Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.08.2002. In der SZ träumt Georg Klein vom Kanzleramt. Die taz fand beim Kandidaten-Duell obszöne Körpersignale. Die FR hat daraus gelernt, dass Politik ein Teil der Unterhaltungsindustrie ist. Die NZZ hat zwei vergessene Nabokov-Interviews in der Literaturnaja Gaseta gelesen. Die FAZ berichtet über Hochwasser in China und Dürre in Indien.

SZ, 27.08.2002

Der amerikanische Museumsverband Smithsonian muss um seine Reputation bangen, wie Jörg Häntzschel berichtet, seit der Direktor Lawrence Small sein Amt angetreten hat. Nicht nur dass er sämtlichen seiner Wissenschaftler mit Verachtung begegnet, sorgt für Unwillen, meint Häntzschel, sondern vor allem sein skrupelloses Marketing-Konzept. "Es sind vor allem die Deals mit Sponsoren, die Smalls Ruf ruiniert haben. Small nämlich belässt es nicht beim klassischen Fundraising. Er tritt als Verkäufer auf: von "naming opportunities". Das nach dem Luftfahrtpionier Samuel Langley benannte Imax-Kino im Air and Space Museum ließ er in Lockheed Martin Theatre umbenennen, nachdem der Rüstungskonzern 10 Millionen Dollar gezahlt hatte. Eine neue Außenstelle des Museums wird den Namen von Steven Udvar-Hazy tragen, der sich die Ehre 60 Millionen kosten ließ. Seine Leasingfirma besitzt weltweit 400 Flugzeuge im Wert von 18 Milliarden Dollar. Den Raumfahrt-Hangar sicherten sich die Erben des Flugzeugbauers James McDonnell gegen 10 Millionen."

Tobias Rüther findet die anschwellenden Abgesänge auf Popliteratur und Popjournalismus völlig ungerechtfertigt: "Popjournalismus ist heute überall." (Nichts ist bekanntlich subtiler im Popjournalismus als sein Gespür für Hierarchien. Rüther zitiert FAZ, Spiegel und den Perlentaucher, allein letzteren nennt er nicht beim Namen. Hier der Artikel, auf den er Bezug nimmt.)

Weitere Artikel: Georg Klein ("Barbar-Rosa") träumt vom Kanzleramt und stellt dabei fest, "dass man als Schriftsteller am besten über Häuser schreibt, in denen man mindestens eine Nacht geschlafen hat - in denen man zumindest dem Schlaf nahe war". Jens Schneider meldet, dass das Hochwasser allein an den Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen in Sachsen Schäden von mehr als 100 Millionen Euro angerichtet hat. "sus" gratuliert Moritz de Hadelns als neuem Leiter der Filmfestpiele in Venedig zu seiner Bemerkung "Der Goldene Löwe ist nichts mehr wert." Jens Bisky plädiert dafür, das Berliner Kulturforum nach den Plänen des Scharoun-Schülers Edgar Wisniewski endlich fertig zu stellen. Nico Bleutge hat die DDR im Weltweiten Web gesucht und neben einger Olstalgie und Verklärung auch konsequente Erinnerung und geistreiche Auseinandersetzungen gefunden (mehr hier und hier und hier).

Evevlyn Roll denkt in der "Zwischenzeit" darüber nach, was man noch alles für die Welt tun kann, wenn man schon attac Beigetreten ist und beim Sting-Konzert war. Fritz Göttler hofft, dass Bill Clinton nun doch die nächste Oprah Winfrey wird. Uwe Mattheiss befasst sich mit dem Streit der Salzburger Festspiele um ihren kaufmännischen Direktor. Und eine Fachjury (Roger Willemsen, Claus Pexmann, Carl Hegemann) begutachtet die Aufführung des Jahres, das Fernsehduell zwischen Schröder und Stoiber.

Auch die Medien-Seite steht ganz im Bann des TV-Duells. Christopher Keil etwa wundert sich, dass die gesamte deutsche Analysten-Experten-Ich-AG einzig zu dem Ergebnis kam, dass Stoiber nicht stotterte, Schröder trotzdem telegener sei.

Besprochen werden das 24. Internationale Jazzfestival in Saalfelden (mehr hier) sowie Konzerte mit Christian Thielemann, Claudio Abbado und dem Gustav-Mahler-Jugendorchester in Salzburg und Bücher, darunter Andreas Herzaus Band "Me Myself + I", Rose Unterbergers Goethe-Chronik, eine kleine Schlafschule, sowie der von Albrecht Betz herausgegebene Sammelband "Französisches Pathos" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 27.08.2002

Georg Seeßlen kommentiert das Fernsehduell auf der Meinungsseite: "Wir leben in einer merkwürdigen Zeit. Unsere Codes sind so abgehoben wie seit dem Rokoko nicht mehr (und seit der Kunst bürgerlicher Karrieristen, den alten Adel mit den eigenen Waffen zu schlagen), und gleichzeitig sind wir süchtig nach Authentizität wie Livingstone am Kongo. Hat das Fernsehen diese Schizophrenie erzeugt, oder ist es die Antwort darauf? Oder beides? Dass sie von seinem Lächeln betört sei, sagt eine Frau zum Auftritt von Stoiber beim 'Duell'. Vielleicht begreifen wir, dass ein Körpersignal, das einen gewissen Grad an Obszönität erreicht hat, nicht mehr nach Inszenierung und Authentizität befragt werden kann. Wie ein nackter Hintern zum Beispiel."

Gerrit Bartels widmet sich in der Serie "das personal der wahl" Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin und erklärt ihn für stringent Anti-Pop. Außerdem meint Bartels, dass "die Ministerwerdung Nida-Rümelins lange vor dem 11. 9. für ein Rollback sorgte und schon seinerzeit das Ende der Spaß- und Pop-Gesellschaft einläutete: Neue Ernsthaftigkeit statt Michael-Naumann-Glamour, sorgsame Ordnungspolitik statt unablässiger Provokationen, Worte zum Sonntag statt wildes Herumschwadronieren".

Oliver Tolmein konstatiert, dass Behinderte zwar in Medien und auf der Bühne wohl gelitten sind, fragt sich aber, ob aus den richtigen Gründen.

Besprochen
werden: Martin Wuttkes Inszenierung "Podpolje" nach Dostojewskis "Aufzeichnungen aus einem Kellerloch" auf einem Flugplatz in Neuhardenberg, und Bücher:etwa Zoe Jennys Liebesgeschichte "Ein schnelles Leben", skandinavische Bücher zur Überschwemmung, ein Lexikon der deutschen Gebärdensprache, zwei Bücher zur Annäherung von SPD-SED vor 15 Jahren sowie Josef Hierlmeiers Ideengeschichte des "Internationalismus".

Und schließlich Tom.

NZZ, 27.08.2002

Knut Henkel war im Caracas nach den fetten Jahren unterwegs. Der Ölboom ist vorbei, das Geld ist knapp, und die Stimmung ist gedrückt in der Hauptstadt Venezuelas. "Ein wenig Aufheiterung und Ablenkung von den Alltagssorgen suchen viele Familien auf der Plaza Bolivar, im alten Stadtzentrum. Dort unterhalten Gaukler, Geschichtenerzähler, Musiker, aber auch Redner das vielköpfige Publikum. Rentner bevölkern die zahlreich aufgestellten Bänke, viele mit der traditionellen Kreissäge aus Stroh auf dem Kopf."

Weiteres: Der Publizist Nikolai Melnikow hat zwei vergessene Nabokov-Interviews ausgegraben und jetzt exklusiv in der Moskauer "Literaturnaja Gaseta" (Nr. 27, 2002) veröffentlicht, meldet Felix Philipp Ingold. Warum der eigentlich inhaftierte Betrüger, Schriftsteller und Überlebenskünstler Lord Archer (mehr zum Fall Archer hier) jeden Tag in einem schwarzen BMW vor das Theatre Royal in Lincoln gefahren wird, weiß Georges Waser.

Als "filmisches Kleinod" bezeichnet Marli Feldvoss "Le lait de la tendresse humaine", während sich Thomas Schacher auf dem Lucerne Festival das Konzert des Los Angeles Philharmonic Orchestra angehört hat. Eine Ausstellung über das Kunsthandwerk Usbekistans lässt Volker S. Stahr aus dem Lindenmuseum in Stuttgart schreiben, wo auch Gabriele Hoffmann weilt, die über die hochkarätigen Leihgaben des Hauses Fürstenberg an die Stuttgarter Staatsgalerie berichtet. Außerdem lesen wir eine "Minutennovelle" des ungarischen Schriftstellers Istvan Örkeny, und zwar "Guter alter Junge".

Die Buchbesprechungen schließlich widmen sich T. Coraghessan Boyles Erzählsammlung "Schluss mit cool" und Otfried Höffes "Medizin ohne Ethik" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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FR, 27.08.2002

Marcia Pally versetzt der Debatte zwischen europäischen und amerikanischen Intellektuellen über das Manifest "Wofür wir kämpfen" (mehr hier) den definitiven Todesstoß. Abgesehen davon, dass sie es für sinnvoller hielte, mit Noam Chomsky, Gore Vidal oder Jeff Madrick zu diskutieren, statt mit den "politischen Speichelleckern" Huntington, Fukuyama, Walzer und Etzioni, sieht sie Europa von Schuldgefühlen geplagt und "den Freud tanzen": "Warum will Europa nicht die größte Weltmacht werden? Sich stattdessen mit der Sechzigerbande zu zanken, wirkt wie ein Akt der Selbstinfantilisierung, eine Travestie. Entweder machen die Europäer sich zu Kindern und verharren im sicheren, verantwortungslosen Versteck der adoleszenten Rebellion gegen den amerikanischen Übervater. Oder sie ziehen Frauenkleider an und präsentieren sich in der Anti-Kriegs-Pose; das ist die weibliche Finte des in Ohnmachtfallens. So lange die Männer einen mit Prügeln unterwerfen können, muss man darauf bestehen, dass sie nicht fluchen, trinken oder Tabak kauen.

Nach dem TV-Duell wähnt Norbert Bolz Politik, Medien und Demoskopie in der Endlosschleife: "Das TV-Duell war eine Unterhaltungssendung, in der die Medien und die Politik sich gegenseitig inszeniert haben - umrahmt von Demoskopen und Experten, die in einer anschließenden Sendung über die Sendung sichergestellt haben, was eigentlich zu hören und zu sehen war. Daraus kann man nicht nur lernen, dass Politik ein Teil der Unterhaltungsindustrie geworden ist, sondern auch, dass der Kern der Demokratie die Demoskopie ist."

Anneke Bokern berichtet, dass die Niederlande im Monat Drei nach Fortuyn ernsthaft darüber diskutieren, wie man die eineinhalb Millionen Ausländer künftig korrekt bezeichnen soll, da das bisher übliche "Allochthone" zu sehr nach Kopftuch, Hochhausghetto und Jugendkriminalität klinge: Ausgeborene, Mitländer, Ausheimische Niederländer?

Weitere Artikel: Barbara Lorey beobachtet, wie die Filmemacher im Nahen Osten zwischen die Fronten geraten. Thomas Oberender versucht, das Lebensgefühl und den Cahrme des Ruhrgebiets zu ergründen. Besprochen werden die Retrospektive zu Wolfgang Mattheuer in Chemnitz und das neue Album "Revolverlution" von Public Enemy.

FAZ, 27.08.2002

Die Auswirkungen des Hochwassers sind in China wesentlich verheerender als hierzulande, und dennoch wird im Fernsehen mehr über die deutsche als über die chinesische Flut informiert, berichtet Zhou Derong aus Schanghai: "Dass die Berichterstattung niedrig gehängt wird, mag auf einen politischen Willen zurückzuführen sein. China steht ein Machtwechsel bevor. Über Jiang Zemin, den Staatspräsidenten und Parteichef, hört man jeden Tag neue Gerüchte. Welches von ihnen sich am Ende als zutreffend erweisen mag: Sicher ist, dass man das Bild eines friedlichen, prosperierenden Landes mit glücklichen Menschen zeichnen will - und die Katastrophe passt einfach nicht ins Bild."

Indien hingegen fürchtet die große Trockenheit, meldet Martin Kämpchen: "Zwölf Jahre lang gab es überwiegend ausgeglichene Monsunregen, doch diesmal bleiben sie... beinahe ganz aus." Immerhin sind sportliche Erfolge zu verzeichnen, zum Beispiel ein historischer Sieg des indischen Cricket-Teams über England, und dies auf englischem Boden: Allerdings, welch unsägliche Ironie: Die entscheidenden Spieler im indischen Team waren zwei Muslime, Mohammed Kaif und Zaheer Khan. Keine Zeitung ließ es sich entgehen, diesen Umstand ausgiebig analytisch hin und her zu wenden. Klare Worte fand Pradeep Magazine in der Hindustan Times: 'Kaif ist der neue Held. Ein Held für eine demoralisierte Nation, die in fast jedem Bereich vom Erfolg gemieden wird, vor allem im Sport. Dass er ein Muslim ist, ist Zufall. Doch in einem Land, wo sektiererische Religion den Patriotismus zu definieren scheint, wird die Religionszugehörigkeit Kaifs bedeutsam.'"

Weitere Artikel: Jürgen Kaube fragt, ob es sich beim Kandidatenduell nun um eine Unterhaltungs-, Informations- oder Werbesendung handelte, wird sich aber nicht ganz schlüssig. Siegfried Stadler zieht eine weitere Schadensbilanz bei sächsischen Kultureinrichtungen. Wolfgang Pehnt stellt den Themenpark Vulcania in der Auvergne vor, der, von Hans Hollein entworfen, sowohl ein Spektakel für die Massen als auch wissenschaftliche Information bietet. Eine Meldung informiert über drastische Kultureinsparungen in Frankfurt. Der Staatsrechtler Claus Arndt denkt noch einmal über die Szenen im Bundesrat bei der umstrittenen Abstimmung zum Zuwanderungsrecht nach, die er alles in allem rechtens findet. Karol Sauerland berichtet über die Rückgabe des Eigentums jüdischer Gemeinden in Polen. Rainer Hermann berichtet über eine Lesung der "Ilias" auf Türkisch in den historischen Stätten von Troja.

Auf der letzten Seite porträtiert Reinhard Veser den litauischen Autor Sigitas Geda, der die literarische Eröffnungsrede bei der Buchmesse halten und Litauen als Gastland der Messe repräsentieren wird. Trotz der Flut möchte Thomas Rietzschel die Elbe als einen heiteren Strom betrachten ("Hell leuchten Reformation und Aufklärung, das Wörlitzer Gartenreich und das Dessauer Bauhaus an den Stränden der Elbe.") Und Michael Gassmann fürchtet um die Zukunft der anglikanischen Kirchenmusik. Auf der Medienseite schildert Ingolf Kern die näheren Umstände des Duells zwischen Schröder und Stoiber in Berlin-Adlershof. Roger de Weck, ehemals Chefredakteur der Zeit, findet: "Das war kein Duell, das war ein Quiz." Und Michael Hanfeld kommentiert den paradoxen Umstand, dass die Medienleute Stoiber besser fanden, während in den Umfragen Schröder vorne rangierte. Auf der Bücher-und-Themen-Seite denkt Wolfgang Schneider über die Juden im Werk Thomas Manns nach.

Besprochen werden Konzerte der Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen und eine Ausstellung des Fotografen Naoya Hatakeyama in Nürnberg.