Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.06.2003. Die Zeit wirft den Staatsanwälten, die gegen Michel Friedman ermitteln, Antisemitismus vor. Die SZ bringt einen Gegenartikel zur Diskussion um die "Bundeslöschtage" - da wird an einer Legende gewoben. Die taz fragt: Sind die Neocons verdeckte Trotzkisten? Die NZZ beschreibt den Siegeszug der englischen Sprache in Asien. Die Reaktionen auf die Kür Susan Sontags zur Friedenspreisträgerin sind gemischt.

Zeit, 18.06.2003

Robin Detje wirft den Staatsanwälten, die gegen Michel Friedman wegen des Verdachts auf Drogenbesitz ermitteln, Antisemitismus vor "Es geht hier weniger um die Beweislage... Die Gesamtperformance aller Beteiligten ist das eigentliche Thema. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat das positive Untersuchungsergebnis der Tütchen zeitgleich mit der Beerdigung Jürgen Möllemanns verkündet. Die Beerdigungsberichte zeigten zahlreiche weinende Menschen. 'Ein tapferer mutiger Mann', sagten Bürger auf Kabel 1... Über den Toten und seine völlig verzeihlichen, millionenschweren Kavaliersdelikte also nichts Schlechtes, während Tütchen-Friedman szenetypisch in Schande zusammenbricht."

Das Ausmaß der Plünderungen in Bagdad ist weit übertrieben worden, diese Übertreibung aber ist kaum Gegenstand korrigierender Berichterstattung, wundert sich Jörg Lau: "Die irakische Antikenverwaltung hatte, wie man heute weiß, die meisten Objekte lange vor dem Krieg in sichere Depots geschafft. Die Galerien waren mithin leer, bevor die Plünderer kamen. Es wäre für die besorgte Öffentlichkeit hilfreich gewesen, von diesem erfreulichen Umstand zu erfahren, bevor die angeblich verlorenen Objekte Stück für Stück wieder auftauchten. So aber bleibt der Eindruck einer zumindest in Kauf genommenen Desinformation."

Im Interview mit Christof Siemes und Claus Spahn erklärt Regisseur Calixto Bieito die Drastik in seinen Operninszenierungen - Azucena muss in seiner "Troubadour"-Inszenierung Kot essen - und gegen welche Widerstände er sie durchsetzen muss: "Als ich der Darstellerin die Sache mit dem Kot vorschlug, dachte sie kurz nach und sagte dann: Okay, wir versuchen's. Ich habe ihr genau beschrieben, worum es in der Szene geht, und dann sagte ich: Go, go, go!! Do it!! Do it real! Es hat sich immer weiter entwickelt, größer, größer, größer!"

Weitere Artikel: Hanno Rauterberg schlendert über die Biennale von Venedig, die er zu einem "kunterbunten Mitmachfestival" werden sieht. Volker Ulrich gratuliert dem Kulturhistoriker Peter Gay zum Achtzigsten. Birgit Glombitza feiert Hayao Miyazakis Zeichentrickfilm "Chihiros Reise ins Zauberland". Georg Seeßlen versucht sich an einer kleinen Phänomenologie des Staus in der Filmgeschichte. Die Publizistin Marcia Pally versucht, die mentalen Unterschiede zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland zu erklären (hier eine Leseprobe aus ihrem letzten Buch). Und Eva Schweitzer fragt in einem kleinen Hintergrundartikel, wohin die New York Times nun, nach dem Abgang fälschender Journalisten und deckender Chefredakteure, nun steuern mag.

Aufmacher des Literaturteils ist ein Essay von Botho Strauß (der zuerst im WDR-Radio lief). Er versucht uns den fast vergessenen Dichter Konrad Weiß nahe zu bringen. Strauß empfiehlt, da Weiß vergriffen ist, eine Suchabfrage bei Internetantiquariaten. Im Politikteil plädiert Heinrich-August Winkler dafür, dass Europa die westlichen Werte gegen die konservative Revolution in Amerika verteidigt.

SZ, 18.06.2003

Als Antwort auf den gestrigen Kommentar von Franziska Augstein zu den "Bundeslöschtagen" fasst sich Hans Leyendecker ein Herz und tritt Helmut Kohl zur Seite. Diese Bundeslöschtage habe es - zumindest im strafrechtlichen Sinne - nie gegeben, so wenig wie eine Kohl-Affäre in Sachen Leuna: "Aber: Wer will das wissen? Die Fehlspur wird verdeckt, die Legende gewoben. Gern wird dann, wie im Fall Leuna, Heinrich Böll zitiert: 'Es bleiben Nebel, es bleiben Unklarheiten, es bleibt Ungeklärtes, nicht wirklich gelichtet.' Das Klare muss unklar werden, damit man Recht behält, das eigentlich Unrecht ist. Es muss immer einen Übeltäter geben. Die Schwere seiner Schuld muss so groß sein, dass der Vorwurf nicht bewiesen werden muss. Weil der Gauner so raffiniert war, kann ihm ohnehin niemand auf die Schliche kommen. "Enthüllungsjournalismus", so Leyendecker, "muss mehr sein als die Auswertung von Ermittlungsakten oder das Verfassen von Kommentaren".

Weitere Artikel: Susan Sontag, die europäischste der amerikanischen Intellektuellen, erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (mehr hier), für Kristina Maidt-Zinke geht diese politische Geste durchaus in Ordnung, auch wenn sie Wert darauf legt, dass Sontag alles andere als pazifistisch sei. Ziemlich säuerlich nehmen R. Freuler und C. Dössel Christoph Marthalers Bankrotterklärung als Chef des Zürcher Schauspielhauses zur Kenntnis. "Mit Marthaler ist ein Modell des kreativen Künstlers als Intendant gescheitert. Die Zukunft gehört den Managern."

Rüdiger Sturm erzählt, warum der japanische Anime-Meister Hayao Miyazaki (mehr hier) vor seinen eigenen Filmen warnt. Seinen neuen Film "Chihiros Reise ins Zauberland" empfiehlt Fritz Göttler dennoch: "Es ist ein Clash der Kulturen, ein unaufhörlicher Zusammenprall der Elemente, den dieser Film inszeniert - so urgewaltig, so unaufhörlich, dass man am Ende mitgenommen und erschöpft ist von diesem Film, wie man es seit Disneys 'Fantasia' nicht mehr war." Göttler schreibt außerdem einen Nachruf zum Tod des Schauspielers Hume Cronyn. Und zusammen mit Susan Vahabzadeh berichtet er Neues aus Hollywood, zum Beispiel dass John Malkovich demnächst Stanley Kubrick spielen wird.

Weitere Artikel: Von Wolfgang Schreiber erfahren wir, warum Christian Thielemann jetzt doch nicht in Salzburg dirigieren wird. "jhl" berichtet vom anhaltenden Gezerre um die Neubebauung von Ground Zero. Thomas Steinfeld berichtet von einer Tagung zur Globalisierung im schwedischen Avesta, auf der die Teilnehmer verstanden hätten, dass Globalisierung ein schreckliches Wort sei, das die eigentliche Interessenlage verschleiere. Gerd Krumeich verabschiedet sich von dem Militärhistoriker Wilhelm Deist.

Besprochen werden Guy Ritchies Regiedesaster "Swept Away" mit Gattin Madonna in der Hauptrolle, das Berliner Konzert von Public Enemy, Neville Tranters Puppentheater "Schickelgruber alias Adolf Hitler" in Wien, die Ausstellung "Beutestücke" des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst und Bücher, darunter eine neue Ausgabe von Georges Lefebvres "Napoleon", Inger Christensens Langgedicht 'det/ das' sowie neue Kolumnen von Peter Bichsel (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 18.06.2003

Einen gehörigen Teil Trotzkistenblut sieht Robert Misik in den Adern der amerikanischen Neokonservativen fließen. Das führe dazu, dass sie inzwischen den permanenten Wandel betreiben, während die progressiveren Kräfte für den Status Quo eintreten. "Dies ist es, was europäische Denker und Politiker auf Distanz bringt, auch wenn diese die Ziele teilen und die Mittel - die Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten auch mit militärischer Gewalt nämlich - nicht rundweg ablehnen: die bolschewistische Schneidigkeit, der jeder Sinn für das Tragische abgeht. Wobei durchaus zu fragen ist, ob nicht bei der linken europäischen Kritik an den amerikanischen Neokonservativen womöglich jener spezielle menschliche Charakterzug zum Tragen kommt, den Sigmund Freud den 'Narzissmus der kleinen Differenz' genannt hat. Denn die leise Arroganz des 'Kaders', des 'Berufsrevolutionärs', der sich als 'Avantgarde' sieht - und der sich von Bedenken der Kleingeister nicht stören lässt, wenn es gilt, den Augenblick beim Schopf zu packen -, dieser Habitus der Neokonservativen ist es ja, der viele linke Kritiker in Europa besonders auf die Palme bringt; ein Habitus, der ihnen freilich nicht völlig unvertraut ist."

Weitere Artikel: Harald Fricke gratuliert Susan Sontag zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Christian Broecking erklärt, wen und was man sich unter No Jazz vorzustellen hat und schreibt einen Nachruf auf den Gitarristen Volker Kriegel. Besprochen wird das Konzert von Public Enemy in Berlin.

Und schließlich Tom.
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NZZ, 18.06.2003

In der NZZ beschreibt Urs Schoettli den Siegeszug der englischen Sprache in Asien. Nur die Japaner hinken hinterher. Seit jedoch China als "wirtschaftlicher und geopolitischer Rivale" wahrgenommen wird, ändert sich das: "In der Tat fällt auf, dass man als Westler in China eher in Englisch angesprochen wird als in Japan. Dabei legt die Erfahrung nahe, dass dies auch auf japanische Zurückhaltung zurückzuführen ist. Häufig mögen bei Japanern die passiven Englischkenntnisse völlig ausreichend sein, doch fürchten sie sich vor Fehlern bei der Aussprache. Demgegenüber nehmen die Menschen in China jede Gelegenheit wahr, bei Fremden ihre Englischkenntnisse zur Anwendung zu bringen." Verschiedene Initiativen sollen diesen Missstand jetzt beseitigen.

Besprochen werden eine Maigret-Ausstellung in Paris, die Aufführung von Berlioz' "La Damnation de Faust" in Genf, ein Klavierkonzert mit Bach und Schubert von Murray Perahia in der Zürcher Tonhalle und Bücher, darunter Hans Ulrich Gumbrechts Werk über "Die Macht der Philologie" (mehr: hier), Ulrich Schmids Abhandlung über "Russische Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts", von Richard Wagners Band "Der leere Himmel" (mehr: hier) (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 18.06.2003

Ina Hartwig ist mit der Wahl Susan Sontags zur diesjährigen Friedenspreisträgerin überhaupt nicht einverstanden. Sie findet die Wahl schlichtweg enttäuschend. "Eine Neigung zu Paris, Rausch und Libertinismus war nicht zu übersehen in den ersten Jahren ihrer Karriere. Sontag hatte Witterung, sie hatte Intelligenz und jede Menge Ehrgeiz - alles das hat sie bis heute nicht verlassen. Wenn die 1933 in New York City geborene Starintellektuelle im Herbst mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2003 ausgezeichnet wird, dann ist eine andere Susan Sontag gemeint. Das heißt: die Politprominente, die paradigmatische kritische Amerikanerin, die Vermittlerin zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Sontag war nie besonders humorvoll, aber politisch korrekt war sie in den sechziger, siebziger Jahren noch nicht. Heute ist sie es, und arrogant dazu - das macht es ein bisschen schwierig, ihr gewogen zu bleiben".

Weitere Artikel: Franz Anton Cramer hat beim Berliner Festival "in Transit" einen "salbungsvoll-hinterhältigen" Abend erlebt. In der Kolumne Times mager erklärt Silke Hohmann, was Venedig mit Schlingensiefs Säulensitzern gemeinsam hat: Auf Säulen zu sitzen und dabei doch runtergekommen sein. Ralf Grötker berichtet von einem Vortrag der feministischen Philosophin Seyla Benhabib in Potsdam. Christian Thomas wirft einen Blick in die Zeitschrift "arch +" und damit in die Zukunft des Wolkenkratzens unter den Bedingungen der Neuen Kriege. Gemeldet wird, dass Christoph Marthaler seinen Job als Intendant des Zürcher Schauspielhaus hinschmeißt.

Besprochen werden die Wolfgang-Tillmans-Ausstellung in der Tate Britain, die Richard-Artschwager-Schau in der Deutschen Guggenheim Berlin (mehr hier und hier), Denzel Washingtons Regiedebüt "Antwone Fisher", der neue Film der Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne "Der Sohn", die Anouilh-Antigone der belgischen Theatergruppe STAN und Mirko Bonnes Gedichtband "Hibiskus Code" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 18.06.2003

Ein ziemlich betrübter Gerhard Stadelmaier kommentiert Christoph Marthalers Abgang beim Zürcher Schauspiel: "Der Aufsichtsrat sucht nach einem neuen Intendanten. Die üblichen (langweiligen) Verdächtigen von Pey- bis Hartmann werden schon gehandelt. Ein Marthaler ist nicht darunter. Das Chaos ist aufgebraucht: Es war die beste Zeit."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus ist völlig aus dem Häuschen über den Zeichentrickfilm "Chihiros Reise ins Zauberland" von Hayao Miyazaki (Links), der im letzten Jahr den Goldenen Bären gewann ("Mit diesem Werk hat der japanische Trickfilm eine neue Dimension erreicht. Es ist, als habe Miyazaki in zwei Stunden die Quintessenz seiner vierzigjährigen Karriere als Trickfilmer gepackt"). Joseph Croitoru liefert einen sehr kundigen Hintergrundbericht über einen Verfassungsstreit in Israel - das Land hat in der Tat wegen des ungelösten Streits zwischen Laizisten und Religiösen keine Verfassung, und "eine zusätzliche, bis heute bestehende Konfliktquelle stellte der doppelte Anspruch des Staates dar, demokratisch-egalitär und zugleich exklusiv jüdisch zu sein". Ulrich Olshausen schreibt einen Nachruf auf den früh verstorbenen Jazzgitarristen und Kinderbuchautor Volker Kriegel. Christian Geyer kommentiert die Diskussion um den Philosophen Leo Strauss, dessen Tocher Jenny Strauss Clay sich gegen eine Einvernahme seines Denkens durch die amerikanischen Neokonservativen wandte. (Viele Links zu dieser Debatte finden sich bei Arts and Letters Daily).

Der Kunstsammler Hein Berggruen erzählt eine kleine Anekdote um Pablo Picaosso, der sich wahrscheinlich Herzog von Vauvenargues hätte nennen können, nachdem er das Schloss von Vauvenargues am Fuß der Montagne Sainte Victoire gekauft hatte. Felicitas von Lovenberg würdigt die Schriftstellerin Susan Sontag, die im Oktober, wie gestern bekanntgegeben, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten wird (aktuelle Links hier). Renate Klett berichtet vom "Festival de Theatre des Ameriques" in Montreal. Ferner schreibt Lorenz Jäger zum Tod des Historikers Wilhelm Deist. Und Jürgen Kesting gratuliert der Sopranistin Eva Marton zum Sechzigsten.

Auf der letzten Seite würdigt Jürgen Kaube die vor vierzig Jahren von Hans-Robert Jauß und Hans Blumenberg gegründete Forschungsgruppe "Poetik und Hermeneutik" als einen "der intellektuell ertragreichsten Diskussionszusammenhänge der Nachkriegsgeschichte". Für die letzte Seite wohnte Mark Siemons einer Diskussion mit Richard Perle in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg bei. Dietmar Dath fragt, ob "Google nach Inkorporierung von mehreren Millionen Sites numerisch erschöpft" sei. Hierum kreisen Diskussionen in den einschlägigen Netzgemeinschaften (übrigens irrt sich Dath, wenn er in seinem Artikel behauptet, der "PageRank" von Internetadressen errechne sich bei Google "nach der Anzahl der Aufrufe von Netzbenutzern" - die kann und will Google gar nicht messen, aber das nur nebenbei).

Auf der Medienseite erfahren wir von Erna Lackner, dass das österreichische Nachrichtenmagazin Format auf Lifestyle-Format getrimmt wird. Michael Hanfeld berichtet, dass die ARD vor der Übernahme der Bundesliga-Rechte steht. Und die unglaublichste Geschichte kriegt erst mal eine Meldung (bevor sie hoffentlich nachrecherchiert wird): "BMW hat für die Präsentation einer neuen Modellreihe Sendezeit bei Pro Sieben und Sat.1 gekauft." Das nennen wir journalistisches Ethos!

Auf der Stilseite schickt uns Jürgen Dollase eine Aufforderung zu kulinarischer Disziplin: "Die ganze Vielfalt des Essens bleibt natürlich mehr oder weniger unerschlossen, wenn es nicht gelingt, sich von den diversen Komplikationen zu befreien und eine Art kulinarischer Aufklärung für sich zu realisieren, die es ermöglicht, ohne 'artfremde' Assoziationen sachgerecht zu reagieren."

Besprochen werden die Ausstellung "Orte des Impressionismus" mit Gemälde und Fotografien im Kunstmuseum Basel, das zweite Viola-Fest in Kronberg, eine Ausstellung über die Gewänder antiker Göttinnen im Metropolitan Museum von New York.