Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.06.2003. Hessen und Bayern feiern heute Fronleichnam. Nur die tazler und NZZler mussten arbeiten. Vielleicht deshalb meditiert die NZZ heute über die Farbe Grau. Die taz untersucht die Auswirkung des 11. Septembers auf die Fiktionalisierung der Stadt New York.

TAZ, 19.06.2003

Tom Holert beschreibt, wie mit dem 11. September das Reale die laufende Fiktionalisierung der Stadt New York unterbrochen hat. "Obwohl dieser Einbruch entlang filmischer Modelle organisiert war, kündigte er für einen kurzen Moment den Vertrag zwischen dem New York des Kinos und der Stadt-als-Film der Stadtentwickler auf. Doch inzwischen steht die 'Wunde' im Finanzdistrikt wieder allen möglichen Projektionen und Spekulationen offen.... Nach dem 11. September dient die Personifizierung der Stadt als Instrument einer Rhetorik, die auf die Ängste um die Verwundbarkeit des sozio-urbanen Körpers zielt. Dieser Aspekt verändert das imaginäre Hollywood-New-York. Aber das transformierte Bild wird erneut auf die Stadt zurückwirken." Bereits die mythischen Artikulationen New Yorks als Stadt von Glamour und Sophistication (in den Art-Deco-Komödien der dreißiger Jahre) oder als Ort "urbaner Gewalt" (in den Filmen der New-Hollywood-Ära der Siebzigerjahre) seien stets auch Anregungen für politische Maßnahmen gewesen, welche sich ihrerseits an den Investitionsstrategien der Wirtschaft orientiert hätten.

Weitere Artikel: Auf der Internetseite erklärt Dietmar Kammerer, warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf und dass weder die kulturkritischen Warnungen vor ihren moralischen Gefahren noch die Insiderdebatten der Fanzirkel ihrer Bedeutung bisher gerecht geworden sind. Dass sich dies nun ändern wird hat Kammerer zufolge damit zu tun, dass die erste User-Generation langsam das "diskursfähige Alter" erreicht. Auf der Meinungsseite plädiert Hector Camargo für ein Klassikerverbot an deutschen Schulen, weil sie seiner Ansicht nach den Jugendlichen die Lust am Lesen vermiesen und frischen Autoren den Weg zum Publikum verbauen.

Besprochen werden Hayao Miyazaki Animationsfilm "Spirited away - Chihiros Reise ins Zauberland" ("Schöner, ja vollkommener können die klassischen Muster nicht eingesetzt werden", jubelt Martin Zeyn. Die Kritik im Perlentaucher während der Berlinale 2002 finden Sie hier); Guy Ritchies Film "Stürmische Liebe - Swept Away" mit Ehefrau Madonna in der Hauptrolle; Nick Hurrans Filmkomödie "Grabgeflüster" und eine Ausstellung im Kölnischen Kunstverein, die den mäandernden Titel "Wir müssen heute noch an Ihr Vorstellungsvermögen appellieren, um im Namen der Kunst ? den Raum zu behaupten" hat.

Und schließlich TOM.

NZZ, 19.06.2003

In der NZZ macht Hannelore Schlaffer heute einen Ausflug in die Farbenlehre und widmet sich der Farbe Grau. Zeugte es früher als Silbergrau von aristokratischer Eleganz, sei es heute dem "industriegrau" oder Schmutzfarben gewichen. Doch in ihrer Unverbindlichkeit liegt auch die Chance dieser Farbe: "Die demokratische Gesellschaft ist häufig todernst, deshalb mischt sie unter ihre schwarzen Gewänder solche in einem Grau, das noch weniger auffällt als Schwarz. Die zarteren Nuancen schließt sie aus; von einer vornehmen ist Grau zu einer pragmatischen Farbe geworden."

Thomas Burkhalter wünscht sich, dass auch Musiker aus nicht-westlichen Ländern mit Pop experimentieren dürfen, ohne gleich als Anpasser diskriminiert zu werden. Den Gegnern, die eine "Verwestlichung der Musikwelt" befürchten, hält er entgegen: "Als Resultat klingt die sogenannte Dritte Welt bei uns traditioneller, als sie ist. Überspitzt ausgedrückt: Die Musikauswahl im westlichen CD-Laden suggeriert, anderswo werde die Welt nur von Traditionalisten, Folkloristen, Gurus und Fundis bevölkert."

Weitere Artikel: Uwe Justus Wenzel war bei einem Vortag von Jürgen Habermas in der Universität Zürich zum Thema "Religiöse Toleranz als Schrittmacher kultureller Rechte". Peter Niklas Wilson schreibt eine Hommage an den gestorbenen Kinderbuchautor Volker Kriegel.

Besprochen werden Stephan Eichers neues Popalbum "Taxi Europa" und Bücher, darunter Martin Kemps Abhandlung "Bilderwissen" (mehr: hier), Qiu Xiaolong Krimi "Tod einer roten Heldin" (mehr: hier), Marcia Pallys Werk "Lob der Kritik" (mehr: hier) und zwei Handbücher der Medienwissenschaften (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 19.06.2003

In Hessen ist heute Fronleichnam: also keine FAZ
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FR, 19.06.2003

... und auch keine FR.


SZ, 19.06.2003

In Bayern ist heute auch Fronleichnam: also keine SZ.