Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2003. Die Buchmesse geht zu Ende. Die FAZ sieht die große Krise in der Branche erst noch kommen. Die Reaktionen auf Susan Sontags Friedenspreisrede sind gemischt. Die FR fand sie nett, aber okay, die NZZ fand sie nett, aber nicht okay. FAZ und NZZ kritisieren die Absenz deutscher Politiker. Die taz interviewt die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi. Die SZ erklärt, warum Irans Frauen Karate lernen. In der Welt meditiert Monika Maron über den Niedergang Berlins.

FAZ, 13.10.2003

Die heutige Ausgabe steht im Zeichen der endenden Buchmesse, und trotz des "vorsichtigen Optimismus", der allenthalben beschworen wird, äußern sich die Berichterstatter der FAZ eher skeptisch.

Richard Kämmerlings sieht die große Krise in seinem Resümee überhaupt erst noch kommen, und sieht sie vor allem als Krise des Buchhandels: "Der Sortimentsbuchhandel gerät in die Zange zwischen Amazon, Random House und Supermarkt, muss, um zu überleben, deren Methoden übernehmen, was wiederum nur Wasser auf die durstigen Mühlen der Branchenriesen ist. Die Folge wird eine radikale Ökonomisierung sein, das Verschwinden einer Vielfalt, von der die Messe noch vibriert. Qualität wird in Nischen abgedrängt, die man auf der Messe finden kann, in einer Großbuchhandlung nicht."

Streng, aber in ganz anderem Sinne, äußert sich auch Hubert Spiegel über Susan Sontags Friedenspreisrede. Der amerikanische Botschafter hatte wegen vermuteter Amerikakritik nicht kommen wollen - ein Affront nicht nur für die Preisträgerin, sondern auch für das Land, so Spiegel - aber auch deutsche Politiker zeigten sich lieber nicht: "Dass weder der Bundespräsident noch der Bundeskanzler, noch der Außenminister zugegen waren, widerspricht nicht nur den Traditionen dieses Preises, es wirkt angesichts der heftigen amerikanischen Kritik, die Susan Sontag auf sich gezogen hat, auch besonders unpassend." Leider ist Sontags Rede auf der Homepage des Börsenvereins nicht dokumentiert.

Weitere Artikel: Gerhard Stadelmaier fragt anlässlich der umstrittenen Inszenierung von Hans Rehbergs in der Nazizeit geschriebenem Stück "Die Wölfe", warum eigentlich das heutige Theater nicht mehr fragt: "Wofür sterben?" Jürg Altwegg berichtet, dass in Frankreich die Geschlechtermischung an den Schulen in Frage gestellt wird: "Es weht ein Hauch von Reaktion durch Frankreichs Schulen." Michael Gassmann berichtet über die Neueröffnung des Bonner Naturkundemuseums Koenig. Mark Siemons resümiert eine drängende Berliner Debatte über geplante Moschee-Neubauten in der Stadt und die eher ablehnenden Reaktionen der deutschen Anwohnerschaft.

Auf der letzten Seite erzählt Michael Martens vom immer noch schwierigen Zusammenleben von Moslems und Serben in Srebrenica. Lorenz Jäger zeichnet eine Debatte in der Jewish Week nach, in der es anlässlich von Mel Gibsons umstrittenem "Passion"-Film um das jüdische Verhältnis zum Christentum geht. Und Gina Thomas setzt bei der morgen bevorstehenden Bekanntgabe des Booker-Preises (mehr dazu hier) auf Monica Ali und ihren viel gefeierten Roman "Brick Lane" (erstes Kapitel), der das Leben einer aus Bangladesch nach Großbritannien eingewanderten Frau schildert. Auf der Medienseite stellt Heike Hupertz die in den USA erfolgreiche Serie "The O. C." vor.

Besprochen werden Dea Lohers Drama "Unschuld" am Thalia Theater Hamburg, Tanzstücke bei den Berliner Festwochen, Jon Fosses Stück "Sohn" in Zürich und "Augenlied", ein Dokumentarfilm über Blinde, von Mischka Popp und Thomas Bergmann. Außerdem präsentiert eine Sachbuchseite geisteswissenschaftliche Neuerscheinungen.

FR, 13.10.2003

Christoph Schröder fasst die Höhepunkte der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels zusammen. Die Ausgezeichnete Susan Sontag (mehr) hat zwar nicht wie versprochen provoziert, das macht aber nichts: "Ein Sonntag mit Sonntagsreden, klug formuliert, in sich kohärent, mit eben jener ausreichenden Dosis von Humor, die das Publikum zum Schmunzeln bringen konnte, mit eben jener ausreichenden Prise von Kritik, die dem Preis gut zu Gesicht steht und es auch der politischen Prominenz erlaubte, zu applaudieren, ohne diplomatische Verwicklungen fürchten zu müssen, letztendlich getragen vom Grundvokabular der Versöhnlichkeit, der 'Verständigung', der 'Aussöhnung'. Das schadet weder dem Preis, noch spricht es gegen seine diesjährige Trägerin."

Weiteres: Martin Altmeyer kennt das Erfolgsgeheimnis der erfolgreichen Frauen(Fußballerinnen): Emanzipation bei gleichzeitiger Assimilation in Richtung Männer. Michael Rudolf freut sich in "Times mager" zwar nicht, dass das DDR-Gesangstalent Wolfgang Ziegler vor sechzig Jahren geboren wurde, ist aber erleichtert, dass es nicht im Westen geschah. Gemeldet wird, dass die Schauspielerin und Kabarettistin Beate Hasenau gestorben ist und dass mehr als 140 einflussreiche amerikanische Filmschaffende gegen die neuen Oscar-Regeln protestiert haben.

Auf der Medienseite erfahren wir von Rudolf Walther, warum Le Monde seinen Medienkolumnisten gefeuert hat.

Eine vereinzelte Besprechung widmet sich Brechts "Der kaukasische Kreidekreis" in Jacqueline Kornmüllers Stuttgarter Aufführung.

TAZ, 13.10.2003

In einem Gespräch mit Dorothea Hahn auf der Tagesthemenseite erklärt die iranische Menschenrechtlerin und frischernannte Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi (hier einige iranische Reaktionen auf den Preis), was sie schon seit Jahren geduldig wiederholt. Zum Thema Kopftücher etwa: "Das Tragen eines Kopftuchs ist in meinem Land Pflicht. Ich respektiere die Gesetze meines Landes. Also trage ich es. Hier aber habe ich die Wahl. Und da entscheide ich mich dafür, es nicht zu tragen. Das ist die eine Sache. Was das Kopftuch als Zeichen der Unterwerfung betrifft, kann ich Ihnen sagen, dass viele verschleierte Frauen sich für stärker halten als Männer."

Die taz druckt außerdem eine gekürzte Fassung der Rede der Friedenspreisträgerin Susan Sontag (Porträt) gestern in der Paulskirche: "Die Vorherrschaft Amerikas ist eine Tatsache."

Im Feuilleton präsentiert Gerrit Bartels zum Abschluss der Buchmesse einen Rundumschlag in Sachen Literaturbetrieb: Tratschbücher, Biografienwelle, einstweilige Verfügungen, Verlagskrise. Auf der Medienseite beschreibt Wilfried Urbe, wie das lukrative Lizenzgeschäft die Fernsehmacher den Inhalt vergessen lässt.

Besprochen werden "The Good Thief", Neil Jordans Neuverfilmung eines Melville-Klassikers und eine Ausstellung zu neuen Sichtweisen auf Städte in Zeiten der Globalisierung.

Schließlich Tom.
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NZZ, 13.10.2003

Alfred Herzka bietet einen ausführlichen und sehr aufschlussreichen Einblick in Kubas Presselandschaft und die mindestens ebenso bizarren exilkubanischen Sender, die von der Westküste Amerikas aus ihre Weltsicht verbreiten: "Wie gut sind durchschnittliche Kubaner über die Insel oder die Welt informiert? Die Frage ist schwer zu beantworten, denn politische Themen werden in Privatgesprächen gemieden, und in der Öffentlichkeit äußert kaum jemand abweichende Meinungen. Jedenfalls ist der Zugang zu den Informationen aufwendig. Die meisten exilkubanischen Journalisten in den USA vermitteln - wie ihre Kollegen auf der sozialistischen Insel - ein verzerrtes Weltbild." Das Resümee eines kubanischen Dissidenten: "'Wir beobachten mit Herzklopfen sowohl den Gesundheitszustand des Revolutionsführers in Havanna als auch die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA'".

Andreas Breitenstein vermisst Visionen und Selbstkritik bei der Präsentation Russlands auf der Buchmesse und ist befremdet: "Es bleibt der Eindruck eines Landes, das weit davon entfernt ist, mit sich im Reinen zu sein - und Beträchtliches investiert, um eben dies zu überdecken. Unglücklich wirkte der Tanz des russischen Bären und ungelenk. Die Strippenzieher sind immer noch da, nur sind die Mittel moderner, die Methoden subtiler geworden."

Joachim Güntner ist enttäuscht, dass nicht viel bleiben wird von dem "geschickten, von Misstönen freien Auftritt" Susan Sontags bei der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche: Keine Polemik, keine Skandale, keine Debatten. Nur die Abwesenheit einiger Politiker hat ihn geärgert. "... hätte es sich Bundeskanzler Schröder nicht mittlerweile zur Angewohnheit gemacht, in der Paulskirche zu fehlen, so würde vielleicht auch seine erneute Abwesenheit haften bleiben: als Affront des mächtigsten deutschen Politikers gegen kritischen Geist. Oder als symbolische Geste einer Bündnissolidarität mit dem amerikanischen Botschafter, denn auch Daniel Coats scheute den kurzen Weg von Berlin nach Frankfurt und blieb der Ehrung fern."

Weitere Artikel: Hanno Helbling erinnert an Papst Bonifaz VIII., der vor 300 Jahren starb. Besprochen werden die deutschsprachige Erstaufführung von Jon Fosses Stück "Der Sohn" am Züricher Schauspielhaus und Christoph Fricks Inszenierung des "Peer Gynt" am Luzerner Theater.

Welt, 13.10.2003

In der Welt fasst Monika Maron ("Geburtsort Berlin") einige traurig-tröstliche Gedanken zum Niedergang Berlins: "Jetzt aber, da wir gemeinsam im Schlamassel sitzen und von einem Bürgermeister regiert werden, der vor allem als Zeremonienmeister der Love-Parade oder des Christopher-Street-Days auffällt, die PDS sang- und klanglos verglüht, die neue Berliner Gesellschaft in der dürftigen Kulisse der vernachlässigten Hauptstadt wohl doch keinen geeigneten Spielort gefunden hat, die Berliner Parteien in peinlichem Gezänk die Anhebung des durchschnittlichen Intelligenzquotienten ihrer Führungsschicht vereiteln, jetzt ist es gleichgültig, ob wir in Weißensee oder Charlottenburg, Friedrichshain oder Neukölln wohnen. So ließe sich in allem Unglück doch ein Vorteil finden."

Stichwörter: Monika Maron, Neukölln

SZ, 13.10.2003

Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur (mehr hier) informiert über die Lage der Frauen im Iran. Neben allen Reformrückschlägen durch den konservativen Wächterrat werde die Frauenfrage jetzt immerhin in breiten Gesellschaftsschichten diskutiert, und auch die Fakten sprechen für die Frauen. "Im Jahr 2002 gab es zum vierten Mal in Folge mehr weibliche als männliche Studienanfänger an Teherans Universitäten. Entgegen den gängigen Klischees gibt es in Iran schon lange Abgeordnete, Ärztinnen, Lehrerinnen, Präsidentenberaterinnen und Bürgermeisterinnen und seit Januar diesen Jahres steht den iranischen Frauen auch der Beruf der Polizistin offen. Auch die klassische Männerdomäne des Nahen Ostens, den Straßenverkehr, haben sie mittlerweile erobert: Sie fahren Taxi, und vergangenes Jahr wurde erstmals eine Busfahrerin eingestellt. Als unterwürfige Dienerin der Ayatollahs verstehen sich die iranischen Frauen jedenfalls nicht, im Gegenteil. Dies lässt sich wohl auch daran ablesen, dass der beliebteste Frauensport in der Islamischen Republik Karate sein soll."

Auf der dritten Seite lesen wir Christiane Kohls Porträt des Papstes zum 25-jährigen Amtsjubiläum. "Da sind sie wieder, diese Schuhe. Genau parallel stehen die braunen Slipper nebeneinander auf der mit beigefarbenem Teppich bezogenen Plattform."

Weitere Artikel: Ijoma Mangold reflektiert die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Susan Sontag (mehr), zudem druckt die SZ Auszüge aus Sontags Rede. Andrian Kreye stellt uns Dave Eggers vor, einen literaturbegeisterten ehemaligen Fahrradkurier, jetzt Bestsellerautor (mehr), Verleger, Schulgründer und Fachmann für Piratenbedarf. Joachim Riedl erzählt amüsanterweise, wie einige Spaßvögel die Umbenennung des Wiener Karlsplatzes in Nike-Platz ankündigten und damit Wirtschaft, Medien und Politik in Österreich mobilisierten. Verblüffend praktisch und unrepräsentativ findet Gottfried Knapp das neue Arte-Hauptquartier (dazu ein Dossier) in Straßburg. Auch in Frankreich trägt der Kopftuchstreit seltsame Blüten, weiß Alex Rühle.

Henning Klüver freut sich über den bald vollendeten Wiederaufbau (mehr) des Gran Teatro la Fenice nach Plänen von Aldo Rossi in Venedig und notiert die Personalveränderungen an der Mailänder Scala. "tost" preist die neu gestaltete Schweizer Kulturzeitschrift Du. Birgit Sonna porträtiert den Münchner Kunstverein (mehr), der seinen 180. Geburtstag mit einer Ausstellung feiert.

Sichtlich gezeichnet resümiert Philipp Oehmke auf der Medienseite den samstäglichen Fußballmarathon im ZDF, der immerhin erst nach rekordverdächtigen 454 Minuten beendet wurde. In der Serie Große Journalisten erfahren wir heute von Claus-Heinrich Meyer etwas über Theodor Heuss, den Bohemien aus Schwaben.

Besprochen werden Torsten Löhns kitschfreier Großstadtfilm "Paule und Julia", der zweite nicht durchgehend schwache 99-Euro-Film, Peter Wittenbergs Inszenierung von Neil LaButes 9/11-Drama "Tag der Gnade" im Münchner Haus der Kunst, die Uraufführung von Andreas Breitscheids Oper "Im Spiegel wohnen" nach Heiner Müllers "Bildbeschreibung" im Forum für Neues Musiktheater Stuttgart, und Bücher, darunter Charles Simmons unterhaltsame Persiflage auf den Literaturbetrieb "Belles Lettres" und "Aus grossem Hause", die Memoiren des Historikers George Mosse (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).