Magazinrundschau
Sehnsucht nach einer unentfremdeten Existenz
Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.08.2025. The Atlantic stellt die besonders radikalen Fraktionen der "Democratic Socialists of America" vor, die sich unter anderem die Zerstörung der amerikanischen Demokratie vorgenommen haben. New Lines berichtet über nordafrikanische Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in illegalen Bordellen der französischen Armee schuften mussten. The New Yorker erzählt, wie der französisch-israelische Telekommunikationsmilliardär Patrick Drahi das Auktionshaus Sotheby's ins Chaos stürzte. Meduza lässt sich von der Tochter der tschetschenischen Journalistin Natalja Estemirowa, die von Kadyrow-Schergen ermordet wurde, von der Furchtlosigkeit ihrer Mutter erzählen.
The Atlantic | HVG | Elet es Irodalom | Quietus | Guardian | Tablet | New Lines Magazine | New Yorker | Meduza | Eurozine | The Insider | Himal
The Atlantic (USA), 24.08.2025
Haben Sozialisten in den USA derzeit Oberwasser? Der Sieg Zohran Mamdanis bei den internen Vorwahlen der Demokraten im Vorfeld der New Yorker Bürgermeisterwahl scheint das nahe zu legen. Der Historiker Arash Azizi berichtet über die "Democratic Socialists of America", deren Mitglied Mamdani ist, und vermittelt einen anderen Eindruck; Die Organisation wird nicht von linken Pragmatikern wie Mamdani, Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez dominiert, sondern von sektiererischen, oft offen antidemokratischen Spinnern: Auf dem jüngsten Parteitag der Sozialisten deutete jedenfalls wenig "auf eine breite politische Bewegung hin, die darauf abzielt, Wahlen zu gewinnen und an die Macht zu kommen. Mamdani, AOC und Sanders waren abwesend, ebenso wie ihr einladender, praxisorientierter Politikstil. Tatsächlich hat die nationale Führung der DSA beschlossen, AOC nicht zu unterstützen, und viele in der Organisation stehen ihr inzwischen offen feindlich gegenüber. Einige brachten auf dem Parteitag sogar eine Resolution ein, um sie offiziell wegen ihrer 'stillen Unterstützung des Zionismus' zu rügen (...) Die überwiegend junge und weiße Teilnehmerschaft sprach kaum über die Präsidentschaft Donald Trumps (ein Antrag, eine solche Diskussion zu führen, wurde früh abgelehnt) und schien aus einem Zusammenschluss von Aktivisten zu bestehen, von denen viele auf Einzelthemen fokussiert waren. Einige waren damit beschäftigt, gegen das Fehlen einer Maskenpflicht auf dem Parteitag zu protestieren." Später im Text wird es noch gruseliger, etwa wenn Azizi die besonders radikalen Fraktionen der amerikanischen Sozialisten vorstellt. Diese umfassen beispielsweise "Red Star, einen selbsternannten 'marxistisch-leninistischen Flügel', der Hamas offen unterstützt und 'die Rolle der Vorhut bei der Organisation der Revolution' betont. Während Leute wie Sanders seit Langem den New Deal loben, verurteilt diese Gruppe dieses Modell als 'Zugeständnis an die weiße Arbeiterklasse, um ihre Loyalität gegenüber dem kapitalistischen Staat zu sichern'. In ähnlicher Weise kritisiert sie den von Sanders und AOC befürworteten Green New Deal, weil dieser es versäume, 'ein klares Bekenntnis zum Rückbau des Siedlerkolonialismus und des amerikanischen imperialistischen Projekts' zu formulieren. Ein weiterer Flügel, die Marxist Unity Group, fordert, dass sich die DSA 'von der Demokratischen Partei befreit und 'kämpft, um die Verfassung zu stürzen', mit dem Ziel, 'jede Institution zu zerstören, die dem Volk eine echte Volksdemokratie verweigert - einschließlich der Abschaffung des Senats, des Electoral College, des Obersten Gerichtshofs und des unabhängigen Präsidentenamts.'"Guardian (UK), 21.08.2025
Tablet (USA), 21.08.2025
New Lines Magazine (USA), 22.08.2025
Die Historikerin Catherine Phipps zeichnet nach, wie die französische Armee nach dem offiziellen Verbot von Bordellen im Jahr 1946 heimlich militärische Bordelle "bordels militaires de campagne" (BMCs) betrieb und dort hunderte afrikanische Frauen - oftmals gegen ihren Willen - festhielt, um nordafrikanischen Soldaten, die für Frankreich kämpften, sexuelle Dienste zu leisten. Nach dem Ende des Krieges warteten hunderttausende nordafrikanische Soldaten in Frankreich auf ihre Entlassung, so Phipps. Als nun Frankreich offiziell das Betreiben von Bordellen verbot, meinte das französische Militär vor einem großen Problem zu stehen: "Laut Oberstleutnant Palange, einem der Kommandeure der marokkanischen Truppen, sei es 'unrealistisch', von nordafrikanischen Truppen zu erwarten, monatelang ohne Sex auszukommen. Rassistische koloniale Vorstellungen über den Sexualtrieb nordafrikanischer Männer führten zu erneuten Befürchtungen hinsichtlich der Sicherheit - oder 'Reinheit' - französischer Frauen in den umliegenden Gebieten." Das Ganze sollte geheim gehalten werden, "die einzigen, die davon wissen sollten, waren die Armeebeamten, die Frauen aus Bordellen in nordafrikanischen Städten rekrutierten, und die 'Patrones' - die Bordellchefinnen -, die sie leiten sollten." Der Umgang mit den Frauen war brutal, sie mussten teilweise mit bis zu zwanzig Männern in einer Nach schlafen. Sie wurden außerdem gezwungen, sich drei erniedrigenden "'Gesundheitsbesuchen' pro Woche zu unterziehen. Dabei handelte es sich um Genitaluntersuchungen zur Feststellung sexuell übertragbarer Krankheiten (meistens Syphilis). (...) Diese Ärzte wurden anhand medizinischer Broschüren geschult, die ihnen erklärten, dass fast alle marokkanischen Frauen an Syphilis litten, dies aber zu verheimlichen versuchten. Das bedeutete, dass sie den Frauen in den Bordellen mit Misstrauen begegneten und davon ausgingen, dass sie logen, wenn sie behaupteten, gesund zu sein. Kondome waren selten. Große Schränke in den Bordellen waren voller Antiseptika, mit denen sich die Frauen nach dem Sex duschen sollten. Dazu gehörte Kaliumpermanganat, das die Haut verätzte und violett färbte. Die Männer sollten ihre Penisse mit dieser Flüssigkeit 'spülen', aber nur wenige taten dies, weil es so unangenehm war - und weil niemand einen violetten Penis wollte."New Yorker (USA), 25.08.2025

Chris Ware erinnert im New Yorker an die Künstlerin Mary Petty, die zahlreiche Cover mit Klassiker-Status für das Magazin gestaltet hat. Sie zeigen die Familie Peabody, die vom sozialen Abstieg bedroht sind: "Sie sind erkennbar an ihren Gesichtern und ihrer wohlhabenden gesellschaftlichen Stellung, aber auch ihrer besonderen Einsamkeit. Die Familie erscheint häufig eingenistet in ihr großes Brownstone-House und sie werden angeführt von der älteren Witwe Mrs. Peabody, die sich an ihrem Wohlstand festhält, während Modernität und Irrelevanz durch die Wände schleichen. Zumindest scheint es das zu sein, was los ist. Bei näherem Hinsehen finden sich tiefere Wunden als nur die des Statusverlusts. Auf einem der Cover sitzt Mrs. Peabody an ihrem opulent gedeckten Esstisch, gesetzt hält sie ein Buch und ignoriert ihren kahlköpfigen mittelalten Tischgenossen; erst nachdem man das Gemälde an der Wand betrachtet, ein Junge mit seiner Mutter, realisiert man, dass es sich um ihren Sohn handelt (und dann bemerkt man den leeren Stuhl zwischen ihnen). Ihre Konstrastfigur in der Serie ist Fay, ein Hausmädchen, das nach ihrer zunehmend isolierten Chefin schaut, und deren eigenes Lebens genauso unsichtbar vorbeizuziehen scheint. (…) Die Zeit vergeht und Petty enthüllt eine feinsinnige Beziehung. Fay, nicht länger unsichtbar, spielt Karten mit Mrs. Peabody. Für Silvester holen die beiden den Champagner raus. Und dann zieht Mrs. Peabody, die mehr als je zuvor wie ein Geist aussieht, an ihrem Glockenseil, um Fay herbeizurufen - aber der gealterte, morsche Stoff reißt in ihrer Hand und ihre Perlen liegen auf dem Fußboden verstreut."
Meduza (Lettland), 22.08.2025

Eurozine (Österreich), 21.08.2025
Die Proteste in Belarus 2020 waren für viele Belarusen geradezu ein Schock, erinnert sich der belarusische Dichter und Übersetzer Uladzimir Liankievic: Sollten sich die jahrhundertealten Hoffnungen der nationalen Befreiungsbewegung endlich bewahrheiten? Heute ist nicht viel von diesen Hoffnungen übriggeblieben: "Ich habe mich bis Mitte 2023 in Belarus durchgeschlagen, dann hat mich das Schicksal nach Polen verschlagen. Die banale Geschichte einer durchschnittlichen Statistik. Es spielt keine Rolle, wie viele es von uns gibt, ob hunderttausend oder eine halbe Million. Auch wir existieren, ob wir in den Ländern, in denen wir Zuflucht gefunden haben, wahrgenommen werden oder nicht, und ob wir in unserer Heimat in Erinnerung bleiben oder nicht. Diese neue Auswanderungswelle nutzt die Errungenschaften der modernen Welt, um Zeit und Raum zu überlisten. Wir sind nicht vollständig aus Belarus verschwunden, aber unsere Präsenz in unseren neuen Ländern ist nur bruchstückhaft. Es ist, als würde ein Gruppenfoto von uns allen, das hastig mit einer Polaroidkamera aufgenommen wurde, langsam verblassen, während das Foto von uns an unserem neuen Ort noch nicht vollständig entwickelt ist, egal wie sehr man es schüttelt. Es gibt diejenigen, die vor fast fünf Jahren weggegangen sind, die ihr Eigentum verkauft und ihre Familie mitgenommen haben: Man kann ihr Profil kaum noch erkennen. Dann gibt es diejenigen, die mit ihrer Heimat in Kontakt bleiben und Gäste von dort empfangen. Und es gibt diejenigen, die alles riskieren, um Belarus zu besuchen, ein Land, das zur Hälfte von Russland besetzt ist. Neulich zitierte ein Freund von mir bei einer Tasse Kaffee einen gemeinsamen Bekannten, der sagte, es sei an der Zeit, dass wir uns die örtlichen Friedhöfe genau ansehen und entscheiden, wo wir begraben werden wollen, sei es in Warschau, Vilnius, Berlin ..."The Insider (Russland), 20.08.2025
Himal (Nepal), 22.08.2025
HVG (Ungarn), 19.08.2025
Die Regisseurin Ildikó Enyedi, die unter anderem die Filme "Körper und Seele" und "Die Geschichte meiner Frau" gedreht hat, unterhält sich im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über ihren neuen Film "Stiller Freund", der im botanischen Garten der Uni Marburg spielt, sowie über die Tatsache, dass dieser im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig in Konkurrenz mit dem Film des ebenfalls ungarischen Filmemachers László Nemes Jeles (u.a. "Son of Saul") läuft: "Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Mit Geschichten teilt er seine Freude, seinen Schmerz und seine Gedanken über die Welt mit anderen. So kommuniziert auch mein Film mit Geschichten. Aber die Schwerpunkte verschieben sich. Wir können eine andere Welt erahnen, eine andere Wahrnehmung als unsere eigene. Vor allem, dass unsere Wahrnehmung nicht die Norm ist, sondern nur eine von vielen. Diejenigen, die den Film gesehen haben, berichten von einem Erlebnis des Eintauchens, auch die Zeit vergeht etwas anders als bei den meisten narrativen Kinofilmen. Goethes naturwissenschaftliche Werke haben mich sehr beeinflusst. 'Zarte Empirie' - dieser von Goethe geprägte Begriff, den man heute als partizipative Forschung bezeichnet, durchdringt die gegenwärtige Naturwissenschaft. Der Experimentator ist kein gottgleicher objektiver Außenstehender, sondern untrennbarer Teil des Experiments. Zarte Empirie: Vielleicht beschreibt dieser Begriff unseren Film am treffendsten. (…) Seit seinem beeindruckenden Kurzfilm 'Türelem' (Geduld) bin ich ein großer Fan von Nemes Jeles. Es ist natürlich nicht ideal, wenn ungarische Filmemacher miteinander konkurrieren, aber wir stehen uns nicht im Weg. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir beide in Venedig dabei sein werden. Das Feld ist dieses Mal sehr stark. Das nächste Jahr wird für Kinogänger ein gutes Jahr, denn sie können sich auf viele gute Filme von herausragenden Filmemachern freuen."Elet es Irodalom (Ungarn), 19.08.2025

Quietus (UK), 20.08.2025
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