Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.06.2003. In der NZZ erinnert sich Günter Kunert an die gramvolle Miene Bert Brechts am 17. Juni. In der FAZ schreiben Andre Kubiczek und Reinhard Jirgl über das Datum. In der FR fragt Richard Wagner, warum sich die Intellektuellen nicht mit den Arbeitern der Stalinallee solidarisierten. Die SZ kritisiert die Einstellung des Untersuchungsverfahrens wegen der Löschung von Akten im Bundeskanzleramt.

NZZ, 17.06.2003

Günter Kunert erinnert sich in einem sehr schönen Text an den 17. Juni. Am Tag wird am Alexanderplatz auf ihn geschossen ("Natürlich war das keineswegs persönlich gemeint"), am Abend trifft er bei Stephan Hermlin die Kollegen Bert Brecht und Kurt Bartels: "Nun hockten wir bei Hermlin, und Brechts Idee bestand darin, dem Neuen Deutschland, der Parteizeitung, vorzuschlagen, eine von uns redigierte Kulturseite beizulegen, die freier und undogmatischer über kulturelle Belange berichten würde. Kuba erlitt fast einen Herzinfarkt ob dieser Häresie. Hermlin sog an seiner Tabakspfeife und wiegte bedächtig den Kopf, was wohl ein Einerseits-andererseits bedeuten sollte. Ich war natürlich Feuer und Flamme, bis ich Brechts gramvolle Miene wahrnahm. Er war seiner eigenen Illusion erlegen. Sein wunderbarer Plan erwies sich schon vor seiner Ausführung als Traum."

Desweiteren heute viele Besprechungen, so von der Koproduktion der Wiener Festwochen mit der Volksbühne Berlin "Forever Young" (mehr: hier), des Kinofilms "Tan de repente" (mehr: hier), der Ausstellung zu Anne Frank im United States Holocaust Memorial Museum (mehr: hier) in Washington, eines Literaturfestivals in den Ruinen der Basilika di Massenzio am Rande des Forum Romanum sowie zur modernen Architektur in der Oberpfalz, welche maßgeblich von Peter und Christian Brückner geprägt wird.

Und Bücher, so von einer Sammlung von Texten Marcel Beyers mit dem Titel "Nonfiction", Roman Fristers Roman "Die gestohlene Identität" und von dem Nachschlagewerk "Reclams Krimi-Lexikon", herausgegeben von Klaus-Peter Walter. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.)

Ein gewisser "her" schreibt zum Tode des Künstlers Enrico Baj: "Mit seinen 'Generälen', aber auch mit den genauso grotesken 'Damen' oder 'Monstern' prangerte Baj soziale Missstände und Konventionen an - in einer ihm eigenen Mischung aus Polemik und Ironie, die bei aller Schärfe immer eine gewisse Liebenswürdigkeit behielt."

SZ, 17.06.2003

Im Aufmacher beschäftigt sich Franziska Augstein mit der "geleugneten Brisanz" der so genannten "Bundeslöschtage" nach dem Ende der Regierungszeit Helmut Kohl und kritisiert die geplante Einstellung des Untersuchungsverfahrens durch die Bonner Staatsanwaltschaft. Eine Stellungnahme des Bundeskanzleramtes dazu zeige "zum einen, dass nach der Wahl 1998 gigantische Datenmengen vernichtet wurden und dass diese Löschungen von zentraler Stelle erfolgt sind. Zum anderen zeigt sie, dass etliche Aktenbestände systematisch bereinigt wurden. Außerdem geht aus dem Text hervor, inwiefern die verschollenen Informationen zur Aufklärung etlicher odiöser Sachverhalte notwendig wären. Unverständlich an der Stellungnahme des Bundeskanzleramtes ist nur eines: Warum hat das Amt wenigstens einen Teil dieser Informationen nicht schon längst veröffentlicht?"

Weitere Artikel: Der Journalist Peter Bender kommentiert die Bedeutung des 17. Juni, Jürgen Berger berichtet vom fünften Tschechow-Festival in Moskau, Ralf Berhorst resümiert eine Berliner Tagung über das Selbstwertgefühl Europas, und Fritz Göttler beschreibt die Internetpiraterie, die derzeit schon vor dem Kinostart mit dem Film "Hulk" getrieben wird. "dip" informiert über eine "Posse" um den noch vor Amtsantritt entlassenen neuen Leiter der Beuys-Sammlung im Museum Schloss Moyland. Und in der Kolumne Zwischenzeit fordert Hermann Unterstöger neben weiteren lehrreichen Sprachbetrachtungen: "Im Übrigen gehört das Wort mehrfach, soweit es im Sinne von mehrmals verwendet wird, vom Erdboden getilgt." Thomas Steinfeld würdigt schließlich in einem Nachruf Volker Kriegel.

Besprechungen sind zu lesen von Castorfs Tennessee-Williams-Inszenierung, Kurt Schwertsiks Fassbinder-Oper "Katzelmacher" in Wuppertal, Ron Sheltons Film "Dark Blue", vorgestellt wird außerdem eine Ausstellung mit Momentaufnahmen von Jacques Henri Lartigues am Pariser Centre Pompidou. Rezensiert werden darüber hinaus auch Bücher, darunter der bisher nur auf Englisch erschienene letzte Essay des soeben verstorbenen Philosophen Bernard Williams (dem Alexander Kissler einen Nachruf widmet), James Hamilton-Patersons Hochstaplerroman "JayJay", ein Roman von Max Blaeulich, und ein Feature von Karl Friedhelm Fricke über den 17. Juni mit Originalaufnahmen auf CD (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 17.06.2003

Ein Hauptthema ist auch heute der 17. Juni. Auf der Seite Politisches Buch werden vor allem Bücher zum Thema rezensiert und aufgelistet. In einem Kommentar zu den Publikationen bemängelt Matthias Braun allerdings, dass die Leser bislang "zu wenig über die aufständischen Arbeiter erfahren, da sich die meisten Historiker nur auf die Akten der Staatsorgane verlassen". Rein materialtechnisch gesehen sei dies "Himmelreich" und "Hölle" zugleich. Gerecht werde die Quellenlage den Arbeitern allerdings nicht, "weil die SED-Genossen, deren Berichte der Historiker heute liest, nichts über sie wussten. Und weil die DDR-Gerichte, deren überzogene Urteile heute studiert werden, nichts über sie wissen wollten. Der ignorante Blick der SED-Genossen auf ihr Volk erfährt so eine späte Anerkennung. Wer als Geschichtsschreiber aber den Blick der Genossen übernimmt, setzt sein Projekt dem Verdacht aus, sich des historischen Personals zu bedienen, weil es in sein Weltbild passt." Ergänzend kommentiert auf den Kulturseiten Gerrit Bartels den schnellen "Verfallswert" der Belletristik zum Thema.

Weitere Artikel: Ronald Berg orientiert über das "überbordende Programm" der Stadt Erfurt zum Meister-Eckhart-Jahr, die damit ihren "Lokalheiligen" ehrt (mehr Infos hier). Besprochen werden außerdem Frank Castorfs Neuinszenierung von Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend" auf den Wiener Festwochen, das Berliner Konzert der Rolling Stones, Kurzgeschichten von Alexander Schwarz, Bücher, die Kindern das Reisen und die Ferne nahebringen, und ein Krimi, der in Halle spielt. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.
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FR, 17.06.2003

Zum 17. Juni kommen in der FR heute Schriftsteller zu Wort. Richard Wagner (mehr hier) fragt sich, weshalb - anders etwa als nach dem Ungarn-Aufstand oder dem Prager Frühling - die Schriftsteller und Intellektuellen der DDR die Aktionen nicht "mitgetragen und später im öffentlichen Gedächtnis fixiert" hätten. So wirft Wagner etwa Stephan Hermlin und Stefan Heym vor, sogar eine "beachtliche Rolle in der Diffamierung des Aufstands" gespielt zu haben. "Es wird Zeit, den 17. Juni als das zu sehen, was er wirklich war: der erste große Aufstand gegen die kommunistische Macht im sowjetischen Block, der erste Versuch, den Bann zu brechen, der erste Schritt in Richtung Solidarnosc und 1989. Darüber hinaus sollte man sich aber auch Gedanken über die Rolle von Literaten machen, deren Halbwahrheiten zur öffentlichen Fälschung und Manipulation des Ereignisses wesentlich beigetragen haben. Wenn es eine Macht der Literatur geben sollte, dann durch ihre Instrumentalisierung."

In einem Gespräch, in dem erstaunlich oft Drogen erwähnt werden, erläutern Annett Gröschner (mehr hier) und Falko Hennig (mehr hier) ihr Verhältnis zum 17. Juni, und Michael Ruschky schreibt über die Ikonografie der Bilder zum Datum.

In die global entbrannte Debatte über den Einfluss des Philosophen Leo Strauss (mehr hier) auf den radikalen US-Neokonservativismus versucht Thomas Meyer etwas Klarheit zu bringen. Bei den Versuchen in den USA und Europa, "Leo Strauss als den 'geistigen Vater' der Politik von George W. Bush auszumachen", sei "immer wieder auf die jüdische Herkunft von Strauss und seinen Schülern" hingewiesen worden. "Nach und nach entstand so ein Klima des intellektuellen Verdachts, in dem es nicht länger um den Zusammenhang von Geist und Macht ging, sondern um die vermeintliche Konspiration fundamentaler jüdischer und christlicher Kräfte, die sich unter dem Decknamen 'Strauss' versammelten." So diagnostiziere etwa Shadia B. Drury in ihrem Buch über "Leo Strauss and the American Right" einen "direkten Zusammenhang zwischen Strauss' Ablehnung liberaler Traditionen und dem Bemühen zahlreicher seiner Schüler und Enkelschüler, neokonservative Positionen in der amerikanischen Politik durchzusetzen. Der deutsch-jüdische Emigrant habe aus seinen Erlebnissen in der Weimarer Republik das grundsätzliche Scheitern demokratischer Ideen gefolgert. Nihilismus und Liberalismus seien für Strauss einander bedingende Phänomene." Nachweisen kann sie jedoch eine "direkte Beziehungen zwischen Strauss' Klassikerlektüren und deren neokonservativem Potenzial" nicht, erklärt Meyer. (Artikel zum Thema finden sich bei Arts and Letters Daily)

Weitere Artikel: Micha Brumlik erklärt, inwiefern Möllemanns Antisemitismus "kein bürgerliches Kavaliersdelikt" gewesen sei und warnt vor "missverstandener Pietät". In der Kolumne Times mager begrüßt Martina Meister Berlin im Club der Neuen Armut e.V. Hans-Jürgen Linke schreibt einen Nachruf auf den Gitarristen und Zeichner Volker Kriegel, gemeldet wird außerdem der Tod des italienischen Malers Enrico Baj.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend" auf den Wiener Festwochen und der Film "Bruce Allmächtig", in dem Jim Carrey Gott spielt.

FAZ, 17.06.2003

Der Romancier Andre Kubiczek ("Die Guten und die Bösen") erinnert sich daran, wie in seiner Jugend über den 17. Juni gesprochen wurde und wie er trotz aller Indoktrinierung begriff, dass das ein wichtiges Datum war: "Geblieben ist über der andauernden Beschäftigung mit dem Thema, jenseits aller Differenzierungen, eines: die Faszination für die Fähigkeit, Ungerechtigkeit emotional erfassen zu können, jenseits irgendwelcher Ideologien, und darauf entsprechend handfest zu reagieren. Anders als heute eben, wo ein Protest oft als 'phantasievoll' gelobt wird und doch meist nichts anderes gemeint ist als: 'harmlos'."

Reinhard Jirgl, ("Die Unvollendeten") 1953 geboren und ebenfalls in der DDR aufgewachsen, sieht es ähnlich: "Die Erinnerung an einen Volksaufstand, mag er tragisch gescheitert sein, mag er in einer andersgearteten Zeit stattgefunden haben, er stellt ein Reservoir, einen Schatz der Courage dar, dessen Substanz nicht verbraucht, sondern zu allen Zeiten gebraucht wird. Dem kann auch in der Gegenwart die kampagnenartig sorgsame Verklärung des historischen Ereignisses vom Aufstand am 17. Juni 1953 zum Mythos vom Aufstand keinen Abbruch tun." Was meint er mit "kampagnenartig sorgsamer Verklärung"?

Weitere Artikel: Reinhard Wandtner erklärt das Kokain: "Woher es kommt, wie es wirkt und wozu es führt". Dieter Bartetzko ist hingerissen von jüngst aufgefundenen und jetzt ausgestellten pompejanischen Fresken ("Schon die herrlichen Hintergründe - das legendäre Pompejanisch-Rot bei zwei Räumen, ein seidig schimmerndes Schwarz im mittleren - ziehen magisch an"). Joseph Croitoru berichtet über Empörung der jüdischen Gemeinde in Rumänien - dortige Politiker behaupten schlicht, "auf dem rumänischen Staatsgebiet habe es in den Jahren 1940 bis 1945 keinen Völkermord an den Juden gegeben". Erhard Haubold setzt die FAZ-Serie über die großen Metropolen mit einem Artikel über Neu Delhi fort, das sich bei 46 Grad und verschmutztem Wasser als wahre Hölle erweist. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazz-Posaunisten Jimmy Knepper. Gerhard Stadelmaier berichtet, dass der Intendant des Pforzheimer Theaters wegen ausbleibenden Publikums gefeuert wurde. Dietmar Polaczek schreibt den Nachruf auf den Künstler und Pataphysiker Enrico Baj.

Auf der Medienseite fragt Michael Hanfeld, ob die ARD nun die Fernsehrechte auf die Bundesliga kauft oder nicht. Jann Gerrit Ohlendorf erzählt, dass der bayerische Journalistenverband Aktien kauft, um an Hauptversammlungen von Unternehmen teilnehmen zu können. Auf der letzten Seite porträtiert Hannes Hintermeier die Chefin des Econ Verlags, Marion Ketterle, welche sich vor drei Jahren für angeblich zwei Millionen Dollar die Rechte an Hillary Clintons Memoiren sicherte - nun muss das Buch auch prächtig laufen. Und Jordan Mejias hat sich in New York eine Diskussion zwischen Economist-Chefredakteur Bill Emmott und Nation-Chefredakteurin Katrina van den Heuvel über das wahre Wesen Amerikas angehört.

Besprochen werden Frank Castorfs Spektakel "For Ever Young" nach Tennessee Williams' in Wien ("Hinter jedem Dialog sticht aus der amerikanischen Schwüle ein Zeigefinger hervor: Kinder, so ist das Leben. Wir alten Europäer aber deuten zurück: So ist es nicht. Und assoziieren: Sudermann, deutscher Hanebüchennaturalist, spätes neunzehntes Jahrhundert - mit amerikanischen Schwingen", schreibt Gerhard Stadelmaier), Wilhelm von Gerstenbergs Sturm-und-Drang-Drama "Ugolino" in Stuttgart, Konzerte "mit, von und über Pierre Boulez" beim Ojai Music Festival und ein Auftritt Suzanne Vegas in Duisburg.