Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.12.2002. Die NZZ bewundert Martin Scorsese, der für 115 Millionen Dollar einen nicht kommerziellen Film von "kaum erträglicher Härte" drehte. Die FR übernimmt ein Habermas-Interview aus The Nation. Die taz betrachtet mit Grausen das Kulturleben von Bratislava. Die SZ ist für und gegen den EU-Beitritt der Türkei. Die FAZ denkt über eine europäische Verfassung nach.

NZZ, 13.12.2002

Auf der Medienseite berichtet Marc Zitzmann ausführlich über die Krise der französischen Qualitätsblätter. Doch Liberation, Le Monde und Le Figaro haben anders als in Deutschland bisher noch nicht im großen Stil Mitarbeiter entlassen. Und Le Monde setzt weiter auf das Internet: "Während die Werbeflaute die Socpresse (mit dem Figaro, d. R.) unter anderem zur Reduktion der Mannschaft ihrer Website auf drei Personen gezwungen hat, setzt Le Monde mit knapp fünfzig Personen, darunter gut zwanzig Journalisten, weiterhin aufs Internet. Einen Personalabbau, so die Auskunft bei der Filiale Le Monde interactif, habe es nicht gegeben, doch musste die von den Journalisten der inhaltreichen Website konzipierte wöchentliche Beilage eingestellt werden."

Thomas Binotto schreibt auf der Filmseite über die Uraufführung von Martin Scorseses neuen Film Gangs of New York in New York. Der Film werde es schwer haben, prophezeit der Rezensent: "Erstens, weil die Erwartungen an Scorsese und dieses Herzensprojekt inzwischen ins Unerfüllbare gestiegen sind, und zweitens, weil er tatsächlich den Mut und das Durchsetzungsvermögen aufgebracht hat, für 115 Millionen Dollar einen ganz und gar unkommerziellen Film zu drehen. Es ist eine bittere Geschichtslektion, welche Scorsese hier seinen Landsleuten, aber auch allen 'I Love New Yorkern' zumutet. Mit kaum erträglicher Härte erzählt er die Geschichte eines New York, das auf Gewalt, Rassismus und Korruption gründet, wo es keine Helden gibt und deshalb auch eine zaghafte Liebesgeschichte nichts mehr geradezubiegen vermag."

Sieglinde Geisel poträtiert im Feuilleton den Berliner Kleinverlag "Das Arsenal", der 1977 gegründet wurde und Autoren wie Franz Hessel, Tibor Dery oder Bela Balazs wiederentdeckt hat. Geisel spricht mit dem Verleger Peter Moses-Krause, der sich zur "Urangst der 68er vor der Staatsknete" bekennt.

Weitere Artikel: Hildegard Elisabeth Keller schreibt einen Nachruf auf den Germanisten Kurt Ruh. "Jdl" meldet, dass die Schweizer Autorin Katharina Faber für ihren Roman "Manchmal sehe ich am Himmel einen endlos weiten Strand" den Preis der Rauriser Literaturtage bekommen hat, der jährlich für ein Prosa-Debut vergeben wird. Maja Turowskaja porträtiert in ihrer Reihe "Russland, persönllich" den russischen Bühnenbildner David Borowski und feiert seine Erfolgsgeschichte auf russischen und dann europäischen Bühnen.

Besprochen werden eine Ausstellung des deutschen Produktdesigners Dieter Rams im Museum für angewandte Kunst in Frankfurt am Main, die Aufführung von Richard Strauss' Oper "Frau ohne Schatten" an der Pariser Opera Bastille und eine Aufführung "Porträt Jiri Kylian" im Bayerischen Staatsballett, wo der berühmten tschechischen Choreograph drei seiner Werke aus unterschiedlichen Stilperioden einstudieren ließ.

Auf der Filmseite werden zwei weitere Filme besprochen: Die chinesische Komödie "Happy Times" (mehr hier) vom "bedeutensten chinesischen Regisseur der Gegenwart", nämlich Zhang Yimou, und Gaspar Noes jüngstes Werk "Irreversible" (mehr hier), das beim Wettbewerb in Cannes für Hohn, Spott und Wirbel gesorgt hatte (mehr hier).

FR, 13.12.2002

Jürgen Habermas ist während seiner Gastprofessur in den USA von der Wochenzeitung The Nation nach seiner Meinung zur amerikanischen Irak-Politik befragt worden. Die FR druckt nun das Interview mit Habermas nach, in dem er unter anderem erklärt: "Das einschüchternde Gehabe von Bush, Rumsfeld und anderen gegenüber deutschen Regierungsmitgliedern erinnert mich ein bisschen an Raufereien auf dem Schulhof. Bundeskanzler Schröder hatte recht, Bushs stillschweigenden Schwenk in der Irakpolitik - von der Entwaffnung zum Regimewechsel - abzulehnen. Allerdings hätte er zugleich seine Bereitschaft, entsprechende UN-Beschlüsse anzuerkennen, erklären sollen." Hier das Original-Interview, falls die FR ihren Hausprofessor auch noch kürzen musste.

Es war einmal, als sich Armeen auf einem Feld trafen und auf ein Zeichen begannen, aufeinander loszustürmen. Jochen Stöckmann informiert uns über das Ende des Landschaftskriegs. Der technologischen Überlegenheit der USA, "so fürchtet nicht nur General Krulak, werden anonyme Terrorgruppen und die teuflischen Kleinmeister der 'asymmetrischen' Kriegführung begegnen, indem sie den US Army-Koloss in eine 'komplexe, chaotische, ja todbringende Umgebung locken', an einen Platz, den man 'Stadt' nennt. Verglichen mit Asphalthöllen und Betonlabyrinthen, so diagnostiziert der Armeechirurg Robert Leitch, sind Steppen, Wüsten und sogar der Dschungel saubere und angenehme Orte."

Weiteres: Axel Veiel berichtet vom Blick der Spanier in die Abgründe der Franco-Diktatur. Unter Journalisten, Schriftstellern, Theaterregisseuren und Filmemachern habe eine Art "kollektive Wahrheitssuche" eingesetzt, die sich nicht aus einem Ruf nach Gerechtigkeit oder Vergeltung speise, sondern aus einem rational distanzierten Wunsch nach Wahrheit. Ralf Grötker hat Jan Philipp Reemtsma (mehr hier) in Berlin zugehört, als der versucht hat zu erklären, was für Menschen Terroristen eigentlich sind. Times mager beschäftigt sich mit Roland Kochs gestriger verbaler Entgleisung. Gemeldet wird schließlich die erleichternde Tatsache, dass Friedrich II. doch nicht vergiftet wurde.

Auf der Medienseite erklärt Inge Günther, warum der Dokumentarfilm "Dschenin, Dschenin" des arabisch-israelischen Schauspielers und Regisseurs Mohammed Bakri (hier ein BBC-Interview) von Israels Zensurbehörde verboten wurde.

Besprochen werden Bill Paxtons Horrorfilm "Dämonisch", Zacharias Kunuts Inuit-Film "Atanarjuat - Die lebende Legende vom schnellen Läufer", eine Ausstellung mit neuen Bildern des Malers Norbert Bisky in Frankfurt an der Oder, Kolja Lessings Seance mit Violinmusik von Emigranten in Stuttgart, der Band "50 Jahre Shell Jugendstudie" und als CD der Woche zwei Werke von Alexander Knaifel (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 13.12.2002

Auf seinem Streifzug durch das kulturelle Leben des slowakischen Bratislava kommt Dietrich Kuhlbrodt das Angebot an Festivals und Museen wie eine Sozialismus-Finissage ohne Personalwechsel vor. "Man muss nur 40 Kilometer von Wien aus donauabwärts aufs linke Ufer wechseln. In Bratislava, dem alten Pressburg, kann man erleben, was aus der Post-DDR hätte werden können, wären die alten Kader geblieben, die Wende zu vollstrecken. Wenn die Wessis im Westen geblieben wären. Wenn für Ostalgie heute kein Bedarf wäre. Die Slowakei ist heute ein lebendiges Museum des Was-wäre-wenn."

Auf der Meinungsseite will Bassam Tibi der Türkei nur einen Platz in Europa einräumen, wenn die türkischen Eliten einen "wertemäßig und alltagskulturell" europäisierten Islam ausprägten, "der mit säkularer Demokratie, individuellen Menschenrechten, Zivilgesellschaft, laizistischer Toleranz, Kultur- und Religionspluralismus vereinbar ist".

Auf der Medienseite symphatisiert Reinhard Wolff mit der "redaktionell ambitionierten" neuen dänischen Tageszeitung "Dagen", der nach einem Monat schon wieder das Aus droht.

Ansonsten widmet sich die taz der Musik: Nils Michaelis sichtet eine Reihe von CD-Retrospektiven aus der Geschichte des Reggae und Stefan Müller stellt Panjabi MC und den "ungewöhnlichsten Hit des Jahres" vor.

Besprochen werden die Ausstellung "Die öffentliche Tafel" in Berlin und Alben von Richmond Fontaine, Azure Ray und The Good Life.

Schließlich TOM.
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SZ, 13.12.2002

Reinhard J. Brembeck fragt, ob das Theater in Deutschland angesichts der immer lauter murrenden Nichttheatergänger, zu denen - so Brembeck - die geistigen Eliten, Politiker und die Jungen zählen, überhaupt Sinn macht: Bei Brembeck gewiss: "Nur wer erlebt hat, dass bei Aischylos, Monteverdi, Moliere, Janacek, Claudel oder Birtwistle die eigene verzweifelte Lage in einer feindlichen Welt verhandelt wird und begreift, dass dies nichts mit dem Alter der Stücke zu tun hat, sondern dass diese sich problemlos auf das Hier und Heute beziehen lassen, ohne historische oder ästhetische Vorkenntnisse, und wer dann erlebt, dass dieser Spiegel der eigenen Situation in einer künstlerisch verfremdeten Situation Sinn stiftet und Lebenssinn vermittelt, kann den maßlosen Anspruch des angeblich so anchronistischen Theaters ermessen: Dass es wichtiger für eine Gesellschaft sein will als andere Formen der Unterhaltung wie Popmusik, Fernsehen oder Sport."

Die Debatte um einen EU-Beitritt der Türkei geht mit großen Essays weiter: Christian Wernicke ist dagegen. Denn selbst wenn die Türkei reif sei für die EU, Brüssel sei noch lange nicht reif für Istanbul. Der israelische Historiker Dan Diner (mehr hier) ist dafür, weil die Türkei die verborgenen Schwachstellen Europas aufdecken würde.

Weiteres: Claus Koch resigniert in seinen Noten und Notizen vor dem 20-Minuten Takt der Gesellschaft und dem "munteren Schnodderton" der Journalisten. Egal ob Bioethik oder Papst: Niemand könne mehr mit "schlichtem Ernst" schreiben. Wolf Lepenies erinnert an den großen amerikanischen Soziologen Talcott Parsons (mehr hier), der vor einhundert Jahren geboren wurde. Andreas Wilink berichtet von den finanziellen Schwierigkeiten, in denen Gerard Mortier mit seiner Ruhr Triennale steckt. Ralf Berhorst war in Berlin, als Jan Philipp Reemtsma eine Typologie des Terroristen vorstellte. Hans Hoff macht sich Gedanken über die Zukunftsfähigkeit des Nonsense-Barden Helge Schneider. "ijo" findet es verdächtig, wenn der Kanzler von sich in der dritten Person spricht. Volker Breidecker macht uns mit dem neuen kühnen Museumsbau im ostwestfälischen Herford bekannt, dass sich an nichts Geringerem als dem MoMA in New York orientiert.

Auf der Medienseite berichtet Gerhard Fischer vom Ende der neuen dänischen Tageszeitung "Dagen" - etwas mitleidsloser als sein Kollege in der taz.

Genausowenig Mitleid hat Juan Moreno auf der Dritten Seite mit der Musikindustrie, die bei der Talentsuche völlig versage.

Besprochen werden die Opera-bouffe "Die Großherzogin von Gerolstein" am Deutschen Theater Berlin, die französische Wiederentdeckung von Roland Barthes im Centre Pompidou sowie Bücher, darunter Pierluigi De Vecchis schwermütig schöner Raffael Bildband und der erste Teil der gesammelten Urkunden des Stauferkaisers Friedrich II. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 13.12.2002

Juraprofessor Gerd Roellecke (mehr hier) erklärt, "weshalb Europa eine Verfassung erhalten soll" und geht dabei auf die Arbeit des von Giscard d'Estaing geleiteten Europäischen Konvents ein: "Gar nichts bewirken kann der Vor-Vorentwurf einer Verfassung für Europa schon heute nicht mehr. Selbst wenn aus ihm nicht mehr würde als eine Kodifikation, eine systematisierende Zusammenfassung des geltenden Rechtes, würde er den nicht regelbaren Kontext der geltenden Regeln angreifen, die informellen Voraussetzungen der formellen Normen, und das würden mindestens die Politiker spüren." Verstehe.

Weitere Artikel: Heinrich Wefing erzählt, wie Kalifornien per Gesetz (nämlich dem "Holocaust Victim Insurance Relief Act") Klarheit über den Holocaust sucht und sich damit gegen den Rest der Welt stellt. Hans-Peter Riese informiert über Schwierigkeiten der Guggenheim-Stiftung in New York, deren Stiftungsvermögen durch die Börsenkrise geschmolzen ist. Kurt Flasch (mehr hier) schreibt zum Tod des Germanisten Kurt Ruh.

Auf der letzten Seite werden Gedichte W. G. Sebalds zu hyperrealistischen Gemälden von Augenpaaren des Malers Jan Peter Tripp präsentiert - im Stuttgarter Literaturhaus ist dieser Zusammenarbeit eine Ausstellung gewidmet. Auf der Medienseite schildert Michael Hanfeld die neuesten Peripetien im Drama zwischen dem ehemaligen Schweizer Botschafter Thomas Borer, seiner Frau Shawne und den Medien.

Besprochen werden eine Ausstellung über das Lebenswerk des Fotografen Stefan Moses in München, eine Ausstellung über den Zeichner F. K. Waechter in Frankfurt, Choreografien des Kanadiers Benoit Lachambre für die Berliner Schaubühne, der Film "Zwischenland" der Niederländerin Eugenie Jansen und eine Ausstellung zur Exilliteratur in Solingen.