Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.12.2001. Die FR stellt ein kleines Dossier zum Vierteljahrestag des 11. Septembers zusammen, während Felicitas Hoppe überlegt, was der Krieg aus der Kunst macht. Die FAZ verkündet derweil das Ende Europas am Katzentisch Amerikas und die SZ erhofft sich vom Euro ganz bestimmt keine europäische Identität.

NZZ, 12.12.2001

Einen "Willen zur Weltstadt" hat Sieglinde Geisel in Berlin festgestellt. Die Frage ist aber, wo die Stadt ihr Zentrum hat. Geisel schlägt den Gendarmenmarkt vor, denn sonst gilt: "Wo eine Sehenswürdigkeit steht (zum Beispiel das Brandenburger Tor), vermisst man Cafes, und wo es Cafes gibt (zum Beispiel am Kollwitz-Platz), vermisst man die Sehenswürdigkeit." Und so sieht die Weltstadt am Gendarmenmarkt aus: "'Da drüben trinkt Udo Lindenberg Kaffee, dort sitzt Theo Waigel - am Gendarmenmarkt treffe ich alle meine Investoren', schwärmt Jenny Gsell, deren PR-Firma unter anderem den Berlin Capital Club (BCC) betreut." Kapital in Berlin? Die Zürcher werden sich amüsieren!

Besprochen werden ein italienisches Buch von Cornelia Isler-Kerenyi ("Dionysos nella Grecia arcaica"), eine Thomas-Ruff-Ausstellung in der Kunsthalle Baden-Baden, ein Konzert von Emma Kirkby in der Zürcher Tonhalle, der Ballettabend "Metropolis" in Bern und einige Bücher, darunter Alain Finkielkrauts Essay über "Die Undankbarkeit". (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 12.12.2001

Nicht viel los im SZ-Feuilleton. In einem Beitrag stellt Johannes Willms klar, warum der Euro um Himmels willen keine "europäische Identität" herbeiführen soll, wie es ein Jurymitglied des Aachener Karlspreises (der in diesem Jahr an den Euro ging) gern sähe. Da sei das Gleichgewicht innerhalb der Staatengemeinschaft vor, meint Willms, "ein tief eingewurzelter Reflex, der bislang noch jeden Versuch, eine politische Hegemonie über Europa zu errichten, zum Scheitern verurteilte. Diese Erfahrung teilen sich Napoleon, Hitler und Stalin ... Eine solche Monstrosität ist der Geschichte jedoch fremd. Was Europa im Tiefsten kennzeichnet, sind viele miteinander konkurrierende Identitäten. Eben das macht seinen Reichtum, seine kulturelle Vielfalt aus".

Weitere Artikel: Willi Winkler sucht und findet den Mittelpunkt Europas ? im hessischen Cölbe. Gerhard Matzig besichtigt das neue Dresdner VW-Werk ("eine Kathedrale der besonderen Automobilmachung"). Burkhard Müller sagt uns, wie Stockholm das 100-jährige Bestehen des Nobelpreises feiert. Susan Vahabzadeh weiß, wie die Münchner Produktions- und Verleihfirma "Kinowelt" zum finanziellen Alptraum wurde. Ulrich Kühne war auf einer Tagung des Berliner Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte, wo man das Experiment untersuchte, Henning Klüver hilft der Mailänder Scala beim Umzug, Reinhard J. Brembeck lauscht dem Pianisten Lars Vogt in München, und Ralph Hammerthaler gratuliert dem Theaterhaus Jena zu zehn Jahren Gegenwind.

Besprochen werden: Tschechows "Drei Schwestern" am Stuttgarter Staatstheater, Georg Friedrich Händels "Giulio Cesare" in Amsterdam, die Ausstellung "Gnadenlos" im Wiener Museum für Angewandte Kunst. Und an Büchern: V. S. Naipauls neuer Roman "Ein halbes Leben", dann ein Buch übers "Träumen und andere Wachen" sowie Hans Falladas "Eiserner Gustav", gelesen von Dieter Mann, auf CD (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 12.12.2001

In der FR behauptet Klaus Naumann (mehr hier) vom Hamburger Institut für Sozialforschung, im Militärischen habe die Politik ihren Primat aufgegeben. Hartmann erkennt darin ein altes Problem: "Es gab und gibt bis heute keine profilierte 'strategic community' und keine kompetente politische Öffentlichkeit, die gewohnt wäre, jenseits allfälliger Skandalisierungen mit den politischen Herausforderungen des Militärischen umzugehen. Die geläufige Wahrnehmung der Streitkräfte bewegt sich zwischen gefälligen Extremen. Entweder gilt das Militär als das schlechthin Andere der 'Zivilgesellschaft' (die als Zivilistengesellschaft missverstanden wird), oder als unaufdringliches Pendant der Arbeitsgesellschaft, das anstelle von Gütern 'Sicherheit' produziert."

In einem anderen Beitrag überlegt die Schriftstellerin Felicitas Hoppe (mehr hier), was der Krieg aus der Kunst macht: "Wahr ist, dass alles fragwürdig geworden ist. Genauso wahr, dass auch vor dem elften September alles schon fragwürdig war, die Kunst, die Ästhetik und die Moral, die Relevanz des eigenen Tuns, ob Qualität einen Hauch von Erkenntnis erzeugt, ob die Wahl der Wörter noch Platz hat in einer Gesellschaft, die seit langem pfeift auf die Kunst. Wie man pfeift, wenn die Nacht und die Angst kommt. Ein endloses tröstendes Selbstgespräch, das die Nischen der flüchtigen Kunst nur noch intellektuell auf Widerruf verwaltet und, Meisterwerk oder Katastrophe, alles zum Thema und zum Gesprächsstoff erniedrigt."

Mehr zum 11. September: Die australische Foto- und Videokünstlerin Tracey Moffatt (mehr hier und hier) weiß, was die New Yorker Künstler wollen: nur weitermachen. Bernadette Hengst (mehr hier), ehemalige Sängerin von "Die Braut haut ins Auge", prüft die Wirkungsmöglichkeiten von Antikriegssongs. Bernd Stegemann, Dramaturg am Frankfurter TAT, fordert das Theater auf, das selbstverordnete Schweigen zum 11. September zu brechen. Und Matthias Hartmann, Intendant des Schauspielhauses Bochum, wundert sich, dass das Theaterpublikum plötzlich Antworten will.

Anderes: Marcia Pally über schlaue Fragen auf amerikanischen Flughäfen und George W. als Roosevelt-Inkarnation. Und Hans Wolfgang Hoffmann berichtet vom Kongress der "Union Internationale des Architects" (UIA) in Berlin.

Besprochen werden diesmal eine Ausstellung über den Öko-Architekten Thomas Herzog (mehr hier) im Deutschen Architektur-Museum in Frankfurt, Tschechows "Drei Schwestern" am Staatstheater Stuttgart sowie Lars Norens Inszenierung seines "Tristano" am Deutschen Theater in Berlin. Außerdem gibt es jede Menge Buchempfehlungen von FR-Redakteuren und Mitarbeitern, von "Schnelles Vergnügen" bis " Schön kompliziert"
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TAZ, 12.12.2001

Andreas Becker besitzt keine Uhr, wieso auch. Zeit, meint er, kann man ja bei anderen schnorren. Beim Radfahren etwa: "Besonders bei mittelalten Mercedes-Modellen ist die Uhr im Armaturenbrett so groß, dass man sie auch mit 15 km/h noch lesen kann." Anders beim Opel, da sind die Uhren "- wenn überhaupt vorhanden - kleiner und dauernd woanders versteckt". Oder er guckt Passanten auf die Uhr, im Vorbeigehen ? auch nicht einfach: "Bei vielen rutscht der Mantel über die Armbanduhr. Wenn sie sitzen, halten sie die Arme oft so ungünstig, dass man einfach nicht die Uhr sieht - oder sie bemerken einen, wie man den Kopf zu Boden dreht". Warum Telefonzellen nicht die Zeit anzeigen, versteht Becker auch nicht. Und ganz schlimm sei das allmähliche Verschwinden der Bahnhofsuhren. Sagt dem Ärmsten vielleicht jemand, wie spät es ist?

Außerdem in der taz: David Lauer informiert über die Nöte der Nachlassverwalter Ludwig Wittgensteins ("Die Querverweise sollen es jetzt richten"), Helmut Höge, Wladimir Kaminer und Markus Krajewski erzählen, wie deutsche Arbeiter in den 20ern und 30ern in der sowjetischen Elektroindustrie mithalfen, die Glühbirne ? liebevoll "Iljitschs Lämpchen" genannt ? zum Leuchten zu bringen. Und Magdalena Kröner war auf einer Ausstellung aktueller Foto- und Videokunst aus Japan im Nederlands Foto Instituut in Rotterdam.

Die Tagesthemen schließlich bringen ein Porträt des Physikers Christoph von der Malsburg (mehr hier, hier und hier), dessen Sicherheitssysteme Menschen anhand ihrer Körpermerkmale erkennen und überwachen können. O-Ton Malsburg: "Das Ideal der völlig freien Beweglichkeit ist destruktiv."

Zeit für Tom.

FAZ, 12.12.2001

Aus. Vorbei. Europa ist am Ende. Der 11. September hat nach Dirk Schümer die weltpolitische Lage umgestülpt. Die Nato ist nur noch die offizielle Hülle der amerikanischen Oberherrschaft, unter der die Europäer als die "bestellten Lieferanten des amerikanischen Selbstbedienungsbuffets" zu gelten haben. Und "seit dem 11. September haben weder Javier Solana noch Romano Prodi, noch der Ratsvorsitzende Guy Verhofstadt an irgendeiner relevanten Entscheidung mitgewirkt, während der amerikanische Präsident in wohlfeilem Vertrauen auf seine europäischen Satrapen seither einzig nach China reiste, um sich der belangreichen asiatischen Verbündeten zu versichern."

In Stockholm erstrahlte Europa aber noch ein letztes Mal in altem Glanz. Felicitas von Lovenberg hat gesehen, wie V.S. Naipaul der der Nobelpreiszeremonie vor Rührung weinte. Und "zwei Stunden lang klingelt kein Handy. Die weißen Latze der Fracks dominieren das Bild und verleihen dem ganzen Aufzug eine altmodische Grandezza. Der König mit Orden behangen, seine Frau Silvia in einem weißen Kleid mit funkelndem Geschmeide: Hollywood hätte es nicht eindrucksvoller inszenieren können."

Weiteres: Dieter Bartetzko stellt die Architektur der "Gläsernen Manufaktur" (Foto) in Dresden vor. Heinz Berggruen erzählt eine Schnurre über den tragischen, und doch grotesken Tod des Schauspielers Leonhard Steckel. Eva Menasse bedauert die österreichischen Grünen, die sich angesichts des Afghanistanskriegs mit Wehmut an Österreichs Neutralität erinnern. Mark Siemons durfte einem Sponsoren-Dinner für die Akademie der Künste im Kanzleramt beiwohnen. Stephan Sahm resümiert eine Tagung in Tutzing über Sinn und Zweck von Bioethik-Kommissionen. Renate Schostak begutachtet erste Schwimmversuche der Münchner Kulturreferentin. Christoph Lüthy fasst ein Symposion zur Geschichte der Naturwissenschaften im Islam zusammen.

Auf der Medienseite erfahren wir Neues über Personalquerelen in der Woche und dass die Süddeutsche zu Einsparungen schreitet, wobei sie, zumindest bei den Angestellten, "sanft" verfahren will. Auf der Stilseite porträtiert Arezu Weitholz den Performance-Künstler Matt Rogalsky, der ein Computerprogramm entwickelt hat, das in Radiosendungen ausschließlich die Sprechpausen mitschneidet. Auf der letzten Seite erzählt Michael Althen, wie die Krimiautorin Patricia Cornwell mit Millionenaufwand nachzuweisen versuchte, dass der viktorianische Maler Walter Sickert als der wahre Jack the Ripper zu betrachten sei ? Althen glaubt ihr trotzdem nicht. Und Hans-Dieter Siedel porträtiert die Schauspielerin Bettina Kupfer.

Besprechungen widmen sich Frank Castorfs Inszenierung von Bulgakows "Flucht" am Stockholmer Stadttheater, einer Ausstellung der Schaukästen von Peter Basseler in Celle, der Band Kante auf Deutschlandtournee, einer Ausstellung des afghanischen Malers Abdul Ghafur Brechna (der immer wieder die Bamiyan-Buddhas malte) in Sankt Gallen, Kagels "Staatstheater" (zumindest in Auszügen) in Berlin, Tschechows "Drei Schwestern" in Stuttgart und einer Ausstellung des mexikanischen Malers Francisco Toledo in Reutlingen und einer Jubiläumsausstellung der letzten deutschen Majolika-Manufaktur in Karlsruhe.