Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.09.2004. Die NZZ erklärt uns die Geschäftsmodelle amerikanischer Weblogs. In der FR beruhigt uns der Philosophieprofessor Josef Früchtl: Man darf Hitler ruhig als Menschen sehen. In der taz erklärt der britische Soziologe Paul Gilroy, was unter Black Atlantic zu verstehen sei. In der SZ besucht der palästinensische Autor Hassan Kader seine Lieblingsbuchhandlung in Kairo - und kommt deprimiert wieder heraus. Im Tagesspiegel erklärt der Philosoph und Neurobiologe Peter Bieri, warum wir auf die Vorstellung des Freien Willens nicht verzichten sollten.

NZZ, 24.09.2004

Auf der Medien- und Informatikseite berichtet Martin Hitz über Geschäftsmodelle amerikanischer Weblogs. Immerhin 30 Weblog-Autoren waren beim Parteitag der amerikanischen Demokraten akkreditiert. "Auf monatlich weit über drei Millionen Besucher bringen es heute die bekanntesten US-Weblogs, und immer öfter verweisen auch etablierte Medien auf Beiträge von Bloggern." Wie aber damit Geld verdienen? Zum Beispiel durch herkömmliche Online-Werbung. Der Journalist J. D. Lasica nimmt damit "nach eigenen Angaben immerhin mehr als 500 Dollar pro Monat" ein. "Die Akquisition der Werbebanner und -buttons überlässt Lasica dabei dem vor zwei Jahren gegründeten Anzeigenvermittler BlogAds, der die Werbeflächen von zurzeit rund 500 überwiegend in den USA beheimateten Weblogs vermarktet. Und das auf einer 20-prozentigen Kommission basierende Geschäftsmodell von BlogAds scheint sich zu bewähren. Nach Auskunft von Henry Copeland, CEO des Unternehmens, hat die Firma im zweiten Quartal des laufenden Jahres die Gewinnschwelle erreicht. Für den Monat Juli könne man gar einen gegenüber Januar 2004 verzehnfachten Umsatz ausweisen."

Weitere Artikel: S.B. erklärt, warum es mit der Anti-Spam-Technik nicht vorangeht. Karl Lüönd berichtet über eine Winterthurer Tagung zum Qualitätsmanagement von Zeitungen. H. Sf. begrüßt die kritischen Reaktionen deutscher Medien auf die Ausblendung Rechtsextremer im Fernsehen, erinnert aber auch "der Fairness halber" daran, dass die schreibende Presse, die ihre antifaschistischen Schlachten vor allem am Schreibtisch schlägt, in einer ungleich komfortableren Lage ist als das Fernsehen, das die Konfrontation mit den politischen Outcasts live und unter hohem Reaktionsdruck auszuhalten hat."

Im Feuilleton stellt Jürgen Ritte uns die Neuheiten des französischen Bücherherbstes vor: "Hatte Michel Houellebecq, der große Abwesende dieser Rentree, pauschal in den Achtundsechzigern die Verantwortlichen für seine private Misere ausfindig gemacht, so nutzen eben diese Achtundsechziger die Ruhe vor dem nächsten Houellebecq-Sturm, um ihre eigenen romanesken Erklärungen dafür zu liefern, wie es, so Marc Lambron, 'von Michel Foucault zu Jean-Pierre Foucault' (einem inzwischen nicht mehr ganz so erfolgreichen TV-Entertainer) kommen konnte. Mit anderen Worten: Warum ist das Land der Meisterdenker, der großen Intellektuellen und der gesellschaftlichen Utopien auf den bunten Hund von Mediengeflitter und Börsenspekulation gekommen?" Rittes Favorit ist Francois Bons (Homepage) Roman "Daewoo" (Fayard), der die Folgen der Schließung einer koreanischen Fabrik in Lothringen beschreibt: "François Bon hat mit 'Daewoo' den dokumentarischen Roman neu erfunden - und ihm, jenseits allen Miserabilismus, eine ästhetische Qualität verliehen, die das Gros der anderen Erzähler dieser Saison recht bescheiden aussehen lässt."

Weitere Artikel: Joachim Güntner tröstet die Leipziger, denen der Deutsche Bücherpreis weggenommen wurde: Der neue "Preis der Leipziger Buchmesse" ist viel schöner: "Kein Glamour, keine Gala, kein Butt in Bronze. Gut so." Ramin Schor stellt den Objektkünstler Mike Kelley vor, der im Wiener Museum moderner Kunst eine Ausstellung über das Unheimliche kuratiert. Besprochen werden eine Ausstellung zu Hans und Marlene Poelzig im Architekturmuseum Basel und die Uraufführung von Max Frischs "Stiller" in Basel.

Auf der Filmseite resümiert Roland Merk die siebente Biennale des arabischen Films in Paris. Besprochen werden der dänische Dogma-Film "Arven - Das Erbe" von Per Fly, "Open Water" von Chris Kentis und Michael Manns "Collateral".

FR, 24.09.2004

Der Philosophieprofessor Josef Früchtl stellt fest, dass Hitler ein Mensch und kein Alien war und meint, dass man das auch sagen und zeigen darf: "Der Film vermenschlicht Hitler und seine Gefolgschaft in der Tat, aber zunächst einmal schlicht anthropologisch und dann erst bescheiden moralisch. Er zeigt ihn als Teil der menschlichen Spezies und damit in seinen physischen Gebrechen und psychischen Schwankungen. Dass dabei auch moralische Züge zum Vorschein kommen, er sich von Zeit zu Zeit als freundlich und sogar charmant erweist, kann nur den verwundern, für den Hitler nicht zur Spezies Mensch gehört. Den Zwiespalt in der Figur Hitlers wahrzunehmen, sie als menschenmögliche Inkarnation des moralisch Unmenschlichen zu sehen, nimmt dieser nichts von ihrem Schrecken."

Weitere Artikel: Elke Buhr porträtiert die Nachahmungs- und Fälschungskünstlerin Elaine Sturtevant, der in Frankfurt jetzt eine große Retrospektive gewidmet ist. Max Frisch kehrt zurück auf die Schweizer Bühnen - allerdings mit seinen Romanen, zunächst dem "Stiller", wie Tobi Müller aus Basel berichtet. In Iserlohn hat man für den guten Zweck gesoffen, wie in Times mager zu erfahren ist: Jetzt geht es der insolvenzgefährdeten ortsansässigen Brauerei wieder gut. Im Medienteil wird der neue Star der Zeit vorgestellt: ein 20-bändiges Lexikon, A bis Bau erscheint am 11. November. Gemeldet wird, dass Zeitungslektüre Schulpflicht werden soll - wenn es nach dem Bundesverband deutscher Zeitungsverleger geht.

TAZ, 24.09.2004

Im Interview erklärt der britische Soziologe Paul Gilroy, was sein zum Titel einer Veranstaltungsreihe im Berliner Haus der Kulturen der Welt gewordener Begriff des "Black Atlantic" (mehr hier) zu bedeuten hat: "Meine Intention war, Kulturgeschichte aus dem engen Zusammenhang mit Nationen zu reißen und die Geschichte schwarzer Intellektueller - jawohl, es gibt sie! - in ein nuancierteres Verhältnis zu den edelsten Hervorbringungen der europäischen Ideengeschichte zu bringen. Die eigentliche Provokation des Buchs lag wohl darin, dass Kultur darin nicht mehr gemäß ihrem lateinischen Ursprungswort agricultura gedacht war, also als ein sesshaftes und bodenständiges Phänomen. Aus ebendieser althergebrachten Ökologie der Zugehörigkeit versuchte ich auszubrechen und in eine Umgebung einzutauchen, die ständig im Fluss bleibt." (Hier eine interessante Seite über Gilroy.)

Weitere Artikel: Harald Peters porträtiert den texanischen Musiker Ben Kweller, der schon allerhand erlebt hat : "Als Kind hatte Ben Kweller seine ersten Bands, mit 15 sollte er der neue Kurt Cobain werden, mit 18 hatte er sein erstes Comeback. Heute singt er traurige Lieder im Stil der Siebziger." Harald Fricke stellt das experimentierfreudige norwegische Label Smalltown Supersound vor.

In der zweiten taz berichtet Lennart Laberenz über die US-Armee als Chance für Immigranten - und darüber, dass diese sich nun in Kriegsgebieten wiederfinden. Beispielsweise "Samantha Velazquez Velazquez, mittlerweile 22 Jahre alt und Tochter mexikanischer Einwanderer, wurde Militärpolizistin, erst in Fort Lewis (Bundesstaat Washington), dann im Kosovo, in Mazedonien und im Pentagon, nun bei ihrer 'definitiv letzten Station', im Irak". Philipp Mausshardt widmet seine Klatsch-Kolumne aus aktuellen Anlässen heute dem Thema Ehescheidung. Henning Kober reist ab in die USA, um von dort ab sofort jeden Freitag von "jungen Utopisten" zu berichten, die er "Prunksters" nennt. Stefan Kuzmany hat ein Lehrer-Quiz entworfen.

Und Tom.
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SZ, 24.09.2004

Der heute in Ramallah lebende Autor und Herausgeber der Zeitschrift Al Karmel Hassan Kader hat nach dreißig Jahren seine Kairoer Lieblingsbuchhandlung wieder besucht. Eine traurige Sache: "Die Bücher, die heute in den Regalen stehen und draußen auf dem Boden liegen, geben nur einen blassen, pathetischen Abglanz vergangenen Ruhmes wieder. Keine kritische, säkulare Literatur aus Beirut, keine hochkarätigen Übersetzungen mehr. Und keine große Auswahl. Religiöse Literatur nimmt fast allen Raum ein. Die Tatsache, dass die religiöse Literatur mehr als den ihr zustehenden Anteil einnimmt, ist nicht nur der Eindruck des Besuchers nach so vielen Jahren Abwesenheit; sie wird auch vom Arab Human Development Report 2003 (AHDR) der Uno bestätigt. Er besagt, dass weltweit der durchschnittliche Anteil von religiösen Büchern fünf Prozent beträgt, während er in der arabischen Welt bei 17 Prozent liegt."

Weitere Artikel: Alexander Kissler verabschiedet den Nationalen Ethikrat, zu dessen Lebzeiten: "Als Wissensagentur wie als Konsensmaschine ist er gescheitert. Ihn aufzulösen, wäre vernünftig." Aus New York übermittelt Andrian Kreye seine Eindrücke vom ersten ausschließlich dem Jazz gewidmeten Konzertsaal - Wynton Marsalis hat ihn bauen lassen. Von einem Berliner Symposion zur Flick-Collection berichtet Arno Orzessek - der Sammler kam dabei, wie es scheint, bestens weg. Reinhard J. Brembeck bespricht ein Konzert der Münchner Philharmoniker mit der Geigerin Leila Josefowicz. Glossiert wird ein Fall von Architekturtourismus-Angst, der womöglich einen Gehry-Bau in Kalifornien verhindert. Kolportiert werden Anti-Bush-Äußerungen von Robert Redford.

Außerdem: Aus Warwickshire berichtet Alexander Menden vom frisch restaurierten Landhaus Compton Verney - und den darin ausgestellten 92 Koffern von Peter Greenaways Tulse-Luper-Projekt. Im Interview erklärt der britische Soziologe Paul Gilroy, Co-Kurator der Veranstaltungsreihe "Black Atlantic" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, den von ihm geprägten Begriff, der der Reihe den Titel gibt. Besprochen wird Jean-Jacques Annauds Tigerfilm "Zwei Brüder". Gemeldet wird der Tod des Architekten Edward Larrabee Barnes.

Auf der Literaturseite finden sich Besprechungen zu Sven Regeners Roman "Neue Vahr Süd", einem Hörbuch mit Albert Camus' "Der Fall" und einem Bericht aus der Kinderpsychologie (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr). Zum Satzbau, genauer zur Proklise, äußert sich der Autor Lutz Seiler.

Tagesspiegel, 24.09.2004

Gregor Dotzauer unterhält sich mit dem Philosophen und Neurobiologen Peter Bieri (mehr hier), der den Freien Willen gegen die Angriffe von Hirnforschern wie Wolf Singer verteidigt. Auf die Frage "Was würde passieren, wenn wir das Vertrauen in die Verantwortung des Menschen für seine Taten verlieren?" antwortet er: "Es wäre ein Alptraum. Wir würden alles verlieren, was uns an menschlichen Beziehungen wichtig ist. Stellen Sie sich vor, wir wachten morgen auf und hätten die Sprache des Handelns, Wollens und Begründens vergessen. Wir wüssten nicht mehr, wie wir den Menschen um uns herum begegnen sollten. Wir wären für einander nur noch Meteoriten - unverständliche Körper, denen man besser aus dem Weg geht. Wir haben die Sprache des Geistes und des freien Willens geschaffen, um die anderen und uns selbst als Personen sehen zu können. Im Übrigen ist es fraglich, ob wir aufhören könnten, uns so zu sehen. Doch vor allem wollen wir damit nicht aufhören."
Stichwörter: Wolf Singer

FAZ, 24.09.2004

Volker Weidermann war dabei, als im Offizierskasino des Springer-Gebäudes in Berlin das idealistische Zeitschriftenprojekt Der Freund von Christian Kracht der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Heinrich Wefing kritisiert in der Leitglosse die Eilfertigkeit und Großspurigkeit, mit der man sich in Berlin die Flick-Sammlung angeeignet habe. Zhou Derong schildert Auseinandersetzungen zwischen China und Japan über die Frage der Schuld im letzten Krieg - Japan will den Krieg eher als traditionelles Scharmützel zwischen notorischen Erbfeinden verstanden wissen.

Auf der Medienseite vermutet Michael Hanfeld, dass die Rundfunksender durch die Erfindung einer Gebühr für internetfähige Computer glatte drei Milliarden Euro einnehmen könnten. Der Juraprofessor Hans-Joachim Cremer fragt nach den Auswirkungen des Caroline-Urteils auf die deutsche Rechtspraxis. Und Nina Rehfeld schildert die mangelnde Fortüne des Senders CBS, der keine anständigen Fernsehserien mehr zustande bringt und auf erfundene Informationen über George W. Bush hereinfiel.

Auf der letzten Seite berichtet Lerke von Saalfeld über eine Konferenz in Dunhuang im Nordwesten Chinas, die der Restauration der einmaligen buddhistischen Höhlenmalereien der Mogao-Grotten (mehr hier) galt. Esther Kilchmann resümiert ein Frankfurter Kolloquium von Autoren und Juristen über die Frage, wie weit Schlüsselromane gehen dürfen. Und Michael Seewald porträtiert die Fernsehschauspielerin Katja Weitzenböck (Homepage).

Besprochen werden eine Dramatisierung von Max Frischs "Stiller", inszeniert von Lars-Ole Walburg, in Basel, eine Choreografie des Antitanz-Genies Jerome Bel, ausgerechnet in der Pariser Oper, eine Ausstellung über den Mythos Bayern im Münchner Stadtmuseum (sehen Sie sich diese Hunde an!), die wiederentdeckte Operette "Re Enzo" von Otto Respighi in Bologna, Angela Schanelecs Film "Marseille", ein Konzert des Saxofonisten Emil Mangelsdorff in Frankfurt und einige Sachbücher, darunter eine gewichtig besprochene Enzyklopädie über die Ducks.