Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.04.2004. In der FAZ zeigt sich der slowakische Autor Michal Hvorecky wenig begeistert von den Aussichten seines Landes. Die NZZ fürchtet, dass Thor Kunkels "Endstufe" Ausdruck eines Trends sein könnte. Im Tagesspiegel erklärt Frederic Beigbeder, wie ihn der 11. September zum schmutzigen alten Mann machte. Die neuen Äußerungen Peter Handkes zu Serbien werden mit Befremden aufgenommen. Die taz erklärt, wie man mit Platten Geld machen kann: Einfach Vinyl nehmen.

NZZ, 16.04.2004

Joachim Güntner macht in der jüngsten deutschen Literatur einen Trend "zu Geschichten von Deutschen als Opfern, zum Streben nach nationaler 'Selbstversöhnung'" aus. "Eines aber hatten wir noch nicht und haben es erst jetzt: die Darstellung der Lebensprobleme unter Hitler als Probleme des Luxus und der Moden, das reichsdeutsche Dasein als ultralibertäre Sex-und-Drogen-Party, wo die wahre deutsche Elite dem Zynismus und der Geilheit frönt und Pennälerwitze und Zoten ohne Ende reißt." Die Rede ist also von Thor Kunkels "Endstufe".

Weitere Artikel: Franz Haas berichtet, dass die einst renommierte Journalistin Oriana Fallaci, die nach dem 11. September mit ihrem Pamphlet "Die Wut und der Stolz" von sich reden machte, nun, pünktlich nach den Massakern von Madrid wiederum ein Pamphlet vorlegt, "La forza della ragione", "ein vulgäres Delirium über 'die Söhne von Allah' in Europa", so Haas, der das Buch nur unter einem Aspekt interessant findet, "als politische Wetterfahne für Italien". Andrea Köhler berichtet über einen neue Trend zu Schönheitsoperationen in den USA, ausgelöst von der Manolo-Blahnik-Idolatrie in "Sex and the City": "Immer mehr Frauen, meldete unlängst die New York Times, lassen sich die Zehen verkürzen, das Fersenfett absaugen, die Nägel verkleinern oder die Sohlen polstern - um hohe Schuhe tragen zu können.". Gemeldet wird, dass die Stiftung Pro Helvetia die Zahl ihrer Außenzentren in Osteuropa reduziert.

Besprochen werden die Ausstellung "Soziale Kreaturen" im Sprengel Museum in Hannover und Wagners "Tannhäuser" im Pariser Chatelet.

Auf der Medien-und-Informatik-Seite lesen wir einen Bericht über kubanische Internetzensur und einen Artikel zum hundertsten Geburtstag der französischen KP-Zeitung L'Humanite.

Auf der Filmseite gibt es mehrere Artikel zum Dokumentarfilmfestival 10. Visions du reel in Nyon: "als." stellt das Programm vor, "che." liefert ein kurzes Porträt des Festivalleiters Jean Perret. Die Filmschaffenden Peter Liechti und Gabriel Baur erklären ihre unterschiedlichen Auffassungen darüber, was es heißt, dokumentarisch zu filmen. Außerdem: Thomas David schreibt zum hundertsten Geburtstag von John Gielgud. Besprochen werden die Filme "Mein Name ist Bach" (mehr) von Dominique de Rivaz und "Amandla!" (mehr), ein Musikfilm über Südafrika von Lee Hirsch.

Tagesspiegel, 16.04.2004

Im Gespräch mit Frank Dietschreit analysiert der französische Autor Frederic Beigbeder ("Windows on the World"), wie ihn die Anschläge auf das WTC verändert haben: "Bis zum 11. September war ich höchstens sieben Jahre alt. Jetzt bin ich erwachsen, ein schmutziger alter Mann."
Stichwörter: 11. September

FR, 16.04.2004

Peter Handke hat dem Figaro ein Interview gegeben. Über Serbien. Alles wie immer, meint Martina Meister. "Neu ist freilich der schöne Satz: 'Der Krieg gegen Jugoslawien ist ein fast perfektes Verbrechen.'"

Weitere Artikel: Harry Nutt kommentiert das bevorstehende Ende der Love Parade, die vom Berliner Senat dazu verdonnert wurde, künftig die Müllbeseitigungskosten zu übernehmen. "Das Bemerkenswerte an diesem Stück Kulturgeschichte ist die Tatsache, dass die mit einigem Selbst- und Marktbewusstsein ausgestattete Veranstaltung die Entlassung in die ungeschützte Ökonomisierung nicht überstanden hat." Daniel Kothenschulte fordert angesichts der Diskussion um die Echtheit der Nazi-Pornofilme eine bessere Forschung über die nichtoffizielle Bildproduktion. Christian Broecking hat sich mit Diana Krall über ihr neues Album "The Girl in the Other Room" unterhalten. Sebastian Hammelehle schreibt den Nachruf auf den Wiener Architekt Roland Rainer. Mirja Rosenau liefert Impressionen aus New York. In Times Mager versichert uns Hans-Jürgen Linke: "Wer im Departement Drome ein 'öffentliches oder ein für die Öffentlichkeit bestimmtes privates Gebäude' betritt, ist so gut wie gerettet. Er findet dort auf vier fotokopierten A4-Seiten wertvolle Informationen darüber, was im Falle einer Katastrophe zu tun sei."

Besprochen wird die Andy Warhol-Ausstellung "Polaroids" im Museum für Photographie in Braunschweig.
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TAZ, 16.04.2004

Auf den Tagesthemenseiten fragt sich Reis-ul-Ulema Mustafa Ceric, oberster Mufti von Bosnien und Herzegowina (mehr), im Interview, ob die Verdammung der Taliban und Al Qaidas nicht auch ein Vorwand für die Europäer ist, die bosnischen Muslime abzuwehren: "Man tendiert jetzt in Europa dazu, diese Leute überzubewerten und dabei zu vergessen, dass von Karadzic und Mladic in Srebrenica und anderswo große Verbrechen an den Muslimen Bosniens begangen wurden. Europa sollte beschämt sein über das, was geschah und dass man es zugelassen hat. Wenn wir in Bosnien jetzt in die terroristische Ecke gestellt werden, dann hat dies etwas mit dem schlechten Gewissen uns gegenüber in Europa zu tun. Dabei gab es hier in Bosnien nach dem Ende des Krieges keine Revanche gegenüber den Tätern, obwohl es viele Gründe dafür gegeben hätte. Wir haben uns zivilisiert benommen."

"Blutige Ostern: Jesus ist für unsere Sünden gestorben, die Musikindustrie für ihre eigenen. Spätestens seit den Kahlschlägen der letzten Wochen, dürfte auch dem letzten Optimisten dämmern, dass nicht jedes Himmelfahrtskommando mit einer Auferstehung endet. Die deutsche Musikindustrie ist dieser Tage eine Branche in Auflösung, sie ist, wie Sony-Chef Balthasar Schramm formuliert, die 'Avantgarde der Katastrophe' - nur wer jetzt noch in Lohn und Brot steht, darf weiter an Wunder glauben", erklärt Cornelius Tittel im Feuilleton, um uns dann einen Mann vorzustellen, der Erfolg hat: Wolfgang Voigt, Gründer des Kompakt-Labels. "Er verdient sein Geld mit einem Format, von dessen Eigenschaften die Manager der Pleite-Majors nur träumen können: garantiert nicht kopierbar, robust in der Haltung und im Klang jeder CD überlegen: Vinyl." Technoschallplatten, um ganz genau zu sein.

Besprochen werden Michael Brynntrups Essayfilm über künstlerische und öffentliche Medien "E. K. G. Expositus" und neue CDs aus der Rubrik Independent-Country von Timesbold ("Eye, Eye"), Vinny Miller ("On the Block") und Will Oldham alias Bonnie Prince Billy.

Schließlich Tom.

SZ, 16.04.2004

Als E-Paper gibt es wie so oft nur die Zeitung von gestern. Nicht zu lesen ist also der Bericht der NGO-Mitarbeiterin Jo Wilding aus dem umkämpften und medizinisch erbärmlich schlecht versorgten Falludscha (hier das englische Original): "Die Menschen drängen in Scharen aus ihren Häusern, in der Hoffnung, dass wir sie sicher aus der Gefahrenzone herausbringen können. Dürfen nur die Frauen und Kinder mit oder auch die Männer? Der junge Marine lässt uns wissen, dass Männer im kampffähigen Alter bleiben müssten. 'Was genau verstehen Sie darunter', frage ich. Er denkt kurz nach und antwortet: 'Alles unter 45. Keine Altersgrenze nach unten.'"

Aus New York weiß Andrian Kreye zu berichten, dass sich die Journalisten im Irak in ihren Hotelzimmern verbarrikadieren und nur noch ihre Übersetzer rausschicken, die Hilfsorganisationen müssten sich dagegen immer stärker in den militärischen Apparat der US-Truppen einbinden lassen.

Johannes Willms fasst zusammen, was Peter Handke im Figaro über Serbien, Milosevic und die Nato-Intervention von sich gegeben hat: "Der Krieg gegen Jugoslawien ist ein beinahe perfektes Verbrechen. Die Verantwortlichen sind die Regierungen des Westens, aber diese werden niemals vor ein Tribunal gestellt werden", zitiert er Handke etwa (hier das Interview).

Reinhard J. Brembeck schreibt gegen die bildungsbürgerliche Vorstellung einer immerwährenden Operninszenierung an. Der Anspruch auf aktuelle Interpretationen muss jede Aufführung zwangsläufig nach zehn Jahren alt aussehen lassen. Reinhard Schulz nobilitiert das Beethoven-Festival in Warschau zum Gradmesser des europäischen Einigungswillen. Roland Pawlitschko begrüßt das Modellprojekt der bayerischen Architektenkammer "transform 2 raum.", das Kindern die moderne Architektur näher bringen soll. Christian Jostmann hat neue Aufsätze zu Ernst Jüngers Schrift über Geiselerschießungen gelesen.

Besprochen werden Claus Eberths Aufführung von Becketts "Das letzte Band", Andreas Stiglmayrs Dokumentarfilm über den Liedermacher Hans Söllner "Der bayrische Rebell", die Edward-Bond-Choreografie des Essener Aalto Balletts und Bücher, darunter Haruki Murakamis Roman "Kafka am Strand" und Urs Widmers "Buch des Vaters" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 16.04.2004

Der slowakische Autor Michal Hvorecky zeigt sich wenig begeistert von den Aussichten seines Landes, nachdem der notorische Populist Vladimir Meciar am 3. April die erste Runde der Präsidentschaftswahlen gewonnen hat. "Es ist offensichtlich, dass in der Slowakei eine politische Eiszeit ausgebrochen ist. Die Jahre der Erwärmung sind zu Ende. Die Geschichte wiederholt sich in der Slowakei leider nicht nur als Farce. Paradoxerweise kommt es dazu just im Augenblick des lange erwarteten Beitritts zur EU. An der Spitze des neuen Mitgliedslandes werden nun Politiker stehen, die sich immer verzweifelt bemüht haben, die Integration zu verhindern. Hinzu kommt, dass die Slowaken völlig vergessen haben, dagegen zu protestieren."

Weitere Artikel: "Zur Strafe soll der Osten wieder eine Zone werden" kommentiert Mark Siemons im Aufmacher den Plan, Ostdeutschland zur Sonderwirtschaftszone zu erklären, nachdem man feststellen musste, dass selbst eine Investition von 1250 Milliarden Euro die Gegend nicht wieder auf die Beine brachte. In der Glosse kritisiert Jürgen Kaube das immer gleiche Gerede in Talkshows und Diskussionsveranstaltungen und die Tatsache, dass der Tübinger Theologe Eberhard Jüngel in einer Rede über das Böse ohne Erwähnung des Teufels auskam. Eleonore Büning gratuliert dem Dirigenten Dennis Russell Davies zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Eckart Lohse über den immer größeren Einfluss des Senders Al Dschazira, der übrigens nach einer englischsprachigen Homepage bald auch ein englischsprachiges Programm bringen wird.

Auf der letzten Seite dokumentiert Paul Ingendaay die schönen Seiten eines Kulturkorrespondentenlebens, indem er, noch völlig glücksverloren, von dem Festival für Alte Musik in der malerischen Stadt Cuenca, von Konzerten mit Emanuelle Haim und Gustav Leonhardt, von den über malerischen Schluchten hängenden Häuser des Städtchens, sowie von ausgezeichneten Restaurants, die diese beherbergen, und schließlich von einem Nachtisch aus einer zwischen Oblatenscheiben steckenden Masse aus Mehl, Mandeln, Walnüssen, Honig, Zimt, Brotkrümeln und Orangenraspeln namens "Alaju" berichtet. Kerstin Holm beklagt, dass in Moskau immer mehr historische Bauten und gar aus der verachteten Avantgarde der zwanziger und dreißiger Jahre abgerissen werden. Und Andreas Platthaus erinnert an den französischen König Karl VI., unter dessen Herrschaft es zu einer Blüte der Kunst kam - ihm ist in Paris eine Ausstellung gewidmet.

Besprochen werden eine große Perugino-Ausstellung in Perugia, ein Auftritt der Band "I Am Kloot" in Berlin, die Ausstellung "Droog Design" im Münchner Haus der Kunst, Martin Smolkas Oper "Nagano" in Prag, eine Ausstellung über die römische Therme von Badenweiler in Freiburg und die deutschen Filme "Schlussangst" und "Madrid" und einige Sachbücher, darunter ein Band mit einem Gespräch zwischen Hans-Georg Gadamer und Jacques Derrida (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).