Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.06.2001.

NZZ, 01.06.2001

In einem Artikel von Reto Sorg über literarische Eventkultur lesen wir: "Verirren sich heutzutage jüngere Literaturbegeisterte in Dichterlesungen herkömmlichen Zuschnitts, so muss ihnen das Gebotene fast gespenstisch modern anmuten." Ja, mir mutet das gespenstisch an!

Ein kleines Panorama der heutigen griechischen Literatur entfaltet Barbara Spengler-Axiopoulos - denn Griechenland wird in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Über das Thema sprach sie unter anderem mit dem Romancier Thanasis Waltinos. " Den Vorwurf, die moderne griechische Literatur sei provinziell und deshalb international unbeachtet, hält er für nicht gerechtfertigt. Vielmehr habe die schwierige griechische Geschichte des 20. Jahrhunderts eine kontinuierliche kulturelle Entwicklung verhindert, die wiederum Voraussetzung für die Entstehung des modernen Romans sei. Allerdings wirft auch er, wie viele andere Künstler, dem griechischen Staat schwere Versäumnisse in der Kulturpolitik vor."

Weitere Artikel: Hubertus Adam stellt die Architekturschule in Marne-la-Vallee des Architekten Bernard Tschumi vor, und Marc Zitzmann schreibt zum Tod von Piero Crommelynck.

SZ, 01.06.2001

"Werden am 7. Juni die letzten britischen Wahlen stattfinden?" fragt der Historiker Thimothy Garton Ash. Damit meint er natürlich nicht, "dass in Kürze Schwarzhemden in Whitehall einmarschieren und die Mutter aller Parlamente beseitigen könnten. Ich meine: die letzten britischen Wahlen? Die letzten, bei denen es wirklich um die Politik eines einheitlichen, souveränen Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland geht? Die englischen Konservativen beklagen zwei Faktoren, die nach ihrer Auffassung den schleichenden Tod Britanniens bewirken: die Integration des Landes in die Europäische Union und die Übertragung politischer Vollmachten an Schottland, Wales und Nordirland. Wie zwei riesige Blutegel saugen angeblich die Europäisierung und die Dezentralisierung dem stolzen Herzen des Britentums den Lebenssaft aus." Gut formuliert. Nach Ash ist "die zweite Sorge ... berechtigter als die erste", und er hat auch ein paar handfeste Gründe dafür.

Arno Orzessek berichtet über Karl Heinz Bohrers erste Vorlesung als Inhaber der Gadamer-Professur in Heidelberg. Es ging dabei um die Frage, um die "'Nichtexistenz eines Verhältnisses zur deutschen Geschichte jenseits des Bezugsereignisses Nationalsozialismus'". Orzessek über den Vortrag: "Wenn Karl Heinz Bohrer vor den Gerichtshof seines Denkens ruft, darf man immer auf Extravaganz rechnen. Oft räumt er seinen Urteilen mehr Raum ein als ihren Begründungen - eine Folge des polemisch kategorischen Stils, der dafür mit Erregungspotentialen, aber auch originären Einsichten entschädigt, die weit über das publizistische Normalmaß hinausgehen. Und so verschwendete Bohrer in Heidelberg keine Zeit mit der Untermauerung seiner Ausgangsthese - gehören nicht Gutenberg, Luther, Cranach, Bach, Leibniz, Goethe und wofür sie stehen nach dem Verständnis fast jedes Deutschen zur kollektiven Vorgeschichte, die man auch Nationalgeschichte nennen könnte? -, sondern knüpfte sich gleich die verantwortlichen Agenten für den deutschen Mangel an Fernverhältnissen vor."

Weitere Artikel: Verena Auffermann hat Robert Gernhardt zugehört, der in Frankfurt vier Poetik-Vorlesungen hält. Claudius Seidl versucht zum 75. Geburtstag Marilyn Monroes noch einmal, hinter das Geheimnis des Stars zu kommen. Katrin Hillgruber berichtet über die 23. Solothurner Literaturtage, Verena Auffermann stellt Max Holleins Programm für die Frankfurter Schirn vor, und schließlich gibt es noch eine sehr lange Liste mit einer Auswahl von Ausstellungen, die im Juni auf dieser Welt zu sehen sind.

Besprochen werden die Uraufführung von Christian Ofenbauer Oper "Szene Penthesilea Ein Traum" bei den Wiener Festwochen, Bruce Paltrows Film "Traumpaare", eine Ausstellung mit Werken von Murillo und anderen Künstlern zum Thema "Kinderleben in Sevilla" in der Alten Pinakothek München, Martin Crimps "Auf dem Land", inszeniert von Elias Perrig in Stuttgart und Hans Christoph Buchs Roman "Kain und Abel in Afrika" (siehe auch unsere Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr)

FR, 01.06.2001

Die FR hatte die originelle Idee, Veronica Ferres zum 75. Geburtstag Marilyn Monroes schreiben zu lassen: " Die einfachen Dinge des Lebens blieben ihr versagt... Geborgenheit, Vertrauen, Familienglück waren für sie Fremdworte. Und als ewig von sich selbst Getriebene und Gehetzte um weitere Erfolge und Anerkennung ließ sich ihre innere Ohnmacht nicht verdrängen."

Martina Meister sieht die gestrigen Reden im Bundestag, in denen das Wort "Menschenwürde" oft gefallen zu sein scheint, als "diskursives Zucken", " als letztes verbales Aufbegehren der Hüter eines von der Technik überholten Humanismus, die sich einbilden, den Interessen der Wirtschaft noch Regeln diktieren zu können und sich noch noch gegen die Erkenntnis wehren, dass der bessere Mensch ohnehin der künstliche sein wird." Schließlich hatte der natürliche Mensch auch so seine Tücken.

Michael Kummer, Leiter der Bauaufsicht in Frankfurt, macht sich Sorgen über die Zukunft der Rhein-Main-Region: " Frankfurts Aufstieg in den Kreis der 'global cities' muss nicht dauerhaft sein. Die kleine Stadt am Main war im wesentlichen erfolgreich, weil sich die standorttreuen Traditionsunternehmen internationalisierten. Die Dynamik der Unternehmensverschmelzungen macht den Erfolg der Unternehmen aber zum Frankfurter Problem: Weder sind die Vorstände zwangsläufig deutsch geprägt, noch sind sie auf Frankfurt angewiesen. Straßburg im Falle Hoechst/Aventis, München bei der Integration der Dresdner Bank in den Allianzkonzern oder Boston bei der Neuausrichtung der Deutschen Bank werden erneut zu Konkurrenten für Frankfurt." Nur Berlin nicht, woher die standorttreue Deutsche Bank doch kam!

Stephan Hilpold hält das Programm der Wiener Festwochen für ziemlich langweilig - nur Schlingensiefs Containerprojekt im letzten Jahr sei da mal eine Ausnahme gewesen: "Das Containerprojekt entpuppte sich als Glücksfall für das seit vier Jahren amtierende Dreierdirektorium aus Luc Bondy (Schauspiel), Klaus-Peter Kehr (Musiktheater) und Hortensia Völckers (Tanz und Crossover), das mit seinem sonstigen das mittlere Maß auf der höchsten Qualitätsstufe bietenden Programm die üblichen europäischen Festival-Verdächtigen in die Stadt holt, aber kaum eigene Wege beschreitet, kaum eigene zeitgenössische Akzente setzt."

Weitere Artikel: Oliver Fink hat der Antrittsvorlesung Karl-Heinz Bohrers in Heidelberg zugehört. Christian Schlüter kommentiert die Tatsache, das Jacques Derrida den Adorno-Preis erhalten wird. Besprochen werden Matt Mullicans "More Details from an Imaginary Universe" in den Krefeld Kunstmuseen und die Ausstellung "Raffael und die Folgen" in der Stuttgarter Staatsgalerie.
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TAZ, 01.06.2001

"Hat jemand was gegen Frauenrap?" fragt Thomas Winkler deutsche Rapperinnen. "'Es gibt definitiv Sexismus', findet Nina (MC), als sie beim Interview in einem mexikanischen Restaurant darauf angesprochen wird, und meint damit nicht nur ihr direktes Umfeld in Hamburg. Aber ob die deutsche HipHop-Szene generell frauenfeindlich ist, das ist eine Diskussion, die nur widerwillig geführt wird. Selbst die meisten Rapperinnen wollen die Frage nur ungern zum Thema machen. 'Der Begriff Frauenrap klingt für mich einfach blöd - ungefähr so blöd wie Teakholzbeschlag', blockt Nina. 'Ich fühle mich davon aber nicht angesprochen.'"

Weitere Artikel: Katrin Wilke stellt die neue CD von Peret vor: "King of the Gipsy Rumba", und der Aktionsmaler und Musiker Jim Avignon klagt im Interview darüber, wie er unter dem "Gesamteindruck" leiden musste, "Avignon, der macht viel Geld mit Werbung, will Unterhaltungskunst machen und vielleicht auch seine Sachen billig verkaufen." Auf den vorderen Seiten widmet die taz eine Seite der Gentechnik-Debatte im Bundestag und drei Seiten Marilyn Monroe. Hier findet sich unter anderem ein Artikel von Elisabeth Bronfen: "Born to be blond".

Und schließlich Tom über die Tücken des ehelichen Beischlafs.

FAZ, 01.06.2001

Heute morgen war noch die FAZ von gestern im Netz, wir können also keine Links zu den Artikeln setzen. Vielleicht wird's später gerichtet.

Das Feuilleton dokumentiert eine Rede Craig Venters, der mit seiner Firma Celera, das Humangenom entschlüsseln half. Es ist ein rührendes Stück, auch wenn wir die Geschichte schon kennen. Er erzählt vor Medizin-Absolventen, was für ein schlechter Schüler er war, dass er freiwillig in den Vietnam-Krieg zog, obwohl er gegen den Krieg war und dass ihn der Krieg, wo er in einer medizinischen Einheit diente, erst auf den Weg seiner Forschung brachte. Die Resultate der jüngsten Gen-Entschlüsselung resümiert er so: "Wir haben durch die Sequenzierung erkennen können, dass wir Menschen keineswegs so bis ins kleinste durchkonstruiert sind, wie man es sich oft vorgestellt hat. Es gibt nicht für jede menschliche Eigenschaft ein eigenes Gen... Der wesentliche Unterschied zwischen der Fruchtfliege und uns besteht also nicht in der Anzahl der Gene, sondern in den Netzwerken, die für Fortpflanzung und Kommunikation sorgen, quasi in dem Geschwätz von Milliarden und Milliarden gesprächiger Zellen."

Weitere Artikel zur Gendebatte: Patrick Bahners hat nach der gestrigen Bundestagsdebatte herausgefunden, "wie Schröder die Ethik überlisten will". Dokumentiert wird auch Andrea Fischers gestrige Bundestagsrede zur Gendebatte, in der sie begründet, warum sie gegen Präimplantationsdiagnostik und die Manipulation von Embryozellen ist.

Weitere Artikel zum Rest der Welt: Jörg Thomann erzählt, wie Journalisten und Politiker einen Tag lang die Rollen tauschten (Hans Eichel als Chefredakterur der Bild) und beeindruckt sie dann waren von der Stressigkeit der wechselseitigen Existenz. Joseph Croitoru berichtet, dass die von Daniel Barenboim geplante Aufführung der "Walküre" in Israel nun doch abgesagt wurde. Heinrich Wefing durfte eine Reise nach Indien antreten, um ein gemeinsames Projekt deutscher und indischer Künstler in Augenschein zu nehmen - Land Art zumeist. Dietmar Polaczek kommt auf die unendliche Geschichte des Wiederaufbaus der Fenice, der Oper von Venedig zurück. Er sollte im letzten Jahr abgeschlossen werden, vier Jahre nach dem Feuer, das sie zerstörte - durch Pleiten und Prozesse wird es jetzt mindestens bis 2003 dauern. Der nach Polaczek kompetente Intendant Mario Messini hat inzwischen sein Amt aufgegeben.

Besprochen werden Neil LaButes Drama "The Shape of Things" in London, eine Ausstellung von Wunderwerken der Mikroschnitzerei ("Mirabilien") aus dem 18. Jahrhundert im Schmuckmuseum Pforzheim, eine große Frank-Gehry-Ausstellung im New Yorker Guggenheim-Museum, eine Ausstellung mit Fotografien, die Irving Penn im Lauf von Jahrzehnten für de amerikanische Vogue fertigte, im Folkwang-Museum und Christian Ofenbauers Oper "SzenePentheliseaEinTraum" in Wien.

Eine bewegte Klage führt Jürgen Kesting auf der Schallplatten-und-Phono-Seite. Das Teldec-Classics-Label, eines der renommiertesten überhaupt, wird von Warner Music geschlossen, um in London unter das Dach einer stark verkleinerten Klassikabteilung zu schlüpfen. Das gleiche gilt für das französische Label Erato. "Bisher haben die knapp fünfzig Hamburger Mitarbeiter noch keine Kündigung erhalten. Die Vereinbarungen über die Sozialpläne noch keine Kündigung erhalten. Trotz anderlautender Ankündigungen wechselt keiner nach London. Da englische Team soll 23 Mitarbeiter umfassen, 15 davon werden noch gesucht."

Weiterhin geht es auf der Schallplatten-und-Phono-Seite um neue Aufnahmen romantischer Klaviermusik und um die Soloplatte des Ex-Spice-Girls Geri Halliwell.