Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.12.2004. In der NZZ plädiert der Soziologe Karl-Otto Hondrich für eine Aufnahme der Türkei in die EU. In der Welt fürchtet Jaromir Sokolowski, dass die Ukraine auf dem Altar der Realpolitik geopfert wird. In der FR untersucht der Germanist Manfred Schneider den Begriff der Parallelgesellschaft. Die FAZ kritisiert die Berliner "Carmen" unter Daniel Barenboim als allzu langsam. Aber der Don Jose!

NZZ, 06.12.2004

Die Türkei muss in die EU! Zumindest, wenn Europa die Brücke zwischen den USA und der islamischen Welt sein will, als die sie sich selbst gerne sieht, meint der Frankfurter Soziologe Karl Otto Hondrich. Denn die Türkei bietet Europa nicht nur ein starkes militärisches Element, sie steuert in der Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus eine Legitimation bei, über die sonst kein säkularer Staat, auch kein christliches Europa verfügt. "Es ist eine islamische Legitimation. Mit einer europäisch-islamischen Türkei steht Europa im Kampf der Kulturen nicht mehr nur auf einer Seite, sondern wächst in die Rolle, in der es sich am liebsten sieht: als gewaltloser Vermittler, nationale und religiöse Identitäten nicht aufhebend, aber in einer weiteren Identität überwölbend. Als Legitimator, nicht als Terminator."

Weiteres: Erika von Wietersheim schildert, wie sich die Nachkommen des berüchtigten deutschen Generals von Trotha mit denen des Herero-Führers Maharero zur Aussöhnung getroffen haben. Ursula Seibold-Bultmann meldet aus gegebenem Anlass die Neueröffnung des Leipziger Museums der bildenden Künste. Patricia Benecke berichtet von der Initiative "Shakespeare and Islam" des Londoner Globe Theatre mit dem Ziel, "elisabethanische Haltungen zur muslimischen Welt zu erforschen". Klaus Englert fragt sich, ob die Zeche Zollverein in Essen auf die Rote Liste der Unesco kommt.

Besprechungen gelten einer Inszenierung des "Fliegenden Holländers" in Zürich sowie einer Ausstellung über "Kindheit in der Kunst" in Lugano.

Auf den Architektur- und Design-Seiten schreibt Hubertus Adam über die Umgestaltung von King's Cross, wo die Dönerbuden und Ramschläden hippen Galerien weichen und bis 2015 ein neues Stadtareal, ganz ohne High-Tech-Hochhäuser, entstehen soll. Marco Rossi stellt neue Tendenzen in der japanischen Gegenwartsarchitektur vor, die nur schwer auf einen Nenner zu bringen sind, allenfalls auf diesen: "Ihr gemeinsamer Nenner könnte vielleicht sein, dass sie sich irgendwo im Einflussbereich zweier Pole bewegen: der japanischen Ideenwelt und Formensprache einerseits und der westlichen Vorbilder anderseits." Porträtiert werden ferner die Visionen der Architekten Heinz Moser und Roger Nussbaumer, die derzeit mit dem Bau des "Wukesong Cultural and Sports Center" (mehr hier) für die Olympischen Spiele 2008 in Peking beschäftigt sind.

FAZ, 06.12.2004

Gar nicht zufrieden ist Eleonore Büning mit der neuen, von Martin Kusej inszenierten "Carmen" an der Berliner Staatsoper. Daniel Barenboim dirigiert einfach zu furtwänglerhaft breit, meint sie: "mit seinen eigenwillig verschleppten Ritardandi und mitunter extrem langsam vorgegebenen Tempi, wodurch die bunte und federleichte Mittelmeermusik, die gewöhnlich in zweieinhalb Stunden wie ein Naturphänomen vorbeifliegt, sich verwandelt in eine schwermütige kalt-deutsche Bekennermusik von schier parsifalesker Dauer und von beinahe brucknerischem Pathos... Erst nach drei Stunden und dreißig Minuten, zu einem Zeitpunkt also, da an anderen Stadttheatern die Pforten nach einem 'Carmen'-Abend längst geschlossen und die Garderobieren nach Hause gegangen sind, biegt der Maestro in die Zielgerade des vierten Aktes ein." Der Trost ist Mexikaner, heißt Roberto Villazon und singt den Don Jose: "ein schön timbrierter, lyrischer Tenor, der mit Leichtigkeit bereits den Stahl des Heldentenors abrufen kann."

Weitere Artikel: Heinrich Wefing lässt sich im Aufmacher von einer Idee Nicolas Sarkozys inspirieren (die der französische Politiker unter anderem neulich in der Welt verteidigte) und fordert, dass der Staat den Moslems Moscheen baut, um diese sanft und integrationswillig zu stimmen. Tilman Spreckelsen singt in der Leitglosse ein Loblied auf die schöne Schweizer Zeitschrift Du. Edo Reents hat in Heidelberg einer Tagung über Thomas Mann zugehört. Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, die späte Stasi-Enthüllungen aus ihren Ländern präsentieren. Timo John freut sich über die Restaurierung der barocken Torhäuser in der Stadt Ludwigsburg. Eleonore Büning gratuliert dem Gründer des LaSalle-Quartetts, Walter Levin, zum Achtzigsten. Günter Platzdasch berichtet über Versuche, ehemalige DDR-Symbole mit Markenschutz versehen zu lassen.

Auf der Medienseite freut sich Hans W. Geißendörfer im Interview mit Michael Seewald, dass die "Lindenstraße", deren inszenatorischer Herr er ist, bis mindestens 2008 ungeschoren fortgesetzt werden kann.

Auf der letzten Seite wird die Rede des Kunsthistorikers Werner Hofmann zur Eröffnung des Museums der bildenden Künste in Leipzig dokumenitert. Edo Reents liest noch mal in den "Buddenbrooks" nach, was man seinerzeit zu Weihnachten speiste. Und Kerstin Holm porträtiert den Musiker Frank Strobel, der für die Rekonstruktion von Prokofjews Originalmusik zu Eisensteins Film "Alexander Newski" einen hohen russischen Orden erhielt.

Rezensionen gelten einer großen Ausstellung des Renaissance-Malers Fra Carnevale in der Mailänder Pinakothek, einem "Nathan", inszeniert von Karin Neuhäuser, in Frankfurt, einer "Penelope",die aus Hans Wollschlägers "Ulysses"-Übersetzung extrahiert wurde, in Bamberg und einigen Sachbüchern, darunter Jörg Meulenhauers "Lexikon der Geschichtsirrtümer". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

Welt, 06.12.2004

Auf den Forumsseiten fürchtet Jaromir Sokolowski, dass die Ukraine bei aller neu errungener Sympathie auf dem Altar der Realpolitik geofert werden könnte. "Man muss sich heute fragen, was uns Polen, Deutschen und Europäern mehr wert sein soll: die Annerkennung des Rechts auf Selbstbestimmung, Demokratie und Menschenwürde auch bei unseren europäischen Nachbarn in der Ukraine - oder die 'Ruhe im Osten' und die realpolitische Anerkennung, dass es in Europa Gleiche und Gleichere gibt? Es gibt Stimmen, dass man die Ukraine vielleicht doch auf dem Altar der europäisch-russischen strategischen Partnerschaft opfern sollte. Das ewige Licht auf diesem Altar brennt dank des russischen Gases ja noch, und die Kapelle, in der er steht, wird beheizt mit russischem Öl. Zu den Opfergaben gehören der Handel, die Träume von einer multipolaren Weltordnung und der sogenannte Kampf gegen den internationalen Terrorismus."

In seinem holländischen Tagebuch wird Leon de Winter grundsätzlich: "Es geht um die Freiheit der Religionskritik, und solange der Islam, so unterschiedlich er auch von Land zu Land praktiziert wird, sie nicht zugestehen kann, bleiben die Völker, deren Wertesystem auf dieser Religion gründet, von der Modernität ausgeklammert."
Anzeige

FR, 06.12.2004

Der Germanist Manfred Schneider inspiziert das Modewort von der Parallelgesellschaft und wird in der Astrophysik fündig, wo Parallelwelten vermutet werden, die mit Doppelgängern von uns bevölkert sind. Die Wesen der Parallelgesellschaft gleichen uns also. Der Mörder von Theo van Gogh etwa verfasste seinen Botschaft in Gedichtform. "Dieses Gedicht entspricht einem niederländischen Brauch, nämlich dem Geschenkgedicht, das man einer Gabe beilegt. Die Aliens aus der vermeintlichen Parallelgesellschaft der Muslime, die uns angeblich so fern ist, dichten wie wir selbst." Und der Täter selbst "lebte im Wahn einer jüdischen Parallelgesellschaft, um nicht zu sagen, einer jüdischen Weltverschwörung, ein Wahn, von dem wir Deutschen knapp 60 Jahre mühselig kuriert sind."

Weiteres: Hilal Sezgin nutzt Times mager, um vor getarnten Testosteronschlümpfen zu warnen. Besprochen werden Lessings Aufklärungsstück "Nathan der Weise" in Kassel und Frankfurt ("aber das Stück bleibt seltsam stumm", muss Peter Michalzik feststellen), und mehrere lokale Ereignisse, sowie Bücher, darunter der Wälzer "Lindenstraße. 1000 Folgen in Text und Bild", Brigitte Seebachers Porträt des Genossen "Willy Brandt" sowie Klaus-Peter Matschkes Geschichte der Türkenkriege "Das Kreuz und der Halbmond" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 06.12.2004

Im New York Times Magazine fragt Ian Buruma (dessen großartiges Buch "Chinas Rebellen" in unserer Presse allzuwenig gewürdigt wurde), ob islamische Demokratie speziell im Irak möglich sei. Oder ist der Begriff "nachgerade bedeutungslos wie 'jüdische Wissenschaft' oder widersprüchlich wie 'Volksdemokratie' unter dem Kommunismus?"

TAZ, 06.12.2004

Thomas Winkler beschreibt, wie Plattenfirmen versuchen, noch etwas von der Welle deutscher Popmusik mitzubekommen. Vorbild für das Marketing sind ausgerechnet unabhängige Label mit ihren unabhängigen Bands. "Weil das Modell 'Wir sind Helden' aber seine Attraktivität zu einem Großteil aus seiner Authentizität bezog, war klar, dass man die Imitatoren nicht einfach durch ein Casting ermitteln konnte wie eine Boyband. Also begaben sich die Scouts der Firmen auf die Suche nach bereits existierenden, nach Möglichkeit blutjungen Bands. Da das Angebot an deutsch textenden Damen aber auch anderthalb Jahrzehnte nach der Hamburger Schule noch recht überschaubar war, wurden Bands, die wie Juli oder Silbermond mit englischen Texten begonnen und mit ihnen unter Vertrag genommen worden waren, kurzerhand umgeschult. Der Rest ist Promotion."

Der Autor Wladimir Kaminer sieht sich an, wie der Tschetschenienkrieg in Literatur, Film und populärer Musik verarbeitet wird. Tschetschenen und Russen, alle hören etwa die dreifache Mutter Lisa Umarowa, "mit Sicherheit die unbestrittene Nummer eins in der tschetschenischen Hitparade, wenn es eine solche gäbe". Auf der Medienseite stellt Hannah Pilarczyk die beiden "schönen" Wissensmagazine von ZEIT und SZ vor, denen sie das Diktum von Alfred North Whitehead ersparen möchte: "Wissen hält nicht länger als Fisch".

In der zweiten taz vertritt Bernhard Pötter die amüsante These, dass im Westen im Sommer, im Osten dagegen meist bei Minusgraden rebelliert wird. Niklaus Hablützel rümpft über die politische DSL-Offensive verächtlich die Nase. Eine einsame Besprechung widmet sich Carol Tullochs Reader "Black Style" zur Mode der schwarzen Diaspora in Amerika, Großbritannien und Westafrika.

Gerhard Schröder besucht China, und Georg Blume bestreitet ganz alleine einen kleinen China-Schwerpunkt. Als Thema des Tages beschreibt er, wie in der Provinz Anhui Bauern ihre korrupten Kader verjagt haben und sich nun selbst verwalten. Im Meinungsteil kritisiert er den Kanzler, die Deutschen unzureichend auf die sozialen Folgen der Chinainvestitionen hiesiger Unternehmen - sprich die Arbeitsplatzverlagerung - vorbereitet zu haben.

Und schließlich Tom.

SZ, 06.12.2004

"Sehr lebhafter, verständlicherweise auch sehr erschöpfter, nicht allzu langer Beifall." Joachim Kaiser bespricht Andreas Kriegenburgs Mammut-Inszenierung von Hebbels "Nibelungen" an den Münchner Kammerspielen. Der Schluss ist ihm zu lieblos, der Witz dagegen findet seinen Zuspruch. Es wurde viel gelacht, was ja nicht leicht sei bei diesem Autor. "Noch lustiger nahmen sich die Tanzstunden aus, die Gunther hier der ihm unzähmbaren Brunhilde erteilt, und die jedes Mal damit enden, dass er heftig verdroschener zweiter Sieger bleibt. Nun könnte man lange darüber nachdenken, ob es je einen deutschen Autor von Rang gab, der noch humorloser war als Hebbel. Wenn Hebbel humoristisch wird, so hat man immer etwa den Eindruck, dass eine Hyäne Pfötchen gibt."

Den Incredibles der Pixar-Studios ist gleich eine ganze Seite gewidmet. Tobias Kniebe freut sich in seiner Besprechung des Films, dass der Superheld "ganz wie zu glorreichen John-Barry-Zeiten, auf dem Soundtrack von gedämpften Posaunen begrüßt wird". Gerhard Matzig analysiert den futuristischen Sixties-Style des Films und fragt: "Was haben wir nun, wenn die Familie Parr beim Abendessen zusammensitzt? Dann sitzen die Utopie, die Spannkraft, die Transparenz und der Rausch der Geschwindigkeit (ja, und das Baby Jack-Jack!) an einem Tisch. Die Familienmitglieder 'Parr' sind demnach nichts anderes als die Familienmitglieder der 'Moderne'."

Weitere Artikel: Thomas Urban feiert die Wiederkehr der einst weltbekannten Metropole Kiew als Subjekt der Geschichte und erinnert daran, dass hier noch nie zuvor rebelliert worden ist. Sonja Zekri erzählt die Geschichte der Freundschaft zwischen Bankier Alfred Herrhausen und der Studentin Tanja Langer. "G.K." polemisiert über Berliner Schlossinitiativen und Abrissstops. Fritz Göttler spekuliert mit den Engländern um einen schwarzen James Bond (so sieht er aus). Gemeldet wird, dass Viva-Moderatorin Charlotte Roche in den Streik getreten ist.

Auf der Medienseite stellt Thorsten Schmitz eine israelische Fernsehshow vor, in der die Kandidaten in England und Frankreich Werbung für Israel machen müssen. Martin Zips porträtiert den Theatermimen, Seriendarsteller und "Tatort"-Kommissar Charles Brauer.

Besprochen werden Martin Kusejs und Daniel Barenboims "Carmen"-Version in der Berliner Lindenoper, ein Abend mit dem Stuttgarter Ballett, Strawinsky und drei verschiedenen Choreographen, und Bücher, darunter die Übersetzung von Antonio Lobo Antunes' Erstlingsroman "Elefantengedächtnis", der Sammelband "Kindheit und Geschichte" mit frühen Aufsätzen und Glossen des italienischen Philosophen Giorgio Agamben sowie Lena Goreliks Debütroman "Meine weißen Nächte" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).