Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2003. Die SZ vermisst das Thema Tschetschenien auf der Buchmesse. Juri Andruchowytsch erzählt in der FR von der Literatur in der Ukraine. Die taz hat einen ganz unkleeigen Paul Klee gesehen. In der NZZ lobt Hans Ulrich Gumbrecht Susan Sontags Mut zum Stichwort. Und die FAZ entdeckt eine neue politische Fotografie.

SZ, 11.10.2003

Gustav Seibt wandelt über die Buchmesse, "begehbares Modell der heutigen Zivilisation", trifft um 2.30 Uhr schon keine Leute in der U-Bahn-Disco mehr und klagt, dass bei aller russischen Repräsentation Tschetschenien kein Thema ist. "Wer den intensiven Debatten älterer russischer Schriftsteller über die literarische Verarbeitung der sowjetischen Gräuel lauschte, begriff, dass die Gesprächspartner dagewesen wären. 2004 wird sich mit den arabischen Gästen diese Problematik wieder stellen: Wird es möglich sein, mit Autoren, die nicht einfach eine Repräsentantenrolle spielen, über die Menschenrechte im Orient zu reden?" Als Abrundung werden einige Skizzen serviert: Wiedererweckung, Bubenstück, Himmel über Tuwa und Kampfsport.

In den USA amüsiert man sich mit und über den Filmemacher Michael Moore (mehr), hierzulande gilt er dagegen als ernstzunehmender subversiver Journalist, stellt Andrian Kreye fest. In Deutschland werde Moore vor allem als ein Vehikel des dumpfen Anti-Amerikanismus benutzt. Niemanden scheint zu stören, wie die Fakten den Pointen zum Opfer fallen. "Auch in Deutschland erreicht er eben jene Massen, die nicht im Traum daran denken würden, sich durch die Traktate der akademischen Amerikakritiker wie Noam Chomsky, Susan Sontag oder Howard Zinn zu kämpfen. Die enthalten sich zwar der Demagogie, sind aber auch kein besonderer Lesespaß."

Zum vierzigsten Todestag widmet Gerd Kröncke der wunderbaren Edith Piaf auf Seite drei ein langes Porträt. Jean Cocteau sagt es knapper: "Jedesmal, wenn sie singt, meint man, sie risse sich endgültig die Seele aus dem Leib."

Weitere Artikel: Alex Rühle konstatiert angesichts der Klagewut gegen Biografie-Veröffentlichungen eine schleichende Schwächung der Kunstfreiheit. Dass Bob Dylan auf seiner Deutschlandtournee nicht fotografiert werden will, findet "gor" im Gegensatz zum DJV (hier die Pressemitteilung) nur zu verständlich. Helmut Schödel schildert den Ausnahmezustand in Graz, der Heimat Arnold Schwarzeneggers. Joachim Riedl informiert uns über den neuesten Stand bei der Jagd nach der gestohlenen Saliera. Rainer Gansera wünscht sich, dass die sieben Filmessays zum Thema Blues von Martin Scorcese, Wim Wenders und anderen zu uns ins Kino kommen. Hanns Zischler kommentiert den Brief von Frank Böckelmann an seine "Schwester im Ekel" Inga aus dem Jahr 1965.

Besprochen werden Barbara Teufels Achtziger-Streifen mit dokumentarischen Elementen "Die Ritterinnen", Aufführungen von Kleists "Käthchen" und Völckers "Frau Vivian" am Nationaltheater Mannheim, David Aldens Inszenierung von Wagners "Parsifal" in Graz, "Porn Chic", eine Ausstellung des Modefotografen Terry Richardson in den Berliner Kunst-Werken, die choreografische Installation "insideout" von Sasha Waltz an der Berliner Schaubühne, und Bücher, darunter W. G. Sebalds hinterlassene Schriften "Campo Santo", Nora Eckerts wagnereske Geschichtsbetrachtung "Parsifal 1914" sowie Anatol Regniers Band über Tilly Wedekind und ihre Töchter (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Eine schöne SZ am Wochenende: Martin Mosebach (mehr) schildert seine Begegnungen mit der vielgestaltigen Kirche von heute. "Dringt die Wirkung des zelebrierenden Papstes durch Zellophan? Der Papst ist erschöpft, aber die Sakro-Pop-Gruppe hat noch Kraft für drei Päpste. 'C?est diabolique, c?est infernal', murmelt ein hagerer alter Mönch in ohnmächtigem Zorn. Einsam wie der zornige Mönch blickt der Papst auf die Menge herab. Was er gesagt hat, war nicht wichtig."

In Georg Kleins (mehr) Erzählung lesen wir, wie ein Schriftsteller eine Lesung erlebt. "Stets, bei jeder Lesung, ist er der Überzeugung gewesen, als ein geregeltes Kollektiv vor ein zu regelndes Kollektiv zu treten. In einer seiner Lieblingsfantasien sieht er sich als ein Konglomerat winziger Gummimännchen, die in kunstvoller Akrobatik ihn, den vortragenden Schriftsteller, als ein lebendes Bild darstellen - und die den zufälligen Haufen der Zuschauer erst so, durch die perfekte Illusion ihrer kombinierten Verrenkungen, zu einem homogenen Publikum verzaubern."

Außerdem: Karl Bruckmaier hält den Patienten Pop trotz Superstars und Bohlen für noch lange nicht tot, denn erst wenn ausgezeichnete Pop-Produkte im Manufactum-Katalog erschienen, wäre es wirklich vorbei. Tobias Kniebe unterhält sich mit Uma Thurman über Friedfertigkeit, Duelle und ihren nichtexistenten Wunsch, jemanden umzubringen.

FR, 11.10.2003

Alia Begisheva schlendert noch einmal über die Buchmesse, das diesjährige Geburtstagsgeschenk der Schriftsteller an ihren Präsidenten Putin, der präsentetechnisch offensichtlich recht verwöhnt ist. "Da wird zum Beispiel aus Japan ein Roboterhund geschickt, der russische Lieder singen kann, aus Moldawien kommt ein Krokodil aus reinem Kristall, und der georgische Präsident Schewardnadse überreicht das Gemälde 'Der Stolz der Mutter'." Dazu werden Messe-Splitter und die Meldung gereicht, dass russsiche Schriftsteller die kritische Aufarbeitung der Sowjet-Vergangenheit fordern.

Der Schriftsteller Juri Andruchowytsch ("Das letzte Territorium") erzählt in einem kleinen Interview, wie die literarische Welt in der Ukraine beschaffen ist. "Die älteren Schriftsteller konnten ihren 'inneren Zensor' nicht mehr los werden. Sie blieben letztendlich 'sie selbst'. Das Interessanteste, was sich in unserer Literatur abspielt, schaffen jüngere Generationen, die älteste von ihnen ist meine eigene. Die jüngsten Autoren, die heute im Alter von 18 bis 20 debütieren, zeigen große schriftstellerische Qualitäten. So fasziniert der 20-jährige Autor von zwei Romanen (Kultus und Arche) Liubko Deresh mit phantastischem schriftstellerischen Können und einer unglaublich interessanten Textkomposition."

Weiteres: Ulrich Holbein (mehr) sinniert sprachverspielt über Adorno, "bis ein Keyboard einsetzte, da capo". Eric Leimann hofft, dass die Popakademie Mannheim den deutschen Pop vor den Fernsehcasting-Kreaturen rettet. Und Renee Zucker erzählt in von ihrer letzten Straßenbekanntschaft, Radj, einem reizenden Inder. Eine einsame Besprechung betrifft "Weilheim auf Achse", die unglamöuröse Tour von fünf Bands aus einer bayerischen Kleinstadt, auch "Console" und "The Notwist".

TAZ, 11.10.2003

"Ich habe die nationalsozialistische Revolution gezeichnet", soll Paul Klee (Leben) zu der Mappe mit Zeichnungen aus dem Jahr 1933 bemerkt haben. Die unterschiedlichen Werke sind jetzt in der Frankfurter Schirn zu sehen. Marie Luise Knott glaubt, dort einen völlig neuen Aspekt des Avantgardisten kennen gelernt zu haben, wie sie im tazmag erläutert. "Während die wenigen Ölbilder der Ausstellung einen gewohnten Klee präsentieren, zeugen auf den 'Revolutionsblättern' nur die Titel von dem bekannten Kleeschen Duktus. Die Zeichnungen selber zeigen einen völlig unkleeigen, unavantgardistischen Klee. Es gibt keine Formsprache mehr, und auch die Linie hat an Tragfähigkeit eingebüßt. Vielmehr dominiert in der Stiftführung Chaos, der Eindruck des Rasanten, des schnell Hingezeichneten."

Im Feuilleton fragt sich Susanne Messmer auf der Buchmesse, was Muhammad Alis Geheimrezept für junge Leser ist. Und Harald Fricke grübelt nicht nur, wie man Teddy dem Inkommensurablen mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst näher kommen kann. Fricke stellt uns Susan Sontag (mehr) und ihre bald preisgekrönte Fahigkeit vor, Brücken zu schlagen.

Auf der Medienseite porträtiert Klaus-Helge Donath den ehemaligen TV-Anchorman Wladimir Kara-Mursa, der nach der Verstaatlichung von TWS den Putin'schen Medienwinter als Heizer in Moskau verbringt.

Die Besprechungen widmen sich "insideout", dem interaktiven Tanzstück von Sasha Waltz an der Schaubühne Berlin, Anselm Webers grotesk-pathetischer Inszenierung von "Plastilin", dem Stück des russischen Skandalautors Wassilij Sigarew und einer Kunstausstellung zur Erinnerung an Giacomo Casanova auf dem tschechischen Schloss Duchcov.

Schließlich Tom.
Anzeige

NZZ, 11.10.2003

Morgen wird Susan Sontag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen, Hans Ulrich Gumbrecht geht zwar die Betonung ihres angeblich so großen Muts ein wenig auf die Nerven, würdigt dann aber doch noch ihren "Mut zum Stichwort". Uwe Justus Wenzel liefert "Facts and Figures" von der Buchmesse. Oliver Herwig berichtet von einer Tagung des Internationalen Forums für Gestaltung.

In Literatur und Kunst erklärt die Autorin Farideh Akashe-Böhme in einem irgendwie am Problem vorbeischreibenden Text, dass die islamische Welt gar nicht modernisierungsfeindlich sei, sondern "dass im islamischen Kulturkreis die technische Zivilisation anerkannt, aber die Säkularisierung abgelehnt wird. Europäer würden natürlich sagen, dass ohne Säkularisierung die moderne Welt nicht zu haben ist. Dagegen behaupten islamische Denker in der Mehrheit, dass gerade das Besondere einer islamischen Moderne im Festhalten am kulturellen Erbe und an den religiösen Werten bestehe."

Außerdem ist ein Text von Claude Simon (mehr hier) über das Schreiben zu lesen: "Ich für mein Teil kenne keine anderen Wege des Schaffens als jene Schritt um Schritt eröffneten, das heißt Wort für Wort, durch das Fortschreiten des Schreibens selbst." Helmut Mayer folgt zudem den Spuren der Kunst in Simons Werken. Vor der Eröffnung des neuen Aargauer Kunsthauses unterhält sich Samuel Herzog mit Direktor Beat Wismer über die Sammlung und das Schweizerische an der Schweizer Kunst: "Die Alpen." Marion Löhndorf porträtiert die in Deutschland völlig unterschätzte spanische Schriftstellerin Rosa Chacel. Als Vorabdruck zu lesen ist auch Gustav Siebenmanns Einführung in die "Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts", die er zusammen mit Jose Manuel Lopez herausgibt.

Besprochen werden Sasha Waltz' Tanz-Installation "insideout" in Berlin, ein Schumann-Konzert des Tonhalle-Orchesters Zürich mit David Zinman und Jose Saramagos Bericht "Die portugiesische Reise" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 11.10.2003

Niklas Maak stellt die neue politische Fotografie vor: Taryn Simons Bilderzyklus über unschuldig Verurteilte in den USA, der derzeit in den Berliner Kunst-Werken zu sehen ist. "'The Innocents' ist eines der wichtigen Fotokunstwerke der letzten Jahre, eine Reflexion über menschliche Würde, über Ästhetik, Recht und die Macht des Bildes." Hannes Hintermeier berichtet vom neuesten Knatsch zwischen Börsenverein und dem Bertelsmann-Buchclub um die Buchpreise. Grund ist einmal mehr Dieter Bohlen, dessen Tratschgeschichte der Buchclub zeigtleich mit der Ertstausgabe und das auch noch 3 Euro billiger anbietet. Monika Osberghaus wünscht sich einen Ruck für die Jugendliteratur und ihre Preisverleihungen. Heinrich Wefing blättert durch amerikanische Zeitschriften, die sich alle mit der Enttarnung einer CIA-Agentin durch das Weiße Haus beschäftigen und dabei mit ihrer Standesregel hadern, Quellen nicht preiszugeben. Josef Oehrlein bemerkt zufrieden, dass es die fünfte Architekturbiennale nicht durchhält, sich ausschließlich mit Repräsentationsbauten zu beschäftigen, schließlich findet sie in Sao Paulo statt.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten erinnert Heinrich Wefing an den profitabelsten Handel, den die USA je abgeschlossen haben: den Kauf Louisianas von Frankreich vor zweihundert Jahren. Und Feridun Zaimoglu (mehr hier) erzählt die Geschichte "Häute".

Besprochen werden eine allzu quenglige Inszenierung des "Nachtasyl" im Berliner Gorki-Theater, die konzertante Uraufführung von Siegried Wagners "Rainulf und Adelasia", über die Siegfrieds Papa, da ist sich Gerhard Koch sicher, "Wirkung ohne Ursache" gespottet hätte, eine Berliner Ausstellung, die die positivistische Variante der deutschen Tanzgeschichte erzählt, Michael Bays "Bad Boys II" und neue CDs, darunter Erykah Badus schmerzlos schönes Album "Worldwide Underground", Jane's Addictions neues Album "Strays" und Kompositionen von E.T.A. Hoffmann.

Und Bücher, darunter Elias Canettis "Party im Blitz", Peter Stamms Erzählungen "In fremden Gärten", Margit Schreiners Epitaph "Heißt lieben" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).