Feridun Zaimoglu

German Amok

Roman
Cover: German Amok
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2002
ISBN 9783462031287
Gebunden, 240 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Feridun Zaimoglu wirft böse Blicke auf Zerfall und Fäulnis und reißt den Leser mit auf eine apokalyptische Todesfahrt. Mit maßlosem Furor geißelt der Ich-Erzähler, ein erfolgloser Künstler und begehrter Lustsklave, die Hohlheit eines Milieus, das sich auf Oberflächenreize kapriziert hat. Wieder eine Vernissage mit den immergleichen Gästen, die sich an den immergleichen Inszenierungen ergötzen: Kaskadenartig ergießt sich der Wortschwall des frenetischen Erzählers, und Häme und Spott schüttet er über die Bohemiens aus, die sich zu diesen Szene-Ereignissen einfinden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.03.2003

Dieses Buch, so der Rezensent Steffen Richter, könnte man getrost als polemische "Provokation" abtun, so sehr zieht es alle Satireregister gegen die Attitüden der Kunstszene, der "Berliner Kulturpest", so sehr greift es alle heiklen Tabus bis hin zum Holocaust auf, wäre da nicht ein gewisser trauriger Unterton, der den "ungehemmten Unfug" durchziehe. Dieser "ernsthafte" Ton entspinne sich im "Liebesmärchen" um das geistig verwirrte Mädchen Clarissa, das Zaimoglu "wesenhaft fremdartig" nennt, und das auf einmal die "Sehnsucht nach Authentizität" aufkommen lasse, untentrinnbar und bestechend wie ein "erratischer Block". Doch Richter liest Clarissa auch als Sinnbild für die "Fremden" im Land, denn sie ist die Fremde par excellence, die es immer bleiben wird. So dass die "kulturelle Vermischung" nur noch als "Utopie" dastehen könne. Zaimoglus Orakel, dass das "Unglück" der Fremden zu "unserem Verhängnis" werden wird gehört für den Rezensenten zum literarischen "Bodensatz" dieses Buches, der wert ist, "aus der Konkursmasse des Pops gerettet zu werden".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.12.2002

Für Christoph Bartmann hat Feridun Zaimoglu einiges von seinem Image des "Malcolm X der türkischen Jugendkultur in Deutschland" eingebüßt. Diese Demission habe auch mit dem neuen Buch zu tun. Es möchte ein Schlag ins Gesicht der "Kulturlinken" sein, habe außer der bewussten Provokation aber wenig zu bieten, tadelt Bartmann. In weiten Teilen, so der Rezensent, sei es "ein streckenweise erheiternder, auf Dauer ermüdender Redestrom". Der Autor lege sich an mehreren Fronten mit den Hütern der political correctness an und versuche mit seiner "multiplen Kulturlästerung", den "pseudo-provokatorischen Kunstbetrieb" bloßzustellen. Eigentlich verlockend, denn der Kunstmarkt, die Strategien künstlerischen Erfolges, der Kult vom Avantgarde-Künstler seien fabelhafte Roman-Themen". Doch dazu müsste man mehr Kenntnis von der Kunstszene haben als Zaimoglu. Grelle Späße und krasse Sprüche endeten bei ihm "notgedrungen in die letztmögliche Geschmacklosigkeit". Neben dieser andauernden "hate speech" zeige sich aber noch das Selbstbildnis eines Türken in Berlin, der sich als "erfolgloser Maler und stark nachgefragter Lustsklave" durchschlägt. So entstehe eine kleine Theorie des Söldners. Die Theorie weckt beim Rezensenten zwar ein gewisses Interesse, macht ihn aber trotzdem nicht zu einem Freund dieses Buches.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2002

Jens Jessen beginnt seine Besprechung gleich mit einer Warnung: "Wer sich vor pornografischen, politischen und anderweitigen Kunstpöbeleien fürchtet", sollte dieses Buch nicht anfassen. Hier findet nämlich im Milieu von Berlin-Kreuzberg ein "hasserfüllter Amoklauf" gegen fast alles statt, erzählt von der Figur eines dem traditionellen "Tafelbild" verhafteten, aber schlecht malenden Malers. Ob schicke Performancemoden, Grün-Alternatives, Esoterik oder "Drittweltschwärmerei": Alles ist dem Erzähler verhasst, alles wird durchschaut als Dekadenz und hohles Gewese, schreibt Jessen. "Verwöhnte deutsche Bürgerkinder", ob kriminell, Künstler, drogensüchtig oder alles zusammen, kriegen hier ebenso ihr Fett weg wie "Türkenväter" und Islamisten, die predigen, was sie selbst nicht glauben. Etwas verstört hat den Rezensenten die Konstruktion des Selbsthasses, die den Erzähler antreibt, ebenso wie die plötzliche Gegenkraft des Religiösen, das zu einer Art Läuterung oder Erlösung führt, das aber womöglich nur als "ästhetisches Kontrastmittel" eingeführt wird, ohne tiefere Bedeutung. "Es ist ein zutiefst reaktionäres Buch, fortschrittsfeindlich und kulturkonservativ", meint Jessen, und doch auch ein Buch, das schließlich "Zeugnis" ablegt von einem Bruch, an dem der "Hass" zum "Kummer" wird. Dennoch findet auch dann keine Erlösung statt, schreibt Jessen, weil am Ende der schließlich doch von jemandes Schicksal und Tod erschütterte Erzähler mit der Möglichkeit rechnen muss, dass auch der "wiedergefundene Glaube" womöglich nur "eine neue Verrücktheit" sei.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.10.2002

Dass sich Feridun Zaimoglu nach seinen Erfolgen mit "Kanak Sprak" und "Liebesmale, scharlachrot" auf den dafür geernteten Lorbeeren ausruht, will Oliver Fink nicht behaupten, ist aber trotzdem "fast" ein bisschen enttäuscht über den zweiten Roman des Autors. Der Erzählstrang laufe "leider" ins Leere, am Anfang kommen Plot und Dialoge nicht so recht in Fahrt, sondern manche Passage wirke eher "hölzern" oder "platt". Es geht um eine "neudeutsche Künstler-WG", die der Erzähler hasst, obwohl - oder weil - er mitten drin steckt. Alle Beziehungen, so Fink, werden ausschließlich in den "Kategorien von Dienst und Herrschaft, von Peinigung und Befriedigung" beschrieben. Sympathisch sei eigentlich nur eine Figur, eine rätselhafte Frau, die die Machtspiele des Erzählers einfach ignoriert. Manchmal gelingen Zaimoglu "hervorragende" Passagen, schreibt Fink. Manches erinnert ihn an Michel Houellebecq, vor allem das "Spiel mit dem Pornografischen". Doch ziele Zaimoglu im Gegensatz zu Houellebecq nicht auf die ganze Gesellschaft, sondern auf das Berliner "Künstler-Milieu", das bei Zaimoglu insgesamt ausgesprochen schlecht abschneidet, so Fink.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002

Der Titel hat bei Rezensent Tobias Döring zunächst wohlig schauernde Erwartung geweckt. Doch die Enttäuschung folgt der Erwartung auf den Fuß. "Jämmerlich verbissen" sieht der Rezensent den Roman um "politische Inkorrektheit" ringen. Doch der Text sei von so unkomischer Pointensucht und lustloser Großspurigkeit getrieben, dass er die Schweißperlen nicht lohne, die über seinen grimmen Posen vergossen worden seien. Die Figuren heißen "Kunstfotze" oder "Mongo-Maniac", lesen wir, die Handlung spielt in "dieser für immer verfluchten und vergammelnden Metropole", wie unser Rezensent leicht abgestoßen zitiert. Also Berlin, übersetzt Döring, und lässt uns wissen, dass das Interesse des Autors vornehmlich den stumpfsinnigen Sexualpraktiken von Berlins Bewohnern gilt. Dies aber ist dem Rezensenten zufolge so "platt und maulaufreißerisch präsentiert", dass der Roman ihm so peinlich erscheint, wie die karikierten Berliner im Buch. Was immer "Amok" sonst bedeuten mag, für den Rezensenten heißt es hier einfach "Leerlauf".
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