Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.07.2004. Die Zeit outet die Berserker der deutschen Dramatik als neoromantisch. SZ und FR verehren Anton Tschechow. In der taz beschreibt der libanesische Schriftsteller Selim Nassib, warum Abu Ghraib die Araber noch paranoider gemacht hat. In der Welt erklärt der Historiker Gadi Taub, warum er Ariel Sharon dankbar ist. Die NZZ besucht die Kartause von Padula. Und die FAZ hat den offiziellen chinesischen Sommerferienfilm gesehen.

Zeit, 15.07.2004

In dieser Woche läuft die Theaterkritik zu Höchstform auf. Im Aufmacher mit dem tollen Titel "Unsere traurigen Berserker" leiht sich Peter Kümmel einen französischen Blick auf das deutsche Theater, das derzeit in Avignon zu sehen ist: "Was die Franzosen wohl am meisten frappiert am deutschen Theater, das ist dessen Lust am Schmerz, der geheime Überdruss am eigenen Stilwillen und eine Hoffnung auf Erlösung von allem Ästhetischen. Die meisten Theaterabende in Avignon sind, sozusagen von der ersten Minute an, zu lang. Und sie wollen es sein. Demonstrativ lässt man Zeit verstreichen, suhlt sich im wertlosen Moment: weil man es sich leisten kann, weil man jenem System angehört, das nichts verkauft, sondern Kunst macht, das sich nicht dem Markt, sondern der Wahrheit verschrieben hat."

Aus New Yorker Sicht beschreibt Robin Detje die deutsche Dramatik der "Slacker- und Träumer-Generation" beim Festival New German Voices so: "Die Texte wollten sich nicht aus ihrer Wohlstandsblase aus neoromantischer Geheimnistuerei und versponnener Philosophistik herauslocken lassen. Je leidenschaftlicher, strahlender, verschwitzter oder verweinter die amerikanischen Schauspieler vor ihnen bettelten, desto koketter beharrten die Stücke darauf, eigentlich nur Sprachmusik für Intellektuelle zu sein."

Und von Italien aus schwärmt Regisseur Peter Stein im Gespräch mit Barbara Lehmann über Tschechow, klagt, dass sich niemand mehr für ihn interessiert, und gibt den heutigen Theatermachern ordentlich eins mit: "Diese Art von hysterischem Aufgeregtheitstheater ist doch unwahr, weil es sich tatsächlich nicht bezieht auf die konkreten Gegebenheiten der Gesellschaft. Die jungen Regisseure beschäftigen sich nur mit Drogenabhängigen, Pennern und Halbverrückten, und selber kaufen sie dauernd Armani-Hosen und gehen in den Duty-free-Shop. Gucken Sie sich die Burschen doch an!"

Weiteres: Dietmar Polaczek strapaziert die Freunde Italiens mit einem Bericht von der "Dauerkatastrophe des italienischen Fernsehens". Dort ist Ministerpräsident Berlusconi nach dem Rausschmiss des Finanzministers jetzt auch für die RAI zuständig. Interessenkonflikte mit seinem Medienimperium Mediaset gibt es nicht, ließ Berlusconi mitteilen. Katja Nicodemus schreibt zum Tod von Inge Meysel. Thomas Assheuer berichtet kritisch von den Überlegungen des Ägyptologen Jan Assmann zu den religiösen Wurzeln moderner Gewalt.

Besprochen werden die in Hamburg gestartete Wanderaustellung "Zwei deutsche Architekturen 1949 - 1989", Morgan Spurlocks McDonalds-Dokumentation "Super Size Me", Frank Oz' Film "Die Frauen von Stepford", die neue CD "Van Lear Rose" der Country-Königin Loretta Lynn.

Im Politikteil ist ein Essay des Historikers Michael Ignatieff zu lesen: "Im Irak macht Amerika nicht Geschichte, sondern es ist deren Spielball. In der Region insgesamt ist Amerika kein hegemonialer Akteur, sondern nimmt zögerlich Einfluss auf Kräfte, die es kaum begreift. Im Nahen Osten sehen die Vereinigten Staaten scheinbar hilflos dabei zu, wie die Israelis territoriale Fakten schaffen und die Palästinenser noch mehr Selbstmordattentäter rekrutieren. Dies alles zeigt, dass die Welt nicht existiert, um nach amerikanischen Wünschen geformt zu werden."

Im Aufmacher des Literaturteils singt Gabriele Killert eine Hymne auf den "letzten großen Metaphysiker der Literatur", auf Isaac Bashevis Singer.

FAZ, 15.07.2004

Die Partei in China hat beschlossen, dass es künftig einen chinesischen "Sommerferienfilm" geben soll und deshalb "alle amerikanischen Produktionen aus den Kinos verbannt", berichtet Zhou Derong auf der Kinoseite. Der erste offizielle Ferienfilm ist Zhang Yimous Martial-Arts-Film "Shimian Maifu" (Haus der fliegenden Dolche). Zhou Derong geht mit dem Regisseur recht hart ins Gericht: "Zhang spielt in seinen Filmen mit der Farbe Rot. Rot ist eine mehrdeutige Farbe. In China symbolisiert sie Kraft und Glück, im Westen wird sie mal als konfuzianisch, mal als kommunistisch gedeutet. Für welche Variante auch immer die Kritiker sich entscheiden, Zhang Yimou ist stets der Gewinner." Angeregt wurde die Parteiaktion durch den Riesenerfolg von Feng Xiaogang, den "beliebtesten chinesischen Regisseur, der freilich noch nie an einem westlichen Filmfestival teilgenommen hat und den man im Gegenzug im Westen ignoriert. Seine Filme kommen stets pünktlich zum chinesischen Frühlingsfest. Und sie sind so beliebt, dass das Publikum vor den Kinos Schlange steht ..."

"Das Theater entmachtet den Dramatiker", stellt Gerhard Stadelmaier nach einem Blick auf die Spielpläne der vergangenen und kommenden Saison fest. Neue Stücke nirgends in Sicht. Statt dessen werden Filmstoffe oder Romane aufbereitet. Entmachtet wird der Dramatiker vom Regisseur, der so zum Autor wird. Mit üblen Folgen: "Der Regisseur als Verwertungs- und Nachmachdirektor ist hier nicht mehr nur Herr und Herrscher über die alten Stücke, die er sich und seinen persönlichen Assoziationen und Obsessionen ('Das, was mich daran interessiert', lautet seine ständige Floskel) unterwirft, sondern endlich Herr über neues Leben und neuen Stoff. Den er sich anverwandelt und der ihm schon beim Transport vom Kino oder von der Erzählung aufs Theater das Gefühl vollkommener Allmacht gibt."

Weitere Artikel: Elke Heidenreich erklärt Carson McCullers "Das Herz ist ein einsamer Jäger" zu ihrem Lieblingsbuch. Joachim Seng meldet ein Fundstück aus dem Nachlass Hugo von Hofmannsthals: die Todesanzeige für seinen Sohn. Lorenz Jäger schreibt zum Hundertsten des Kunstpsychologen Rudolf Arnheim. Wolfgang Sandner schreibt zum Siebzigsten des Komponisten Harrison Birtwistle. Michael Jeismann schreibt zum Tod des Schriftstellers und Essayisten Lothar Baier. Gemeldet wird, dass die Wiener Staatsoper eine Parsifal-Inszenierung des Aktionskünstlers Hermann Nitsch abgesagt hat, der darüber "tief beleidigt" ist, dass Barbara Mundel vom Theater Luzern neue Intendantin der Städtischen Bühnen in Freiburg wird, und dass der pakistanische Lyriker und Journalist Aftab Husain nicht aus Deutschland nach Indien abgeschoben werden darf.

Auf der Kinoseite stellt ein begeisterter Bert Rebhandl den "World Cinema Atlas" der Cahier du Cinema vor ("Das Heft ist zweisprachig und erfasst dreiunddreißig Länder.") Andreas Rossmann sieht "Das Wunder von Bern" auch als einen "Film über das Ruhrgebiet". Drei Autoren erklären uns kurz, warum Blake Edwards' Film "Der Partyschreck" - gerade auf DVD erschienen - "einer der lustigsten Filme aller Zeiten ist". Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld den Verkauf des Filmstudios Babelsberg an die "Berlin-Münchner Carl Woebcken und Christoph Fisser. Sie kaufen Babelsberg zum symbolischen Preis von einem Euro, Vivendi gibt ihnen zudem eine Mitgift von achtzehn Millionen Euro mit." Kerstin Holm skizziert die Situation in Moskau nach dem Mord an Forbes-Chef Paul Klebnikov. Kai. meldet, dass die Septemberausgabe der amerikanischen Vogue 850 Seiten umfassen wird, etwa 620 davon sind für Anzeigen eingeplant (Modeberichterstattung lohnt sich!)

Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Platthaus den Philosophen Bernard-Henri Levy, der in seiner Kolumne in Le Point seine Hauszeitung Le Monde gegen die Buchautoren Philippe Cohen und Pierre Pean verteidigte, die ihn jetzt verklagt haben. Rainer Liedtke erzählt uns, wie sich das neuzeitliche Athen entwickelte ("War ein chinesisches Restaurant vor zwanzig Jahren noch eine Rarität, kann man heute kulinarischen Genüssen jeder Art und aller Länder zusprechen.") Und Frank Pergande schreibt über Bismarcks Einfluss auf "das Eisenbahnwesen bis 1914".

Besprochen werden Morgan Spurlocks Dokumentarfilm über Fastfood "Super Size Me" ("Von Michael Moore unterscheidet Spurlock allerdings, dass er dem verantwortungslosen Handeln der Konzerne die Selbstverantwortung des Konsumenten gegenüberstellt: Wer diesen Film gesehen hat, wird lange keinen Big Mäc mehr essen", meint Verena Lueken), ein Konzert von B.B King in Frankfurt, eine Ausstellung zu westlichen Orientalisten im Topkapi-Palast in Istanbul und Roman Haubenstock-Ramatis Oper "Amerika" nach Kafka in Bielefeld.

TAZ, 15.07.2004

"Die meisten Hunde in der arabischen Welt streunen herrenlos als Rudel umher, bellen die Passanten an und erhalten als Gegenleistung Fußtritte", schreibt der libanesische Schriftsteller Selim Nassib in einem Text über die arabische Mentalität und Selbstwahrnehmung. "Wie ein Hund behandelt zu werden, vollständig nackt an der Leine gehalten zu werden von einem uniformierten amerikanischen Mädchen mit jungenhaftem Gebaren, das ist für die Araber ein Albtraum. Und die Fotos, die diese Schande zeigen, sind um den Erdball gegangen. Ihre Wirkung ist umso schmerzvoller, als man in ihnen fälschlicherweise eine Wahrheit erblickt - dass dies der Ort, besser: der Nicht-Ort sein soll, der den Arabern auf der Welt zukommt. Abu Ghraib hat die Araber in ihrer paranoiden Wahrnehmung dieser Welt bestärkt. Seit Jahrzehnten sahen sie sich als die ewigen Opfer einer ungeheuerlichen, von den USA und Israel begangenen Ungerechtigkeit - die niemand wahrhaben will. Mit den Fotos ihrer Folter halten sie endlich den Beweis in den Händen, dass die Feindschaft, der sie ausgesetzt sind, nicht nur Wirklichkeit ist, sondern all ihre Vorstellungskraft übersteigt."

Weitere Artikel: "Der Sammler scheint inzwischen verstanden zu haben," kommentiert Brigitte Werneburgs Friedrich Christian Flicks Entscheidung, eine Studie über die Geschichte seiner Unternehmerfamilie während der NS-Zeit finanzieren. "Der Schritt, mit seiner Kunstsammlung in die Öffentlichkeit zu gehen, ersetzt nicht die kritische Debatte hinsichtlich des ererbten Vermögens und der damit verbundenen Unternehmensgeschichte. Im Gegenteil: Er macht sie notwendig."

Besprochen werden die Trilogie des belgischen Regisseurs Lucas Belvaux "Ein umwerfendes Paar", "Auf der Flucht" und "Nach dem Leben", Frank Oz' Horrorfilm "Die Frauen von Stepford", Paul Morrisons Film "Davids wundersame Welt" und Bücher, darunter medientheoretische Schriften von Rudolf Arnheim (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und selbstverständlich TOM.
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FR, 15.07.2004

"Völlig falsch wäre es, aus dieser Geschichte den Schluss zu ziehen, der Antisemitismus würde in Frankreich aufgeblasen", schreibt Martina Meister über den Fall der 23jährigen Marie-Leonie L., die drei Tage lang Frankreichs Medien mit einem erfundenen antisemitischen Überfall in Atem hielt. "Täglich werden antisemitische Vorfälle registriert, auch wenn sie in der Regel nicht so hohe Wellen schlagen, weil sie nicht so stark inszeniert sind wie das, was sich Marie ausgedacht hat, die ihre Geschichte im Übrigen an dem orientiert hat, was ein Bekannter von ihr tatsächlich erlebt hatte."

"Je älter ich werde, desto zeitloser erscheinen mir Tschechows Dramen", erklärt die Theaterregisseurin Andrea Breth (mehr hier) zum hundertsten Todestag von Anton Tschechow. "Oder Komödien? Er selbst besteht darauf, dass es Komödien sind. Sie sind es auch, weil sie so wahr, so gnadenlos, so grausam einfach und irrwitzig sind."

Weitere Artikel: Oliver Herwig erzählt, wie bei Regensburg zwei katholische Kirchen zu Lichtspielhäusern umgebaut worden sind: "Auch das kann ein Modell für die Zukunft sein, in der mehr Entscheidungen getroffen werden müssen über den Verbleib von Gotteshäusern in der Gemeinschaft." Rudolf Walter würdigt den Essayisten Lothar Baier, der sich in Montreal das Leben nahm. Hans-Jürgen Linke war beim Auftaktkonzert der Abschiedstournee des Blues-Musikers B.B. King in der Frankfurter Ballsporthalle dabei. Und auf der Medienseite berichtet Alexander von Streit, dass Aldi die Süddeutsche Zeitung wegen eines kritischen Artikels mit einem Anzeigenboykott belegt hat.

Besprochen werden Wladimir Bortkos Verfilmung von Michail Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" und Bücher, darunter die Korrespondenz von Sigmund Freud mit Max Eitingon (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Welt, 15.07.2004

Der israelische Historiker Gadi Taub setzt Ariel Sharon schon jetzt ein kleines Denkmal für seine Entscheidung, sich aus dem Gaza-Streifen zurückzuziehen: "Der größte Förderer der Idee vom 'Größeren Israel' hat das Scheitern dieser Idee verkündet. Manche Erklärungen haben das Format einer politischen Handlung: dies ist so ein Fall. Es ist ein Eingeständnis der Tatsache, dass die Besatzung nicht in Israels Interesse liegt. Sie dient uns weder sicherheitstechnisch, noch ökonomisch, noch lässt sie sich moralisch mit dem Zionismus vereinbaren. Israels raison d'etre als demokratischer jüdischer Staat kann das nicht überleben. Es ist nur recht und billig, wenn der führende Kopf der israelischen pieds noirs, der alte Falke, an der Spitze steht, wenn Israel dieses Eingeständnis nicht mehr vermeiden kann. Und wenn dem keine Ideologie mehr im Wege steht, werden praktische Fragen auf uns einstürmen. Stück für Stück wird der Pragmatismus die Reste abschleifen, die Armee und die Grenzen wieder auf die Region zurückführen, in der der Zionismus einen Sinn hat. Das Land hätte dann guten Grund, Scharon dankbar zu sein. Wenn wir dereinst auf diese Zeit zurückblicken, wird klar sein: niemand konnte Israels Aufenthalt in den Gebieten beenden, außer einem: Ariel Scharon."

Tagesspiegel, 15.07.2004

Beinahe wäre Christoph Nix Kulturdezernent in Köln geworden. Was den Rheinländern entgeht, lässt sich in Nix' kulturpolitischem Credo nachlesen, das der Tagesspiegel druckt: "Heute ... muss städtische Kulturpolitik sich der alten Trennungswunde erinnern. Sie muss Getrenntes zusammenführen, ein Dach für alle Künste errichten, Passive zu Aktiven, Zuschauer zu Akteuren machen, folglich die Menschen daran erinnern, dass sie alles schon einmal gekonnt haben: das Sammeln und Jagen, die Agrikultur und die Lebenskultur, das Singen, Tanzen, Sprechen und Erzählen. Wir brauchen eine künstlerische Alphabetisierungswelle. Wir brauchen aber auch Projektmanagement und Zielvereinbarungen in den Kulturapparaten."
Stichwörter: Christoph Nix

NZZ, 15.07.2004

Gabriela Vitiello schreibt über die Ausstellung "Le Opere e i Giorni" in der Kartause von Padula. Unter dem Thema "Vanitas" verwandeln moderne Künstler die Kemenaten in Ateliers und Installationen: "Anish Kapoor wurde vorübergehend Nachbar von Nam June Paik und Enzo Cucchi. Der amerikanische Minimalist Sol LeWitt bezog die Zelle Nummer 1, in deren Wandelgang Frank West und Tamuna Sirbilazde mit Hilfe von Sofa und Fernseher ein häusliches, dauerhaftes Ambiente installierten; und im Nebenraum ist Robert Gligorows 'Pray' von 2003 zu sehen, das den Künstler als modernen Eremiten auf einem Nagelbrett zeigt."

Alena Wagnerova stellt das Prager Literaturarchiv vor. Joachim Güntner schreibt einen Nachruf auf Lothar Baier. Besprochen werden Christopher Guests Musikfilm "A mighty wind" und Bücher, darunter Friedrich Wilhelm Grafs Studie "Die Wiederkehr der Götter" und eine Essay-Sammlung von Gore Vidal (mehr hier in der Bücherschau ab 14).

SZ, 15.07.2004

"Tschechows Menschen wissen, dass ihre Träume, ihre Sehnsüchte sich nicht erfüllen werden. Aber sie träumen weiter", schreibt der Theaterregisseur Werner Düggelin (mehr hier) über den Jahrhundert-Dramatiker Anton Tschechow, dem die SZ zu seinem hundersten Todestag die Seite eins des Feuilletons gewidmet hat. Zehn Regisseure erklären, was ihnen Tschechows Stücke bedeuten.

"Wir kennen seine tollen Figuren und Situationen praktisch auswendig, und wenn wir dann zuhause in seinen Stücken stöbern, und in uns gehen, stellen wir fest, dass Anton für uns plötzlich nur noch ein Bestätigungskunstmeister geworden ist," meint Regiekollege Stephan Kimmig (mehr hier), "und wenn wir dann wieder in seinen tollen Stücken sitzen, denken wir: 'Ja, da hat er recht, der Anton, wie er das alles weiß, spürt und hinkriegt, der Anton, und ist er nicht toll, unser Anton, der Tollste', und uns wird fade... "

Weitere Artikel: Caroline Pross gratuliert dem Kunstwissensschaftler und Medientheoretiker Rudolf Arnheim (mehr hier) zum hundertsten Geburtstag. Gottfried Knapp berichtet, der Neubau für die Sammlung Brandhorst in München wird so teuer werden, dass für die Pinakothek der Moderne und für die Graphische Sammlung kein Geld mehr übrig bleibt, dass also der Freistaat für eine Sammlung von Gegenwartskunst, die exakt so aussieht wie Dutzende ähnlich spekulativer Privatsammlungen, eines seiner bedeutendsten Kunstinstitute opfert. Volker Breidecker war auf dem Dokumentarfilmfestival im estnischen Pärnu, wo er die Erkenntnis gewann, dass die Trennung von Fiction und Non-Fiction überholt ist. C. Bernd Sucher hat beim Theaterfestival in Avignon einen miesepetrigen Frank Castorf und eine mäßig beklatsche Woyzeck-Inszenierung von Thomas Ostermeier gesehen und spricht trotzdem von einem seltsamen Glücksfall. Hans-Jürgen Balmes präsentiert Indizien, dass die aktuelle Abschiedstournee von B. B. King doch keine Abschiedstournee ist. Und auf der Medienseite porträtiert Hans-Jürgen Jakobs mit einiger Bewunderung Christoph Keese (mehr hier), den neuen Chef der Welt am Sonntag.

Besprochen werden Frank Oz' Film "The Stepford Wives", Cristina Comencinis Film "Der schönste Tag in meinem Leben", Brian de Palmas 1965 im New Yorker Museum of Modern Art entstandener Film "The Responsive Eye" mit Rudolf Arnheim, Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung des "Rosenkavaliers" an der Zürcher Oper und Bücher, darunter Anton Tschechows Schriften über das Theater und andere Tschechow-Neuerscheinungen (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).