Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2003. In der FAZ attackiert Amos Oz die europäische Linke als dogmatisch und sentimental. Die FR untersucht das Rechtsverständnis von Silvio Berlusconi. Die SZ gibt der Demokratie im Nahen Osten nicht die geringste Chance. Die taz bringt eine Hommage auf die Souldiva Nina Simone.

FAZ, 21.02.2003

Was in der FAZ steht, steht im Perlentaucher! Gestern meldeten wir, dass die Artikel der FAZ nunmehr alle verschlüsselt seien. Darauf hin erreicht uns folgende Mail von Kai N. Pritzsche von FAZ.Net: "Ausgewählte Beiträge aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind auch für Nicht-Abonnenten weiterhin frei zugänglich. Allerdings nicht im 'Abobereich' der statischen Zeitungsabbildung, sondern im fortlaufend aktualisierten 'Kultur'-Bereich von FAZ.Net. D.h. die Zeitung ist nicht in den Sicherheitsbereich verbannt, sondern in wesentlichen Teilen in den Aktuell-Bereich integriert worden. Links auf diese Artikel sind im übrigen auch haltbarer als bislang, da diese nicht mit dem Erscheinen der nächsten Print-Ausgabe Ihre Gültigkeit verlieren." Wir haben in diesem Bereich heute morgen allerdings keine Artikel aus der heutigen FAZ gefunden - vielleicht werden sie später freigeschaltet.

Amos Oz, der große alte Mann der israelischen Friedensbewegung, wendet sich zwar gegen einen Krieg im Irak, aber auch gegen die europäische Linke: "Heute zögert die dogmatische und sentimentale europäische Linke nicht einen Moment, sich in ihrer Verteufelung Amerikas mit der reaktionären und rassistischen Rechten zusammenzutun und Parolen anzustimmen, die zum Teil direkt dem Arsenal von Kommunisten und Nazis entnommen sind - Slogans von der 'Allmacht der Wall Street' bis hin zur 'jüdisch-zionistisch-kapitalistischen Weltverschwörung'."

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet über das Erstarken fundamentalistischer und antisemitischer Strömungen in der russischen Orthodoxie. Ludwig Harig erinnert an den französischen Autor Raymond Queneau, der vor hundert Jahren geboren wurde. In einer Meldung wird über ein Abenteuer berichtet, das man in einem kunstsinnigen Feuilleton gern mal ausführlicher dargestellt sähe: Zwei niederländische Musikwissenschaftler haben Beethovens Oboenkonzert rekonstruiert, das am 1. März zum ersten Mal in Rotterdam zu hören sein soll. Gerhard R. Koch kommentiert den kommenden Abgang Ingo Metzmachers von der Hamburgischen Staatsoper als Versagen der Politik: "Selbst Mangel lässt sich entschieden weniger demotivierend verwalten". Der Informationsrechtler (kann man so sagen?) Thomas Hoeren legt die Neuerungen des neuen Urheberrechtes dar und plädiert für das Recht auf Privatkopien, das die Kulturindustrie gern einschränken würde. Felicitas von Lovenberg gratuliert der Zeitschrift Akzente zum Fünfzigsten. Dieter Bartetzko schreibt zum Tod Liedermachers Ulrich Roski.

Auf der letzten Seite legt der Biologe Jan van Aken mit guten Argumenten dar, dass die an die Wand gemalte Gefahr einer künstlich ausgelösten Pockenepidemie als völlig abwegig gelten darf. Hannes Hintermeier schreibt ein kleines Porträt des Random House Managers Joerg Pfuhl, der nach dem Kauf der Heyne-Ullstein-List-Verlage über das weitaus größte deutsche Verlagskonglomerat gebietet. Und Verena Lueken erzählt, mit welchen Büchern amerikanische Verlage noch die besten Geschäfte machen: ganz klar mit Klassikern. Auf der Medienseite sagt Frank Olbert dem Fernsehmoderator Ralph Caspers aus der "Sendung mit der Maus" eine große Karriere voraus. Und Frank Caspar freut sich, dass der Hörspielpreis der Kriegsblinden in diesem Jahr an Christoph Schlingensief ging.

Besprochen werden eine szenische Version von Schuberts "Schöner Müllerin", arrangiert von Udo Samel in Frankfurt, Schillers "Kabale und Liebe" im Münchner Residenztheater, der neuseeländische Film "Rain", der "Tanzwinter" im Berliner Hebbel-Theater in der letzten Saison unter Nele Hertling und eine große Ausstellung über Gerhard von Kügelgen, den Weggefährten Caspar David Friedrichs in der Dresdner Galerie Neue Meister.

NZZ, 21.02.2003

Andreas Seiler erinnert an Anais Nin, die vor hundert Jahren geboren wurde: "Sie pflegte zahlreiche Liebschaften und Tändeleien, unter anderen mit dem Psychologen und Freud-Schüler Otto Rank, dem Bühnentheoretiker Antonin Artaud, mit Henry Miller und dessen Frau June; einmal ist es auch ein siebzehnjähriger Jüngling, der die über Vierzigjährige fesselt. Ihre größte Leidenschaft war freilich das Schreiben."

Weitere Artikel: Stefan Zweifel erinnert an den zeitgleich mit Anais Nin geborenen Raymond Queneau. Samuel Herzog besucht eine Ausstellung zeitgenössischer Schweizer Kunst in Madrid. Marc Zitzman hat sich eine Pariser Hommage an Hans Werner Henze angehört. Georges Waser meldet, dass ein 37-jähriger Engländer, der einer Statue Margret Thatchers den Kopf abschlug, eine Gefängnisstrafe von drei Monaten erhielt. Und Suzanne Kappeler freut sich über den neuen Auftritt der Zürcher Architekturzeitschrift werk, bauen + wohnen.

Auf der Filmseite schreibt Charles Martig, Filmbeauftragter des Katholischen Mediendienstes der Schweiz, über die Kirche und die Aufbereitung ihrer Geschichte im Kino. Anlass ist der Schweizer Start von Peter Mullans Film "The Magdalene Sisters", der von Marli Feldvoss ausführlich besprochen wird. Ferner resümiert Clemens Füsers das Kinderfilmfest der Berlinale. Und Marli Feldvoss wirft einen Rückblick auf das Forum in Berlin.

Auf der Medien- und Informatikseite bespricht Steffan Heuer sehr ausführlich zwei amerikanische Bücher, die sich mit dem Internetboom und den Medien, die ihn antrieben, auseinandersetzen: James Ledbetters "Starving to Death on $ 200 Million. The Short, Absurd Life of the Industry Standard" (mehr hier) und Gary Wolfs "Wired - The Rise and Fall of Wired and the Birth of the Boom" (mehr hier). In der Reihe "Von Menschen und Mäusen" porträtiert Detlef Borchers den Kryptographen und Programmier David Chaum, dem es mit Erfindungen wie eCash um den Schutz der Privatsphäre zu tun sei. Ferner stellt "H. Sf." den neuen Auftritt der Zeitschrift Kommune vor. Und "bor." bereitet uns auf den Weltgipfel zur Informationsgesellschaft vor, der im Dezember in Genf stattfinden soll.

TAZ, 21.02.2003

Uh-Young Kim gratuliert nicht, nein, er würdigt in der nun siebzigjährigen Nina Simone eine Soul-Diva, die sich zeitlebens gegen rassistische und frauenfeindliche Vorurteile zur Wehr gesetzt hat. Den Vergleich mit Billie Holiday, der anderen "legendären Jazz-Sängerin" habe sie als Beleidigung empfunden: "Billie war eine Drogenabhängige. Sie vergleichen mich nur mit ihr, weil wir beide schwarz sind. Niemand hat mich je mit Maria Callas verglichen - dabei bin ich mehr eine Diva wie die Callas als irgendwer sonst."

Weitere Artikel: Auf der Medienseite berichtet Jan Freitag über Peter Lohmeyers Video-Clip zum Antikriegslied "Bagdad Blues" und Rainer Volz und Peter Döge stellen auf der Meinungsseite die These auf, dass es die Frauen sind, die den "neuen Mann" nicht wollen, denn trotz "verbaler Aufgeschlossenheit" bestehe immer noch "Verhaltensstarre".
Besprochen werden Danis Tanovic' schwarze Kriegsfilmkomödie "No Mans Land", Armin Petras' Inszenierung von "Sterne über Mansfeld" am Schauspielhaus Leipzig und CDs - zweimal Techno, mit "... im Garten" vom Berliner "Ostgut"-Techno-Star Andre Galluzzi und Sven Väths "The Sound Of The Third Season" und einmal ungewöhnlicher Pop mit Jan Jelineks Album "la nouvelle pauvrete".

Und schließlich TOM.
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FR, 21.02.2003

Dass die Justiz "im Namen des Volkes" geübt wird und nicht der Kontrolle des Parlaments unterliegt, scheint eine demokratische Selbstverständlichkeit zu sein, meint Thorsten Keiser vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Rechtsgeschichte. Doch es deute viel darauf hin, dass diese Worte für Italiens Justizminister Roberto Castelli bestenfalls Worthülsen sind, hinter denen sich Beunruhigendes verstecke. Castelli interpretiere nämlich den Volksauftrag als Kontrollauftrag des Parlaments über die Justiz und plädiere für einen drastisch eingeschränkten Auslegungsspielraum der Richter. Dies sei als politischer Schachzug in Anbetracht des laufenden Korruptionsprozesses gegen Berlusconi gedacht: "Wenn es unangenehm für den Angeklagten wird, ändert man das Strafprozessrecht. Dabei ist es für Berlusconi besonders vorteilhaft, dass seine Anwälte Parlamentsabgeordnete sind. Für sie entsteht damit eine unkonventionelle Möglichkeit der Verteidigung. Sie wissen genau, welche Gesetze ihrem prominenten Mandanten nützlich sind und können im Parlament persönlich an deren Beratung und Abstimmung teilnehmen."

Weitere Artikel: Ralf Grötker war im Potsdamer Einstein Museum auf einem John Rawls gewidmeten Gedenkabend und hat vernommen, dass die SPD es bislang versäumt habe, sich mit dessen Philosophie der Gerechtigkeit zu beschäftigen. In Times Mager widmet sich "peko" den strategischen Platzmanövern der Bahnreisenden. Und Harry Nutt schreibt einen Nachruf auf den Berliner Liedermacher Ulrich Roski. Außerdem wird gemeldet, dass der Historiker Götz Aly den diesjährigen Marion-Samuel-Preis erhält, und dass sowohl die Performancekünstlerin Rita Furrer als auch der Wiener Karikaturist Erich Sokol gestorben sind.

Auf der Medienseite berichtet Rupert Neudeck, dass den Journalisten in Bagdad das Arbeiten schwer gemacht wird. Außerdem wird gemeldet, dass das britische Boulevard-Blatt The Sun in Paris eine Gratisausgabe verteilt hat, auf deren Titelblatt Präsident Chirac als "Wurm" bezeichnet wird.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Alex Katz in den Hamburger Deichtorhallen, Udo Samels Theatralisierung von Schuberts "schöner Müllerin" in Frankfurt, zwei Stücke am Bochumer prinz regent theater - Lutz Hübners "Einfache Freuden" und Sibylle Broll-Papes Inszenierung von Heiner Müllers "Hamletmaschine" - "Unrest", das neue Album des norwegischen Elektropoppers Erlend Oye, Dietrich Fischer-Dieskaus Biografie des Komponisten Hugo Wolf und politische Bücher - unter anderem Barbara Holland-Cunz' Ideengeschichte des modernen Feminismus und zwei Bücher zum Albtraum in Nahost.

SZ, 21.02.2003

Rudolph Chimelli wundert sich, dass die westliche Welt daran festhält, im Orient Demokratien begründen zu wollen, und noch immer nicht aus den gescheiterten Versuchen der Vergangenheit gelernt hat: " 'Demokratie für den Irak' ist ein Kriegsziel, dem sich keine günstige Prognose stellen lässt. Dass der Irak ein heterogenes Gebilde aus Arabern und Kurden, aus schiitischer Mehrheit und sunnitischer Minderheit, aus turkmenischen und christlichen Volksgruppen ist, bedeutet für die politische Praxis nicht bereichernde Vielfalt, sondern Sprengkraft."

Weitere Artikel: Susan Vahabzadeh berichtet, dass Oscar-Academy-Präsident Frank Pierson nicht vorhat, sich das 75. Oscar-Jubiläum von politischen, oder besser gesagt, kriegsfeindlichen Äußerungen verderben zu lassen. Claus Koch schimpft in seinen "Noten und Notizen". Lothar Müller hat sich in deutschsprachigen Bibliotheken in Südosteuropa umgesehen. In der Kolumne findet "jhl", dass die drastischen Kürzungen der amerikanischen Kulturetats unter Berufung auf private Spenden skandalös zynisch sind. Und zwei Geburtstage: Jonathan Fischer gratuliert Nina Simone und Fritz Göttler dem Regisseur Bob Rafelson - beiden zum Siebzigsten. Eine andere Art Geburtstag feiert die Schriftstellerin Anais Nin: sie wäre hundert geworden, so die Gratulantin Kristina Maidt-Zinke. Franz Dobler schreibt einen Nachruf auf den Country-Sänger Johnny Paycheck. Außerdem wird gemeldet, dass der Historikerpreis der Stadt Münster an den Bielefelder Emeritus Reinhart Koselleck geht.

Auf der Medienseite erfahren wir von Gerd Kröncke, dass die britische Boulevard-Zeitung The Sun in Paris eingefallen ist und Präsident Chirac wegen seiner Kriegsweigerung kurzerhand als "Wurm" bezeichnet. "Schlechte Kinderstube", meint darauf nur der französische Kulturminister Jean-Jacques Aillagon.

Besprochen werden eine Tizian-Ausstellung in der National Gallery in London, Udo Samuels Frankfurter Inszenierung von Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin", Florian Boeschs Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" am Münchner Residenztheater, Nikolaus Geyrhalters Film "Elsewhere" und Bücher - unter anderem Philip Roths Roman "Das sterbende Tier", Y. Michal Bodemanns Studie über jüdisches Leben im heutigen Deutschland und ein Buch über Computerspielwelten.