Magazinrundschau

Sehnsucht nach einer unentfremdeten Existenz

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
25.08.2025. The Atlantic stellt die besonders radikalen Fraktionen der "Democratic Socialists of America" vor, die sich unter anderem die Zerstörung der amerikanischen Demokratie vorgenommen haben. New Lines berichtet über nordafrikanische Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in illegalen Bordellen der französischen Armee schuften mussten. The New Yorker erzählt, wie der französisch-israelische Telekommunikationsmilliardär Patrick Drahi das Auktionshaus Sotheby's ins Chaos stürzte. Meduza lässt sich von der Tochter der tschetschenischen Journalistin Natalja Estemirowa, die von Kadyrow-Schergen ermordet wurde, von der Furchtlosigkeit ihrer Mutter erzählen. 

The Atlantic (USA), 24.08.2025

Haben Sozialisten in den USA derzeit Oberwasser? Der Sieg Zohran Mamdanis bei den internen Vorwahlen der Demokraten im Vorfeld der New Yorker Bürgermeisterwahl scheint das nahe zu legen. Der Historiker Arash Azizi berichtet über die "Democratic Socialists of America", deren Mitglied Mamdani ist, und vermittelt einen anderen Eindruck; Die Organisation wird nicht von linken Pragmatikern wie Mamdani, Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez dominiert, sondern von sektiererischen, oft offen antidemokratischen Spinnern: Auf dem jüngsten Parteitag der Sozialisten deutete jedenfalls wenig "auf eine breite politische Bewegung hin, die darauf abzielt, Wahlen zu gewinnen und an die Macht zu kommen. Mamdani, AOC und Sanders waren abwesend, ebenso wie ihr einladender, praxisorientierter Politikstil. Tatsächlich hat die nationale Führung der DSA beschlossen, AOC nicht zu unterstützen, und viele in der Organisation stehen ihr inzwischen offen feindlich gegenüber. Einige brachten auf dem Parteitag sogar eine Resolution ein, um sie offiziell wegen ihrer 'stillen Unterstützung des Zionismus' zu rügen (...) Die überwiegend junge und weiße Teilnehmerschaft sprach kaum über die Präsidentschaft Donald Trumps (ein Antrag, eine solche Diskussion zu führen, wurde früh abgelehnt) und schien aus einem Zusammenschluss von Aktivisten zu bestehen, von denen viele auf Einzelthemen fokussiert waren. Einige waren damit beschäftigt, gegen das Fehlen einer Maskenpflicht auf dem Parteitag zu protestieren." Später im Text wird es noch gruseliger, etwa wenn Azizi die besonders radikalen Fraktionen der amerikanischen Sozialisten vorstellt. Diese umfassen beispielsweise "Red Star, einen selbsternannten 'marxistisch-leninistischen Flügel', der Hamas offen unterstützt und 'die Rolle der Vorhut bei der Organisation der Revolution' betont. Während Leute wie Sanders seit Langem den New Deal loben, verurteilt diese Gruppe dieses Modell als 'Zugeständnis an die weiße Arbeiterklasse, um ihre Loyalität gegenüber dem kapitalistischen Staat zu sichern'. In ähnlicher Weise kritisiert sie den von Sanders und AOC befürworteten Green New Deal, weil dieser es versäume, 'ein klares Bekenntnis zum Rückbau des Siedlerkolonialismus und des amerikanischen imperialistischen Projekts' zu formulieren. Ein weiterer Flügel, die Marxist Unity Group, fordert, dass sich die DSA 'von der Demokratischen Partei befreit und 'kämpft, um die Verfassung zu stürzen', mit dem Ziel, 'jede Institution zu zerstören, die dem Volk eine echte Volksdemokratie verweigert - einschließlich der Abschaffung des Senats, des Electoral College, des Obersten Gerichtshofs und des unabhängigen Präsidentenamts.'"
Archiv: The Atlantic

Guardian (UK), 21.08.2025

Sind "Babyklappen", also Einrichtungen, die es Müttern - oder wem auch immer - ermöglichen, Säuglinge anonym bei medizinischen Institutionen abzugeben, wo sie dann zumeist Adoptivfamilien zugeführt werden, sinnvolle Einrichtungen? Laura Spinney untersucht diese Frage aus verschiedenen Perspektiven. Wissenschaftliche Untersuchungen jedenfalls lassen Zweifel aufkommen. Es gibt "Hinweise darauf, dass Babyklappen genau das fördern, was sie eigentlich verhindern sollen. Als die dänische Regierung darüber beriet, ob sie eingeführt werden sollten, beauftragte sie Laura Navne und Marie Jakobsen vom Dänischen Nationalen Zentrum für Sozialforschung in Kopenhagen mit einer Untersuchung der Auswirkungen von Babyklappen in zehn wohlhabenden Ländern. Das überraschende Ergebnis, veröffentlicht 2021, lautete: 'Babyklappen erhöhen die Häufigkeit von Kindesaussetzungen.' Die Regierung entschied sich daraufhin gegen ihre Einführung. Das dänische Ergebnis deckt sich mit jüngsten historischen Forschungen in Italien, die zeigen, dass die Aussetzungsraten sanken, nachdem die Findelräder, Vorläufer der Babyklappen, im 19. Jahrhundert abgeschafft wurden. Diese wurden einerseits von armen Familien mit mehr Kindern, als sie ernähren konnten, genutzt, andererseits stellten sie eine geheime, gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit dar, unehelich geborene Babys loszuwerden. Damit verfestigten sie das Stigma unverheirateter Mütter, während Väter nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Heutige Babyklappen existieren in einem anderen kulturellen Kontext, erfüllen aber laut den Autorinnen der Studie ebenfalls diese doppelte Funktion - den Schutz von Säuglingen und gleichzeitig die Aufrechterhaltung eines Systems, das die Ursachen von Kindesaussetzungen nicht an der Wurzel bekämpft."
Archiv: Guardian
Stichwörter: Babyklappen

Tablet (USA), 21.08.2025

Der israelische Historiker Gadi Taub nimmt Bezug auf einen Artikel im New York Times Magazine (unser Resümee), in dem die drei Autoren, die These vertreten, dass Benjamin Netanjahu den Krieg in Gaza zum Zwecke des eigenen Machterhalts verlängert. Taub widerspricht vehement: "Die Wahrheit ist: Nichts würde Netanjahu politisch mehr nützen als eine Beendigung des Krieges, solange er mit einem Sieg endet. Je länger sich der Krieg ohne Sieg hinzieht, desto mehr Unterstützung verliert er, insbesondere unter seiner Basis. Mit anderen Worten: Sowohl die Darstellung der israelischen Interessen als auch die Annahmen des New York Times Magazine über Netanjahus politisches Kalkül sind falsch. Gleiches gilt für die Behauptungen über Netanjahus Koalitionspartner, die der Artikel falsch darstellt. Der sogenannte radikale Flügel der Koalition drängt auf ein schnelles Ende des Krieges durch einen entscheidenden Sieg. Die Kritik, die er an Netanjahu übte, richtete sich gegen seine Kriegsverlängerung durch endlose Verhandlungen über ein weiteres temporäres Abkommen, das den Geiseln Vorrang vor Israels Sieg einräumt. Hätte Netanjahu seine Koalitionspartner zufriedengestellt, befänden wir uns jetzt in der letzten Phase dieses Krieges, zielstrebig darauf ausgerichtet, die Überreste der Hamas zu zerschlagen. Natürlich hat Israel diesen Kurs in dem in der alternativen Geschichte des Magazins beschriebenen Zeitraum nicht verfolgt."
Archiv: Tablet

New Lines Magazine (USA), 22.08.2025

Die Historikerin Catherine Phipps zeichnet nach, wie die französische Armee nach dem offiziellen Verbot von Bordellen im Jahr 1946 heimlich militärische Bordelle "bordels militaires de campagne" (BMCs) betrieb und dort hunderte afrikanische Frauen - oftmals gegen ihren Willen - festhielt, um nordafrikanischen Soldaten, die für Frankreich kämpften, sexuelle Dienste zu leisten. Nach dem Ende des Krieges warteten hunderttausende nordafrikanische Soldaten in Frankreich auf ihre Entlassung, so Phipps. Als nun Frankreich offiziell das Betreiben von Bordellen verbot, meinte das französische Militär vor einem großen Problem zu stehen: "Laut Oberstleutnant Palange, einem der Kommandeure der marokkanischen Truppen, sei es 'unrealistisch', von nordafrikanischen Truppen zu erwarten, monatelang ohne Sex auszukommen. Rassistische koloniale Vorstellungen über den Sexualtrieb nordafrikanischer Männer führten zu erneuten Befürchtungen hinsichtlich der Sicherheit - oder 'Reinheit' - französischer Frauen in den umliegenden Gebieten." Das Ganze sollte geheim gehalten werden, "die einzigen, die davon wissen sollten, waren die Armeebeamten, die Frauen aus Bordellen in nordafrikanischen Städten rekrutierten, und die 'Patrones' - die Bordellchefinnen -, die sie leiten sollten." Der Umgang mit den Frauen war brutal, sie mussten teilweise mit bis zu zwanzig Männern in einer Nach schlafen. Sie wurden außerdem gezwungen, sich drei erniedrigenden "'Gesundheitsbesuchen' pro Woche zu unterziehen. Dabei handelte es sich um Genitaluntersuchungen zur Feststellung sexuell übertragbarer Krankheiten (meistens Syphilis). (...) Diese Ärzte wurden anhand medizinischer Broschüren geschult, die ihnen erklärten, dass fast alle marokkanischen Frauen an Syphilis litten, dies aber zu verheimlichen versuchten. Das bedeutete, dass sie den Frauen in den Bordellen mit Misstrauen begegneten und davon ausgingen, dass sie logen, wenn sie behaupteten, gesund zu sein. Kondome waren selten. Große Schränke in den Bordellen waren voller Antiseptika, mit denen sich die Frauen nach dem Sex duschen sollten. Dazu gehörte Kaliumpermanganat, das die Haut verätzte und violett färbte. Die Männer sollten ihre Penisse mit dieser Flüssigkeit 'spülen', aber nur wenige taten dies, weil es so unangenehm war - und weil niemand einen violetten Penis wollte."

New Yorker (USA), 25.08.2025

Sam Knight erzählt, wie der französisch-israelische Telekommunikationsmilliardär Patrick Drahi im Jahr 2019 das Auktionshaus Sotheby's kaufte - und es ins Chaos stürzte. Knight schildert die unterschiedlichen "disruptiven" Konzepte, mit denen Drahi versuchte, die Unternehmensstrukturen zu verändern, um Geld zu sparen. Aber - ein Auktionshaus für Kunst ist nunmal nicht wie jedes andere Unternehmen: Seit 2019 haben "hunderte von Mitarbeitern Sotheby's verlassen - Schätzungen zufolge bis zu einem Viertel der Belegschaft - darunter Dutzende von Spezialisten, die die für den Unternehmensgewinn wichtigen Konsignationen einbringen. Als "die Pandemie abflaute, stellten die Mitarbeiter, die in die Londoner Büros zurückkehrten, einen Mangel an Technikern fest, die sich um die Objekte kümmerten und sie fachgerecht aufhängten. Einige Werke, die zuvor an J-Haken hingen, hingen nun an Drähten, was es schwieriger machte, Bilder bündig an die Wand zu hängen. 'Uns wurde gesagt, das sei zu teuer', erzählte mir ein ehemaliger Spezialist aus einer kleineren Abteilung. 'Es sah einfach beschissen und billig aus.' Marketingbudgets, Kundenessen, Reisen zur Art Basel - die konsumfreudige Atmosphäre - all das wurde knapper. Für Menschen, die es gewohnt waren, Kunst zu verkaufen, stellten die Kürzungen ein Paradox der Sparsamkeit dar, das ihre Gesamtergebnisse beeinträchtigte. 'Denn es geht um Beziehungen', erklärte der Spezialist. 'Wenn man die Zeit begrenzt, die die Leute im Auktionsraum vor den Werken verbringen, begrenzt man auch ihr Interesse, ihre Sehnsucht danach, ihr Potenzial.' Die Mitarbeiter der Kunstabteilung von Sotheby's - dem historischen Kern des Auktionshauses - bemerkten eine neue Distanz zwischen ihnen und der Unternehmensführung. Im Vergleich zu ihren Vorgängern reduzierten Stewart und seine Führungskräfte die Zeit, die sie mit den Spezialisten verbrachten drastisch. "Sie haben viel Reibung innerhalb der Organisation verursacht, indem sie die Experten nicht als Experten behandelten', sagte der ehemalige Spezialist. Der New Yorker Kunstberater sagte mir: 'Wissen Sie, diese Auktionshausspezialisten wurden gewissermaßen zu Verkäufern degradiert, was dem Sinn einer Beziehung widerspricht.'" 

Chris Ware erinnert im New Yorker an die Künstlerin Mary Petty, die zahlreiche Cover mit Klassiker-Status für das Magazin gestaltet hat. Sie zeigen die Familie Peabody, die vom sozialen Abstieg bedroht sind: "Sie sind erkennbar an ihren Gesichtern und ihrer wohlhabenden gesellschaftlichen Stellung, aber auch ihrer besonderen Einsamkeit. Die Familie erscheint häufig eingenistet in ihr großes Brownstone-House und sie werden angeführt von der älteren Witwe Mrs. Peabody, die sich an ihrem Wohlstand festhält, während Modernität und Irrelevanz durch die Wände schleichen. Zumindest scheint es das zu sein, was los ist. Bei näherem Hinsehen finden sich tiefere Wunden als nur die des Statusverlusts. Auf einem der Cover sitzt Mrs. Peabody an ihrem opulent gedeckten Esstisch, gesetzt hält sie ein Buch und ignoriert ihren kahlköpfigen mittelalten Tischgenossen; erst nachdem man das Gemälde an der Wand betrachtet, ein Junge mit seiner Mutter, realisiert man, dass es sich um ihren Sohn handelt (und dann bemerkt man den leeren Stuhl zwischen ihnen). Ihre Konstrastfigur in der Serie ist Fay, ein Hausmädchen, das nach ihrer zunehmend isolierten Chefin schaut, und deren eigenes Lebens genauso unsichtbar vorbeizuziehen scheint. (…) Die Zeit vergeht und Petty enthüllt eine feinsinnige Beziehung. Fay, nicht länger unsichtbar, spielt Karten mit Mrs. Peabody. Für Silvester holen die beiden den Champagner raus. Und dann zieht Mrs. Peabody, die mehr als je zuvor wie ein Geist aussieht, an ihrem Glockenseil, um Fay herbeizurufen - aber der gealterte, morsche Stoff reißt in ihrer Hand und ihre Perlen liegen auf dem Fußboden verstreut."
Archiv: New Yorker
Stichwörter: Cover Art, Sotheby, Drahi, Patrick

Meduza (Lettland), 22.08.2025

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Über die russisch-tschetschenische Journalistin und Historikerin Natalja Estemirowa, die 2009 mutmaßlich auf Geheiß von Ramsan Kadyrow ermordet wurde, spricht Lana Estemirowa, die auch ein Buch geschrieben hat, über die Arbeit ihrer Mutter und wie sie deren Tod erlebte. "Ich rief sie an und fragte sie: 'Hast du gegessen?', weil ich wusste, dass sie nicht viel kochte und nirgendwo hinging. Sie war einfach völlig in ihre Arbeit vertieft. Sie arbeitete Tag und Nacht, ohne sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Wenn ich mir die Artikel anschaue, die sie im letzten Jahr ihres Lebens unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht hat und in denen sie über Entführungen und öffentliche Hinrichtungen durch die Kadyrowzen schreibt, sehe ich, dass sie völlig furchtlos war. Ich habe ihre Artikel gelesen und gedacht: 'Mein Gott, es ist, als würde sie überhaupt nicht über die Konsequenzen nachdenken.' Ich machte mir schreckliche Sorgen um sie. Ich spielte immer wieder [Worst-Case-Szenarien] durch, als wollte ich mich darauf vorbereiten, wie es wäre, wenn sie nicht mehr da wäre. Es war ein Albtraum für mich. Im letzten Monat ihres Lebens wurden die Drohungen immer häufiger, und sogar ihre Kollegen wussten, dass sie nicht [in Tschetschenien] bleiben sollte. Sie überzeugten meine Mutter, dass es Zeit war zu gehen, und wir waren bereits dabei, unsere Dokumente und meinen Reisepass zu sortieren."
Archiv: Meduza

Eurozine (Österreich), 21.08.2025

Die Proteste in Belarus 2020 waren für viele Belarusen geradezu ein Schock, erinnert sich der belarusische Dichter und Übersetzer Uladzimir Liankievic: Sollten sich die jahrhundertealten Hoffnungen der nationalen Befreiungsbewegung endlich bewahrheiten? Heute ist nicht viel von diesen Hoffnungen übriggeblieben: "Ich habe mich bis Mitte 2023 in Belarus durchgeschlagen, dann hat mich das Schicksal nach Polen verschlagen. Die banale Geschichte einer durchschnittlichen Statistik. Es spielt keine Rolle, wie viele es von uns gibt, ob hunderttausend oder eine halbe Million. Auch wir existieren, ob wir in den Ländern, in denen wir Zuflucht gefunden haben, wahrgenommen werden oder nicht, und ob wir in unserer Heimat in Erinnerung bleiben oder nicht. Diese neue Auswanderungswelle nutzt die Errungenschaften der modernen Welt, um Zeit und Raum zu überlisten. Wir sind nicht vollständig aus Belarus verschwunden, aber unsere Präsenz in unseren neuen Ländern ist nur bruchstückhaft. Es ist, als würde ein Gruppenfoto von uns allen, das hastig mit einer Polaroidkamera aufgenommen wurde, langsam verblassen, während das Foto von uns an unserem neuen Ort noch nicht vollständig entwickelt ist, egal wie sehr man es schüttelt. Es gibt diejenigen, die vor fast fünf Jahren weggegangen sind, die ihr Eigentum verkauft und ihre Familie mitgenommen haben: Man kann ihr Profil kaum noch erkennen. Dann gibt es diejenigen, die mit ihrer Heimat in Kontakt bleiben und Gäste von dort empfangen. Und es gibt diejenigen, die alles riskieren, um Belarus zu besuchen, ein Land, das zur Hälfte von Russland besetzt ist. Neulich zitierte ein Freund von mir bei einer Tasse Kaffee einen gemeinsamen Bekannten, der sagte, es sei an der Zeit, dass wir uns die örtlichen Friedhöfe genau ansehen und entscheiden, wo wir begraben werden wollen, sei es in Warschau, Vilnius, Berlin ..."
Archiv: Eurozine
Stichwörter: Belarus

The Insider (Russland), 20.08.2025

Daria Nilova interviewt Menschen in den von Russland besetzten Gebieten (Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja), die weiterhin nicht aus ihren Städten wegziehen wollen, auch wenn von diesen nicht meh viel übrig ist. So erzählen Vera und Ljubow "Das Leben hier ist alles andere als ruhig. Wenn etwas explodiert, bebt das ganze Haus. Man kann nicht schlafen. Und es ist kalt. Die Häuser stehen ohne Fenster, ohne Türen, ohne Dächer. Wir heizen den Ofen an und setzen uns direkt darauf, um uns den Rücken zu wärmen. Wir warten einfach - darauf, dass das Wetter etwas wärmer wird und dass dieser Krieg endlich endet. Es ist immer dasselbe: Ein Angriff kommt, Fenster und Türen werden weggeblasen, Dächer werden abgerissen. Niemand macht sich die Mühe, etwas zu reparieren, weil ein weiterer Beschuss ohnehin alles wieder zerstören würde. Wir rufen einfach Arbeiter, die die Löcher flicken, damit wir den nächsten Angriff überleben können. Fast niemand ist mehr hier, vielleicht zehn Prozent, und alle sind älter. Ich [Liubov] kann das Land nicht verlassen - ich habe keinen ukrainischen Pass, nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Mein alter Pass war russisch, und ich hatte vor Kriegsbeginn keine Zeit, neue Papiere zu besorgen. Ich habe zwei Söhne in Russland. Einer ist kürzlich verstorben. Wenn der Krieg vorbei ist, möchte ich meinen jüngeren Sohn sehen und das Grab meines älteren Sohnes besuchen. Wir hören selten von jemandem. Kein Telefon, kein Geld, keine Rente. Wir überleben dank humanitärer Hilfe. Die wird einmal im Monat verteilt, aber ehrlich gesagt brauchen wir nichts weiter. (....) Wir warten nur darauf, dass dieser Krieg endet. Was können wir in unserem Alter schon tun? Wir werden nicht zu den Waffen greifen. Wir können nur beten. Es bricht uns das Herz - so viele verlorene Leben, überall Tod. In unserer Straße hat eine Rakete ein Haus getroffen. Sieben Menschen wurden getötet. Wir wollen nur, dass das Blutvergießen aufhört. Vor dem Krieg war Lyman eine ruhige, grüne Stadt. Jetzt gibt es Lyman nicht mehr."
Archiv: The Insider

Himal (Nepal), 22.08.2025

Ankush Pal berichtet über Shabdakalpa, ein seit 2017 an der Jadavpur Universität in Kalkutta entstehendes historisches digitales Wörterbuch für die bengalische Sprache: "Shabdakalpa, was frei übersetzt 'Vorstellungskraft' bedeutet, ist anders als alle bisherigen bengalischen Lexika. Als 'historisches Wörterbuch der bengalischen Sprache' konzipiert, zielt es darauf ab, einen Korpus aller bengalischen Texte von der frühesten Literatur bis zur Gegenwart zusammenzustellen. (…) Das Ergebnis ist ein elektronisches Archiv, das das erste Auftreten eines Wortes sowie seine sich im Laufe der Jahrhunderte verändernden Bedeutungen und Formen nachzeichnet. Shabdakalpa ist nicht nur eine Wortliste oder ein Übersetzungstool, sondern eine umfassende Aufzeichnung der Geschichte der bengalischen Sprache. (…) Durch die Zusammenführung jahrhundertelanger Schriftstücke an einem Ort wird Shabdakalpa einen beispiellosen Zugang zum kulturellen Gedächtnis der bengalischen Sprache bieten. Ein Student in Dhaka oder London könnte einen alten Dorfbegriff nachschlagen und Zitate dazu finden, wie er in Balladen aus dem 17. Jahrhundert, Zeitungen aus dem 19. Jahrhundert und moderner Literatur auftaucht - und so die Wege der Kolonialisierung, Migration und Innovation nachverfolgen, die seinen Weg in die Alltagssprache geprägt haben. Für Linguisten wird es eine Goldgrube sein, die es ihnen ermöglicht, Variationen in Grammatik oder Dialekt mit reichhaltigen historischen Daten nachzuverfolgen. Für Historiker und Literaturwissenschaftler wird es eine Grundlage für die Untersuchung kultureller Veränderungen bieten und beispielsweise aufzeigen, wann bestimmte Ideen oder Begriffe erstmals in den öffentlichen Diskurs Eingang gefunden haben."
Archiv: Himal
Stichwörter: Wörterbuch, Indien, Bengalen

HVG (Ungarn), 19.08.2025

Die Regisseurin Ildikó Enyedi, die unter anderem die Filme "Körper und Seele" und "Die Geschichte meiner Frau" gedreht hat, unterhält sich im Interview mit Zsuzsa Mátraházi über ihren neuen Film "Stiller Freund", der im botanischen Garten der Uni Marburg spielt, sowie über die Tatsache, dass dieser im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig in Konkurrenz mit dem Film des ebenfalls ungarischen Filmemachers László Nemes Jeles (u.a. "Son of Saul") läuft: "Der Mensch ist ein erzählendes Wesen. Mit Geschichten teilt er seine Freude, seinen Schmerz und seine Gedanken über die Welt mit anderen. So kommuniziert auch mein Film mit Geschichten. Aber die Schwerpunkte verschieben sich. Wir können eine andere Welt erahnen, eine andere Wahrnehmung als unsere eigene. Vor allem, dass unsere Wahrnehmung nicht die Norm ist, sondern nur eine von vielen. Diejenigen, die den Film gesehen haben, berichten von einem Erlebnis des Eintauchens, auch die Zeit vergeht etwas anders als bei den meisten narrativen Kinofilmen. Goethes naturwissenschaftliche Werke haben mich sehr beeinflusst. 'Zarte Empirie' - dieser von Goethe geprägte Begriff, den man heute als partizipative Forschung bezeichnet, durchdringt die gegenwärtige Naturwissenschaft. Der Experimentator ist kein gottgleicher objektiver Außenstehender, sondern untrennbarer Teil des Experiments. Zarte Empirie: Vielleicht beschreibt dieser Begriff unseren Film am treffendsten. (…) Seit seinem beeindruckenden Kurzfilm 'Türelem' (Geduld) bin ich ein großer Fan von Nemes Jeles. Es ist natürlich nicht ideal, wenn ungarische Filmemacher miteinander konkurrieren, aber wir stehen uns nicht im Weg. Es ist ein gutes Gefühl, dass wir beide in Venedig dabei sein werden. Das Feld ist dieses Mal sehr stark. Das nächste Jahr wird für Kinogänger ein gutes Jahr, denn sie können sich auf viele gute Filme von herausragenden Filmemachern freuen."
Archiv: HVG
Stichwörter: Enyedi, Ildiko

Elet es Irodalom (Ungarn), 19.08.2025

Zoltán Kovács, Chefredakteur der Zeitung, kommentiert die Worte des Ministerpräsidenten Viktor Orbán, der in der vergangenen Woche in mehreren Interviews der Ukraine indirekt drohte: "Was haben wir letztendlich in diesem Krieg getan? Wir haben uns so schnell wie möglich dem Aggressor angeschlossen, über den wir zwei Dinge mit Sicherheit wussten: Erstens, dass er Freiheitsbestrebungen stets niedergeschlagen und bestraft hat. Das wissen wir, wenn nicht aus anderen Quellen, dann aus unserer eigenen Geschichte. Zweitens, dass er über enorme Macht verfügt. Auch das wissen wir aus zuverlässiger Quelle, nämlich aus dem politischen Umfeld des Regierungschefs, der der Meinung ist, dass wir uns schon 1956 nicht hätten wehren sollen. (...) Dann erklärte die Regierung sehr schnell ihre Friedenszuneigung, was bedeutete, dass Orbán und seine Mitstreiter vom ersten Moment des Krieges an emotionslos zusahen, wie die Ukraine einen grausamen Krieg über sich erdulden musste. (…) Dann schwächte Orbán, wo immer es möglich war, die EU gerade in ihrem einheitlichen Vorgehen, während er manchmal in Rage geriet und sich selbst übertraf: 'Wir könnten den Zusammenbruch der Ukraine an einem einzigen Tag herbeiführen, an einem einzigen Tag, aber das ist nicht in unserem Interesse', sagte er (…). Laut dem Ministerpräsidenten bezieht die Ukraine einen Großteil ihres Stroms und Gases aus Ungarn, aber wenn 'ein Unfall passiert, ein paar Masten umfallen, ein paar Leitungen reißen, dann steht die Ukraine still'. So spricht der Ministerpräsident Ungarns. Mein Gott, mein Gott. Irgendwann müssen wir einmal aufklären, wie wir bis hierher gelangt sind, aber im Moment ist die wichtigere Frage, wie wir hier wieder herauskommen."
Stichwörter: Orban, Viktor, Ukrainekrieg

Quietus (UK), 20.08.2025

Mit dem zweiten Harmonia-Album "Deluxe" erschien vor 50 Jahren eines der international vielleicht einflussreichsten deutschen Popalben, ohne dass die breite deutsche Öffentlichkeit davon je nennenswert Notiz genommen hätte. Zurückgezogen im niedersächsischen Kleinstdorf Forst, nahmen die beiden Berliner Musiker Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius gemeinsam mit dem Düsseldorfer Gitarristen Michael Rother unter den Fittichen der Produzentenlegende Conny Plank eine Musik auf, die 1975 nicht nur Punk, sondern gleich auch noch Post-Punk vorwegnahm, wie Toby Manning in einer detaillierten Feinanalyse der auf diesem Album versammelten Stücke eindrucksvoll darlegt. "Jeder Track baut eine agitierte Bewegung nach vorne auf, die zunächst ins Staucheln gerät, dann aber in unstrukturierter Offenheit gedeiht - ein Punkt, an dem Anspannung in diesen ungewohnten Raum eindringt, bevor am Ende Gelassenheit einkehrt. Damit destilliert Harmonia die Mittsiebziger, als die niedergehende Sozialdemokratie die Bürger immer weniger zufriedenstellte und Strukturen, die einst Sicherheit versprachen - Vollbeschäftigung, Jobs fürs Leben -, zu lähmen begannen. Aus dieser Stasis erhob sich eine Fülle alternativer Lebens- und Arbeitsweisen (...), die heute wie Relikte einer untergegangenen Zivilisation wirken. Die Repression dieser Möglichkeitsräume durch das Establishment brachte in den späten Siebzigern Punk und die große Streikwelle hervor, bis Thatchers Konterrevolution Arbeit über Freizeit, Privatheit über Gesellschaftlichkeit und die Gegenwart über die Zukunft stellte. Die Tatsache, dass diese europäischste, zukunftsorientierteste und geselligste aller Alben aus der Mitte der Siebziger mit einem Stück endet, das beinahe Ambient ist, ist also kein Zufall. Die Geselligkeit hat sich zurückgezogen ..., doch der rhythmische Push der Synthesizer zeigt Kontinuität an. Nach dem bereits bekannten Muster verliert dieser Push sein Momentum, als synthetisches Vogelgezwitscher und Froschgequäke das Klangspektrum in einem pastoralen Exemplifikation füllt, die beinahe kosmisch ist. Der Rhythmus aber spielte in der Ferne weiter, begleitet von einer gedeckten Drum-Machine, was suggeriert, dass Sanftheit nicht Besänftigung heißen muss und Gelassenheit nicht dasselbe wie Stasis. ... Das ist nicht Ambiente als Duldung oder Resignation im Angesicht der Reaktion, sondern eine Wiederbehauptung der Sehnsucht der Mittsiebziger nach einer unentfremdeten Existenz. ... 'Deluxe' ist im wesentlichen der letzte Atemzug des klassischen Krautrock, seine Apotheose."

Archiv: Quietus