Magazinrundschau

Freiheit in die Bilder, Bilder in Freiheit

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
09.12.2025. Es braucht schon eine Revolution, um dem Kastenwesen - und dem Hinduismus - den Garaus zu machen, meint Outlook India. Im Time Magazine erklärt Mohammed Hanif, warum noch jeder pakistanische Premier im Gefängnis gesessen hat. Der Guardian lernt von einem Schneckenfarmer, wie man Steuern vermeidet. Aktualne erinnert an Karel Gotts erste Filmrolle. In Atlantic erklärt Anne Applebaum den Unterschied zwischen Korruption in der Ukraine und in den USA.

Outlook India (Indien), 15.12.2025

In einem sehr interessanten Artikel beschreibt Anand Teltumbde ausführlich die vier Hauptbewegungen, die sich mit dem Kastenwesen in Indien auseinandersetzen: Die Draviden, die Dalit-Bewegung unter der Führung von Ambedkar, die Kommunisten und die Hindutva-Bewegung, die u.a. von der Modis Regierungspartei BJP vertreten wird und als einzige nicht die Abschaffung des Kastenwesens zum Ziel hat, sondern dessen Konsolidierung. Die anderen drei waren nur mittelerfolgreich: Draviden und Dalit haben es in Südindien zwar geschafft, die Macht der Brahmanen drastisch einzuschränken, doch haben jetzt die mittleren Kasten übernommen, die kaum weniger kastenbewusst sind und die Dalit weiterhin diskriminieren. Die Kommunisten haben überhaupt kein Konzept, weil sie nur in Klassen, nicht in Kasten denken, letztere aber erstere in Indien immer überlagern, so Teltumbde. Über die Abschaffung der Kasten hat am radikalsten der 1956 verstorbene Bhimrao Ramji Ambedkar nachgedacht: "Ambedkars Bruch sowohl mit dem Hindu-Reformismus als auch mit dem marxistischen Ökonomismus prägte den unverwechselbaren Charakter der Bewegung. Im Gegensatz zu Hindu-Reformern wie Gandhi, die die Unberührbarkeit abschaffen und gleichzeitig die Varna (umgestaltet als Arbeitsteilung ohne Hierarchie) beibehalten wollten, argumentierte Ambedkar, dass die Unberührbarkeit keine Anomalie, sondern die logische Konsequenz des Kastensystems sei. 'Das Kastensystem', schrieb er, 'ist keine Mauer aus Ziegelsteinen ... es ist eine Vorstellung, eine Geisteshaltung.' Da es in den hinduistischen Schriften verwurzelt war, konnte es nicht reformiert werden; es musste zusammen mit seinen religiösen Grundlagen zerstört werden. ... Die Unterdrückung durch das Kastensystem, so betonte er, sei gleichzeitig wirtschaftlicher, kultureller, psychologischer und spiritueller Natur und erfordere daher eine Transformation in all diesen Bereichen. Ambedkars Vision verband somit konstitutionelle Demokratie mit Minderheitenrechten, Reservierungen in Bildung, Beschäftigung und Politik als kompensatorische Gerechtigkeit, Bildung als Mittel zur Schaffung eines Gegenbewusstseins, religiöse Konversion - gipfelnd im Buddhismus - zur Ablehnung der moralischen Ordnung des Hinduismus und wirtschaftliche Neuordnung nach sozialistischen Prinzipien." So weit wollte offenbar niemand außer ihm gehen. Dennoch ist Teltumbde überzeugt, dass nur eine Revolution das Kastenwesen zerstören kann.

Hier alle weiteren Texte zum Thema, die sich vor allem mit der dravidianische Politik im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu beschäftigen, wo demnächst gewählt wird.
Archiv: Outlook India

Time (USA), 01.12.2025

In Pakistan hält sich das Gerücht, der ehemalige Premier Imran Khan sei im Gefängnis gestorben. Das stimmt nicht, versichert der Autor Mohammed Hanif, Khan lebt noch. Dass er im Gefängnis sitzt, war allerdings vorhersehbar. "In den letzten fünf Jahrzehnten musste jeder gewählte Premierminister Pakistans irgendwann in seiner Karriere eine Gefängnisstrafe verbüßen. Das ist fast schon eine berufliche Voraussetzung." Außer Zulfikar Ali Bhutto ist auch jeder wieder "lebend aus dem Gefängnis herausgekommen, und einige sind sogar wieder an die Macht zurückgekehrt. Es gibt eine einfache Formel: Irgendwann während ihrer Haft schließen sie einen Deal mit dem Militär, gehen ins Exil und warten auf bessere Zeiten. Die pakistanische Armee hat ein Drehbuch für den Umgang mit Premierministern, die ihren Titel ernst nehmen, während die Politiker ihre eigenen Tricks haben, um der Gefängniszelle zu entkommen." Dummerweise hat Khan, dem die Militärs einst in den Sattel geholfen haben, nichts anzubieten für einen Deal. Also sitzt er. "Unterdessen hat General Asim Munir, der Chef der pakistanischen Armee, in einem beispiellosen Akt seine Macht konsolidiert und kürzlich eine Verfassungsänderung durchgesetzt, die ihm auch das Kommando über die Marine und die Luftwaffe überträgt, seine Amtszeit von drei auf fünf Jahre verlängert und ihm das Privileg gewährt, lebenslang in Uniform zu bleiben sowie lebenslange Immunität vor Strafverfolgung zu genießen. Die Generäle haben sogar ihren begrenzten Bedarf an einem gehorsamen Premierminister reduziert. ... Khans politische Gegner, die alle aus demselben Gefängnis geflohen sind, in dem Khan untergebracht ist, haben sich ins eigene Fleisch geschnitten, um ihm eins auszuwischen. Nach der jüngsten Verfassungsänderung, die Munirs Macht erweitert hat, haben sie praktisch den geringen politischen Einfluss, den sie noch hatten, an das Militär abgegeben. Behaltet ihn, und wir werden alles tun, was ihr von uns verlangt, scheinen sie zu sagen. Es überrascht nicht, dass in einem Land mit einer langen Geschichte von Staatsstreichen die Armee froh ist, sich ihre Marionetten aussuchen zu können, die ihre Befehle ausführen. So muss sie nicht mal die Militärherrschaft ausrufen."
Archiv: Time

HVG (Ungarn), 04.12.2025

Die Urbanistin und Kulturhistorikerin Borbála Koniorczyk veröffentlichte vor kurzem ein Buch über bekannte und weniger bekannte Frauen mit starken Persönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts in Budapest. Im Gespräch mit Dóra Matalin reflektiert sie über die Entwicklung des Frauseins im und seit dem 20. Jahrhundert sowie über die dominierenden Narrative der Männer im Stadtbild: "Mich interessiert das Schicksal von weit mehr Frauen, als dass man ihnen allen ein Denkmal setzen könnte, aber ein Buch kann man über jeden schreiben. Es ist wichtig zu sehen, dass die räumliche Repräsentation von Frauen nicht nur in Budapest schwach ist, sondern dass es überall weniger Denkmäler für sie gibt und weniger Straßen nach ihnen benannt sind. Die Stadt spiegelt wider, wie Geschichte geschrieben wird, sie ist eine räumliche Projektion der Tatsache, dass über Jahrhunderte hinweg Männer im Vordergrund standen und ihre Geschichten weitergegeben wurden.
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Koniorczyk, Borbala

New Statesman (UK), 09.12.2025

Was hat sich in Syrien ein Jahr nach dem Ende des Assad-Regimes getan? Cian Ward schaut sich im Land um, berichtet über immer wieder aufflammende Konflikte zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen und die ambivalente Rolle, die Ahmed Al-Sharaas Regierung in ihnen spielt. Außerdem beschäftigt sich der Text mit den Bemühungen um materiellen Wiederaufbau: "Es hat einige Verbesserungen gegeben: Katar und Saudi-Arabien haben Millionen Barrel Öl gespendet, um viele der maroden Kraftwerke des Landes wieder in Betrieb zu nehmen. Strom, der zu Beginn des Jahres nur für wenige Stunden am Tag verfügbar war, fließt nun oft bis zu 12 Stunden am Stück. Und es sieht so aus, als würde sich dies weiter verbessern: Im Mai versprach ein von Katar geführtes Energiekonsortium, die Stromkapazität Syriens zu verdoppeln, indem es 7 Milliarden US-Dollar in die Netzinfrastruktur investiert. Außerdem gab es eine wahre Fundraising-Flut zur Unterstützung des Wiederaufbaus. Die Regierung von Sharaa hat bei glanzvollen Galas und opulenten Konferenzen eine Reihe von Abkommen im Wert von 32 Milliarden US-Dollar unterzeichnet. Doch die Weltbank schätzt, dass die Kosten für den Wiederaufbau Syriens eher bei 216 Milliarden US-Dollar liegen. Bei genauerem Hinsehen wirken viele dieser Abkommen außerdem fragwürdig. Die meisten sind lediglich 'Memorandums of Understanding' - gut für eingängige Schlagzeilen, aber ohne verbindliche finanzielle Zusagen und daher de facto zum Scheitern verurteilt. Andere Vereinbarungen fallen durch ihr undurchsichtiges Ausschreibungsverfahren auf, wodurch Korruption Tür und Tor geöffnet wird. In einem im April angekündigten Deal wurde ein Bauauftrag über 2 Milliarden US-Dollar an ein italienisches Unternehmen vergeben, das nur einen einzigen Angestellten und lediglich 16.000 US-Dollar Kapital besitzt."
Archiv: New Statesman
Stichwörter: Syrien

Aktualne (Tschechien), 06.12.2025

Martin Pleštil beschäftigt sich mit dem tschechoslowakischen, heute in Vergessenheit geratenen Musical "Hvězda padá vzhůru" (Ein Stern fällt nach oben) von 1974, in dem Karel Gott seine erste Hauptrolle spielte, und sieht darin ein Paradebeispiel, wie die Ideologie der damaligen kommunistischen 'Normalisierung' den Publikumshunger nach Musicalunterhaltung westlichen Typs auf ihre eigene Weise zu stillen versuchte. Auffällig findet er die paradoxe Rolle, die Karel Gott mit der Hauptfigur des Musicals einnahm: "Gott, obwohl ein nationaler Superstar, hatte sich immer an ausländischen Vorbildern orientiert, bei ihnen Inspiration gesucht und strebte nach internationalem Ruhm. 1971 dachte er sogar über die Emigration nach und kehrte nach einem Auslandsaufenthalt nicht in die Tschechoslowakei zurück. Nach einer Auseinandersetzung mit Präsident Husák kehrte er schließlich ohne größere Konsequenzen zurück - was dem Bemühen entsprach, dem Ruf der kommunistischen Populärunterhaltung und des 'Nationalheiligtums' nicht zu schaden." Seine Filmrolle in jenem Musical nun könne man als symbolische Ohrfeige der damaligen Regierung und vor allem als Schlag gegen Gotts persönliche Motive interpretieren: "Die Geschichte dreht sich nämlich um den Handwerker Švanda, der nebenher ein leidenschaftlicher Sänger ist. Seine Beliebtheit im Inland genügt ihm jedoch nicht, und so geht er ins Ausland, wo er in die Falle der kapitalistischen Welt tappt. Nach seiner Rückkehr hat er seine Lektion gelernt, das Singen für seine Mitmenschen ist ihm jetzt viel wichtiger als der Wunsch nach unsterblichem internationalem Ruhm." Dies habe völlig Gotts beruflicher Philosophie widersprochen, habe der Sänger doch immer fremde Kulturen bewundert und ins Ausland gestrebt, so Pleštil. Um diese Selbstverleugnung sei er jedoch nicht herumgekommen, und die "Läuterung" des Sängers habe dann in der Unterzeichung der sogenannten Anticharta gegipfelt. "Aus heutiger Sicht überdecken die unfreiwillig bizarren Momente des Films die ansonsten einfallsreiche Inszenierung Rychmans und sein Gespür für Choregrafie" - Pleštil bekennt hier ein gewisses guilty pleasure - "auch wenn der Gesamteindruck durch die Prämisse und die bewusst hässliche Umgebung der sündigen Großstadt getrübt wird."

Archiv: Aktualne
Stichwörter: Tschechoslowakei, Gott, Karel

Quillette (Australien), 06.12.2025

Einschüchterung in der Wissenschaft ist bei weitem nicht neu. Quillette übernimmt einen Artikel von Peggy Sastre aus Le Point. Sie zeichnet die Kontroverse um E.O. Wilsons Buch "Sociobiology - The New Synthesis" vor ziemlich genau fünfzig Jahren nach. Wilson war ein Insektenkundler. Im Jahr 1975 hatte er seine Arbeit vorgelegt. Darin analysiert er tierische Gesellschaften als geformt von evolutionären, biologischen Prozessen. In den letzten Seiten seines Buchs überträgt er seine Erkenntnisse auf die menschliche Gesellschaft und verweist auf deren Verhaftung im Biologischen. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Besonders linke Wissenschaftsautoren wie der New-York-Times-Star Stephen Jay Gould führten eine zornige Fronde an und beschuldigten Wilson des Rassismus. Für Sastre ein früher Fall von "Cancel Culture". "Mehrere wissenschaftliche Rezensionen zu Wilsons Buch wurden von ihren Autoren zurückgezogen, aus Angst, den Polemikern Munition zu liefern. Niemand las Wilsons tatsächliches Werk: Die Leute lasen die Interpretationen seiner Gegner." Wissenschaftlich setzten sich Wilsons Erkenntnisse am Ende durch, so Sastre: "Der Zusammenhang zwischen Evolution und Verhalten ist mittlerweile fest etabliert. Verhaltensgenetik und Evolutionspsychologie sind etablierte Fachgebiete, und selbst ihre Gegner wissen, dass sie nicht einfach durch moralische Verurteilungen abgetan werden können."
Archiv: Quillette

Elet es Irodalom (Ungarn), 05.12.2025

Die Autorin Zsófia Bán spricht im Interview mit Claudia Hegedűs u.a. über die Auswirkungen der KI auf die Erinnerungskultur: "Es ist offensichtlich, dass diese Technologien die Erinnerungskultur grundlegend verändern werden", meint sie. "Die Chinesen haben natürlich bereits eine Telefon-App entwickelt, mit der wir mit unseren Verstorbenen 'sprechen' können. Aber das ist nur eine oberflächliche, symptomatische Behandlung, die für eine tiefere Erinnerungsarbeit nicht geeignet ist. Weiterentwickelte Softwareanwendungen werden jedoch grundlegend beeinflussen können, wie wir uns einerseits an historische Ereignisse und andererseits an unsere privaten Geschichten erinnern. Erinnerungen werden in unzähligen Variationen und aus verschiedenen Blickwinkeln geschaffen werden können."

Guardian (UK), 09.12.2025

Steuerbetrug um des Steuerbetrugs willen - das ist die Lebensaufgabe, die der britische Geschäftsmann Terry Ball sich selbst gestellt hat. Jim Waterson porträtiert Ball und dessen zahlreiche Schnecken-Farmen, die aufgrund einer Jahrzehnte alten Ausnahmeregelung Hausbesitzern helfen, Leerstandssteuer zu sparen. Waterson besucht eines der Gebäude, in denen Ball aktiv ist: "Die Mietparteien der verschiedenen Etagen des Bürogehauses tragen Namen wie Snai1 Primary Products (2023) Ltd. Es sind allesamt Firmen, die Terry Ball für eine Gebühr von jeweils 35 Pfund gegründet hat. Er ist der einzige Direktor jeder dieser Firmen, sagt mir jedoch, dass er keinerlei Absicht habe, für sie Geschäftsberichte einzureichen oder irgendwelche Steuern zu bezahlen. Sie erzielen keine Einnahmen und besitzen keine Vermögenswerte. Es handelt sich lediglich um Briefkastenfirmen, die geschaffen wurden, um rechtliche Vorgaben zu erfüllen. Hin und wieder gelingt es einem Gemeinderat, eine dieser Firmen wegen unbezahlter Schulden erfolgreich liquidieren zu lassen, woraufhin Ball sie einfach 'phoenixed' - er gibt die alte Firma mitsamt ihren Schulden auf und gründet eine neue. Westminster versucht nun, mehr als 286.000 Pfund von Balls Firmen einzutreiben, von denen die Regierung behauptet, dass sie zwecks Steuervermeidung mehrere Schneckenfarmen in dem Gebäude betreiben." Ball hat Blut geleckt, lesen wir weiter, und will expandieren. Sein neuer Plan dreht sich um  "Pop-up-Charity-Shops" und "nutzt eine Gesetzeslücke in den Regeln der Charity Commission aus, die eigentlich für winzige Wohltätigkeitsorganisationen gedacht sind. Ein Vermieter werde ihm die Schlüssel zu einem Bürogebäude geben, und er werde dort einen 'Wohltätigkeitsladen' einrichten und dafür sorgen, dass an einem einzigen Tag eine kleine Anzahl von Personen riesige Säcke mit gemischten Waren kauft. Der Vermieter werde dann eine erhebliche Ermäßigung bei der Gewerbesteuer geltend machen, da es sich offiziell um Räumlichkeiten für eine nicht registrierte Wohltätigkeitsorganisation handle. Um diesen neue Steuervermeidungsplan zu realisieren, habe er jede Ecke seiner Schneckenfarm mit Hunderttausenden Pfund an billigem chinesischem Spielzeug und anderen Waren vollgestopft. Ball besteht darauf, dass ich eine Plastikarmbrust für mein Kind mitnehme."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Steuerbetrug

epd Film (Deutschland), 01.12.2025

Georg Seeßlen verzweifelt in einem langen Zwischenruf daran, wie sich das Kino gerade in Deutschland immer mehr marginalisiert und aus dem Diskurs verschwindet - und dies in Zeiten, in denen die transformierende Kraft des Kinos eigentlich mehr denn je gebraucht würde angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus. "Dass das Kino im Kulturkampf in Deutschland eine so beklagenswert periphere Rolle spielt, liegt nicht allein an Autoren und Regisseurinnen, es ist, wie man so sagt, eine Frage des Systems. Das Netz der gegenseitigen Abhängigkeit in dieser kulturellen Produktionssphäre ist so dicht geworden, dass zu viel Last auf die Schultern von Einzelkämpfern gelegt wird. Eine funktionierende Filmkultur aber ist mehr als die Summe mehr oder weniger gelungener und mutiger Filme. Sie lebt nur, solange sie einen guten Platz in der öffentlichen Wahrnehmung und im Verständnis der demokratischen Zivilgesellschaft hat. Was nutzt der beste Film, wenn er keine kritisch-solidarische Öffentlichkeit findet?" Zu beobachten sind aber "Machtspiele in kulturpolitischen Entscheidungsgremien, Attacken gegen unliebsame Filme, Kampf um Übernahme oder Schließung freier kultureller Einrichtungen, Organisation von völkischer Empörung gegen unliebsame Meinungen und Bilder. Und immer geht es dabei auch und vor allem: um Geld. Und das trifft eine schwache Stelle. ... Oft genügt es, einem Projekt oder einer Institution einen Förderweg zu verbauen, um es zu Fall zu bringen. Wir werden in absehbarer Zeit 'radikalisierten Konservativen' und Rechtsextremen an allen erdenklichen Stellschrauben der Kultur begegnen. Und zugleich fordert der Kulturstaatsminister die Filmbranche auf, sich stärker zu orientieren 'an Publikumswünschen, am Markt'. ... Wie soll sich die deutsche Filmkultur aus der Zwickmühle von neoliberalem Vermarktungszwang und rechtem Kulturkampf befreien, wenn niemand da ist, der genau dies verlangt: eine Filmkultur, die weder dem Markt noch der Politik unterworfen ist, sondern ihrem Wesen folgt: Freiheit in die Bilder, Bilder in Freiheit zu bringen."
Archiv: epd Film
Stichwörter: Kino, Deutscher Film

The Atlantic (USA), 09.12.2025

Die Korruption in Donald Trumps Amerika - von Putins Russland ganz zu schweigen - ist größer als die in der Ukraine, erklärt Anne Applebaum, die sich etwas mehr Nuancen in der Berichterstattung über die Ukraine wünschen würde: "Die Ukraine kämpft um ihr Überleben. Fast jede Nacht werden ukrainische Städte von Drohnen und Raketen getroffen. Dennoch wünschen sich viele Ukrainer auch jetzt noch eine Regierung, die der Öffentlichkeit gegenüber rechenschaftspflichtig ist", so Applebaum, die daran erinnert, was mit Alexej Nawalny geschah, nachdem er die Korruption Putins in dem Film "Putins Palast" für jeden sichtbar offengelegt hatte. Und die Amerikaner? "Steve Witkoff, ein Immobilienentwickler, und Jared Kushner, der Schwiegersohn des Präsidenten und Eigentümer einer Investmentgesellschaft, die 2 Milliarden Dollar aus Saudi-Arabien erhalten hat, führen derzeit die Hauptverhandlungen. Ihr russischer Gegenpart ist Kirill Dmitriev, der Leiter des russischen Staatsfonds, der enge Beziehungen zu seinem saudischen Pendant unterhält. Es wird vermutet, dass er Kushner bei Geschäften am Golf kennengelernt hat. Im vergangenen Monat enthüllte das Wall Street Journal, dass sich diese drei Geschäftsleute im Oktober in Miami Beach getroffen haben, um nicht nur über die Ukraine, sondern auch über zukünftige russisch-amerikanische Geschäftsabschlüsse zu sprechen. Russische Geschäftsleute, die als Putin nahestehend bekannt sind, haben amerikanischen Unternehmen 'Milliarden-Deals mit Seltenen Erden und Energie' in Aussicht gestellt, um 'die wirtschaftliche Landkarte Europas neu zu gestalten - und gleichzeitig einen Keil zwischen Amerika und seine traditionellen Verbündeten zu treiben', erklärte das Journal. Witkoff und Kushner nehmen keine Schmiergelder für Regierungsaufträge an, wie es einigen ukrainischen Beamten derzeit vorgeworfen wird. Die Korruption, für die sie stehen, ist tiefgreifender: Sie nutzen die Instrumente des amerikanischen Staates in einer Weise, die ihren Freunden und Geschäftspartnern zugute kommt, während sie gleichzeitig den Verbündeten Amerikas, den amerikanischen Bündnissen und dem Ansehen Amerikas schweren Schaden zufügen." In der Ukraine hingegen ermittelt eine staatliche Institution gegen die eigenen Regierung.
Archiv: The Atlantic