Magazinrundschau

Wie griechisches Feuer

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
05.08.2025. Wahlen zerstören die Demokratie, ist der polnische Soziologe und Kulturtheoretiker Jan Sowa in A2 überzeugt, nur das Losverfahren sei demokratisch. Aber auch gelangweilte junge Männer zerstören gern die Demokratie, lernt der Merkur von den Griechen. Der New Yorker lernt von Scott Anderson, warum Ruhollah Khomeini die iranische Linke hasste. Die Republik fragt sich, warum die serbische Studentenbewegung nach rechts driftet. The Comics Journal feiert die Fantasycomics Richard Corbens.

A2 (Tschechien), 04.08.2025

Einen ungewöhnlichen Vorschlag als Alternative zum Kampf zwischen Rechtspopulisten und liberalen Eliten macht der polnische Soziologe und Kulturtheoretiker Jan Sowa: die Rückkehr zum Losverfahren anstelle der repräsentativen Wahlen. "Meiner Meinung nach sind Wahlen ein strukturell verzerrter Mechanismus, der überdies von den sozialen Netzwerken und der Meinungen einflussreicher Oligarchen manipuliert wird, die über die Mittel verfügen, die öffentliche Debatte zu beeinflussen. Im Vergleich zu rechtsextremen Kampagnen kann die Linke in einem solchen System nicht mehr erfolgreich sein", meint Sowa in einem Gespräch mit Ondřej Slačálek. Seine Antwort auf dieses Problem möge komisch klingen, aber sie laute: "Randomisieren, nach zufallsbasierten Lösungen suchen. Wenn wir in die Zeit zurückgehen, als Demokratie erstmals als politisches System konzipiert wurde, also ins antike Griechenland, sprach Aristoteles davon, dass Wahlen charakteristisch für Oligarchien seien, während in Demokratien die Menschen per Los in Ämter gewählt werden." In der Antike habe die Idee der Zufallsauswahl eng den Prinzipien der Gleichberechtigung und der gleichen Stimmrechte entsprochen. Wahlen hingegen gäben den Bürgern keine gleiche Beteiligung an der Regierung. "Und wenn wir darüber nachdenken, meinen wir damit meist das aktive Wahlrecht, also dass jeder auf die gleiche Weise wählen kann - gleich, geheim usw. Wir denken, das sei bereits Demokratie. Es gibt jedoch auch das passive Wahlrecht, das Recht, gewählt zu werden. Und das war meiner Meinung nach der Schlüssel zur antiken Demokratietheorie. Demnach bedeutet Demokratie, dass jeder die gleiche Chance hat, zu regieren und Macht auszuüben. Und die alten Griechen glaubten, dass nur der Zufall, nur das Los unparteiisch ist, niemanden bevorzugt und niemanden benachteiligt, dass es nicht beeinflusst werden kann. Egal, ob man reich oder arm, gebildet oder ungebildet ist, ob man viele mächtige Freunde hat oder nicht, die Chancen, gewählt zu werden, sind für alle gleich."
Archiv: A2

Merkur (Deutschland), 01.08.2025

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Die beiden Gratistexte reflektieren die Fragilität von Demokratie. Der Germanist Helmut Müller-Sievers und der Software-Unternehmer Greg Laugero unterhalten sich über Christian Meiers berühmtes Athen-Buch von 1993, durch das man auch einiges über das Zeitalter des Trumpismus lernen kann. Müller-Sievers sagt: "Es kommt mir nach der Lektüre so vor… als seien die Rekrutierung und ständige Beschäftigung der Bevölkerung, als sei der immense Aufwand an Zeit und Geld, den die Demokratie kostet, ein Mittel, um die männliche Bevölkerung von ihrer selbstzerstörerischen Gewalt abzuhalten und sie auf die halb mythische, halb imaginäre Einheit namens 'Athen' einzuschwören. Sobald diese Anstrengung nachlässt, aufgrund von schwacher oder exzentrischer politischer Führung, dem Abnehmen der Bedrohung durch auswärtige Feinde, oder aufgrund von Naturkatastrophen (also genau der Trias von Entwicklungen, die uns heute begegnen), treten Gewalt und Grausamkeit wieder unverschämt auf."

Der Historiker Jürgen Osterhammel schreibt eine kleine Hommage auf den kürzlich gestorbenen Politologen Joseph S. Nye, der den Begriff der "Soft Power" erfunden und in mehreren Büchern immer neu beleuchtet hat. Eine Demokratie wie die amerikanische kann nach außen nicht allein auf Gewalt beruhen, erklärt Osterhammel. Trump zerstöre eine der Säulen, auf der die amerikanische Demokratie beruhte: "Anders als sein republikanischer Vorgänger George W. Bush und dessen 'neo-konservative' Einflüsterer, will Trump die Demokratie nicht verbreiten. Er schützt sie noch nicht einmal dort, wo es sie schon gibt, indem er Auslandssender schließt, Menschenrechtspolitik und Cyberabwehr einstellt und seinen Helfern gestattet, antidemokratische Kräfte in anderen Ländern zu stärken. Die US-Verfassung, seit zweieinhalb Jahrhunderten weltweit wegen ihrer ausbalancierten Gewaltenteilung bewundert, beschädigt er in ihrem Ursprungsland. Die amerikanische Wissenschaft weckt im Ausland plötzlich Sorge und Mitleid. Was Trump seinem Land antut, hat der frühere Harvard-Präsident Larry Summers beschrieben als 'to sacrifice its role as a beacon to the world and a source of attraction for the most talented young people all over the world'. Die USA hören auf, Magnet zu sein."
Archiv: Merkur

New Yorker (USA), 11.08.2025

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In Scott Andersons Buch "King of Kings" erfährt Daniel Immerwahr, von wie vielen Zufällen die iranische Revolution abhing und wie viele Unsicherheiten sich dabei auftaten: "Millionen von Iranern hatten, zu ihrer eigenen Überraschung, dafür gesorgt, dass das mächtigste Regime der Region einfach dahinschmolz. 'Glaubt ihr, wir hätten tatsächlich geplant, eine Revolution zu starten?', fragte einer von Khomeinis Vertrauten. 'Wir waren genauso überrascht wie alle anderen auch.' 'Tod dem Schah' war der Ruf der Revolution, aber er besagte nicht, was als nächstes geschehen sollte. Der Post-Schah-Staat war ein Mischmasch aus Krawatten und Turbanen, mit Bazargan als Premierminister und Khomeini irgendwo darüber schwebend. 'Man weiß oft nicht einmal, wer den Verkehr dirigiert', beschwerte sich Bazargan. Khomeini hat diese Unsicherheit ausgenutzt. Er hat sich bewegt wie 'ein Bulldozer, der alle Steine und Wurzel in seinem Weg niedermäht', so Bazargan. (…) Als er sicher im Sattel saß, hat sich Khomeini gegen seine früheren Verbündeten gewendet, insbesondere gegen die links von ihm. Sie waren keine 'wirklichen Linken', wie er betonte, sondern 'künstliche', die von Washington eingesetzt worden waren 'um uns zu sabotieren und zu zerstören'. In einer Reihe von Exekutionen hat Khomeinis Regierung 1988 tausende politische Gefangene getötet - Human Rights Watch spricht von 'zwischen 2800 und 5000', was vermutlich deutlich mehr sind als je in den vierzig Jahren der Schah-Herrschaft. Die Gefängnisse und Folterkammern wurden mit Kommunisten, Liberalen, Feministinnen, Homosexuellen, Baha'i und Monarchisten gefüllt. Man müsste meinen, dass solche Grausamkeiten die Islamische Republik destabilisiert hätten. Doch das ist nicht der Fall. Seit 1979 wurde der Iran von nur zwei Männern regiert: Ruhollah Khomeini und, seit seinem Tod 1989, von seinem früheren Gefolgsmann Ali Khamenei. Heute rangiert Khamenei unter den ältesten und am längsten regierenden Staatsoberhäuptern. Er ist der oberste Führer, die Generation Taylor Swifts kennt nur ihn."

Möchten Sie gern ewig leben? In Amerika poppen immer mehr Longevity Kliniken aus dem Boden, die ihrer superreichen Klientel ein deutlich längeres Leben versprechen. Ihre Zahl ist von ein paar hundert 2013 auf 3000 2025 gestiegen, erzählt Tad Friend. Es sind - Überraschung! - vor allem Männer, die darauf anspringen: "Bryan Johnson, der Gründer der Zahlungsplattform Braintree, einst reich, mollig und depressiv, ist heute, mit 47 Jahren, reich, durchtrainiert und entschlossen, ewig zu leben. Er gibt dafür jährlich eine Viertelmillion Dollar aus. Zu seinem Programm gehören eine Kalorienbeschränkung auf 1.977 Kalorien pro Tag, eine hochfrequente Stimulation seines Bauches, um die Wirkung von 20.000 Sit-ups zu simulieren, und die Stimulation seines Penis mit Stoßwellen aus zweifellos guten Gründen. Johnson leitet eine Bewegung namens 'Don't Die', deren Anhänger hoffen, dass auch sie ihren Körper und Geist neu programmieren können. Er veröffentlicht seine Biomarker online, von seinem Body-Mass-Index bis hin zur Gesamtdauer seiner nächtlichen Erektionen (drei Stunden und sechsunddreißig Minuten bei einem kürzlichen Klimakterium). Seine Gewohnheit, von seinen Mitarbeitern die Unterzeichnung von Vertraulichkeitsvereinbarungen zu verlangen und dann fast nackt unter ihnen herumzulaufen, hat ebenso wie seine Penis-Messwerte einige negative Kommentare hervorgerufen. Aber Johnson sagte mir, dass dies eine großartige Möglichkeit sei, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erregen. 'Wenn man jemandem sagt, er solle rechtzeitig ins Bett gehen, reagiert er mit Na und?', sagte er. 'Wenn man ihm sagt, dass schlechter Schlaf seine Erektionen ruiniert - dass er ohne nächtliche Erektionen eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hat, vorzeitig zu sterben -, ist das wirklich wirksam. Niemand möchte seine nächtlichen Erektionen verlieren. Das ist ein Männerding.'"
Archiv: New Yorker

Republik (Schweiz), 04.08.2025

Philine Bickhardt eröffnet eine interessante Perspektive auf die Studentenbewegung, die in Serbien seit Monaten gegen die Regierung von Aleksandar Vučić protestiert. Mit der Zeit hat sie sich zunehmend politisiert und ist zu einem ernstzunehmenden Gegner der Regierung geworden. Gleichzeitig jedoch beobachtet Bickhardt eine beunruhigende Entwicklung: Die Protestierenden orientieren sich zunehmend selbst stark nach rechts. Das konnte die Autorin am 28. Juni beobachten, an dem "traditionell der Kosovo-Schlacht auf dem Amselfeld im Jahr 1389 gedacht wird. Serbische Nationalisten leiten aus diesem Gründungsmythos Ansprüche auf Kosovo ab." Bei der großen Protestveranstaltung wurde "die Rhetorik vom Gründungsmythos immer wieder auf der Bühne bemüht, wie auch die Verteidigung des christlichen Europas gegen den 'islamischen Orient'", der sich aus der Besatzung Serbiens durch das Osmanische Reich herleitet, wie Bickhardt erklärt. Woher kommt der Rechtsdrall? "Die junge Generation um die zwanzig, sagen viele, sei in einem sehr nationalen und christlichen Umfeld aufgewachsen, in dem es keine Geschichtsaufarbeitung gegeben habe. Das erkläre zumindest teilweise die Rolle der Religion, aber auch des Kosovo bei dieser Generation. Es sei für sie - paradoxerweise - also kein Widerspruch, dass das Wort 'Kosovo' als Chiffre für einen imaginären Befreiungskampf funktioniere - obwohl Kosovo selber den meisten jungen Menschen gar nichts bedeute. Das befreit sie als politische Akteure nicht von Verantwortung, erklärt aber ein Stück weit, warum sie selbst dem Narrativ des 'Verrats' verhaftet bleiben."

Sebastian Backhaus berichtet vom Alltag nach dem Machtwechsel im gespaltenen Syrien, der geprägt ist von Unklarheit und steigender Unruhe. Ein herrlicher Tag, um im Mittelmeer baden zu gehen und sich zu entspannen, dachte sich Lubna Talib, Alawitin, Lehrerin und Stammgast des Ugarit-Strandes in Syrien. Früher ist Lubna dort regelmäßig mit ihren Freunden schwimmen gegangen, doch seit der Strand von sunnitischen Rebellen überwacht wird, welche nun einen Teil der Regierung darstellen, steht es schlechter um ihre Freiheit. Einen neuen Bikini braucht sie sich nicht zu kaufen, soviel ist klar, denn dank der neuen Verordnung sind nur noch Abayas, lange Gewänder, zum Schwimmen erlaubt: "'Bin ich in Afghanistan?', fragt sie sich.' Ich erkenne mein Latakia nicht mehr', sagt sie. Unter Assad war Latakia bekannt für seinen vergleichsweise modernen, säkularen Lifestyle. Das ist vorbei. Zwei Tage nach Lubna Talibs Strandbesuch, am 12. Juni, verkündet das Ministerium für Tourismus: Es werde erwartet, dass am öffentlichen Strand 'bedeckendere Badebekleidung getragen wird' - Kleidung, die einen Großteil des Körpers bedeckt. Auch für Männer gelten neue Regeln: 'Männer sollen ein Hemd tragen, wenn sie sich nicht im Wasser befinden.' Für Lubna Talib ist das Verbot, einen Bikini zu tragen, viel mehr als einfach eine neue Vorschrift. Sie fürchtet, dass dieser Eingriff in ihre Freiheit ein symbolischer und unheilbringender ist: der Beginn der Islamisierung Syriens, die sie als alawitische, aber säkulare Frau stigmatisieren und drangsalieren wird."
Archiv: Republik

Newsweek (USA), 05.08.2025

Indische CEOs leiten einige der die wichtigsten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt, weiß Gabriel Snyder: "Satya Nadella leitet Microsoft, Sundar Pichai Google, Leena Nair Chanel, Raj Subramaniam FedEx und bis letztes Jahr leitete Laxman Narasimhan Starbucks. Insgesamt werden in der diesjährigen Fortune 500-Liste elf Unternehmen von CEOs indischer Herkunft geführt, die Unternehmen mit einer gemeinsamen Marktkapitalisierung von über 6,5 Billionen US-Dollar leiten." Eine Studie, die Newsweek mit einem globalen Beratungsunternehmen für Führungskräfte erstellt hat, zeigt dem Reporter: indisch-stämmige CEOs sind risikofreudiger, belastbarer und anpassungsfähiger. Wie lässt sich das erklären? "Während in den 1970er und 1980er Jahren bahnbrechende IIT-Absolventen die Karriereleiter in Amerika erklommen, befand sich die gesamte Welt im Umbruch. Die Konformität im grauen Flanellanzug, die die Nachkriegswirtschaft geprägt hatte, begann zu bröckeln, als Technologieunternehmer in den Mittelpunkt rückten. Ein völlig neuer Führungsstil erforderte neue Fähigkeiten - Agilität statt Autorität, Innovation statt institutionellem Wissen und die Fähigkeit, mit ständigem Wandel umzugehen. Eine Generation indischer Führungskräfte war bestens auf das Unternehmenschaos vorbereitet. 'Als ich in Indien aufwuchs, lernte ich jeden Tag etwas Neues - aufgrund des Chaos und der Unklarheiten um mich herum', erklärt Ravi Kumar, CEO von Cognizant. 'Wer in Indien Auto fährt, kann überall auf der Welt Auto fahren.' Die inhärente Komplexität Indiens - mehr als 1,4 Milliarden Menschen, über 1.600 Sprachen und Dialekte, fragmentierte Bürokratien, ständig wechselnde politische Koalitionen - prägte Führungskräfte, die mit Unsicherheit umgehen konnten, gerade als die globale Geschäftskultur diese Fähigkeit zu fordern begann. Dies stand in krassem Gegensatz zur amerikanischen Unternehmenskultur der Nachkriegszeit, die in stabilen, vorhersehbaren Strukturen operierte."
Archiv: Newsweek

London Review of Books (UK), 24.07.2025

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Jonathan Parry vertieft sich in eine Geschichte der britischen Politik im Sudan 1882-98, geschrieben von Peter Hart. Eine zentrale Figur war General Charles George Gordon, der während des Mahdi-Aufstandes in Khartum getötet wurde, bevor eine britische Armee ihn und seine Männer erreichen konnte. Die Brutalität in diesem Krieg war sprichwörtlich, aber auch die Überheblichkeit des Generals: "In den Jahren nach seinem Tod war Gordon zu einem christlichen Märtyrer erhoben worden, der in den Sudan gegangen war, um sich gegen den Fanatismus und die Gewalt in Afrika, nicht zuletzt gegen den Sklavenhandel, zu stellen. Mit seiner Rache würde Großbritannien einen Schritt zur Beendigung dieser Übel tun. In Wirklichkeit war die Gordon-Affäre komplexer. Gordon lehnte den Sklavenhandel ab, aber sein Hauptfeind war die arrogante Misswirtschaft gieriger britischer und ägyptischer Beamter. Er unterschätzte den Mahdi und glaubte, ihn gegen andere Häuptlinge ausspielen zu können. Er ging davon aus, dass die Stammesführer des Sudan positiv reagieren würden, sobald korrupte Gouverneure durch Männer wie ihn ersetzt würden, die asketisch lebten und der arabischen Kultur wohlgesonnen waren. Aber er hatte ihnen nur sehr wenig zu bieten und verfügte ohne die Unterstützung des britischen Militärs über keine Autorität. Er verschmähte die Flucht und glaubte weiterhin, dass Unterstützung kommen würde, aber wenn dies nicht der Fall sein sollte, war die Vorstellung eines Märtyrertods angesichts seines starken Glaubens und seines Schicksalsbewusstseins nicht unattraktiv."

HVG (Ungarn), 31.07.2025

Der politische Druck auf die Regierungspartei und den Ministerpräsidenten Orbán in den letzten Wochen nimmt offenbar zu, denn es gibt gegenwärtig kein Meinungsforschungsinstitut, das nicht zumindest ein enges Rennen bei den Wahlen im kommenden Jahr voraussagt. In der von der Regierung dominierten Öffentlichkeit wird vor den Konsequenzen eines Regierungswechsels gewarnt. Árpád W. Tóta kann sich dennoch sehr gut eine Welt ohne Viktor Orbán vorzustellen: "Seit fünfzehn Jahren bauen seine Hofmedien das Narrativ auf, dass jede andere Regierung geradewegs in den nationalen Tod und den Bankrott führen würde. Sicherlich glauben das viele. Aber dazu müssen sie die Augen schließen und die Grenze meiden. Auf diese Weise werden sie nicht mit der schockierenden Nachricht konfrontiert, dass andere Länder keinen Orbán haben und trotzdem funktionieren. Polen, Rumänien, Slowenien und der Tschechischen Republik geht es gut - danke der Nachfrage. Ihre Kinder wurden nicht an die ukrainische Front verschleppt. Und es sieht so aus, als ob sie davon auch verschont bleiben und zwar ohne Putin in den Arsch zu kriechen. Sie wurden nicht von Migranten aufgefressen, ihre Kinder wurden nicht von George Soros umoperiert, ihnen wuchsen keine Mähnen wegen genetisch veränderten Pflanzen. Aber sie haben EU-Gelder aus dem Kohäsionsfonds erhalten, weil sie nicht als die fiesesten Diebe in Europa bekannt sind. Auch in diesen Ländern gibt es Familien, die ihren Lebensunterhalt verdienen, es gibt keinen Hunger, es gibt Arbeit und auch der Verkehr rollt. Ihre Identität? Die haben sie auch, sie können zum Beispiel mit Stolz behaupten, dass sie nicht die fiesesten Diebe Europas sind, weil das ja die Ungarn sind. Hunderte von Millionen Menschen leben glücklich und zufrieden, ohne dass eine Souveränitätsschutzbehörde auf sie aufpasst. Es gibt ein Leben ohne Orbán. Daraus folgt, dass auch Ungarn ohne ihn auskommen kann."
Archiv: HVG
Stichwörter: Ungarn, Orban, Viktor, Rumänien

The Comics Journal (USA), 30.07.2025

Tom Shapira spreizt sich kunsthistorisch ziemlich auf, wenn er erst von seinen Epiphanien bei der großen William-Turner-Ausstellung in London erzählt, um sich dann als Kontrast mit Richard Corbens "Den"-Fantasycomics aus den Siebzigern zu befassen, die gerade in einer Gesamtausgabe wieder auf den Markt kommen. Denn Corbens in der damaligen Undergroundszene entstandenen Comics sind in erster Linie deftig, vulgär, exzessiv - aber eben doch von einer atemberaubenden Durchgeknallt- und Durchgestaltetheit. Man muss diese Comics nicht mögen, aber man sollte sie durchaus respektieren, findet Shapira: So maskulin infantil Corbens Interesse an männlichen und weiblichen Reizen auch ist, so atemberaubend ist oft die Ästhetik an sich. "Es stimmt schon, dass es eine Weile braucht, bis man sich an seine wie aus Lehm geformte Figuren gewöhnt hat und dass er gelegentlich von seiner Hingabe beim Zeichnen von sich deformierenden Muskeln und Fleisch überwältigt wird." Doch "trotz all seiner Mängel kann Corben Dinge tun, die wenige danach und keiner danach getan hat. Insbesondere seine Arbeit mit Farbe verhält sich wie griechisches Feuer - dem Prinzip nach schon verständlich, aber kaum wiederholbar. Jedem Buch stehen Einführungen von Comickünstlern voran und die eine Sache, auf die alle zu sprechen kommten, ist sein Gebrauch von Farbe und ihre kaum von Erfolg gekrönten Versuche, diesem nachzueifern. ... Diese Palette ist einfach so tief, dass man nie ganz bis zur ganzen Tiefe vordringt - der Grund dafür, warum einem der Vergleich mit Turner in den Sinn kommt. Wenige können das denken, noch weniger können es in die Realität umsetzen." Und die exzessive Nacktheit? Nur ein Tabubruch? Nein, "Corben hat einfach nur Spaß daran, nackte Körper zu zeichnen. Aus 'Den' spricht eine gewisse Art der Lebensfreude. Die Dinge existieren auf dem Papier, weil Corben sie einfach zeichnen wollte. Und er wollte sie zeichnen, weil er daran Vergnügen hat. Crumb wusste, dass er Tabus bricht. Bei Corben hat es den Anschein, dass er noch nicht einmal verstanden hat, dass diese Tabus existieren."

Nacktheit, Farben, grelle Reize: Eine (vergleichsweise zahme) Seite Corben (Dark Horse Comics)