Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.08.2002. Die FAZ warnt vor einem deutschen Berlusconi namens Gerhard Schröder. Die SZ freut sich: Punk ist doch nicht tot. Die NZZ bereist das Tatragebirge. Die FR bereitet uns auf den Jahrestag des 11. September vor. Und in der taz porträtiert Gabriele Goettle die Mutter der Charite-Rohrpost, Hans-Jörg Voß.

SZ, 26.08.2002

Falls es noch jemand nicht gewusst haben sollte: Punx not dead, schreibt Oliver Fuchs, wir erleben sogar gerade einen Höhepunkt: "Mit dem ersten Album von Mia (mehr hier), dem besten Debüt einer deutschen Band seit vielen Jahren, strebt der Punk- Sommer 2002 jetzt seinem Höhepunkt entgegen: verschwendungssüchtiger, glamourös-kaputter Elektro-Punk aus Berlin. Ein kurzer Sommer der Anarchie? Oder geht es doch bloß wieder um Nostalgie? Das Wort 'Revival' bietet sich ja an in solchen Fällen, aber hier ist es fehl am Platz. Wiederbelebt kann nur werden, was vorher untergegangen und verschwunden ist, und Punk war, entgegen den Prophezeiungen der Protagonisten, nie wirklich tot... Punk lebt in der Frisur von Rudolf Mooshammer genauso weiter wie in der Literatur von Rainald Goetz..."

Weitere Artikel: Fritz Göttler fragt sich, warum Miramax die Graham-Greene-Verfilmung "The Quiet American" von Regisseur Philip Noyce nicht in die amerikanischen Kions bringt, obwohl der Film längst fertig ist. Thomas Steinfeld wirft einen Blick auf die amerikanische Politikwissenschaft, vor allem den Politologen John Mearsheimer, der mit seinem Buch "The Tragedy of Great Power Politics" (hier ein Auszug) einem offensiven Realismus in der Außenpolitik das Wort redet. In der Debatte "Zukunft der Architektur" mahnt der Architekt und SPD-Politiker Peter Conradi seine Kollegen, sich wieder um die Menschen zu kümmern ("Architektur ist nicht daran zu messen, wie einzigartig, wie originell sie ist, sondern daran, ob sie den Menschen, die darin leben, gut tut.)

Sonja Zekri meldet, dass das erste ernstzunehmende Sexmuseum der USA in New York eröffnet. Matthias Kross berichtet vom Wittgenstein-Kolloquium in Kirchberg, bei dem es unter anderem um die Frage ging, ob sich mentale Phänomene allein physikalische Ursachen zurückführen lassen. Ijoma Mangold hat in der neuesten Ausgabe der "Akzente" geblättert und einen offenber recht überzeugenden Text von Julia Zeh über die Ich-Vernarrtheit junger deutscher Autoren gefunden. Und schließlich liefert Fritz Göttler noch den Nachruf auf den Drehbuchschreiber Dean Riesner.

Besprochen werden Vladimir Torbicas Film "Der Brief des, Kosmonauten", das Stück "Luminous" des japanischen Choreografen Saburo Teshigawara beim Berliner "Tanz im August", Martin Wuttkes Inszenierung des "Podpolje" nach Dostojewski in Neuhardenberg sowie die Ausstellung "Kindsnöte in Medizin und Kunst" des Medizinhistorischen Instituts Zürich und Bücher: die Edition von Schellings "Weltalter"-Fragmenten, Colin McGinns Band "The Making of a Philosopher. My Journey Through Twentieth- Century Philosophy" sowie Andreas Schäfers Debütroman "Auf dem Weg nach Messara" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 26.08.2002

Goettle-Tag! Der Stolz der taz stellt heute den Fachmann für Rohrpostanlagen Hans-Jörg Voß vor. Kleine Leseprobe: "Kaum von der Öffentlichkeit bemerkt, werden auch heute immer noch Rohrpostanlagen benutzt und neu eingebaut. Sie können nämlich etwas, das kein Fax oder E-Mail je können wird, sie transportieren Material. Deshalb sind Hausrohrpostsysteme z. B. für Banken, Bibliotheken, Supermärkte, Flughäfen oder auch große Krankenhäuser wie die Charite unverzichtbar. Wir sind verabredet mit Herrn Voß. Er ist quasi die Mutter der Charite-Rohrpost, baute sie in den 70er-Jahren mit ein, hat sie sozusagen großgezogen, kennt sie in- und auswendig, er kann jedes ihrer Wehwehchen erlauschen und beseitigen. 'Sein' Rohrpostsystem versorgt eines der berühmtesten deutschen Krankenhäuser."

Und schließlich Tom.

FR, 26.08.2002

Sacha Verna bereitet schon einmal darauf vor, was uns am ersten 11/9-Jahrestag so alles erwartet: Trauermärsche, Gottesdienste und kerzenbeschienene Mahnwachen, Glockengeläut und Konzerte von den frühen Morgenstunden bis in den späten Abend. "Es ist zu befürchten, dass der kommenden 11. September ein Tag der Heuchelei und des patriotischen Kitsches werden wird", schreibt Verna. "Viele New Yorker rätseln außerdem darüber, weshalb Bürgermeister Michael Bloomberg auf der Lesung historischer Texte bestanden und keine aktuellen Reden zum Anlass gewünscht hat. Tatsächlich lässt sich nur schwer ein Zusammenhang zwischen dem Kollaps des World Trade Centers und Abraham Lincolns 'Gettysburg Address' von 1863 herstellen, die Gouverneur George E. Pataki vortragen wird - so grausam der amerikanische Bürgerkrieg und so begrüßenswert die Abschaffung der Sklaverei damals auch gewesen sein mögen. Der Rückgriff auf Franklin D. Roosevelts 'Four Freedoms' und auf die amerikanische Unabhängigkeitserklärung leuchtet eher ein, doch ist es offensichtlich, dass sich kein Politiker in Eigenregie das Maul verbrennen möchte."

Weitere Artikel: Joachim Lange sieht in dem "zum Modell Weimar erkorenen Sparplan", den Intendent Stephan Märki nun ausgearbeitet hat, gerade einmal eine "Zwischenlösung für fünf Jahre". Ulf Meyer beschreibt, was man sich alles einfallen lassen muss, wenn man in Tokio das zweithöchste Haus der Stadt bauen will. times mager befasst sich mit Kosenamen ("Kätzchen, Schleuschen, Kügelchen").

Besprochen werden Politische Bücher: Karl Otto Hondrich Essay "Wieder Krieg", Manfred Scharrers Doppelbiografie "'Freiheit ist immer...'. Die Legende von Rosa & Karl", Jürgen Trittins Programm "Welt Um Welt. Gerechtigkeit und Globalisierung" sowie Matthias Wanitschkes Studie "Methoden und Menschenbild des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR".

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NZZ, 26.08.2002

Sieglinde Geisel porträtiert den Generalintendanten des deutschen Nationaltheaters in Weimar, den Exil-Schweizer Stephan Märki, der sich in Weimar wie Boris Becker fühlt. Und der "beim Nachbarn im Norden", also bei uns, eine Revolution anstiften will. "Er plant mit seinem Theater in Weimar für den kommenden Herbst den Ausstieg aus dem Flächentarifvertrag: ein Schritt, der von den einen als rettendes Modell für ganz Deutschland gepriesen und von den anderen als 'Turbokapitalismus im Theater' verteufelt wird."

Die Ostslowakei und das Tatragebirge hat Irene Brena bereist, bisher vor allem bekannt durch ihre "Kriegsreportagen aus Tschetschenien". Kundig beschreibt sie eine vergessene Kultur- und Naturlandschaft, für Brena ist soagr die Speisekarte im Zugrestaurant aufschlussreich: "Und natürlich bietet schon die Frühstückskarte hauptsächlich allerlei Berauschendes an. Wenn essen, dann richtig, wenn leben, dann heute. Doch der sinnenfrohe Schein trügt, die traditionelle Maxime ist noch da, sie aber bis zu den Restauranttischen zu befolgen, ist nicht mehr leicht."

Weitere Artikel: Anlässlich eines bevorstehenden Wechsels in der Führungsriege stellt Elisabeth Schwind das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe vor, unter anderem Ort "des besten Tonstudios der neunziger Jahre". Alfred Schlinger meldet sich von der Eröffnung des Theaterfestivals in Basel, während Andrea Köhler aus den USA berichtet, wo es helle Aufregung über die Pläne des Fernsehsenders CBS gibt, eine Serie über Hitlers Jugendjahre zu drehen.

Besprochen werden heute ausschließlich Ausstellungen. Darunter eine Schau des als "poseur de papier peint parisien" verspotteten Raumkünstlers Daniel Buren im Pariser Centre Pompidou und eine Ausstellung des Malers und Architekten Alphonse Mucha im Prager Obecni Dum. Seidengewebe des 18. Jahrhunderts gibt es last not least in der Abegg-Stiftung im bernischen Riggisberg zu bestaunen.

FAZ, 26.08.2002

Ein deutscher Berlusconi erhebt sein finsteres Haupt, fürchtet Michael Hanfeld. Der Mann heißt Gerhard Schröder. Und der Konzern mit dem er agiert, auch wenn er ihm nicht persönlich gehört, ist die WAZ, die gerade versucht den Kirch-Anteil von Springer, also 40 Prozent, zu kaufen: "Der eine entzieht der repräsentativen Demokratie ganz leise ihre Lebenskräfte und lenkt alles auf das Stimmungsbarometer der Medien um, und die andere kauft hier und kauft da, bis das Monopol, das die Mächtigen publizistisch stützt, geschaffen ist. Kein Kartellrecht soll sie trennen." Da kann man nur hoffen, dass die SPD nicht noch die FAZ kauft!

Weitere Artikel: Gerhard Ehninger, Mitglied des Krisenstabs der Dresdner Universität übt scharfe Kritik an der "chaotischen, angstbeladenen Reaktionsweise" der Stadt Dresden und ihres Oberbürgermeisters Ingolf Roßberg. Der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle (mehr hier) fragt vor dem Johannesburger Nachhaltigkeitsgipfel, ob eine globale Umweltpolitik möglich ist. Für die Wahlkampfserie "Im Milieu" begleitet Christoph Albrecht den CDU-Politiker Friedbert Pflüger ins Osnabrücker Land. Joseph Hanimann gratuliert dem französischen Theaterregisseur Jean-Pierre Vincent zum Siebzigsten. Kerstin Holm berichtet über die Misere der russischen Bildungspolitik und naiv wundergläubige und fremdenfeindliche Schulbücher für das neue Fach Religion. Peter Richter meldet, dass die von Daniel Rauch geschaffenen Marmorstandbilder der preußischen Generäle Scharnhorst und Bülow wieder Unter den Linden aufgestellt wurden.

Auf der letzten Seite schreibt Hans-Dieter Seidel ein kleines Profil über Maria Schrader, die als Kriemhild beim Wormser "Nibelungen"-Spektakel Erfolge feiert. Christoph Albrecht stellt neue Technologien vor, mit denen die Nasa die Gedanken potenzieller Terroristen lesen will. (Und zwar will man durch die Fernmessung von Herzfrequenzen in Flughäfen herausfinden, ob jemand etwas Böses im Schilder führt.) Auf der Medienseite annonciert Peter Körte die heutige Verleihung der "First Steps", eines Nachwuchspreises für das deutsche Kino.

Besprochen wird eine Ausstellung mit "Prominentenfotos und anderen Knipsereien" von Jürgen Teller in München.