Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.12.2001. SZ und FAZ berichten über die Nobelvorlesung V.S. Naipauls, die wir auch dokumentiert finden. Die taz diskutiert über die Pisa-Studie: Verachten die Deutschen Naturwissenschaften, oder sind sie nur konservativ? Die NZZ erinnert an die "schweizerische Kulturgüterevakuation" im Zweiten Weltkrieg. Die FR zeigt sich beeindruckt vom Museum Sowjetisches Speziallager in Sachsenhausen.

NZZ, 10.12.2001

Matthias Wipf erinnert in einem ausführlichen Artikel an die "schweizerische Kulturgüterevakuation" im Zweiten Weltkrieg. Kunstwerke sollten vor möglichen Bombardierungen geschützt werden. "Das Dilemma war dabei, dass man einerseits so lange wie möglich Besucher in den Ausstellungen empfangen, anderseits aber keine unnötigen Risiken eingehen wollte. Den einzigen 'Ernstfall', die Bombardierung Schaffhausens vom 1. April 1944, bestand man allerdings nicht." Glückliche Schweiz, die nur einmal bombardiert wurde - aus Versehen.

Besprochen werden zwei Verdi-Inszenierungen (ein "Otello" in Mailand und der "Troubadour" in Stuttgart), neue Stücke von Josef Nadj und Maguy Marin beim Festival International de Danse in Cannes, die Ausstellung "Die Brücke in Dresden 1905-1911" (mehr hier) und eine Ausstellung über "Paul Celan in Wien" (mehr hier).
Stichwörter: Paul Celan, Dresden, Otello, Wien

SZ, 10.12.2001

V.S. Naipaul hat den Literaturnobelpreis entgegengenommen. Burkhard Müller berichtet von der Preisverleihung. Naipauls Nobel-Vorlesung druckt die SZ leider nicht (die ist auf deutsch hier zu lesen), dafür einen Auszug aus "Reading & Writing".

Der israelische Publizist Danny Rubinstein lobt und verdammt Palästinenserpräsident Jassir Arafat: "Er besitzt eine ausgeprägte theatralische Begabung. So ruhig und gelassen, ja sogar höflich und zuvorkommend er sein kann, so überfallartig können nur wenige Sekunden später seine Drohungen und sein ohrenbetäubendes Geschrei sein. Doch am meisten kommt ihm sein Talent für Öffentlichkeitsarbeit zugute - hier muss man ihn als Genie bezeichnen ... Arafats Qualitäten als Führungsgestalt und politischer Praktiker sind erbärmlich. Die Verwaltungsstrukturen, die er im Westjordanland und im Gazastreifen ins Leben rief, sind längst Paradebeispiel für das Scheitern seiner Regierung: die unbeschreibliche Korruption, die maßlose Verschwendung und das Fehlen eines ordentlichen Justizsystems. Manchmal erweckt seine Regierung den Eindruck von Mafiabanden, die miteinander konkurrieren."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Martin Mosebach ("Der Nebelfürst") geht den Spuren der britischen Krimiautorin Patricia Cornwell nach, die davon überzeugt ist, dass der englische Maler Walter Richard Sickert Jack the Ripper war und in diese Überzeugung inzwischen mehr als vier Millionen Dollar investiert hat. Sonja Zekri hat das Museum Sowjetisches Speziallager Nr7/Nr.1 (mehr hier) besichtigt, das gestern in der Gedenkstätte Sachsenhausen eröffnet wurde. Olaf Winkler spendet verhaltenes Lob für den Bericht von Bau- und Verkehrsminister Kurt Bodewig zum Thema Baukultur. Jens Bisky schreibt über eine Tagung: Die Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hatte sich am Wochenende mit Hannah Arendt und den "Elementen und Ursprüngen totalitärer Herrschaft" befasst.

Besprochen werden: eine Aufführung von Verdis "Othello", mit der Ricardo Muti die Mailänder Scala eröffnete, Philip Tiedemanns Uraufführung von Peter Turrinis "Ich liebe dieses Land" am Berliner Ensemble und Dieter Dorns Aufführung "Der Tag Raum" von Don DeLillo im Münchner Haus der Kunst, Agusti Villarongas neuer Film "El Mar" über Terror, liebe und Tod und Stephen Frears Film "Liam" über eine irische Kindheit in Liverpool. Sowie die Ausstellung "Sport in der zeitgenössischen Kunst" in der Kunsthalle Nürnberg.

FR, 10.12.2001

Nach zwanzig Monaten Bauzeit ist das Museum "Sowjetisches Speziallager Nr. 7/1 (1945-1950)" auf dem Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen eingeweiht worden. Martina Meister hält es für einen Glücksfall gedenkender Museumsarchitektur: "Die beiden Frankfurter Architekten Till Schneider und Michael Schumacher haben ganz bewusst eine Formsprache gesucht, die sich selbst aufs Äußerste zurücknimmt, ohne gänzlich zu verschwinden. Nichts erinnert an diesem Museumsbau an die Geste, mit der Schneider und Schumacher die knallrote Info-Box auf den Potsdamer Platz gestellt haben, wenn nicht dies: die Kühnheit einer Entscheidung und die Konsequenz ihrer Ausführung. Durch einen Schlitz tritt man ein, auf einer transparenten Schiebetür erscheinen die ersten Bilder, die die Ausstellung im Kontext situieren und von vornherein signalisieren: Hier geht es nicht mehr um die Gräueltaten der Nazis, hier geht es darum, wie der Umgang damit zu neuen Gräueltaten, neuem Unrecht geführt hat."

Weiteres: Morten Kansteiner berichtet von einer Tagung im westfälischen Ahaus, bei der es um "Die Würde des Menschen" ging, also um Terrorismus, Fundamentalismus und den Import von Stammzellen ("Auch der Theologe Johann Baptist Metz vermutete am Ursprung islamistischer Angriffe eine 'Tendenz zur Entwürdigung'.")

Besprochen wird die Uraufführung von Peter Turinis Szenen "Ich liebe dieses Land" am Berliner Ensemble.
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TAZ, 10.12.2001

Noch einmal die Pisa-Studie in der taz: Den Naturwissenschaften, konstatiert Brigitte Werneburg, wurde noch nie eine hohe Bedeutung in Deutschland beigemessen: nicht auf den humanistischen Gymnasien, nicht vom Bestsellerprofessor Dietrisch Schwanitz - und auch nicht von den 68ern. "Die Soziologisierung der Welt jedenfalls, die ständige Frage nach dahinter liegenden Interessen, die schließlich zum trivialen Generalverdacht gegen Industrie- und Kapitalinteressen gerann, vermittelt eben kein Motiv des Wissenserwerbs; nur das Motiv für eine allgemeine Einstellung, der das Interesse an Technik und Wissenschaft eher verdächtig als fördernswert erscheint. Doch nach Pisa braucht der schulische Erfolg ein gesellschaftliches Klima, das von einem positiven Interesse an den Naturwissenschaften geprägt ist."

Zum selben Thema befindet dagegen Dirk Knipphals: "Bei Licht betrachtet hinterfragt die Studie doch offensichtlich mehr als nur die Unterrichtsformen. Sie zeigt die Auswirkungen des spezifisch deutschen Konservatismus, der sich gerade in Sachen Kinder und Familie immer wieder Bahn bricht. Die hier einschlägige und konkret Politik generierende Haltung besteht darin, einerseits wirtschaftliche Modernität unbedingt zu wollen, zu bejahen und auch mit viel Geld zu fördern, andererseits aber in sozialen Dingen hübsch alles beim Alten, sprich: unter dem Deckel der Kleinfamilie lassen zu wollen."

Weitere Artikel: Wenn es um Island und das Goethe-Institut geht, meldet sich natürlich Wolfgang Müller zu Wort: Auf einer Briefmarke des Goethe-Instituts fehlen nämlich Island und Grönland. Müller interviewt dazu die Gestalterin der Marke, Irmgard Hesse. Fritz von Klinggräf war in Weimar zur Tagung Zukunft der Bürokratie.

Und schließlich und selbstverständlich Tom.

FAZ, 10.12.2001

Die FAZ dokumentiert die Nobelvorlesung von V.S. Naipaul. Der Preisträger spricht über Proust, über Talent, über die indische Gemeinde in Trinidad und über den Mangel an Identität und Vorbildern, den er als Schriftsteller empfand. In einer Passage erinnert er auch an die Ureinwohner Trinidads: "Wir lebten auf dem Land der Chaguanes. Die Menschen, die von diesem Erdboden getilgt worden waren, hatten ihre eigene Landwirtschaft, ihren eigenen Kalender, ihre eigenen Gesetze, ihre eigenen heiligen Stätten gehabt. Sie hatten die vom Orinoko erzeugten Strömungen im Golf von Paria gekannt. Nun waren sie mitsamt ihren Fertigkeiten und allem, was an sie hätte erinnern können, spurlos verschwunden."

Marcel Reich-Ranicki feiert in einem kurzen Artikel Heinrich Breloers Dokudrama "Die Manns" als Rückkehr und Renaissance Thomas Manns, und er erinnert an Zeiten, als man sich nur noch ungern an Mann erinnerte: "Als man 1975 seinen hundertsten Geburtstag beging, wurde er zum Gegenstand einer ungeheuerlichen Generaloffensive: Unverbesserliche alte Nazis verbündeten sich mit Analphabeten und - man kann es kaum glauben - mit deutschen Schriftstellern aller Generationen. Dutzende dieser Autoren (mit Martin Walser an der Spitze) erklärten öffentlich, niemand sei ihnen gleichgültiger als der Autor des 'Zauberberg'. Das beteuerten sie freilich mit vor Wut und wohl auch vor Neid bebender Stimme."

Jordan Mejias erzählt, wie die Amerikaner den Jahrestag von Pearl Harbor begingen und dass die 800 überlebenden Veteranen sich plötzlich wundern, "warum sie, um die sich all die Jahre niemand kümmern wollte, vor Einladungen und Ehrungen nicht mehr sicher sind. Medien, Vereine und Schulen reißen sich plötzlich darum, ihre Geschichten zu hören, und Autogrammjäger verfolgen sie bis ins Hotel."

Weitere Artikel: Joseph Croitoru zeichnet einen Streit in den arabischen Medien nach ? sind die Selbstmordattetnate gegen die Israelis eine "ungerechte Tat" oder darf man bereits die israelischen Kinder als künftige Soldaten betrachten und getrost umbringen? Andreas Rosenfelder resümiert eine weitere Folge der Vorlesungsreihe über die "Zukunft des Fussballs" in Bochum, die vom FAZ-Feuilleton mit großem Interesse verfolgt wird. Dokumntiert wird eine Rede von Maurizio Kagel, die er bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Musikhochschule Weimar-Jena hielt.

Auf der Medienseite setzt Michael Hanfeld seine Berichterstattung über die Intendantenkür beim ZDF fort und enthüllt Wolfgang Clements "Plan B". Eine nebenstehende Statistik klärt uns über den Altersdurchschnitt der Fernsehzuschauer auf. Insgesamt liegt er bei 48 Jahren ? der ZDF-Zuschauer ist zehn Jahre älter. Und Jochen A. Siegle orientiert uns über eine dramatische Entlassungswelle in amerikanischen Zeitungen und Zeitschriften. Für die letzte Seite besuchte Eberhard Rathgeb das Geburtshaus des dänischen Schriftstellers Herman Bang. Und Gerhard R. Koch beschreibt den Niedergang des Frankfurter Theaters, der nun durch Bernd Fülle aufgehalten werden soll. Ferner schreibt Gina Thomas zum Tod von David Astor, dem Chefredateur des Observer, und Wilfried Wiegand gratuliert Georg Stefan Troller zum Achtzigsten.

Besprochen werden ein "Troubadour" in Stuttgart, Peter Turrinis Stück "Ich liebe dieses Land" im Berliner Ensemble, eine Henry-Moore-Ausstellung in Washington, ein Konzert von Herbie Hancock, der sich auf Tournee befindet und Stephen Frears' Film "Liam"