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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.08.2002. Die SZ zieht ein negatives Fazit der Salzburger Festspiele. Die FAZ zieht ein positives Fazit der kommenden Theatersaison. Die FR erinnert an die Flutkatastrophe in Florenz im Jahr 1966. Im taz-Interview spricht die Regisseurin Lucrezia Martel über das Begehren in der Familie. Die NZZ polemisiert gegen Marcel Reich-Ranicki.

SZ, 23.08.2002

Reinhard J. Brembeck zieht ein negatives Fazit der Salzburger Festspiele. Der große Erfolg des neuen Festspiel-Chefs Peter Ruzicka, der mit der "Party-, Vergnügungs- und Eventkultur" liebäugele, bestehe darin, "dass die Salzburger Festspiele wieder mehr das anpeilen, was sie immer schon sein wollten: ein Repräsentationsfestival - klassisch, österreichisch, gut. Kein Reformationsfestival, wie der Salzburg-Erneuerer Gerard Mortier es betrieb." Während in der Sparte Schauspiel mit Jürgen Flimms Turrini-Flop "Da Ponte in Santa Fe" nur ein negativer Höhepunkt zu vermelden war, wurde in "Don Giovanni" ein Star geboren: "Anna Netrebko, der Lichtblick, der Strahlenengel, die Erfüllung all jener Versprechungen, die die klassische Musik als ihr eigenstes Wesen ausmachen." Insgesamt aber gilt: "Was fehlt, ist das Neue, das Junge, das Überraschende. Etwas, das von Mut zeugt, von einer Programmatik und einem Ziel."

Aus aktuellem Anlass befasst sich Sonja Zekri mit der "Anatomie eines Justizmords": Vor 75 Jahren wurden Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti in den USA hingerichtet (mehr zum Hintergrund finden Sie in einem Artikel von Robert D'Attilio/Pennsylvania University und in Atlantic Monthly). "Weder das Urteil über 'Hurricane' Carter, noch das über Mumia Abu-Jamal, ja nicht einmal die Hinrichtung der angeblichen Atomspione Ethel und Julius Rosenberg im Jahr 1953 haben das Vertrauen in die amerikanische Justiz je wieder so erschüttert und der Linken einen so schlagenden Beweis für Klassen- und Rassenjustiz geliefert wie dieses." Zekri zieht eine Verbindung zwischen der damaligen Angst vor Anarchisten und der heutigen Terroristenpanik in den USA. "Wieder bangt Amerika um seine Sicherheit, fürchtet nicht Anarchisten, sondern Terroristen. Hätten die Saccos und Vanzettis dieser Tage ein gerechteres Verfahren zu erwarten? Das wird man sehen."

Weitere Artikel: Thomas Steinfeld stellt das Buch eines australischen Anthropologen vor: "The Culture Cult" von Roger Sandall handelt von der "verlogenen Weigerung, die Tatsache anzuerkennen, dass es Kulturen gibt, die zutiefst abstoßende Züge tragen" (die Besprechung im Times Literary Supplement finden Sie hier). Agrb. berichtet kurz von einem Musterprozess des VDKD (Verband der Deutschen Konzertdirektionen) gegen die Stiftung Berliner Philharmoniker, die Konzerte zu deutlich billigeren Preisen organisieren als private Veranstalter. Der Reggae-Rapper Beenie Man plaudert im Interview über "harte Partys, Gangstas und Fluchen auf Jamaika". Nun ja, mit gutem Grund, denn immerhin: "Selbst Bob Marley hat nicht pausenlos gepredigt." Mit einem etwas bizarren Contest beschäftigt sich Christian Kortmann: Zur Zeit wird "im finnischen Oulu um den Weltmeistertitel im Luftgitarrespielen gerockt".

Im "Katastrophenkino von Hollywood" sind es wieder einmal die Nazis, die mit einem "Anschlag" nach der Weltherrschaft greifen, berichtet Joachim Riedel. Robert Gernhardt stellt in dem Gedicht "Geburt eines Kritikers" dar, was einen Kritiker wirklich bewegt: "Wir wollen 'Eierkuchen', er will 'Rattattattattat'!" In seinen "Noten und Notizen" beschäftigt Claus Koch sich mit der Sprachlosigkeit der Flutkatastrophenopfer, der Halbwertszeit von Katastrophenerinnerungen und Amerikas Versagen als Imperium. Und ein Nachtrag zu Leni Riefenstahl: die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ermittelt "gegen die Regisseurin wegen des Verdachts der Volksverhetzung und der Verunglimpfung des Andenkens Toter."

Besprochen werden eine Ausstellung über die Kunst des Surfens im Laguna Art Museum in Laguna Beach, Konzerte von Volodos, Brendel und Pollini bei den Salzburger Festspielen, der Film "I Love Beijing" von Ning Ying und Bücher: David Gramit, amerikanischer Professor, zeigt in seinem Buch "Cultivating Music" anhand ästhetischer und pädagogischer Schriften aus dem Zeitraum 1770-1848 die Funktionalisierung ernster Musik "zur Identitätsbildung der neuen, vom Mittelstand dominierten Gesellschaft" auf. Weiter werden besprochen ein Bildband Venedig, ein Fernseh-Roman von Kurt Oesterle und Abu l-Ala al-Ma'arris poetisches Meisterwerk "Paradies und Hölle" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 23.08.2002

Noch einmal "La Cienaga": Die Regisseurin Lucrecia Martel spricht mit Cristina Nord über "das unausgesprochene Begehren in der Familie, die Realitätswahrnehmung von Kindern und die bedrohliche Unbestimmtheit von Haustieren". Aber eine bedrohliche Unbestimmtheit gibt es auch noch in anderen Bereichen, wie sich im Gespräch zeigt: "Es gehört ja zur Durchschnittsmoral dazu, dass sie sich der Vorstellung von Begehren innerhalb der Familie verweigert. Für mich wiederum zeichnet gerade dies die Familie aus: dass es ein Begehren gibt."

Ansonsten begrüßt Gabriele Thierkopf, dass zum Munzur-Festival in der türkischen Provinz Tunceli, in der bis vor vier Wochen noch der Ausnahmezustand geherrscht hatte, Zehntausende Besucher kamen, um Ausstellungen, Theateraufführungen und Podiumsdebatten zu erleben. Jan Feddersen sucht die "verheißungsvolle Seite einer Katastrophe". Und er findet sie in der schlichten Feststellung: "Flut schafft Gemeinschaft." Daniel Bax macht sich Sorgen, ob es dem Shootingstar Tiziano Ferro (mehr hier) gelingen wird, seinen Sommerhit "Perdono" künstlerisch zu überleben. Zugleich bedauert Bax, dass Marc Anthony (mehr hier), der "derzeit best selling Salsa-Sänger - zumindest in den USA - und der ganze Stolz Puerto Ricos", sein zweites englischsprachiges Album "Mended" so offensichtlich US-amerikanischen Radiohörgewohnheiten angepasst hat.

Und die Medienseite: Wegen Anzeigenschwund und Missmanagement ist die Irish Times in wirtschaftliche Turbulenzen geraten, berichtet Ralf Sotscheck aus Dublin. Nicht nur die Berliner Seiten in deutschen Blättern hat es also erwischt.

Und dann war da noch, na klar - Tom.

NZZ, 23.08.2002

Der Kritiker Alfred Kerr war nicht zimperlich, wenn es galt, Urteile zu fällen: "Der Verfasser ist ein feines, etwas dünnes Seelchen, dessen Wurzel ihre stille Wohnung im Sitzfleisch hat." Gemeint war mit diesem bösen Urteil - Thomas Mann (und sein Schauspiel "Fiorenza"). Von Kerr leitet Hanno Helbling dann über zu dem eigentlichen Gegenstand seiner Polemik: "Marcel Reich-Ranicki hat gelegentlich bestritten, dass er als Richter auftrete; er sei einmal Staatsanwalt, einmal Verteidiger. (...) Später, als er im 'Literarischen Quartett', also am Fernsehen, die Aufmerksamkeit auf sich zog, konnte man zwar beobachten, dass er seine Gesprächspartner für und gegen ein Buch reden liess, um dann sein Urteil zu sprechen - ohne sich aber den Anschein zu geben, er urteile auf Grund des soeben gehörten Für oder Wider."

Vor Beginn der 59. Mostra internazionale d'arte cinematografica von Venedig äußert sich Moritz de Hadeln im Interview. Dabei zeigt sich, dass der Posten des Leiters der Filmfestspiele auf ähnlichem Wege vergeben wird wie der Job des Teamchefs der Fußballnationalmannschaft: "Ich habe am 6. März, um sechs Uhr abends, einen Anruf in Berlin bekommen. Am Telefon war Franco Bernabe, der neue Chef der Biennale von Venedig. Er hat mich gefragt, ob ich für dieses Jahr Direktor des Filmfestivals Venedig werden wolle. Eine Woche später war ich in Rom."

Weitere Artikel: Naomi Bubis berichtet von der "freudlosen Erleichterung" über den Bau eines Schutzwalls, der Israel von den Palästinensergebieten abtrennen soll. Beatrice von Matt schreibt den Nachruf auf die Schriftstellerin und Journalistin Laure Wyss.

Besprochen werden die Chillida-Tapies-Ausstellung (ein "Kammerspiel der Giganten") in Berlin, die Ausstellung "Marke und Mäzen" im Paula Modersohn Becker Museum in Bremen. Da die Welt zusehends verstädtert, ist im Palazzo dell'Arte in Mailand zurzeit unter dem ambitiösen Titel "Effetti collaterali - Visioni della metropoli contemporanea" eine "urbanistische Schau" zu sehen, "bei der es sich im Grunde um eine reine Fotoausstellung handelt."

NZZ im Kino: "About a Boy" hat sich Marli Feldvoss angesehen. Der Film habe in Hugh Grant die Idealbesetzung des Helden gefunden und sei "sorgfältig beobachtet, wenn auch etwas zu geradlinig inszeniert." Aber ist ja eigentlich auch egal: "Der Filmerfolg ist wie der andauernde Verkaufserfolg der Bücher vorprogrammiert." Amos Kolleks "Bridget" macht seine Metamorphosen durch: "Was als kaputter Film noir beginnt, wird zum Melodrama um eine Frau, die das Sorgerecht für ihren in Pflege gegebenen Sohn erkämpfen und erkaufen will, mutiert zum bizarren Roadmovie samt Pilgerfahrt nach Jerusalem und mündet schliesslich in ein Märchen mit Hollywood-würdigem Happy End", schreibt Michel Bodmer.
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FR, 23.08.2002

Über den westlichen Kunstmarkt und die Dritte Welt macht sich Renata Salecl ihre Gedanken. "Ein Künstler aus der so genannten Dritten Welt kann sich nur dann einen Platz im umkämpften westlichen Kunstmarkt sichern, wenn er genau in dem Moment auftaucht, in dem der Westen gerade Interesse an seinem Herkunftsland hat, und wenn der Künstler überdies clever genug ist, Kunst zu produzieren, die den Erwartungen des Westens entspricht. (...) Das Paradox in diesem Spiel, das Begehren des Anderen zu erraten, besteht darin, dass der Westen nichts sehen möchte als seine eigene Spiegelung in der Dritten Welt (natürlich mit einigen lokalen Gewürzen versetzt.)"

Aus aktuellem Anlass erinnert sich Gabriella Vitiello an das Hochwasser in Florenz im Jahr 1966. "Am vierten November 1966 war der Arno morgens um halbvier über die Ufermauern getreten. Mit einer Fließgeschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde flutete er die Altstadt.. Der Ponte Vecchio, die einzige Brücke der Stadt, die von den deutschen Truppen während ihres Abzugs verschont geblieben war, hielt den tobenden Wassermassen nur zufällig stand: Ein herantreibender Lastwagen, den der Arno mitgerissenen hatte, schlug ein riesiges Loch und damit einen Durchgang für das tobende Wasser."

Weitere Artikel: Über Geistesverwirrungen in der französischen Kulturpolitik berichtet Rudolf Walther. Hubertus Adam spürt 75 Jahren Böttcherstraße in Bremen in einer Ausstellung nach und stößt dabei auf Kaffee HAG. Harry Nutt sinniert über "vier Jahre mit, ohne oder neben Schröder" und gerät dabei an Daniil Charms. In times mager räsoniert Adam Olschewski über Patti Smith und Johnny Cash und kommt dann, sehr in Übereinstimmung zumindest mit dem "Man in Black", zu der Einsicht: "Wir sind sterblich, damit müssen wir leben."

Besprochen werden Silvio Soldinis Liebesdrama "Brennen im Wind", die CD "Hieb & Stichfest" von Mia. Vor allem gebräche es dem Regisseur an Mut. Dem Achtziger-Jahre-Revival gilt der CD-Tipp "Hieb & Stichfest". "Alles wird wie neu sein", verkündet darauf eine Sängerin namens Mieze. Mancher wird's gerne hören. Und die Verfilmung von Nick Hornbys "About a Boy" lebe, so Ulf Erdmann Ziegler, "von den ungewöhnlichen schauspielerischen Leistungen der Darsteller speziell ihrer unglücklichen Figuren". Dennoch bleibt dem Kritiker der Verdacht nicht erspart, "dass die filmische Form für diese Sorte des melodramatisch-tiefenpsychologischen Romans noch nicht gefunden ist."

FAZ, 23.08.2002

Gerhard Stadelmaier blickt nach vorn im Zorn auf "Stücke und Stoffe der kommenden Theatersaison". Das ironische Spiel mit Zitaten und Formen habe sich abgenutzt, konstatiert der Kritiker, Pop sei passe. Schlechte Zeiten für die "Die übriggebliebenen Selbstbezüglichen mit ihrem wehleidigen Generationen-Gesülze auf Video-Basis". Statt dessen trage "man wieder Menschheitsmoral, sucht nach Ethik und scheut nicht die Pathetik." Der neue Ernst halte auf den Bühnen Einzug: Peter Zadek will Brechts "Mutter Courage" im Berliner Deutschen Theater inszenieren, Castorf inszeniert in Zürich O'Neills "Trauer muss Elektra tragen". München, Dresden, Stuttgart, Hamburg und Nürnberg stürzen sich auf Gotthold Ephraim Lessings "Miss Sara Sampson", "ein Stück, in dem Sara noch im Todesröcheln allen verzeiht". Nur bei Elfriede Jelinek sei das anders, "die 'In den Alpen' (Uraufführung in München) die toten Sportler des Bergbahnunglücks von Kaprun die toten jüdischen Holocaust-Opfer beschimpfen lässt".

Eva Menasse schreibt eine Hymne auf die Historikerin Brigitte Hamann, die leidenschaftlich in Archiven wühlt und Wagners Nachfahren mit ihrer Winifred-Biografie verärgert hat: "In Winifred Wagners Nachlass müssen etliche Briefe von Hitler und anderen hochrangigen Nazis liegen, doch sie dürften dem, was Hamann an hitlerbegeisterten und antisemitischen Originaltönen von und an Winifred bereits zutage gefördert hat, nichts Substanzielles mehr hinzufügen." Brigitte Hamann sei "etwas Erstaunliches und Wichtiges gelungen", stellt Eva Menasse fest: "die seelisch-moralische Gesamtdarstellung einer glühenden Nazi-Anhängerin. Denn kein Mensch ist nur ein Schwein. Und gerade solch unbequeme Erkenntnis ist für das Begreifen dieser Zeit unabdingbar."

Weitere Artikel: Nach der Schadensbilanz der Flut kommt die Schadensbilanz der Rettungsmaßnahmen - der sächsische Kulturminister Matthias Rößler kritisiert im Gespräch mit Siegfried Stadler das Krisenmanagment der Stadt Dresden (Hauptstreitpunkt ist, dass die Pumpen vom Zwinger abgezogen wurden). Der Dresdner Lyriker Heinz Czechowski beschreibt seine Eindrücke von der zweiten Zerstörung seiner Region. Thomas Frahm schickt Impressionen aus Elias Canettis bulgarischer Geburtsstadt Russe ("Eine deprimierende Provinzialisierung war die Folge der politischen Zwangssysteme.") Christian Geyer beklagt das Schweigen der Intellektuellen zur Flut und zitiert als einzige Ausnahme Wolf Lepenies, wobei auch er schweigt, über die Quelle nämlich, die SZ.

Auf der letzten Seite unternimmt Tilman Spreckelsen, angeregt Fall Sorokin, einen historischen Streifzug und erinnert an den Roman "Ssanin"von Michail Petrowitsch Arzybaschew, gegen den 1907 auch in Deutschland Pornografie-Vorwürfe kursierten. Und Hannes Hintermeier schreibt ein kleines Profil über Stephan Barbarina, dessen Musical über Ludwig II. in Neuschwanstein in finanzielle Bedrängnis geraten ist. Auf der Medienseite stellt Sandra Kegel fest, dass "die Seele Konjunktur" hat, darum bringen ARD und Sat.1 Psychodoktoren auf den Bildschirm. Alexander Bartl findet, dassKlaus Bresser im Gespräch mit Thomas Bellut und dem Bundespräsidenten Johannes Rau einen enttäuschenden Abschied abgeliefert hat: "Von zupackendem Journalismus war in der Tat wenig zu sehen und noch weniger zu hören." Ferner die traurige Meldung, dass zwei Reporter des FAZ-Business Radios bei einem Autounfall ums Leben kamen.

Besprochen werden eine Ausstellung über Paul Gauguins Werk im Metropolitan Museum of Art in New York, Vladimir Torbicas Spielfilmdebüt "Der Brief des Kosmonauten" und Gounods Oper "Romeo et Juliette" in Salzburg.