Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.05.2001.

NZZ, 31.05.2001

Ausschließlich Besprechungen im heutigen Feuilleton der NZZ.

Ueli Bernays setzt sich mit der neuen Platte von Missy Elliott, "So addicitve" auseinander. Sie versteht sich mehr als Musikerin denn als Rapperin, meint er: "Dabei versteht sie es, die eigene Stimme wie ein Instrument auf verschiedene Arten einzusetzen. Auf '. . . so addictive' etwa variiert das vokale Spektrum vom Gospelgesang über stark rhythmisiertes Toasting, lauten Rap und lockeres Geplauder bis zum Stimmengewirr, Stöhnen und Schreien. Die Stimme erweist sich so als vorab musikalisches, weniger als informatives Medium. Dazu passt, dass Elliott die Gesangstexte häufig in Sprechchöre, Abzählverse, Cheerleader-Parolen packt, was abermals die expressive Dimension der Sprache verstärkt."

Weitere Artikel: Tobi Müller hat sich Farid Nagims "Schrei des Elefanten" in der Schiffbau-Box angesehen. Derek Weber meldet die Teilrückgabe der Wiener Johann-Strauss-Sammlung. Besprochen werden außerdem eine Ausstellung über Kommunikationsdesign im Design Museum London und einige Bücher, darunter Kurt Andersens Roman "Tollhaus der Möglichkeiten" und Peter Wawerzineks Reisebuch "Sperrzone Reines Deutschland".

SZ, 31.05.2001

Der Verlag Kiepenheuer & Witsch ist von Holtzbrinck gekauft worden - keine neue Nachricht, da Verleger Neven DuMont dies schon vor drei Jahren annoncierte. Hans-Peter Kunisch kommentiert dennoch streng: "Neven DuMonts Entscheidung, keinen Nachfolger zu suchen, sondern zu verkaufen, ist die Kapitulation einer Verlegerpersönlichkeit vor den Schwierigkeiten, einen mittelgroßen Verlag im Markt zu behaupten."

Michael Althen lobt in höchsten Tönen eine Reihe von CDs mit Musik zu französischen Filmen der sechziger und siebziger Jahre: "Man kann ganz generall sagen, dass das französische Kino ab den sechziger Jahren ein besonders guter Nährboden für fantastische Filmmusiken gewesen ist. Das mag daran liegen, dass die Nouvelle Vague nicht nur die Bilder von diversen Zwängen befreit hat, sondern eben auch der Musik neue Räume geschaffen hat."

Wolfgang Schreiber interviewt den Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann, der in Harvard lehrt und heute mit dem Siemens-Musikpreis (immerhin 250.000 Mark!) ausgezeichnet wird.Auf die Frage, ob seine Forschungen zur Musikwissenschaft im Nationalsozialismus nicht ein wenig spät gekommen seien, antwortet er selbstkritisch: "Genau das werfe ich mir vor. Dass ich es nicht zwanzig Jahre vorher gemacht habe. es hat mich ein wenig beschämt, dass dann eine Schülerin von mir, Pamela Potter, vor wenigen Jahren das erste große Buch über die nationalsozialisitsche Musikwissenschaft geschrieben hat und dort alles aufdeckt. Da hätten wir machen müssen." Nun lebten die in Frage stehenden Kapazitäten vor 20 Jahren natürlich noch.

Weitere Artikel: Herrmann Unterstöger klärt uns in eine Sprachkolumne au, dass die Formulierung "verdankt sich" nicht korrekt ist (verdammt, wir haben sie so gern benutzt!) Harald Staun wundert sich über eine Techno-Platte von "Dr. Kern", die klingt, als komme sie aus Berlin - dabei kommt sie aus München. Maxim Biller denkt in der Reihe "Das war die BRD" über den "Joint" nach. In einem Kurzartikel weist "sus." auf die vernichtenden Kritiken hin, die der in den USA gerade angelaufene Film "Pearl Harbor" erhalten hat. Auf einer ganzen Seite werden überdies die nachgelassenen Überlegungen des jüngst verstorbenen Rechtsphilosophen Artur Kaufmann zur Gen-Ethik dokumentiert: "Es gibt kein Gebiet der Gentechnik, auf dem man sagen könnte, etwas sei ethisch und rechtlich unproblematisch, es sei fraglos erlaubt." Den Text finden wir seltsamerweise nicht im Netz.

Besprochen werden eine Ausstellung zum Realismus der zwanziger Jahre in der Hypo-Kunsthalle in München und die Filme "Vatel" mit Gerad Depardieu und "Picking up the Pieces" mit Woody Allen. Auf der Berlin-Seite weist Ralph Hammerthaler auf den Film "Une vraie jeune fille" von Catherine Breillat hin, der in Frankreich jahrzehntelang wegen Obszönität verboten war und erst seit letztem Jahr wieder gezeigt werden darf. Heute abend läuft er im Berliner Kino Arsenal.

FR, 31.05.2001

Der ägyptische Schriftstellerverband steht nicht gerade für Gedankenfreiheit, wie man bei Martin Durm erfährt: "Ali Salim, Autor zahlreicher Bühnenwerke, hat den Fehler begangen, Kontakte mit israelischen Intellektuellen zu pflegen und im ägyptischen Staatsfernsehen zum Frieden mit Israel aufzurufen. Deswegen wurde er nun aus dem Verband rausgeworfen, der ihn beschuldigt, in Zeiten der Intifada mit dem jüdischen Feind zu paktieren. Neben dem prominenten Dramatiker Salim sollen in den nächsten Tagen 13 weitere Schriftsteller wegen 'Normalisierung mit dem zionistischen Gebilde' aus dem Verband gejagt werden. 'Wir dulden niemanden in unseren Reihen, der darauf besteht, Verbindung mit Israel zu unterhalten', sagt Farouk Khorshid, der als Verbandspräsident die Säuberungsaktion initiierte."

Über die Tücken von Eingliederung und Integration von Ausländern in westliche Gesellschaften spricht Marleen Stoessel mit Stephane Hessel (dem französischen Diplomaten und Sohn Franz Hessels). Hessel besteht auf westlichen Werten: "Kulturelle Unterschiede sind etwas sehr Bereicherndes, aber die Grundwerte, die Menschenrechtswerte, muss man schon anerkennen als die Pforte zur modernen Zivilisation. Wenn man das nicht tut, wird man zum Außenseiter, und gerade diese Außenseiter sind die Gefahr für unsere Zivilisation. Denn sie können womöglich das Gefühl entwickeln: Für uns ist hier kein Platz, wir müssen uns also dagegen wehren, und diese Abwehr kann in Terrorismus übergehen, in Abneigung gegen jegliche westliche Werte. Aber da ist auch eine Gefahr, wenn wir sagen 'westlich': Es sind keine westliche Werte, die Menschenrechte, vielmehr, es sind Werte, die man in allen großen Religionen und Philosophien findet, sowohl im Islam wie im Konfuzianismus, in der Philosophie der Inder genauso wie im Buddhismus..."

Weitere Artikel: Martin Lüdke nimmt einen Gesprächsband aufs Korn, in dem Peter Sloterdijk noch mal auf die "Menschenpark"-Debatte von vor zwei Jahren zurückkommt, die seinerzeit von der FR aufgeworfen wurde. Ursula März hat in Berlin einem neu geschaffenen "Architekturquartett" bei einer Debatte über das Kanzleramt und andere Berliner Bauten zugehört. Max Nyffeler würdigt den Musikwissenschaftler Reinhold Brinkmann, der den Siemens-Preis bekommt. Thomas Mense berichtet, dass Jan Hoet, der Leiter der Documenta von 1992, in Herford das Museum für aktuelle Kunst und Möbeldesign aufbauen soll. Joachim Göres porträtiert den weißrussischen Schriftsteller Ales Rasanau, der als Kritiker des Heimatregimes im Hannoveraner Exil leben muss.

Und Stefan Raulf lobt (das auch von uns bereits vorgestellte) Label Luaka Bop für die Neuedition des legendären und doch so wie unbekannten Gitarristen Shuggie Otis – ein Mann, der vor 21 Jahren die Größe hatte, das Angebot der Rolling Stones, bei ihnen Gitarrist zu werden, abzulehnen: "Ich hatte meine eigenen Projekte zu laufen."

Besprochen werden Kurt Weills Operette "Der Kuhhandel" in Hagen, der Film "Vatel" und die Arnold-Böcklin-Retrospektive in der Basler Kunsthalle.
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TAZ, 31.05.2001

Viola Shafik liefert Notizen von einem palästinensischen Filmfestival in Beirut: "Das palästinesische Filmschaffen ist allgemein vom Dokumentarfilm beherrscht, was nicht nur mit dem Mangel an finanziellen und technischen Ressourcen sowie dem Exil der meisten Filmemacher zusammenhängt. Es deutet auch Skepsis gegenüber der Macht der Fantasie angesichts einer erdrückenden politischen Situation an. Trotzdem bleiben nicht alle diese dokumentarischen Filme auf der Ebene des unmittelbaren Ereignisses stecken. Mit Witz und formalem Einfallsreichtum versuchen manche den realen Notstand zu transzendieren. "

Werner Bartens, Arzt und Journalist, fragt sich, warum die Bioethik-Debatte so "merkwürdig blass" bleibt: "Womöglich fehlt schlicht das Instrumentarium, um gentechnische Utopien zu erörtern. Schließlich greifen sie gleichzeitig uralte Menschheitsfragen auf und an, betreffen unseren Körper, unser Leben und bleiben dennoch abstrakt und anwendungsfern. Der Mensch vermag sich über den Menschen einfach keine distanzierte Meinung zu bilden."

Weitere Artikel: Elene Sorokina stellt die Arbeit des Deutschen Forums für Kunstgeschichte vor. Tobias Rapp bespricht die neue Platte der Stereo MCs. Und Katja Nicodemus hat sich "Vatel" angesehen.

Auch die Webkunst leidet unter der Krise der New Economy, stellt Verena Dauerer auf der Internetseite der taz fest. "The Thing New York, seit vielen Jahren ein Nährboden und digitaler Raum für neue Idee und Diskurse, steht vor dem Zusammenbruch. Die wenigen Sponsoren, die heute noch Geld haben, meiden die immer etwas spröde auftretende Gruppe um den New Yorker Server."

Schließlich Tom.

FAZ, 31.05.2001

Die deutsche Gedenkkultur tötet die Erinnerung ? so hat es Karl-Heinz Bohrer bei der Antrittsvorlesung der Heidelberger Gadamer-Profssur dargestellt, berichtet Henning Ritter: "Ein Verhältnis zu historischer Ferne existiere in Deutschland nicht mehr, die mentale Verfassung der Bundesrepublik sei auf ein Nahverhältnis zu jener Geschichte geschrumpft, gegen die sie gegründet wurde, die sie zum Gegenstand der Erinnerungsarbeit macht und deren Vorgeschichte sie unter denselben Gesichtspunkten traktiert wie ihr verhängnisvolles Resultat."

Völlig begeistert schreibt Wilfried Wiegand über die Ausstellung "Mains de Maitres" in der kleinen Kunsthalle der Banque Belgique Lambert. Afrikanische Kunstwerke werden hier als "Schöpfungen individueller Bildhauer" ausgestellt und nicht als anonymes Kunsthandwerk. "Die meisten Künstler waren im neunzehnten Jahrhundert tätig, was für afrikanische Holzbildhauerei schon ein ehrwürdiges Alter bedeutet. Jeder Künstler ist mit mehreren Stücken vertreten, so dass man eine Ahnung von seinem OEeuvre bekommt. Namen haben sich nur ausnahmsweise erhalten, aber mit den Kunstwerken der europäischen Antike und des Mittelalters verhält es sich auch nicht viel anders. Die schriftlose afrikanische Kultur unterscheidet sich nicht derart dramatisch von der unseren, wie die meisten Kulturtheorien es behaupten."

Eva Menasse wirft mal wieder ein scharfes Schlaglicht auf die Medienkultur in Österreich. Das News-Imperium des Wolfgang Fellner, der praktisch alle österreichischen Zeitschriften beitzt, steht Haider zwar nicht nahe. Aber irgendwie zu kungeln scheint man doch: "Der Standard präsentierte jedenfalls Dokumente, denen zufolge das Haider-Land Kärnten eine 'maßgeschneiderte Werbeaktion in Kooperation mit der Verlagsgruppe News' plante, bestehend aus 'redaktionell aufbereiteten Kärnten-Botschaften', fünf Wochen lang, auf jeweils vier Seiten, Kosten vier Millionen Schilling, umgerechnet rund 571 000 Mark. Auf Deutschland umgelegt: Das ist, als hätte Oskar Lafontaine damals, als er noch Kanzler hatte werden wollen, die ganze Bundesrepublik mit einer Image-Kampagne für den wirtschaftlichen und politischen Aufschwung des Saarlandes überzogen und Focus hätte ihm für ein paar Millionen eine Positiv-Serie dazu geschrieben."

Weitere Artikel: Auf einer Doppelseite porträtiert die FAZ-Redaktion in kurzen Texten die Redner der heutigen Bundestagsdebatte über Bioethik. Hubert Spiegel berichtet über Robert Gernhardts Frankfurter Poetik-Vorlesungen. Franziska Augstein freut sich, dass die Zwangsarbeiterentschädigung nun endlich ausgezahlt werden kann. Der Sammler Heinz Berggruen legt eine der kleinen Schnurren vor, die er gern fürs FAZ-Feuilleton schreibt. Heute geht es um das Wort "Eigentlich". Dieter Blume hat im Museum von Altenburg eine kunsthistorische Sensation erlebt: Der mittelalterliche Marien-Altar von Siena ist erstmals wieder in seiner historischen Form rekonstruiert worden. Gerhard R. Koch schreibt zum 60. Geburtstag von Hans Neuenfels. Sonja Zekri stellt ein neues Jugenportal des Burda-Verlags vor. Es heißt whow.de und wendet sich an die "Generation Next". Siegfried Schibli präsentiert den Basler Musikmonat ? ein in Wahrheit elfmonatiges Festival Neuer Musik. Wolfgang Pehnt hat sich bei der Bauausstellung "Bo01" in Malmö umgesehen. Joseph Croitoru stellt richtig, dass die Fresken der "Landau-Villa", die vom polnisch-jüdischen Autor und Zeichner Bruno Schulz angefertigt wurden, keineswegs gestohlen wurden, sondern sich heute in Yad Vashem befinden. Dietmar Polaczek scheibt zum Tod des Verlegers Vito Laterza. Auf der Bücher-und-Themen-Seite schreibt Henning Ritter über die Tagebücher Aby Warburgs.

Besprochen werden der Film "Traumpaare" und verschiedene Choreografien im Mainzer Ballett.

Zeit, 31.05.2001

Jens Jessen beschwört in einem Aufmacher zur Gendebatte noch mal die "unzureichende Übersicht, die der Mensch über Folgen und Nebenfolgen seiner Manipulation" hat und belegt diese These mit mit Geschichten von Bulgakow. In der satirischen Erzählung "Hundeherz" etwa setzt ein Professor einem Hund "Hoden und Hypophyse eines eben verstorbenen Moskauer Kleinkriminellen ein." Und die "Folgen und Nebenfolgen" sehen so aus: "Die Haare fallen dem Hund aus, er beginnt aufrecht zu gehen. An dem Tag, an dem er seinen Schwanz verliert, heißt es, dass er auch sein erstes deutlich verständliches Wort spricht. Es lautet 'Kneipe'." Also, wenn das so ist, sind wir auch gegen Gentechnik!

Eine schöne Reportage schickt Claus Spahn von jenseits der Karpaten. Dort hat ein Deutscher namens Henry (einen Nachnamen haben wir nicht entdeckt), die "verwegenste Blaskapelle Europas" aufgespürt, ein Zigeunerorchester. Henry schickte es auf Europatournee. Und siehe, "den Konzertbesuchern gefiel es, wenn die tiefen, kurz angestoßenen, derb geraunzten (Vorsicht: Musik!) Tubaklänge in der Magengrube kitzeln und die schnellen Melodiefolgen prasseln wie trockene Äste im Kartoffelfeuer; wenn der alte Radu nach einem Solo den Hut lupft, als sei ihm gerade der Dorfpope auf dem Weg zum Sonntagsgottesdienst begegnet, oder der Trompeter Cimai die Füße in kleinen Schritten zum Rhythmus bewegt wie ein Tanzbär." Über das Dorf Zece Prajini, aus dem die Musiker stammen, kam so ein unverhoffter Reichtum. Nun will man eine neue Kirche bauen, und Henry wird ihr Namenspatron.

Weitere Artikel: Werner A. Perger schildert in der Leitglosse, wie Kanzler Schröder bei einem Besuch im Wiener Salon von Andre Heller die versammelten österreichischen Intellektuellen durch seinen Geist beeindruckte und wünscht sich derartige Kostproben auch in öffentlichen Auftritten. Besprochen werden die große Giacometti-Retrospektive im Kunsthaus Zürich, die neue CD der französischen Band Air, eine Ausstellung über den niederländischen Architekten J.J.P. Oud in Rotterdam, Andreas Veiels Dokumentarfilm "Black Box BRD", Thomas Langhoffs "Lear"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, eine neue Gesamteinspielung der Haydn-Streichquartette durch das Los Angeles Quartett und das Leipziger Theaterfestival "www heimat le".

Aufmacher des Literaturteils ist Ursula März' Besprechung von Inge Merkels Roman "Sie kam zu König Salomo".