Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.04.2004. Die taz befürchtet eine Professionalisierung der deutschen Literatur durch entsprechende Uni-Institute. Die NZZ bringt ein Gespräch mit Norman Manea. Im Tagesspiegel fragt sich der tschechische Schriftsteller Jachym Topol, ob er ein Osteuropäer ist. Die FAZ nimmt Abschied von William Forsythe. In der FR fordert der Bischof Franz Kamphaus: keine Toleranz für ihre Feinde. Die SZ sieht schwarz für Frankreichs "exception culturelle".

TAZ, 19.04.2004

Auffallend viele Jungschriftsteller sind Profis, haben also in Leipzig oder Hildesheim Schreiben gelernt, notiert Gisa Funck. Eine neue Literaturinstituts-Literatur will sie zwar nicht ausrufen, Ähnlickeiten unter den Newcomern gibt es aber ohne Zweifel. "Nachdem der Literaturbetrieb allzu lange borniert im Geniekult verharrt ist, droht das Pendel nun in die Gegenrichtung einer Handwerklichkeit umzuschlagen. Vielleicht ein bisschen zu stark. Der Erzählton ist bevorzugt pragmatisch-nüchtern. Die Syntax einfach und schnörkellos. Und statt Einschätzungen über eine Zukunft oder Vergangenheit zu wagen, halten sich Institutslehrlinge in der Regel lieber mit Urteilen zurück, um möglichst objektiv im Präsens zu berichten."

Ralph Bollmann unterhält sich auf der Tagesthemenseite mit Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan über Politik und politische Kultur. "Wir können uns in Deutschland nicht richtig streiten, weil uns ein tragender Grundkonsens gerade fehlt - ein Konsens darüber, was demokratische Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität für uns bedeuten."

Weiteres: In Sachen Flick-Sammlung weiß Brigitte Werneburg, dass sich der SPD-Abgeordnete Lothar Binding nicht mit der Stellungnahme der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu ihrem Geschäftspartner, einer Briefkastenfirma, abgeben will. Barbara Bollwahn erklärt, wie ein Geschäftsmann mit den symbolischen Überresten der DDR Geld verdient. Robin Alexander stellt in der zweiten taz die südafrikanische Tageszeitung The Star vor, die von allen Schichten Johannesburgs gelesen werden will. Gegründet übrigens mit deutschem Geld, das dem Gründer "heimlich in der deutschen Botschaft in einem Umschlag zugesteckt wurden" (Fakten zur Presse in Südafrika). Auf der Medienseite fragt sich Reinhard Wolff, ob die eher behäbige dänische Tageszeitung "Berlingske Tidende" mit der Veröffentlichung geheimer Irak-Papiere Staatsverrat begangen hat. Besprechungen widmen sich Sasha Waltz' Tanzstück "Impromptus" an der Berliner Schaubühne und Marc Espositos Hommage an die männliche Lebenskrise "Le Coeur des Hommes".

Schließlich Tom.

Tagesspiegel, 19.04.2004

Der tschechische Schriftsteller Jachym Topol ("Nachtarbeit") sinniert über seinen Status als Europäer: "In Hamburg in der Buchhandlung Thalia habe ich meine Bücher in einem Regal mit der Beschriftung 'Osteuropa' entdeckt. Viele von uns gab's da aber nicht! Eine größere Zahl von tschechischen und wohl auch polnischen und ungarischen Literaten könnte darüber ein wenig in Aufregung geraten: Was bitte? Wir sind doch Mitteleuropäer! Mit einer demokratischen und kulturellen Tradition und so weiter. Wer will uns da denn aus der wohlhabenden und glücklichen Gemeinschaft der westeuropäischen Schriftsteller ausschließen? Aber mir gefällt's. Der Osteuropäer. Klingt doch ein bisschen geheimnisvoll, wild, gefährlich, oder? Ein bisschen rückständig, primitiv, absonderlich. Für mich klingt's gut. Na, aber ich bin ja auch aus Prag! In Kiew gebe ich also den Westeuropäer und in Paris den Osteuropäer, und beide Wörter versuche ich, so gut es geht, jedweden Sinns zu entheben. Das Land Europa rutscht mir nämlich unter den Füßen weg."
Stichwörter: Europa, Hamburg, Paris, Mitteleuropa

SZ, 19.04.2004

"Chapeau!" ruft Christopher Schmidt Barbara Frey zu, die Racines "Phädra" als "geniales Drama vom Liebeskonkurs unterm Gesetz der totalen Ökonomie" entdeckt hat. Schmidt gefällt so ziemlich alles an der Inszenierung im Münchner Residenztheater, über alles aber lobt er die Sprache. Denn Simon Werle hat Racines Alexandriner "zugunsten von Sprechbarkeit in freie, reimlose Langzeilen übersetzt, und für seine Übertragung müsste man ihm die Versfüße küssen."

Heute muss Frankreichs neuer Kulturminister Renaud Donnedieu de Vabres Farbe bekennen, meint Johannes Willms im Leitartikel. Willms resümiert noch einmal den ungelösten Streit mit den frei arbeitenden Künstlern, den "intermittents" und sieht eher schwarz für die exception culturelle, der bisher nur zwei Amtsinhaber gerecht wurden. "Andre Malraux (mehr) und der flamboyante Jack Lang, während alle ihre Nachfolger längst vergessen sind, weil ihnen nicht die Zeit vergönnt war, ein 'Erbe' zu hinterlassen."

Weitere Artikel: Dirk Peitz hält nicht viel von den Profilierungsversuchen der Girlgroups. "In Wahrheit vermarkten sie doch nur Sex." Henning Klüver berichtet vom neuerlichen Streit um den designierten Leiter des Filmfestivals von Venedig, den Italo-Schweizer Marco Müller. Fritz Göttler jubelt über die Entdeckung einer Kopie von Sam Woods lange verschollen geglaubten Stummfilmklassiker "Beyond the Rocks" (mehr) aus dem Jahr 1922, mit Rudolph Valentino und Gloria Swanson. Dorothee Müller lustwandelt über die Mailänder Möbelmesse, die sich "nostalgisch und verspielt" präsentiert. Cathrin Kahlweit gratuliert dem Schweizer Humanisten Jean Ziegler (mehr) zum Siebzigsten, Jens Malte Fischer überbringt der Mezzosopranistin Hertha Töpper Glückwünsche zum Achtzigsten. "etho" schreibt zum Tod des Kritikers Anton Sergl.

Auf der Medienseite zeichnet Senta Krasser ein Porträt des Dokumentarfilmers Gero von Boehm vor, der als Talkmaster bei 3 sat die Langsamkeit entdeckt hat. Und Willi Winkler wittert ein Gottschalk-Komplott bei "50 Jahre Rock" im ZDF.

Besprochen werden William Forsythes letzte Aufführung mit dem Ballett Frankfurt, das Tanzmärchen "We Live Here", ein Klavierabend mit Maurizio Pollini und Stücken von Schumann und Chopin im Münchner Herkulessaal, Marc Espositos französisches Midlife-Krisen Kino "Die Herzen der Männer", und Bücher, darunter zwei neue Sammelbände mit Texten von Leopold Andrian, Sergej Chruschtschows Erinnerungen an seinen Vater Nikita und "Die Geburt einer Supermacht" sowie Jürgen Roths oft zu "vage" Beastandsaufnahme der "Gangster aus dem Osten" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Anzeige

NZZ, 19.04.2004

Andrea Köhler hat den rumänischen Schriftsteller Norman Manea, dessen Autobiografie "Die Rückkehr des Hooligan" gerade erschienen ist, in New York besucht. Manea war 1941 als Fünfjähriger mit seiner Familie ins Vernichtungslager Transnistrien deportiert worden, später lebte er als Dissident unter der Terrorherrschaft Ceausescus. 1986 floh Norman Manea aus Rumänien. "Das Buch ist auch ein Abschied von den Eltern, ein Versuch, den nagenden Zweifel, die Eltern und sonderlich seine Mutter in Rumänien zurückgelassen zu haben, zu besänftigen. Seine Mutter war 'eine sehr starke Persönlichkeit, verwundbar und neurotisch'. Ist er ihr Gespenst durch das Schreiben losgeworden? Manea schüttelt den Kopf. 'Die Zeit ist unser größter Feind', sagt er, 'sie stirbt jetzt, jemand beraubt uns und löst uns von den Dingen. Zugleich aber schließt sich der Kreis und bringt die existenziellen Figuren unseres Lebens zurück - die Geliebten, Mutter und Vater, alle, die eine wichtige Rolle in unserer Biografie gespielt haben. Ob wir mit ihnen klarkamen oder nicht, ist gleichgültig.'"

Weitere Artikel: Weitere Artikel: Marc Zitzmann hat das "städtebaulich problematische" Europa-Viertel in Brüssel besucht. Timo John warnt vor dem geplanten Verkauf der Stuttgarter Weißenhofsiedlung durch den Bund: "Nicht auszudenken, wenn durch die Veränderung der Besitzerstruktur der Ensemblegedanke verloren ginge und die Ein- und Mehrfamilienhäuser der zwanziger Jahre im Stil und Charme einer Neubausiedlung unserer Tage von Individualisten umgestaltet würden."

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung der "Phädra" im Bayrischen Staatsschauspiel ("Ein Wutausbruch da, eine Hysteriekrise dort, dann herrscht wieder Flaute", gähnt Barbara Villiger Heilig), eine Ausstellung von Nic Hess im Münchner Haus der Kunst, eine Retrospektive Dante Gabriel Rossettis im Van Gogh Museum in Amsterdam, eine Ausstellung über Grass und Goethe als Landschaftszeichner im Günter-Grass-Haus in Lübeck, ein Konzert der Cellisten Heinrich Schiff und Christian Poltera mit dem Zürcher Kammerorchester und die Uraufführung von Christian Henkings Oper "Leonce und Lena" im Stadttheater Bern.

FR, 19.04.2004

Die Verteidigung der offenen Gesellschaft lohnt jeden Einsatz, glaubt der Limburger Bischof Franz Kamphaus in einem kämpferischen Artikel auf der Debattenseite. "In der Tat wäre es widersinnig, dem islamistischen Terrorismus mit Toleranz zu begegnen. Den Feinden der Toleranz gegenüber tolerant zu sein ist Selbstmord. Echte Toleranz hat Grenzen und schließt die Bereitschaft ein, diese Grenzen entschlossen zu verteidigen. Nur ihre Feinde verwechseln sie mit Schwächlichkeit und verkennen, dass sie auf innerer Stärke beruht. Zu dieser Stärke gehört es, sich nicht von ihnen die Bedingungen des Kampfes diktieren zu lassen. Das beginnt schon mit der Weigerung, sich ihre Definition des Konflikts zu eigen zu machen. Es hatte seinen guten Grund, als sich in den Tagen des blutigen RAF-Terrors die politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik Deutschland und die bundesdeutschen Gerichte beharrlich dem Verlangen widersetzten, die inhaftierten Terroristen als 'politische Gefangene' anzuerkennen."

Als kleine Abrechnung mit Frankfurts Politzirkus sieht Sylvia Staude die Märchen-Polit-Groteske "We live here" von William Forsythe. Das letzte Stück des Frankfurter Balletts vor der Auflösung und Umwandlung in ein privates Ensemble beschreibt Staude als "eine Mischung aus Übermut und Bitterkeit, intellektueller Spielerei und schlichter Rumalberei.

Weitere Artikel: Alexander Schnackenburg schwärmt in Times mager vom Degustationspoeten Michael Broadbent, der verantwortlich für Beschreibungen wie "Nuancen von Kirschen, Waldbeeren, Tabak und Schokolade" ist. Anlässlich einer große Retrospektiven im Londoner Victoria-&-Albert-Museum schildert Louise Brown den Werdegang der britischen Modekönigin Vivienne Westwood.

Auf der Medienseite klärt uns Peter Nowak über das Musikvideo "Dirty Kuffar" (hier kann man es bekommen) auf, in dem ein britischer Muslimrapper zum Heiligen Krieg aufruft und das schon als "Al Qaedas neue Geheimwaffe" gehandelt wird. Der Refrain ist eindeutig. "Peace to Hamas and the Hizbollah. OBL (Osama bin Laden) pulled me like a shiny star."

Besprochen werden Barbara Freys "anspuchsvolle" Inszenierung der "Phädra" am Bayerischen Staatsschauspiel in München, und politische Bücher, darunter Slavenka Drakulic' persönlicher Essay "Keiner war dabei" über Kriegsverbrecher auf dem Balkan, Paul Bermans "auch in seinen Einseitigkeiten ungemein anregender" Band "Terror und Liberalismus" sowie der Sammelband "Black Beats" zur Geschichte schwarzer Emanzipationsbewegungen (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FAZ, 19.04.2004

Mit seiner Choreografie "We live here" nimmt William Forsythe Abschied von Frankfurt. Die Abwicklung des Ballettchefs nennt Gerhard R. Koch ein "trostloses Zeugnis der Frankfurter Kulturpolitik": "Der Verlust für Frankfurt ist immens". Koch nimmt ihn noch mal zum Anlass, um über Forsythes Kunst zu meditieren: "Dekonstruktivistisch, asymmetrisch, in den Schwerpunkten exzentrisch und verdreht wirken die Bewegungen bei ihm, schräg und spiralig verwinden sich die Leiber, einzeln wie ineinander. Entsprechend fließend sind die Grenzen zwischen den Subjekten: Kontakte zwischen ihnen gibt es wenige, wohl aber bisweilen schier osmotische Fusionen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb freut sich in der Leitglosse, dass ein "perfekt gemachter, knapp kalkulierter und hochbewusster Krimi wie 'Wolfsburg'" bei der Vergabe der Bundesfilmpreise so gut abschneiden konnte. Martin Kämpchen malt ein Stimmungsbild über Indien vor den Parlamentswahlen - 675 Millionen Menschen sind wahlberechtigt. Jürg Altwegg gratuliert dem unentwegten Polemiker Jean (alias Hans) Ziegler zum Siebzigsten. Falk Jaeger stellt ein von den Architekten Tobias Wulf und Partner realisiertes "Factory Outlet Center" von Adidas in Herzogenaurach vor.

Auf der letzten Seite bringt Andreas Rosenfelder eine kenntnisreiche Würdigung der deutsch-jüdisch-new-yorkerischen Zeitschrift Aufbau, die nun wohl endgültig eingestellt wird. Frank Pergande berichtet über den Wiederaufbau der Burg Ziesar im westlichen Brandenburg. Und Dietmar Dath schreibt ein kleines Porträt des unvergessenen Polemikers Wolfgang Pohrt, der nach langem Schweigen ein Buch mit dem Titel "FAQ" herausbringt und im übrigen als Unternehmensberater zu arbeiten scheint.

Besprochen werden Barbara Freys Inszenierung von Racines "Phädra" in München, die Ausstellung "Botticelli e Filippino" im Palazzo Strozzi, Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" in Düsseldorf (Andreas Rossmann beklagt "biedere Textillustration") und einige Sachbücher, darunter ein Band über die bundesdeutsche Staatsrechtslehre von Frieder Günther, besprochen von Michael Stolleis, und ein Reader über die Globalisierung mit Beiträgen von Ulrich Beck, Natan Sznaider und anderen (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).