Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.09.2001.

NZZ, 28.09.2001

Paul Jandl bemerkt, dass österreichische Schriftsteller angesichts der Anschläge offensichtlich nicht so schnell zur Feder greifen wie deutsche, um "durch große Reden intellektuelle Redlichkeit (zu) beweisen". Als Beispiel für eine wohltuende Kürze nennt er eine Reaktion von Marlene Streeruwitz: "Trauer. Blut spenden. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Heute."

Joachim Güntner weist auf allerlei Zukunftskongresse hin, mit denen sich die Frankfurter Buchmesse als internationales Debattenforum etablieren will - unter anderem geht es um die elektronischen Medien. Güntners Fazit: "Wenn denn schon Verleger keine tollen Geschäfte mehr in Frankfurt machen können, so können sie doch zumindest darüber reden, welcher ruinöse Strukturwandel ihnen möglicherweise droht."

Weiteres: Hanno Helbling berichtet über jüngst veröffentlichte Dokumente, die zeigen, wie die Italiener nach dem Krieg mit ihren Kriegsverbrechern umgingen. Urs Schoettli schildert Reiseeindrücke aus Taiwan. Besprochen werden Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" in Genf und die Ausstellung "The Best of Kunsthaus" im Kunsthaus Zürich.

SZ, 28.09.2001

Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk vermutet, dass es das durch die Kenntnis vom Reichtum der Welt hervorgerufene Gefühl der Erniedrigung in den islamischen Ländern ist, das dem Frieden im Weg steht: "Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung durchlebt und überwinden muss, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder Fundamentalisten einzulassen." Präpotente Reden und eilig entfesselte Militäroperationen seien da kontraproduktiv, meint Pamuk.

So langsam zeigen sich die Profiteure des Terrors und seiner Folgen. Petra Steinberger sieht sie in den Despoten Zentralasiens, die nun ohne Einspruch des Westens jede Opposition mundtot machen können, indem sie sie zum "Islamismus" erklären. Alex Rühle dagegen hat Berlusconi und Putin auf dem Kieker: "Erst hat Putin seinem Freund Gerhard Schröder erklärt, der russische Krieg im Kaukasus sei immer nur eine Antiterrorkampagne gegen islamistische Banden gewesen ... Einen Tag später stellte Silvio Berlusconi bei seinem Besuch in Berlin eine so undifferenzierte wie 'merkwürdige Übereinstimmung' zwischen den Globalisierungsgegnern und den islamistischen Terroristen fest. Beide nämlich seien Gegner der westlichen Zivilisation." Und Genua ist New York.

Außerdem: Patrick Krause befürchtet, dass seit dem Tod von Miles Davis vor zehn Jahren der Jazz so gut wie alles verloren hat, wir lesen über die Krise des größten Online-Anbieters antiquarischer Bücher und ein Kapitel aus Ingo Schulzes zukünftigem Roman.

Und besprochen werden: der Film "Mein langsames Leben" von Angela Schangelec (dazu gibt es auch ein Gespräch mit der Filmemacherin), Oliver Bukowskis "Allerseelen Rot" in Dresden, "Oxygen" von Carl Djerassi und Roald Hoffmann im Mainfranken Theater Würzburg, Zeichnungen von Joseph Beuys in der Kunsthalle Tübingen. Und Richard Herzingers Essay "Republik ohne Mitte" (auch in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

SZ, 28.09.2001

Was denken die arabischen Intellektuellen über den "Krieg gegen den Terrorismus"? Der libanesische Dichter Wadih Saadah hat für die NZZ Stellungnahmen gesammelt und die Meinungen zusammengefasst: "Sie sehen die gezielte Aktion gegen Usama bin Ladin und den globalen Terrorismus lediglich als Vorwand zur Festigung der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung der USA. Wie ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zivilbevölkerung islamischer Länder halten sie es für praktisch unmöglich, dass eine ausländische Terrororganisation in der Lage gewesen wäre, Amerika an derart vitalen Punkten zu treffen. Eine Unterwanderung des amerikanischen Geheimdienstes, des Pentagons und der Flughafenbehörden wäre ihrer Ansicht nach unabdingbar gewesen, um die Anschläge zu realisieren; die Drahtzieher müssten demzufolge innerhalb Amerikas über ein beträchtliches Mass an Einfluss und Verbindungen verfügt haben. Auch die Tatsache, dass noch vor irgendwelchen Abklärungen eine islamistische Organisation hinter den Attacken vermutet wurde, traf auf arabischer Seite eine empfindliche Stelle."

Der amerikanische Journalist James Traub stellt fest, dass die New Yorker seit der Katastrophe anders miteinander umgehen und fragt sich: "Wie lange kann diese seltsame Stimmung von Traurigkeit, Wut, Höflichkeit und erhabenem Ernst anhalten? Kein echter New Yorker erwartet, dass unsere neue soziale Zartheit in dem frenetischen und von brutalem Konkurrenzdenken geprägten Umfeld überleben wird, zu dem wir alle zurückzukehren hoffen."

Weitere Artikel: Paul Jandl schreibt über die Eröffnung des Leopold-Museums und des Museums moderner Kunst im Wiener Museumsquartier. Besprochen werden eine Ausstellung mit dem Pisaner Altarwerk in der National Gallery in London, die Uraufführung des Forsythe-Balletts "Woolf Phrase" in Frankfurt, eine Ausstellung der Sammlung Jean Planque im Kunstmuseum Winterthur und Bücher, darunter Walter Rauschers Doppelbiografie über Hitler und Mussolini (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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SZ, 28.09.2001

Was denken die arabischen Intellektuellen über den "Krieg gegen den Terrorismus"? Der libanesische Dichter Wadih Saadah hat für die NZZ Stellungnahmen gesammelt und die Meinungen zusammengefasst: "Sie sehen die gezielte Aktion gegen Usama bin Ladin und den globalen Terrorismus lediglich als Vorwand zur Festigung der wirtschaftlichen und politischen Vormachtstellung der USA. Wie ein nicht unbeträchtlicher Teil der Zivilbevölkerung islamischer Länder halten sie es für praktisch unmöglich, dass eine ausländische Terrororganisation in der Lage gewesen wäre, Amerika an derart vitalen Punkten zu treffen. Eine Unterwanderung des amerikanischen Geheimdienstes, des Pentagons und der Flughafenbehörden wäre ihrer Ansicht nach unabdingbar gewesen, um die Anschläge zu realisieren; die Drahtzieher müssten demzufolge innerhalb Amerikas über ein beträchtliches Mass an Einfluss und Verbindungen verfügt haben. Auch die Tatsache, dass noch vor irgendwelchen Abklärungen eine islamistische Organisation hinter den Attacken vermutet wurde, traf auf arabischer Seite eine empfindliche Stelle."

Der amerikanische Journalist James Traub stellt fest, dass die New Yorker seit der Katastrophe anders miteinander umgehen und fragt sich: "Wie lange kann diese seltsame Stimmung von Traurigkeit, Wut, Höflichkeit und erhabenem Ernst anhalten? Kein echter New Yorker erwartet, dass unsere neue soziale Zartheit in dem frenetischen und von brutalem Konkurrenzdenken geprägten Umfeld überleben wird, zu dem wir alle zurückzukehren hoffen."

Weitere Artikel: Paul Jandl schreibt über die Eröffnung des Leopold-Museums und des Museums moderner Kunst im Wiener Museumsquartier. Besprochen werden eine Ausstellung mit dem Pisaner Altarwerk in der National Gallery in London, die Uraufführung des Forsythe-Balletts "Woolf Phrase" in Frankfurt, eine Ausstellung der Sammlung Jean Planque im Kunstmuseum Winterthur und Bücher, darunter Walter Rauschers Doppelbiografie über Hitler und Mussolini (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 28.09.2001

Heißt es, nichts mehr wird wie früher sein, zieh ich den Clausewitz zurate, hat sich der Politiktheoretiker Herfried Münkler gedacht und hat in des Generals opus magnum "Vom Kriege" nachgeschlagen: "Clausewitz hat Angriff und Verteidigung dadurch unterschieden, dass er erstere als die schwächere Form mit dem stärkeren Zweck, letztere als die stärkere Form mit dem schwächeren Zweck bezeichnet hat. Die elegante Umkehrformel besagt, dass der Angreifer dem Verteidiger kräftemäßig erheblich überlegen sein muss, um die Nachteile, die ihm die schwächere Form bietet, ausgleichen zu können ... Ist diese Bestimmung richtig, so ist die Weltmacht Amerika, so sie sich in der Position der Verteidigung befindet, unbezwingbar. Jeder potentielle Angreifer ist danach von vornherein zur Niederlage verurteilt. Hier wird deutlich, welche Funktion die Wahl terroristischer Mittel auf Seiten der Angreifer hat: Sie sollen ihm den stärkeren Zweck ermöglichen, ohne ihn in die schwächere Form zu zwingen."

Marcia Pally schickt weiter fleißig Post aus N. Y. Diesmal: die tägliche Paranoia: "Es gab einem Moment, in dem die U-Bahn wegen eines 'Notfalls' hielt. Nachfolgende Züge mussten mitten auf der Strecke stehen bleiben. Ich schaute in den Tunnel, ob dort irgendwelche Menschen unter der Einwirkung von Nervengas zusammenbrechen würden."

Ferner: Daniel Kothenschulte freut sich über die große Frank-Borzage-Retrospektive beim Filmfestival von San Sebastian, Martina Meister schreibt über die Vorzüge vom und den Rektorenwechsel am Berliner Wissenschaftskolleg.

Und vorgestellt werden: U-Musiken, dirigiert von Sir Thomas Beecham, die Filme "Komm, süßer Tod" von Wolfgang Murnberger und Carlo Rolas' "Sass". Und Karl Freys Neubau des Salesianerklosters in Eichstätt.

TAZ, 28.09.2001

Jürgen Busche hat sich Leo Strauss' gerade neu edierte Schrift "Die Religionskritik des Hobbes" vorgenommen und findet sie angesichts der Anschläge in den USA hoch aktuell: "Die Religion ist 'die Feindin der Politik', wie sie Hobbes versteht. 'Denn diese Politik fußt auf dem Axiom, daß der gewaltsame Tod das größte Übel ist; die Religion hingegen lehrt, dass es ein größeres Übel als selbst den gewaltsamen Tod gibt.'" Allerdings, so Busche, sei Hobbes auch kein Atheist gewesen, "deshalb richtete er seine Kritik nicht so sehr gegen die Offenbarung selbst als vielmehr gegen die Theologenmeinungen über die Offenbarung. Das Muster sah etwa so aus: Glaube - ja. Gott gehorchen - ja. Aber woran erkennt man, ob ein bestimmter Befehl wirklich oder nur angeblich von Gott herrührt?"

Weiteres: Georg Hermens freut sich über "Sampled", eine CD voller Originale des Souls, Funks und Discobeats, Tobias Rapp bespricht Platten von Bilal und Alicia Keys (mit Auszeichnung), Jens Kastner besucht den New Yorker Künstler Glenn Ligon und seine "Portraits and Not Portraits" im Kunstverein München. Und Katrin Bettina Müller beklagt die Sprengung der Vockerodener Schlote und Antje Vollmers naive Maßstäbe des Schönen.

Zu guter Letzt Tom.

FAZ, 28.09.2001

"Nicht Salman Rushdie, sondern vie vierzigjährige Arundhati Roy ist die literarische Stimme Indiens, die von Taten und Qualen der Globalisierung in ihrem Land berichtet", lautet die spitze redaktionelle Vorbemerkung zu einem Text Roys, den die FAZ heute publiziert. Es handelt sich allerdings um ein derart finsteres Dokument des Antiamerikanismus (das übrigens genauso gut von einem europäischen Globalisierungsgegner hätte geschrieben werden können), dass man an einer Antwort Rushdies interessiert wäre, auch wenn er nicht die "Stimme Indiens" ist. "

Ein paar Auszüge: "Wir erleben hier, wie das mächtigste Land der Welt in seiner Wut reflexartig nach einem alten Instinkt greift, um einen neuartigen Krieg zu führen." Weiter: "Die Amerikaner sollten wissen, dass der Hass nicht ihnen gilt, sondern der Politik ihrer Regierung." Dann die Frage, wie der Gegenschlag aussehen soll: "Wie viele tote Mudschahedin für einen toten Investmentbanker?" Weiter: Es "wäre schade, wenn sie, statt zu versuchen, die Ereignisse des 11. September zu begreifen, das Mitgefühl der gesamten Welt beanspruchten und nur die eigenen Toten rächen wollten. Denn dann wäre es an uns, unangenehme Fragen zu stellen und harte Worte zu sagen." Nun ja, das tut sie auch so.

Eine weitere Kuriosität finden wir (leider nicht online) auf der letzten Seite, ein Gedicht von Durs Grünbein mit dem Titel "Pax americana". Er hat es, berichtet Hubert Spiegel in einem nebenstehenden Text, bereits im letzten Jahr geschrieben. Ein Auszug:

"Ihr da, an Deck bleigrauer Flugzeugträger, blutjunge Piloten,Vergesst nicht, wen ihr aufbrecht mit der tödlichen Fracht.(...)Zerfetzt nur die Alte draußen auf freiem Feld, niemand wirdWeinen um sie, die Bäuerin, die bei der Kuh blieb aus Gram."

Und wer doch weinen muss, klickt hier.

Weitere Artikel: Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg teilt mit, das bin Laden irrt, wenn er behauptet Mekka sei durch die Präsenz der Amerikaner in Saudi-Arabien entweiht. Gerd Roellecke setzt seine Serie über Urteile des Bundesverfassungsgerichts fort, und Heinrich Wefing gratuliert dem Gericht zum Fünfzigsten. Thomas Weber berichtet, dass englische Wissenschaftler Männer mit gleichem Familiennamen genetisch untersuchen, um eine gemeinsame Abstammung festzustellen. Siegfried Stadler meldet die Rückkehr von drei Beutekunst-Bildern nach Dresden. Timo Johns erzählt, dass im Schloss Bruchsal die Raumfluchten der oberen Beletage wiederhergestellt werden. Marcel Beyer denkt im "Deutschen Wörterbuch" über das Wort "Alpaka" nach. Andreas Rossmann berichtet über Werkstattgespräche mit dem Architekten Peter Zumthor im Kölner Diözesanmuseum.

Besprochen werden eine Georgia-O'Keeffe-Ausstellung in dem ihr gewidmenten Museum in Santa Fe, der Film "Suzhou River", Rene Polleschs Stück "Stadt als Beute" im Berliner Prater, eine Ausstellung mit Werken von Giorgio de Chrico und Alberto Svinio in Düsseldorf, Aufführungen des New York City Ballets in Athen und Edinburgh und Werke von Olga Neuwirth beim Festival "Klangspuren" in Tirol

Auf der Medienseite porträtiert Jörg Thomann den Chef der Berliner BZ, Georg Gafron. Man erfährt Neues über das ZDF-Intendantenrennen und über die Tatsache, dass die Amerikaner in der Stunde der Not zu den großen Networks zurückkehren.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite werden CDs von Suzanne Vega und mit geistlicher barocker Musik besprochen.