Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.07.2001.

NZZ, 04.07.2001

Alfred Herzka liefert eine Reiserportage aus Santiago de Cuba, der zweitgrößten kubanischen Stadt: "Santiago de Cuba ist eine schwarze Stadt; sie ist viel näher bei Haiti oder Jamaica als bei Havanna. Das karibische Santiago befindet sich im östlichen Landesteil Kubas, im 'Oriente', der für viele in Havanna ein anderes Land mit einer anderen Kultur ist - und oft nur vom Hörensagen bekannt. Santiago und der Oriente sind Projektionsfelder; 'gastfreundlich', 'rückständig', 'regimetreu', 'hilfsbereit', 'grosszügig', 'mausarm', 'trink- und schlagfreudig' heisst es immer wieder in Havanna, wenn von den 'Guajiros', den 'Bauerntölpeln' im Osten, die Rede ist. Lokalpatrioten in Santiago hingegen sind stolz auf die Werte des Oriente: 'Hier begann sowohl die Kolonisierung der Insel als auch der Befreiungskampf gegen Spanien', fasst der Historiker Jose Alba zusammen."

Weitere Artikel: Adolf Muschg schreibt zum Tod des Germanisten Rolf Kieser. Besprochen werden Zürcher Klavierabende von Volodos und Lucchesini, die Ausstellung "Raffael und die Folgen" in der Stuttgarter Staatsgalerie und einige Bücher, darunter eine Studie zur Rassenpolitik Mussolinis und ein Krimi von Jakob Arjouni. (Siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 04.07.2001

Am Wochenende saß in der Gesprächsreihe "Streitraum" Schaubühnen-Chef Thomas Ostermeier auf dem Podium. Er zog eine Bilanz seines Versuchs, die Schaubühne zu einem Ort der politischen Auseinandersetzung zu machen, wie er es bei Amtsantritt in einem Manifest angekündigt hatte. In dem abgedruckten Auszug aus dem Gespräch erklärt Ostermeier, dass es " schwerer (ist), als wir dachten", politisches Theater in Deutschland zu vermitteln. Auch die Autoren, klagt er, interessierten sich mehr fürs Private als fürs Politische. Er hat jetzt eine andere Idee: "Das Theater als Beobachter einer sterbenden Hochkultur ? dazu würde ich mir Stücke wünschen."

ff berichtet von einer Anzeige in der taz, mit der Serge und Beate Klarsfeld gegen den Staatsbesuch von Assad junior in Berlin protestieren: "Die Klarsfelds rufen ... die Berliner Bevölkerung und die Kirchen auf, gegen die Anwesenheit des Mannes zu demonstrieren, der 'zusehends zum Goebbels der arabischen Länder' mutiere."

lmue amüsiert sich über die "Bußpredigt", die Martin Walser gestern in der Welt "zum Anbruch der letzten Urlaubssaison" hielt. Es ging um den Euro: "'Der Umtausch der Mark in Francs, Peseten oder Lire war immer ein Freiheitserlebnis.' So gibt der bibelfesteste unter unseren Autoren gegen den Sündenfall der Einheitswährung und die 'Ermordung der europäischen Münzen' die Devise aus: 'Chateau Margaux kaufen mit Euro?! Grauenhaft!'"

Weitere Artikel: chi. beklagt, wie Deutschland mit persischen Spitzenforschern umgeht und hält ein paar peinliche Zahlen parat. Rainer Erlinger denkt darüber nach, von welchem Zeitpunkt an der Embryo juristisch geschützt ist, Johannes Willms weist darauf hin, dass im Independent neue US-Dokumente über den Informationsstand der Alliierten zum Holocaust veröffentlicht wurden, Joachim Riedl gratuliert "Le Chef" Eckart Witzigmann zum Sechzigsten ("Die wahre Leistung des Eckart Witzigmann ist es nicht, in der Kochkunst die ganz großen Töne angeschlagen zu haben. Sondern seine Pioniertat ist: Er hat durch Rodung eine kulinarische Landschaft geschaffen, hat Felder und Gärten angelegt, auf denen erst seine Saat aufgehen konnte, und er hat die Weiden eingezäunt, auf denen jetzt die Herden der Feinschmecker grasen."), Wolfgang Schreiber rekapituliert anlässlich von Peter Konwitschnys "Aida"-Inszenierung zum Abschied des Intendanten Gerhard Brunner die Brunner-Ära in Graz, und Harald Eggebrecht gratuliert dem Geiger Tibor Varga zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Vermeer und die Delfter Schule" in der Londoner National Gallery, die Tanzaufführungen "Con forts fleuve" von Boris Charmatz und eine Hommage an die Merce Cunningham Dance Company beim Holland-Festival, eine Ausstellung mit Foto- und Videoarbeiten der Turner-Preisträgerin Gillian Wearing im Kunstverein München, deutsche Kino- und TV-Filme auf dem Münchner Filmfest und CDs mit Einspielungen von Händels Oper "Arminio", Neuaufnahmen von Varese-Stücken mit Pierre Boulez, Händels erstem Oratorium, Schlagern aus dem 16. Jahrhundert mit dem Ensemble Clement Janequin, Schubert-Liedern mit Ian Bostridge und einem Konzert von Hugo Distler.

FR, 04.07.2001

Über die Kulturvermittlungsarbeit des Goethe-Instituts (das 50 wird) denkt Harry Nutt nach. Sie schloss ja in den siebziger und achtziger Jahren auch die so genannte Gegenkultur ein: "Die Mittler vermittelten nicht bloß Bildungsvorrat, sondern präsentierten zugleich Etappenziele auf dem Weg zu den favorisierten Utopien und gesellschaftspolitischen Idealen jener Tage; ein wenig wohl auch begleitet von der kränkenden wie schützenden Ahnung, dass wahrscheinlich wieder kein Schwein guckt."

Sieben Autoren, darunter Thomas Brussig und Marcel Beyer, gratulieren dem Institut zum Geburtstag. Auch Katharina Rutschky ist dabei. Sie schreibt: "Während ich zu Hause mit meiner Existenz als intellektuelle Kleingewerblerin ganz gut zurechtkomme, befällt mich bei Einladungen in die weite Welt, wie das Goethe-Institut sie mehrfach ausgesprochen hat, ein förmlicher existenzieller Rappel. Nach Haiderabad (es gibt übrigens mehrere indische Großstädte dieses Namens) bin ich aus Angst, von den Indern ausgelacht zu werden, wenn ich ihnen die Geheimnisse des altpreußischen Schulwesens zum Nutzen ihrer Alphabetisierungsprojekte erläutere, nicht geflogen. Natürlich tut mir das heute sehr leid, denn von den Reisen die ich mit 'Goethe' trotz Angst gemacht habe, bin ich immer mit einem Schatz sehr verwendungsfähiger Anekdoten zurückgekehrt, mit dem ich beweisen kann, dass Kulturaustausch keine Chimäre ist."

Weitere Artikel: Michael Braun berichtet, wie "am vergangenen Wochenende fünf Autoren im Literaturarchiv des oberpfälzischen Städtchens Sulzbach-Rosenberg zusammentrafen, um in Lesungen und Gesprächen das Elementarthema 'Frauen und Männer' geschlechtertheoretisch auszuloten". Dabei waren Georg Klein, Julia Franck, Wilhelm Genazino und Thomas Meinecke. Marietta Piekenbrock resümiert eine Tagung über Kulturpolitik in der Evangelischen Akademie Tutzing. Besprochen werden der 19. "Szenenwechsel" im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, der Abschluss von Günter Krämers Kölner Büchner-Trilogie, eine europäische Tagung über "Big Brother", eine Ausstellung nicht-textlicher Archivalien des Marbacher Literaturarchivs und eine CD der Band Travis.
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TAZ, 04.07.2001

Detlef Kuhlbrodt hat ein "Festival der Regionen" in Linz besucht. Thema war das "Ende der Gemütlichkeit": "Die Ortsgruppe der FPÖ war auch dabei. Sie hatte populistisch den Protest gegen das nahe liegende tschechische AKW Temelin ausgestellt. Nicht weit davon verkaufte die Ƈ. Kärntner Kurzschluss-Handlung' antihaiderianische Kunstgegenstände, während in einem urgemütlichen Hinterhof Mühlvierteler Witze gesungen wurden und der Essayist Franz Schuh in der Kirche eine Predigt zum Thema Gemütlichkeit vortrug. Außerdem stanken hundert abgehackte Kuhfüße von Kurt Palm ein bisschen. Auch die Klanginstallation 'A so a Wahnsinn' von Ines Kargel wollte an BSE erinnern. 'Da wird der ganze Hauptplatz verschandelt', sagte jemand."

Weitere Artikel: Sebastian Handke bespricht das neue "Kursbuch" mit dem Thema "Liebesordnung". Besprochen werden außerdem das Rockfestival von Rosklide, Alexander Langs "Hamlet"-Inszenieurng in Weimar und die Ausstellung "Plug-In. Einheit und Mobilität" im Westfälischen Landesmuseum.

Schließlich Tom.

FAZ, 04.07.2001

Pop war für Mark Siemons die Eröffnung des Berliner Wahlkampfs mit dem CDU-Kandidaten Frank Steffel ? inklusive rosa gekleideter Gattin, die "super" sagt, als er gewählt wird und Kind, das die Nationalhymne mitsingt: "Auch die Bewegungen und die Mimik des Spitzenkandidaten haben etwas Ruckhaftes, Dezisionistisches. Es spricht aus ihnen der entschiedenste Wille zur Modernität, zur Jugend. Doch es sind erkennbar nur Zitate von amerikanischen Wahlkämpfen, industrieller Event-Kultur und Soft-Pop der achtziger Jahre - kein Vergleich also mit dem aufgeklärt-organischen Politik-Pop-Verständnis eines Schröder oder Fischer. Noch im Bekenntnis zum Pop offenbart die CDU ein Unbehagen an der universellen 'Schickimicki-Fraktion', mit der schon Kohl nichts zu tun haben wollte." Was die Inszenierung der durch Korruption und Bankenkrise bekanntgewordenen CDU nicht sympathischer macht.

Aber es gibt auch eine gute Nachricht aus Berlin: Offensichtlich haben sich der Architekt Peter Zumthor und der Berliner Senat nun geeinigt, Zumthors Entwurf für die Stiftung "Topographie des Terrors" zu realisieren. Er darf allerdings keinen Pfennig mehr kosten als 76 Millionen Mark: "Und doch mag man angesichts dieser kleinen Triumphe nicht in Jubel ausbrechen. Schließlich ist das, was jetzt als Erfolg vorgestellt wird, nichts weiter als das dringend notwendige Ende einer kapitalen Blamage", kommentiert Heinrich Wefing.

Ob man der DFG noch trauen darf, fragt Achim Bahnen. Die Forscher scheinen an Stammzellen forschen zu wollen, ohne die Ethikdebatte abzuwarten. "Das Objekt der Begierde existiert, die ersten humanen embryonalen Stammzellen sind längst in Deutschland. Brüstle in Bonn hat sie nicht? Rose-John in Kiel bekommt sie bald! Noch nicht gleich? Franz in München hat sie schon! Hat er doch nicht. Denn: Sie lagern vorerst noch in Lübeck, dem alten Arbeitsplatz von Wolfgang-Michael Franz, der eine Lieferung des heißbegehrten Forschungsrohstoffs in den Vereinigten Staaten bestellt hatte." Dazu passt ein Artikel des Bioforschers Peter Gruss, der fordert, "auch deutschen Forschern den Zugang zu humanen embryonalen Stammzellen zu ermöglichen."

Joseph Hanimann berichtet Neues vom Fall Ben Barka: Der marokkanische Oppositionspolitiker war 1965 in Paris verschwunden. Nun sind Akten freigegeben worden, die zeigen, dass es sich um eine Gemeinschaftsaktion des marokkanischen Geheimdienstes und französischer Behörden handelte. Barka sei "aus Versehen" zu Tode gefoltert worden. Dann schaffte man seine Leiche nach Marokko und entsorgte sie nach einem Säurebad im Abfluss. "Zahlreiche Häftlinge seien... in den sechziger Jahren auf diese Weise verschwunden."

Weitere Artikel: Frank Ebbinghaus berichtet über Forschungen des Wissenschaftshistorikers Mark Walker, wonach es mit dem "moralischen Neubeginn" des Max-Planck-Instituts nach dem Krieg und Otto Hahns Rolle darin doch nicht so rosig steht wie bisher angenommen ? aber er findet, dass Walker Belege schuldig bleibt. Andreas Rossmann hat den Dichter Derek Walcott in Bünde lesen hören. Klaus Englert setzt eine Serie über "Neues Bauen in Amsterdam" fort. Katja Blomberg gratuliert dem Bildhauer Martin Matchinsky zum Achtzigsten.

Besprochen werden Choreografien von Kylian, Neumeier und Wheeldon bei den Hamburger Ballett-Tagen, eine Ausstellung über "Themen und Variationen bei El Greco" in der Frick Collection, New York, ein Auftritt Herbie Hancocks in Mainz, eine Ausstellung über die Brüder Riepenhausen im Winckelmann-Museum in Stendal.

Auf der Stilseite geht es um Gartenkunst im Schloss Dyck und um eine Ausstellung über den Münchner Modemacher Winfried Knoll.