Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.12.2001. Die FAZ erklärt uns, warum alte Geldscheine der DDR heute mehr wert sind als seinerzeit. Die SZ findet, dass neue Vorwürfe gegen zwei Texte Hans-Georg Gadamers in der Nazizeit ein alter Hut sind. Und allenthalben wird die Vergabe des Turner-Preises an Martin Creed kommentiert und kritisiert.

NZZ, 11.12.2001

In Großbritannien ist die Verleihung des Turner Preises an Martin Creed auf heftige Kritik gestoßen, berichtet Georges Waser. "Eine The Stuckists genannte Gruppe von Künstlern argumentiert, der Einzige, der auf den Gewinn des Turner Prize nie die geringste Aussicht gehabt hätte, sei Turner selbst. Andere wieder sagen, der Grund, weshalb kaum je ein Maler gewinne, sei, dass ein solcher mit allem konkurrieren müsste, was die Kunst seit der Renaissance hervorgebracht habe - während für Tierkadaver, ungemachte Betten und aufgeblasene Ballone offenbar kein Maßstab bestehe."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann meldet, dass Gerard Mortier neuer Leiter der Pariser Oper wird. Renate Wiggershaus gratuliert Nagib Machfus zum 90. Geburtstag und stellt seinen neuen Roman "Der letzte Tag des Präsidenten" vor. Daneben meldet Wadi Saadah, dass Machfus sich weigert, an irgendwelchen Feierlichkeiten zu seinen Ehren teilzunehmen: "Es sei ihm nicht möglich zu feiern, sagte er, während in Amerika, Afghanistan und Palästina zahllose Todesopfer zu beklagen seien. 'Wie kann man in einer solchen Atmosphäre überhaupt an Festlichkeiten denken?'" Holger Gumprecht gratuliert Christian Dietrich Grabbe zum 200. Geburtstag und stellt neue Biografien des Dichters vor. Hugo Loetscher schickt weiße Küsse und schwarze Seufzer aus Italien. Und schließlich ist noch auf eine Meldung hinzuweisen, wonach Eberhard Kossacks Leasing-Gesellschaft "von ihrem mit dem Zürcher Haffmans-Verlag abgeschlossenen Sale-Lease-Back-Vertrag zurückgetreten" ist. Die Autoren können so "individuell mit dem Konkursamt über die Weiterführung oder den Rückfall ihrer Rechte Verhandlungen aufnehmen".

Besprochen werden "Die schweigsame Frau" von Richard Strauss in Zürich und zwei Theateraufführungen am Deutschen Theater Berlin, Shakespeares "frühes Monsterstück 'Titus Andronicus'" und Lars Norens "Tristano".

SZ, 11.12.2001

Tim B. Müller berichtet über Vorwürfe, die der New Yorker Historiker Richard Wolin gegen Hans-Georg Gadamer und zwei seiner Texte aus der Zeit des Nationalsozialismus erhebt. Wolins Aufsatz vom Frühjahr 2000 wurde jetzt von der "Internationalen Zeitschrift für Philosophie" übersetzt und kommentiert. Müller findet, "was Wolin enthüllt ist längst bekannt". Außerdem kenne "seine suggestive Sprache nur das Register der Anklage", "Quellenkritik und andere handwerkliche Grundvoraussetzungen" seien "auf der Strecke geblieben". Die Kritiker Wolins neigten in ihren Kommentarbeiträge dagegen zu "leichtfertiger Apologetik", und der einzige zustimmende Beitrag des Philosophen Andreas Graeser geriet lediglich zu einer "Abrechnung mit Gadamers Hermeneutik im Namen der analytischen Phiolosophie." Festhalten will Müller aber doch, "dass sich Gadamer von seinen zweideutigen Äußerungen von damals nie deutlich distanziert hat."

Holger Liebs räsoniert über Wert und Unwert des Turner Preises, den ein etwas maulfauler Martin Creed (mehr hier) am vergangenen Wochenende von einer entschieden fideleren Madonna überreicht bekam (mehr dazu hier). Liebs Befund: "Die Zeit junger, wilder britischer Künstler scheint erst einmal abgelaufen."

Außerdem: gratuliert Karl-Markus Gauß Nagib Machfus zum 90. Geburtstag, erzählt Raphael Honigstein vom Tour-Verbot für die englische Band So Solid Crew (mehr hier), glossiert "bgr." die Frage "Opa, was war Ethik?" beziehungsweise den deutschen Ethikrat. Hermann Wallmann berichtet über die Verleihung des Nelly-Sachs-Preises an Georges-Arthur Goldschmidt. Jens Bisky schreibt über das angedrohte neue System der "Publikationsförderung" durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, und Christian Jostmann hat einer Bielefelder Tagung über Vertrauen als historische Kategorie zugehört.

Besprochen werden eine Ausstellung in Rom über 40 Kinder deutscher und polnischer Juden, die im italienischen "Exil" den Holocaust überlebt haben, eine Ausstellung in der Salzburger Residenzgalerie (mehr hier) über die Macht der Bücher und eine Wiener Doppelausstellung zum 100. Geburtstag von Ödön von Horvarth in der österreichischen Nationalbibliothek (mehr hier), Lars Norens neues Stück "Tristano" sowie Hans Neuenfels Inszenierung von "Titus Andronicus", beide am Deutschen Theater Berlin, ein Tanztheater ohne Tänzer an der Schaubühne in Berlin, Benoit Jacquots Verfilmung von Puccinis "Tosca" und das Regiedebüt "Null Uhr 12" von Bernd Michael Lade. Marc Deckert hat sich derweil mit dem Computerspiel "GTA3" amüsiert. Erwähnung finden schließlich noch zwei Bücher über sämtliche Nobelpreisträger.

FR, 11.12.2001

Constantin von Barloewen beschäftigt sich mit dem Unterschied zwischen säkularem und religiösem Nationalismus. Während der säkularisierte Nationalismus seit Locke und Rousseau "gleichsam als Naturrecht anerkannt" wurde und der "contrat social" die Religion verdrängte, wirkte im religiösen Nationalismus noch immer der Gedanke einer "kosmischen Ordnung". Deshalb werden "die Opfer religiöser Gewalt weniger zum Ziel, weil sie für die Aktivisten bedrohlich sind, sondern weil sie ... als Symbole begriffen werden, ... ein bestimmtes Bild der Welt vermitteln." Jenseits "bloßer Machtpragmatik" müsse eine Friedenspolitik diese "kosmische Ordnung berücksichtigen".

Michael Mayer geißelt die "biopolitischen Begleitdiskurse" der "bio-wissenschaftlichen Forschung", mit der eine "allmähliche Aufweichung des normativen Minimalbegriffs der Menschenwürde" einher gehe. Ihn stören vor allem "das Berechnende, Berechenbare der Verlautbarungen" und der "zuweilen erpresserische Duktus" zur Durchsetzung wissenschaftspolitischer Anliegen. Die jüngste Diskussion um die ? gefakte ? Klonexperimentmeldung aus Massachusetts zeige deutlich, worum es wirklich geht: "um sehr viel Geld".

Weitere Themen: Auch die FR gratuliert Nagib Machfus zum 90. Geburtstag. Christian Thomas berichtet von der Eröffnung der Gläsernen Manufaktur von VW in Dresden, und Daniel Kothenschulte erklärt, warum Disneys wiederentdeckter Film "Atlantis" von 1954 schlechter ist als George Melies' "20.000 Meilen unter dem Meer" von 1907.

Besprochen wird Dieter Dorns Don DeLillo-Inszenierung in München, und Hans-Klaus Jungheinrich lobt eine Aufführung von Carl Maria von Webers "Oberon" in Regensburg.
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TAZ, 11.12.2001

Aufmacher ist heute eine lesenwerte Rezension: Ludger Lütgehaus bespricht Jörg Aufenangers Biografie des Dichters Christian Dietrich Grabbe, der vor 200 Jahren geboren wurde. Der erste Satz der Rezension und gleichzeitig "das witzigste aller Grabbe Zitate" zur Einstimmung: "Einmal auf der Welt, und dann ausgerechnet als Klempner in Detmold" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr)

Weitere Artikel: Susanne Messmer porträtiert Kathleen Hanna, einst das perfekte Riot Grrrl "irgendwo zwischen Judith Butler und Punk", heute bei der Band Le Tigre "Wonder Woman aus der Nachbarschaft". Dirk Knipphals hat sich im Selbstversuch dem Seriellen ausgesetzt und in Berlin 30 Mona Lisas und 20 Jackies von Andy Wahrhol begutachtet: sie funktionieren durchaus immer noch. Nils Röller besuchte eine Tagung des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin, auf der es um "Koppelungen zwischen künstlerischer Praxis und wissenschaftlichem Experiment" ging.

Robert Brack begeistert sich für Frank Nowatzkis Krimi-Trash-Sammlung "Anti-Hero", und schließlich wird noch ein Buch über "Showrooms" vorgestellt (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FAZ, 11.12.2001

Dietmar Polaczek schickt einen gut belegten Bericht über die bedenkliche Rechtspolitik in Italien, die neulich dadurch auffiel, dass Silvio Berlusconi europäische Rechtsnormen nicht anerkennen will. "Nicht wenige gesetzgeberische Maßnahmen der gegenwärtigen Regierung wirken, als habe ihr Chef dabei auch seine eigenen Probleme im Auge", kommentiert Polaczek. "So beim Rechtshilfeabkommen ('Rogatorie') mit der Schweiz, das bestimmt, Beweismittel aus dem Ausland seien nur dann im Prozess zulässig, wenn ihre Erlangung italienischen Rechtsnormen entspricht - was der Anfechtung von Schuldbeweisen durch verfahrensrechtliche Einwände viele Möglichkeiten eröffnet und die Verfolgung internationaler White-collar-Kriminalität, insbesondere der Geldwäsche, erheblich erschwert."

Antje Schmelcher hat sich in einen Stollen bei Halberstadt begeben. Dort lagern Geldnoten der ehemaligen DDR, ein Schatz, vor allem die 200- und die 500-Markscheine: " Die Scheine trügen, denn die Staatsbank der DDR hatte sie 1985 zwar drucken, aber nie emittieren lassen. Daher haben die Zweihunderter und Fünfhunderter einen höheren Sammlerwert als die ehemaligen Banknoten. Auch im Geldverkehr kam die DDR nur bis zu Karl Marx, der den Hundertmarkschein schmückte, das höchste Zahlungsmittel des Arbeiter- und-Bauern-Staates."

Michael Klett erzählt, wie sein Vater vor 30 Jahren die deutschen Rechte für J.R.R. Tolkiens "Herrn der Ringe" erlangte: " Das Ganze wurde auf der Buchmesse in fünf Minuten verhandelt, da kam Sir Stanley Unwin von Allen and Unwin, eine erhabene alte Figur des Verlagswesens (...) und vereinbarte einen Vertrag, zeitlich unbegrenzt - das macht man heute auch nicht mehr - mit reiner Absatzhonorarlösung, außerordentlich favorabel, keine Vorauszahlung, gar nichts. Zwei alte Herren aus der frühen Zeit, die das gentlemanlike miteinander beschlossen, irgendwann wechselte man ein paar Briefe, daraus wurde ein Vertrag gemacht, fertig."

Stefan Weidner gratuliert Nagib Machfus zum neunzigsten Geburtstag. Es werden auch ein paar Zeitungskolumnen von ihm nachgedruckt. Zu den Attentaten schreibt er: "Die einzige Gewähr für Sicherheit ist Gerechtigkeit. Hätten die Vereinigten Staaten als führende Weltmacht mehr Gerechtigkeit walten lassen, hätte niemand sich das Ziel gesetzt, sie zu zerstören." Aber hätten die Araber in Sachen Ungerechtigkeit nicht auch ein paar Ziele in ihrer eigenen Region?

Weitere Artikel: Gina Thomas kommentiert die Vergabe des Turner-Preises an Martin Creed. Wolfgang Sandner berichtet über einen willkommenen Wandel bei der Tschechischen Philharmonie - vor Jahren hatte man noch den Dirigenten Gerd Albrecht aus seiner Position geekelt, weil er Deutscher war, inzwischen sucht man eine internationale Öffnung. Felicitas von Lovenberg durfte in Stockholm an einem Diner mit Nadine Gordimer und Günter Grass teilnehmen, die, wie man hört, gerne miteinander Tango tanzen. Ilona Lehnart erzählt, wie die Goethe-Institute, nachdem sie zum Beispiel in Pakistan geschlossen wurden, nun Sondermittel für den Dialog mit der islamischen Kultur erhalten. Joseph Croitoru setzt seine Berichterstattung über den Attentatsstreit bei islamischen Gelehrten fort - auch der Mufti von Jeruslaem befürwortet nun Selbstmordanschläge.

Ferner schreibt Heinrich Detering zum 250. Geburtstag von Christian Wilhelm von Dohm. Frank Ebbinghaus resümiert eine Tagung über Hannah Arendts Totalitarismusbuch in Potsdam. Klaus Fittschen berichtet, dass die Griechen die antike Siegessäule von Marathon wieder errrichten wollen, "ein fragwürdiges Unterfangen". Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über die Empörung der französischen Radiosender, nachdem die Kirchgruppe die Rechte für die nächste Fußball-WM an Radio Monte Carlo verkaufte. Souad Mekhennet zeichnet Verschwörungstheorien zu den Attentaten in der arabischen Presse nach. Bei Gisa Funck erfahren wir, dass die Internetadresse von Radio Bremen nun auch Nachrichten in Latein bringt. Auf der Bücher-und-Themen-Seite erzählt Valentin Groebner eine Kulturgeschichte der Personen-Identitfikation.

Besprochen werden ein "Parsifal" unter Simon Rattle in Covent Garden, eine Giorgio-Morandi-Ausstellung in Paris, DeLillos Stück "Tag Raum" in München, eine Ausstellung mittelalterlicher Handschriften in Cambridge (mehr hier), Lars Norens Stück "Tristano" in Berlin, Michael Gielen in Frankfurt mit Beethoven und Schoenberg und ein Auftritt des Liedermachers Pigor und seines Begleiters Eichhorn in Berlin.