Magazinrundschau
Mut ist ansteckend
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
13.01.2026. Der Guardian staunt über die geschwinde Selbstzensur amerikanischer Institutionen unter Trump. Seit Trump Interesse für Grönland zeigt, interessieren sich auf die Dänen für die Schöne, lernt der New Yorker. In Elet es Irodalom erklärt der Autor Péter Bognár, wie sich im Krimi das Menschenbild der Moderne manifestiert. New Lines fragt: Wer wäre bereit für Tallinn zu sterben? Die London Review weiß, was Donald Trump in Venezuela will: Kuba. Eurozine stellt moldauische Literatur vor, die das Trauma des Landes verarbeitet: das sowjetische Experiment der Identitätsauslöschung.
Guardian | Wired | New Yorker | Elet es Irodalom | New Lines Magazine | Aktualne | London Review of Books | Irozhlas | Eurozine | HVG
Guardian (UK), 13.01.2026
New Yorker (USA), 19.01.2026
Eine konstante Unterströmung von Donald Trumps zweiter Amtszeit ist die Drohung, Grönland zu annektieren - eine große und ernstzunehmende Bedrohung, wie Margaret Talbot im New Yorker zeigt. Aber die Drohung setzt in Dänemark auch Reflexionsprozesse in Gang: "Manche Leute in Kopenhagen haben mir erzählt, dass die Black Lives Matter-Bewegung in den USA auch jüngere Dänen zum Nachdenken über den Rassismus des eigenen Landes gegenüber den grönländischen Inuit angeregt hat. Aber das plötzliche Interesse Dänemarks an Grönland war auch ein unbeabsichtigtes Geschenk von Trump. Der Fotograf Mikkel Hørlyck sagte mir, 'er hat die Verbindung der Dänen zu Grönland aktiviert'. Dänen seiner Generation hätten sich zum ersten Mal ernsthaft gefragt, 'Was weiß ich wirklich über Grönland? Habe ich mich überhaupt schon einmal mit Grönländern unterhalten?' Er fuhr fort: 'Seltsam, dass Trumps Strategie bei uns auch zu etwas Positivem führt.' Trumps Antagonismus gegenüber Grönland hat auch die dänische Sicht auf die europäische Einheit verändert. In der Vergangenheit waren die Dänen eher leicht euroskeptisch. Sie sind der EU in den 1970er Jahren beigetreten, haben aber ihre eigene Währung, die dänischen Kronen, beibehalten und 1992 gegen den Vertrag von Maastricht gestimmt, der für mehr europäische Gleichförmigkeit in Sachen Sicherheit, Staatsbürgerschaft und anderen Themen gesorgt hat. Die Premierministerien Fredriksen hat neulich, als sie für einen größeren Verteidigungshaushalt geworben hat, eingeräumt: 'Europäische Kooperationen wurde von vielen Dänen nie wirklich favorisiert.' Sie maulten, sagte sie, über alles von 'schiefen Gurken und verbotenen Plastikstrohhalmen' bis zu offener Migrationspolitik, die von Fredriksens Regierung abgelehnt wurde."Elet es Irodalom (Ungarn), 09.01.2026
Nach dem Erscheinen des dritten Teils seiner Romanreihe spricht der Schriftsteller Péter Bognár im Interview mit Csaba Károlyi über die Diskrepanz zwischen den Erwartungen an Detektivfiguren in fiktionalen Texten einerseits und dem Wesen des heutigen Menschen andererseits: "Von Dupin über Sherlock Holmes bis hin zu Columbo - Detektive sind die Apotheose des modernen, rational denkenden Menschen. Der Mensch hat sich in der Moderne neu erfunden und ist zu dem Schluss gekommen, dass er mit Hilfe der Vernunft die Tatsachen der Welt erkennen und diese oft widersprüchlich erscheinenden Tatsachen zu einer einheitlichen Erzählung zusammenfügen kann. Und was sehen wir im klassischen Kriminalroman? Mit der Aufklärung des Verbrechens ordnet das Superbewusstsein des Ermittlers die während der Ermittlungen aufgedeckten, lange Zeit unverständlichen und undeutbaren Fakten in eine einheitliche und rationale Erzählung ein. Das heißt, der klassische Kriminalroman bringt das Menschenbild der Moderne auf die Bühne. Die implizite Aussage eines Krimis ist immer, dass der Mensch als rationales Wesen die Realität beherrschen kann. Im Gegensatz dazu ist unser Eindruck vom Menschen der Gegenwart genau das Gegenteil davon. Es scheint, als würden wir heute sehen, dass die Geschichte leider doch nicht am Ende ist und die Irrationalität des Menschen auf schreckliche Weise in allen Bereichen voranschreitet. Das macht natürlich auch das Krimi-Genre problematisch. Können wir noch an die Großartigkeit von Sherlock Holmes glauben?"New Lines Magazine (USA), 12.01.2026
Wer wäre bereit für Tallinn zu sterben? Diese Frage sollten sich die Menschen in Europa bald stellen, erkennt Floriana Bulfon, wenn sie mit estnischen Geheimdienstlern und Militärs spricht, denn Russland bereitet den Angriff vor, da haben diese kaum Zweifel. Die russischen Drohgebärden und Interventionen häufen sich, das Eindringen russischer Kampfflugzeuge in den estnischen Luftraum im September letzten Jahres ist nur ein Beispiel von vielen: "Die größte Befürchtung der Esten ist, dass Moskau die NATO schwächen könnte, indem es die Kosten für den Schutz Estlands hochtreibt und anschließend schrittweise die Kontrolle über das Land übernimmt. Estlands Auslandsgeheimdienstchef Kaupo Rosin brachte dies deutlich zum Ausdruck, als er sagte, Russland versuche, 'durch Verhandlungen mit dem Westen eine Situation herbeizuführen, in der die NATO ihre Aktivitäten im Ostseeraum zurückfährt'. Dies böte Russland die Möglichkeit, die baltischen Staaten zu überfallen und zu annektieren. 'Die Zukunft', sagte er mir, 'hängt maßgeblich vom Handeln des Westens innerhalb der NATO und der Europäischen Union ab.'(...) 'Die Russen führen vor jedem militärischen Konflikt mindestens zwei Berechnungen im Kopf durch', sagte Rosin. 'Eine davon ist die Eskalationskontrolle.' Sie wollen wissen, ob sie bei einer Eskalation die Oberhand behalten werden und berechnen die tatsächliche militärische Stärke vor Ort. Was haben sie, und was hat die NATO? Verfügt die NATO über solide Pläne und konkrete Fähigkeiten, um diese Pläne umzusetzen? Es ist unsere Aufgabe sicherzustellen, dass diese Berechnung stets zu unseren Gunsten ausfällt."Aktualne (Tschechien), 08.01.2026
London Review of Books (UK), 15.01.2026
Auch Tony Wood rätselt: Was will Trump in Venezuela? Um Drogen geht es selbstverständlich nicht, um Öl allerdings vermutlich auch nicht wirklich - die Investitionen, die nötig wären, um die Ölvorkommen Venezuelas auszubeuten, rechnen sich derzeit kaum. Wood zufolge steht das Vorgehen vielmehr in einer langen Tradition imperialistischer Machtpolitik der USA in Lateinamerika - und außerdem lässt die Maduro-Festnahme verschiedene Fraktionen innerhalb des Trumpismus näher zusammenrücken: "Die Ziele der US-Politik sind stabil geblieben, aber sie hatten nicht immer dieselbe Gewichtung. Venezuela nimmt für Trump einen viel größeren Stellenwert ein als für seine Vorgänger, weil hier verschiedene Politikstränge zusammenlaufen, die von konkurrierenden Fraktionen innerhalb der Regierung vorangetrieben werden und unterschiedliche Teile der MAGA-Koalition ansprechen. Elliott Abrams, der neokonservative Regime-Change-Verfechter, der während Trumps erster Amtszeit die Venezuela-Politik leitete, sagte kürzlich dem Wall Street Journal, Venezuela sei 'ein perfekter Sturm, es repräsentiert alles, worum sich die Trump-Regierung sorgt'. Unter Trumps zweiter Amtszeit brachte die Venezuela-Frage diejenigen zusammen, die eine militarisierte Anti-Drogen-Strategie verfolgen, jene, die Regimewechsel im karibischen Raum voran treiben, und diejenigen, die aus innenpolitischen Gründen ausländische Regierungen dämonisieren wollen, um Stimmung gegen Migranten zu schüren. Wenn der Kriegsminister Pete Hegseth und der politische Chefstratege im Weißen Haus, Stephen Miller, die erste und dritte Gruppe repräsentieren, sind Rubio und Senator Lindsey Graham die wichtigsten Befürworter von Regimewechseln - und für sie ist das eigentliche Ziel Kuba."
Irozhlas (Tschechien), 06.01.2026
Eurozine (Österreich), 12.01.2026

HVG (Ungarn), 08.01.2026
Die deutschen und ungarischen Einwohner wurden in der Tschechoslowakei wegen der von den Besatzern während des Zweiten Weltkriegs verursachten Zerstörungen nach 1945 kollektiv für schuldig erklärt, deportiert und ihres Eigentums beraubt. Die bis heute geltenden Beneš-Dekrete, die der Vergeltung dienten, wurden jetzt in der Slowakei von der Regierung Fico erneut aktiviert (mehr dazu in der FAZ). Die ansonsten als "Beschützer der ungarischen Minderheiten im Ausland" auftretende Orbán-Regierung schweigt bisher. István Riba erläutert die Hintergründe der Dekrete und der neuen Gesetze: "Die slowakischen Behörden legen heute Hand auf bestimmte Grundstücke, weil sie der Meinung sind, dass diese 1945 hätten beschlagnahmt werden müssen. Wenn dies damals aus irgendeinem Grund nicht geschehen war, wird das heute auf der Grundlage des Prinzips der kollektiven Schuld durchgesetzt. (...) All dies wurde durch das Dekret Nr. 108 von Beneš gekrönt, auf dessen Grundlage die 'Feinde' der Republik, die Einwohner ungarischer und deutscher Nationalität und die mit ihnen verbundenen juristischen Personen (z. B. Kirchen, Vereine) ihrer noch verbliebenen Ländereien sowie ihres gesamten beweglichen und unbeweglichen Vermögens enteignet werden konnten. (…) Obwohl die Beneš-Dekrete inzwischen durch mehrere Gesetze außer Kraft gesetzt wurden, sind sie weiterhin Teil der tschechischen und slowakischen Rechtsordnung, da keines von ihnen offiziell für ungültig erklärt wurde. Bei den Restitutionsentscheidungen nach 1990 wurde auch darauf geachtet, dass die Möglichkeit der Wiedergutmachung nicht für zwischen 1945 und 1948 enteignetes Eigentum gilt. Dennoch konnten viele ungarische Familien ihr Land zurückerhalten, gerade weil die Enteignung, gelinde gesagt, nicht vollständig durchgeführt werden konnte. Was damals versäumt wurde, will der slowakische Staat heute nachholen und durch behördliche Entscheidungen oder gerichtliche Schritte erzwingen, dass auf der Grundlage des Prinzips der Kollektivschuld ehemalige Rechtsvorschriften zur Enteignung von Landbesitzern herangezogen werden. Als politische Stütze dafür dient auch das jetzt verabschiedete Gesetz, das Kritikern der Beneš-Dekrete mit Gefängnisstrafen droht."Wired (USA), 06.01.2026
Für Garrett M. Graff steht Trumps Staatsstreich in Venezuela in einer langen Tradition von militärischen Interventionen der USA in Südamerika und kommt daher auch eigentlich sehr "unüberraschend". Einmal mehr, fürchtet Graff, entpuppen sich die Staaten als Meister darin, kurzfristig militärisch erfolgreich, aber schon mittelfristig überfordert zu sein und schließlich langfristig zu scheitern - zumal Trump selbst keinen Plan vorzuweisen habe, sondern wie stets impulsgesteuert vorgehe. Als besonders fatal dürfte sich herausstellen, dass Trumps Kopf nach wie vor im Modus des Kalten Krieges stecke. Es sei daher durchaus plausibel, diese Operation "weniger als Konflikt des 21. Jahrhunderts zu denken, sondern eher als ein retro-nostalgisches Unternehmen - als den letzten Krieg des 20. Jahrhunderts. ... Doch die Welt hat sich verändert und Donald Trump scheint die nächsten Schritte nicht durchdacht zu haben, was zu einer tiefen Ironie führt: Die USA sind in einen Krieg für Öl gezogen, von dem unklar ist, ob es überhaupt jemand will. Mit seinem 80s-Mindset umarmt Trump auch weiterhin Benzin fressende Motoren, ... während der Rest der Welt sich in großem Tempo von fossilen Brennstoffen weg bewegt. Die erneuerbaren Energien hatten zuletzt dreißig Prozent Wachstum pro Jahr und produzierten in der ersten Hälfte von 2025 tatsächlich zum ersten Mal mehr Energie als Kohle. China greift die Erneuerbaren rapide auf und fügte alleine 2025 mehr Solar- und Windkapazitäten hinzu als die USA insgesamt aufweisen. So befindet sich das Land mittlerweile auf dem Weg dahin, Karbonemissionen zu senken, während das Wachstum trotzdem steigt. Energiekosten sinken weltweit so rasch, dass Australien im November angekündigt hat, dass ab diesem Jahr jeder pro Tag drei Stunden Elektrizität gratis erhält."
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