Heute in den Feuilletons vom 15.09.2003

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.09.2003. In der SZ plädiert Amos Oz für Jassir Arafat. In der NZZ erklärt der tunesische Autor Mohamed Talbi, warum er sein Land für einen "Gulag des Geistes" hält. Die taz lobt die Qualität des iranischen Kinos, das sich besser exportiert als das deutsche Die FR und die FAZ feiern George Taboris Inszenierung von Lessings "Juden".

SZ, 15.09.2003

Heute dominiert die Politik. Der israelische Schrifsteller Amos Oz (mehr hier) ergreift das Wort - für Jassir Arafat. "Arafat mag ein übler Zeitgenosse sein, der viele Gewalttaten und, wie Abu Mazen jetzt aus eigener Erfahrung weiß, Betrügereien auf dem Gewissen hat. Aber wir Israelis können nicht Mutter Teresa zur Führerin der Palästinenser ernennen. Wir müssen mit Arafat vorlieb nehmen, nicht weil er so nett und reizend ist, nicht weil er unser Freund ist, sondern weil er das Oberhaupt unserer Feinde ist (wenn Arafat Mutter Teresa wäre, dann hätten wir seit langem Frieden, und es wäre nicht mehr nötig, zu verhandeln, zu feilschen und Kompromisse zu machen)."

Ruprecht Polenz, ehemaliger Generalsekretär der CDU, plädiert für die Aufnahme der Türkei in die EU. Von der versöhnlichen Signalwirkung für die Moslems weltweit einmal abgesehen führt Polenz auch eine ganze Reihe volksnäherer Gründe an. "Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Westorientierung gehört zur Staatsräson der Türkei. Sie ist Gründungsmitglied des Europarats und gehört der OSZE an. Im Sport nimmt sie an Europameisterschaften teil; Galataseray Istanbul spielt in der europäischen Champions-League. Beim Grand Prix d'Eurovision siegte in diesem Jahr eine türkische Sängerin. Die Türkei ist seit Jahrzehnten verlässliches Mitglied der Nato, die sich ja nicht nur als Verteidigungsbündnis, sondern auch als Werte- und Schicksalsgemeinschaft versteht."

Weitere Artikel: In einem beiderseits recht kuscheligen Gespräch verrät Katja Riemann (ihr neuer Film hier) Rainer Gansera und Fritz Göttler ihr Lieblingsmärchen: Andersens "Die kleine Meerjungfrau". "Die schneidet sich die Zunge ab, um ein Menschenkind zu werden, kann aber ihren Prinzen doch nicht bekommen." Bernd Graff prophezeit, dass das harte Vorgehen gegen Musikpiraterie nur neue Tauschformen hervorbringen wird. Holger Liebs kommentiert das neue Konzept der RAF-Ausstellung und stellt fest, dass wir in den vergangenen Wochen einer "Gespensterdebatte" aufgesessen sind. "That's the real Märchen", seufzt ein resigniert-entsetzter Alex Rühle wegen des Riesenaufwands um Madonnas belangloses Märchenbuch. "zri" kündigt gespannt das geplante Remake von Ilja Repins Monumentalgemälde "Die feierliche Sitzung des Staatsrats" (einige von Repins Bildern hier, leider ohne das genannte) an - wird Putin nun zum Zar oder nicht?

Begeistert ist Bernd Feuchtner vom mongolischen Musikfestival "Roaring Hoofs" zurückgekehrt, wo er auf einem Gletscher sitzend avantgardistischen wie traditionellen Klängen gelauscht hat. Volker Breidecker berichtet, wie der Komponist György Ligeti den Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt entgegengenommen hat. Burkhard Müller setzt die Italienaufklärung unter dem Stichwort Priesterscherz fort. Und "jbv" ekelt es ein letztes Mal vor dem gestern zu Ende gegangenen Reim-Wettbewerb "Deutschland sucht den Superdichter".

Besprochen werden David Bowies neue Platte "Reality", in der dieser "alle Höhen und Tiefen des Songschreibermöglichen" auslotet, Hans-Günther Bückings Verfilmung der Wilderer-Legende "Jennerwein", das Manga-Space-Film-Musical "Interstella 5555", Neil LaButes 9/11-Drama "Tag der Gnade" am Deutschen Theater Berlin, Olivier Messiaens Pseudo-Oper "Saint Francois d'Assise" auf der Ruhr-Triennale, die Wiener Josefstadt-Eröffnung als "Theaterkatastrophe ersten Ranges", und Bücher, darunter David Ganz' schwelgerische Liebeserklärung an römische Barockkirchen, Thorsten Beckers indischer Fabelroman "Die Besänftigung" sowie J. Bowery Bells Suche nach den Ursprüngen des Jihads "Murders on the Nile" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

NZZ, 15.09.2003

Als einen "immensen Gulag für den Geist" hat der tunesische Schriftsteller Mohamed Talbi sein Land bezeichnet. Im Interview mit Beat Stauffer erklärt er warum: "Am 13. Juli dieses Jahres hat der Präsident der 'Liga der freien Schriftsteller' rund 30 Autorinnen und Autoren, unter anderen auch mich, zu einem Treffen eingeladen. Diese Liga wurde gegründet, um der total vom Staat kontrollierten 'Centrale des Ecrivains' etwas entgegenzusetzen. Doch dieses Treffen in einem privaten Haus wurde von der Polizeidiktatur Ben Alis mit Gewalt verhindert. Das einzige 'Delikt' dieser Autoren war es, sich als 'frei' zu proklamieren. Das sind Verhältnisse, die den Begriff 'Gulag' nahelegen, denn das Verbot des freien Denkens und der freien Meinungsäußerung ist die schlimmste Folter für den Geist. Wenn ein Intellektueller unter solchen Umständen schweigt, macht er sich schuldig."

Besprochen werden die bisherigen Highlights des Berliner Literaturfestivals, Lars-Ole Walburg recht gelungene "Faust"-Inszenierung am Theater Basel, eine Mahler-Aufnahme der Wiener Philharmoniker mit dem amerikanischen Multimillionär Gilbert Kaplan als Dirigenten.

FR, 15.09.2003

"Trampeln und Rosen" gab es für George Tabori und seine Version von Lessings Lustspiel "Die Juden" am Berliner Ensemble. Ein "delikater Comicstrip" sei da entstanden, bemerkt Nikolaus Merck angetan. "Axel Werner als Baron ist grobianisch und schwer von Verstand. Therese Affolters Dienstmagd Lisette kollert umwerfend vulgär und zupft pausenlos an Dekollete und Strümpfen, um ihr Diener-Pendant David Bennent zu "französischen" Küssen mit Umwerf-Effekt zu stacheln; Hanna Jürgens Baroness hüpft rehleingleich und Markus Meyers jugendlich feuriger Reisender gutmenschelt, dass es kaum auszuhalten ist. Kurz: Ein prachtvoller, von Hans-Jörn Brandenburgs stimmungskräftiger Musik animierter, Comic Strip. Indes werfen sich die Schauspieler mit so großer Delikatesse in ihre Rollen, als sei der ganze Abend frisch gewaschen und überhaupt nur da zur Erheiterung des weisen Spielemachers am Rande."

Weitere Artikel: Ulf Erdmann Ziegler schlendert über die Männermesse IAA, beobachtet die Schlangen vor den Herrentoiletten und notiert die Farbvarianten für die Ledersitze bei Ferrari: "crema, sabbia, beige, cuoio, rosso, bordeaux, carta da zucchero, blu medio, blu scuro, grigio scuro, charcoal, nero." Bernhard Uske erzählt, wie es auf dem "Kaffeeklatsch", also der Verleihung des Adorno-Preises an einen erstaunlich agilen György Ligeti in Frankfurt war. Burkhard Brunn gratuliert dem "genialen" französischen Zeichner wie Übersetzer Grandville zum 200. Geburtstag. In Times mager bittet Elke Buhr Madonna inständig, doch wieder lieber zu singen als Kinderbücher zu schreiben. Und gemeldet wird, dass Christa Wolf heute glaubt, sie hätte nach der Biermann-Ausbürgerung aus der Partei austreten sollen, sowie dass Christina Weiss überzeugt ist, die Regierung mache genug für den Denkmalschutz.

Auf der Medienseite empört sich Hans-Hagen Bremer, wie die französische Presse den Fall Marie Trintignant ausschlachtet. Hans Christof Wagner sendet Glückwünsche an die "Wiener Zeitung", die 300 Jahre alt wird und damit die älteste Tageszeitung der Welt ist. Rudolf Walther sorgt sich spät, aber immerhin um die Zukunft der wunderbaren Schweizer Kulturzeitschrift "du".

Besprechungen widmen sich Neil LaButes 9/11-Drama "Tag der Gnade" am Deutschen Theater in Berlin und der Uraufführung des Tanztheaters "Projekt" von Xavier Le Roy in Lissabon
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TAZ, 15.09.2003

Birgit Glombitza schwärmt von der Klasse und der Inhaltsvielfalt des iranischen Kinos. "Tatsächlich aber liegen die modernen Stadtfilme eines jungen iranischen Kinos nicht im Giftschrank der Revolutionsführung. Sie laufen in den Kinos der Hauptstadt " Hierzulande, tadelt Glombitza, könne man sich da ruhig eine Scheibe abschneiden. Denn "von ,Lola rennt' und 'Good bye, Lenin!' vielleicht einmal abgesehen, verkauft sich der iranische Film international besser als der deutsche", wie ihr Gesprächspartner, der iranische Regisseur und Produzent Mohammad Farokhmanesh, feststellt. Nur bei der Zensur wünscht man sich hiesige Verhältnisse. Im Iran werden "einige Projekte gleich gestoppt, andere widmen sich den heikelsten Themen und landen kaum geschoren auf der Leinwand. Und nicht selten werden Filme fertig gestellt, dürfen aber nur im Ausland oder auch gar nicht gezeigt werden. Willkür scheint derzeit die einzig verlässliche Kategorie der Zensur zu sein."

Susanne Messmer spottet über das Berliner Literaturfestival. Sie stört die Konzeptlosigkeit der Riesenveranstaltung, zu der jeder, der schon mal ein Buch geschrieben hat, nach Berlin geflogen werde. Über die RAF-Ausstellung wird nun wieder verhandelt, weiß Harald Fricke: Grundlage ist ein neues Konzept ohne pädagogischen Anspruch.

Im Gespräch mit "stg" macht uns der CDU-Medienpolitiker Günter Nooke auf der Medienseite noch einmal klar, warum es keine Ministerialerlaubnis für Holtzbrinck geben darf. Und er lobt die taz, die ja der gleichen Meinung ist. "Ich finds ja gut, dass Sie eine rechtsstaatliche Position vertreten. Aber man muss auch mal die Frage stellen, ist die Zeit nicht reif für eine rechte taz? Braucht man auch auf der anderen Seite nicht mal wieder ein bisschen intellektuellen Qualitätsjournalismus?"

Und hier Tom.

FAZ, 15.09.2003

Zwei Stücke hat Gerhard Stadelmaier in Berlin gesehen, George Taboris Inszenierung von Lessings "Juden" am Berliner Ensemble und Neil La Butes "Tag der Gnade" über den 11. September, inszeniert von Thomas Schulte-Michels am Deutschen Theater. Die beiden Alten siegen über die beiden Jungen, und die von Lessing erzählte kleine Begebenheit siegt über das welthistorische Ereignis: "Es ist wie ein Lausbubenstreich Taboris: als würden einer uralten Vorurteilsfratze komische, belebende Menschenzüge aufgemalt. Und die Fratze fängt an zu strahlen und zu grinsen und zu sprühen und zu sprechen." Dagegen LaBute: "Das neue, scheinbar so brisante Ding wirkt, als habe man frischen, wunden Menschen alte Fratzen übergezogen: die Fratzen des naturalistischen Geschäftsmilieustücks mit Zimmerschlachtgirlanden."

Weitere Artikel: Michael Althen macht uns mit Andre Hellers Kulturprogramm für die Fußball-WM 2006 bekannt - es beginnt mit einem Riesenfußball vor dem Brandenburger Tor, einem hübschen Symbol, wie Althen meint. Hannes Hintermeier war dabei, als der Hanser-Verlag seinen 75. Geburtstag feierte. Rainer Blasius resümiert eine Tagung über den Vernichtungskrieg gegen Polen in Ludwigsburg. Joseph Croitoru befasst sich mit Verschwörungstheorien zum 11. September im Westen und der islamischen Welt und fürchtet, dass sie Hand in Hand arbeiten. Wiebke Hüster meldet, dass der Choreograph Hans van Manen Den Haag verlässt. G. I. gratuliert dem Kunsthistoriker Oskar Bätschmann zum Sechzigsten. Gemeldet wird, dass sich Christa Wolf in einem Tagesspiegel-Interview selbstkritisch über ihre Rolle in der DDR äußerte und dass die von den Berliner Kunst-Werken geplante RAF-Ausstellung nun ganz neu konzipiert werden soll.

Auf der letzten Seite berichtet Stephan Mösch von der unzeitgemäßen Eröffnung einer prächtigen neuen Oper in Erfurt (während die Dreispartenhäuser anderswo in Thüringen schließen müssen). Jürg Altwegg meditiert über den unverhofften Erfolg des Films "Goodbye Lenin" in den französischen Medien (auch und gerade die Franzosen vermissen die DDR sehr!). Und Matthias Oppermann stellt den konservativen Militärhistoriker Frederick W. Kagan, den Sohn von Donald und Bruder von Robert Kagan, vor, der der amerikanischen Regierung in der Policy Review vorwirft, "mit ihrer Strategie im Afghanistan- und im Irak-Krieg zur Unmöglichkeit einer stabilen Nachkriegsordnung beigetragen zu haben". Hier sein Artikel.

Besprochen werden Joel Schumachers neuer Film "Die Journalistin", Olivier Messiaens "Franziskus" in der Bochhumer Jahrhunderthalle und Neuerscheinungen aus der akademischen Welt.