universität, die nicht recht zu wissen scheint, wie der Naziverbrechen an der Uni gedacht werden soll.

Auf der Medienseite berichtet Richard Friebe, dass der Web-Blogger Ivan Noble, der auf der Website der BBC den Verlauf seiner Gehirntumorkrankheit festhielt, im Alter von 37 Jahren gestorben ist. Eva-Maria Lenz empfiehlt eine heute auf Arte laufende Dokumentation über Stalins Politik des Terrors, die sich bekanntlich auch in Retuschen historischer Fotos manifestierte. Michael Seewald setzt die Berichterstattung über den Kampf der Titanen ARD und ZDF um die Gestaltung des öffentlich-rechtlichen Abends fort. Jürg Altwegg meldet, dass der Nachrichtenmoderator Christophe Hondelatte des französischen Staatssenders Antenne 2 das Handtuch warf, nachdem Liberation ein kritisches Porträt über ihn brachte. Und Daniel Boese meldet, dass Tim Renner, einst Chef bei Universal Deutschland, in Berlin ein Radio namens Motor eröffnet hat, das vor allem Independent-Museik spielen soll.

Auf der letzten Seite bringt die FAZ die Laudatio Felicitas von Lovenbergs auf den Schriftsteller Hans-Christoph Buch, der den Preis der "Frankfurter Anthologie" erhalten hat. Jordan Mejias stellt den neuen Lieblingsautor von George W. Bush vor, Natan Sharansky, der es mit seinem Buch "The Case for Democracy, The Power of Freedom to Overcome Tyranny and Terror" (mehr hier) bis zu einer Einladung ins Weiße Haus brachte. Und Niklas Bender stellt die älteste französische Comicfigur vor, die kleine Bretonin Becassine.

Besprochen werden Mike Leighs neuer Film "Vera Drake", die Uraufführung von Klaus Pohls Stück "Anatom" in Wien, eine große Ausstellung des Malers Jean Helion im Pariser Centre Pompidou, Jörg Widmanns Oper "Das Gesicht im Spiegel in Krefeld", ein Madrider "Barbier von Sevilla" und ein Abend der Chanson-Sängerin Salome Kammer in Mainz.

SZ, 02.02.2005

Schlicht den Atem geraubt hat Joachim Kaiser das Tschaikowsky-Konzert des Glamour-Pianisten Lang Lang in München. Schnelligkeit, Eleganz - alles da: "Bei Lang Lang drängte sich der Eindruck auf, seine Reserven glichen einem Mercedes mit Turbomotor. Von einem gewissen Tempo an, wenn rasend rasche Doppeloktaven oder heftige Bravour geforderten waren - dann tauchten plötzlich ganz neue Energie-Reserven im Spiel des jungen Virtuosen auf." Aber Kaiser glaubt auch Lang Langs Grenzen erkannt zu haben: "Was seinem Spiel - gemessen an den Interpretationen, die Tschaikowkys Konzert zwischen Horowitz und Gilels, Gieseking und Argerich im Lauf der Jahrzehnte abgewonnen wurden - zu fehlen schien, war gleich zu Beginn die ekstatische Kraft. War zwingende Koordination zwischen ausufernden Ritardandos und dem Geist des Allegro. War im Andante doch die tonliche Individualität. War beim Thema des Finales der con-fuoco-Witz."

Weiteres: Im Interview mit Jörg Königsdorf erklärt der britische Geiger Daniel Hope, warum ihn "Zirkusmusik a la Paganini" nicht interessiert. Bernd Graff warnt vor den Folgen des Software-Grabens, der digitalen Teilung der Welt zwischen Arm und Reich, und stellt auch gleich klar: Mit dem Hinweis auf freie Software braucht man den armen Länder gar nicht erst zu kommen - es muss schon Microsoft sein. Alexander Kissler berichtet, dass Kanada nach einem öffentlichen Selbstmord über die Sterbehilfe streitet. Willi Winkler verabschiedet Lucien Carr, die "schwarze Muse" der Beat Generation. Auf der Medienseite berichtet Hans-Jürgen Jakobs über Springers Avancen auf dem deutschen Fernsehmarkt.

Besprochen werden Alexander Paynes runde Wein-Komödie "Sideways", die Schau der Sammlung Otto van de Loo "Leidenschaft für die Kunst" in der Münchner Pinakothek der Moderne, eine Edition der Pariser Rundfunk-Mitschnitte des jüdisch-ukrainischen Dirigenten Jascha Horenstein aus den fünfziger und sechziger Jahren, eine Aufnahme von Halevys Oper "La juive" mit Neil Shicoff, die Uraufführung von Klaus Pohls Stück "Anatom" an der Wiener Burg und Bücher, darunter Javier Marias' Roman "Dein Gesicht morgen" und Klaus H. Kiefers Aufsätze zur Aufklärung "Die famose Hexen-Epoche" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).