Magazinrundschau

Die Kräfte, die die Blitze schleudern

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
12.06.2012. Der New Yorker verfolgt die Tragödie des reichsten Landes der Welt, das nichts erzeugt. Der Economist setzt zur Rettung des Journalismus auf milliardenschwere Philanthropen. Rue 89 hofft auf Subventionen vom Staat. Nepszabadsag warnt vor den Freunden des Volkes. Das TLS feiert Charles Darwins kruden englischen Stil. Vanity Fair porträtiert Israels obersten Chefredakteur. Und in der Technology Review erkennt Nicholas Carr: Nicht Google, sondern Harvard entscheidet über die Zukunft digitaler Bibliotheken.

New Yorker (USA), 18.06.2012

Als "Hasenfußrennen" beschreibt John Lanchester in seinem Kommentar zur Euro-Krise die Situation in Griechenland vor den Wahlen (Wer zuerst aus dem Auto springt, das auf den Abgrund zu rast, hat verloren). "Die Griechen weisen gern darauf hin, dass sie die Demokratie erfunden haben; sie haben auch die Tragödie erfunden, und danach sieht ihre Situation mehr und mehr aus, egal, wer die Wahlen gewinnt. Das Problem ist, dass sie in den letzten Jahren nicht viel anderes erfunden haben. Sollte Griechenland den Euro aufgeben, bestünde die große Hoffnung für einen Aufschwung darin, mehr zu verkaufen und zu exportieren - nur mehr wovon? Man sagt über Griechenland, es sei 'das reichste Land der Welt, das nichts erzeugt'. Ein Ausscheiden aus dem Euro ist deshalb keine Zauberlösung. Was das Drinbleiben betrifft ... würde das Quid pro quo mit Sicherheit externe Kontrolle durch fremde Banker und Bürokraten vorsehen. Dies würde die Souveränität so gewaltig ankratzen, dass es sich anfühlt, als hätte man einen Krieg verloren."

Weiteres: Ryan Lizza überlegt, was wäre, sollte Obama tatsächlich noch einmal wiedergewählt würde. Jill Lepore erzählt die Geschichte der Entstehung des Supreme Court und den Kampf um richterliche Unabhängigkeit. Und David Denby sah im Kino Ridley Scotts Science-Fiction-Film "Prometheus", dem er "erschöpften Respekt" zollt, und Todd Solondz sympathische Satire "Dark Horse" über einen infantilen Trottel.
Archiv: New Yorker

Economist (UK), 09.06.2012

Den besten Journalismus im Nordkaukasus finde man bei Caucasian Knot, einem investigativ-journalistischen und auf Spendenbasis finanzierten Angebot abseits von Hofberichterstattung und den russischen Medienkonglomeraten, erfährt man in diesem Artikel. Doch auch im englischsprachigen Raum erlebt der durch Stiftungen, Spenden und Mäzenatentum querfinanzierte "Philantro-Journalismus" derzeit eine Renaissance: "Solche Zuschussmodelle sind nicht neu. Viele Zeitungen überlebten jene Zeiten, die heute wie deren goldenes Zeitalter wirken, durch die Großzügigkeit von Plutokraten. Dies gilt bis heute. Viele amerikanischen Lokalblätter, die den schwächsten Teil dieser Branche darstellen, wurden von reichen Geschäftsmännern übernommen. Manche von Großbritanniens ambitionierten Tageszeitungen sind kaum wirtschaftlich ausgerichtet. Der rote Zahlen schreibende Guardian wird von einem Konzern finanziert (der ebenso den Gewinne einfahrenden Auto Trader besitzt). Der Indepedent wurde von einem russischen Milliardär gerettet. Wenn man so will, könnte man das auch Philanthropie nennen." (Den Einfluss russischer Oligarchen hatte David Runciman kürzlich in der LRB ganz anders gesehen.)

Weiteres: "Was auch immer es ist, irgend etwas in der Weltwirtschaft stimmt nicht", warnt dieser Artikel, der zugleich Angela Merkel dringend dazu rät, den Kurs der Sparsamkeit zu verlassen. Zwei neue historische Studien befassen sich mit den Kosten des Zweiten Weltkriegs, deren Höhe den Rezensenten um seinen Verstand fürchten lassen. Neuigkeiten im amerikanischen Cyberwar rund um Stuxnet erfährt man hier. James Fentons späte Lyrik ist ganz besonders gut, ist dieser Rezension eines neuen Bands mit gesammelten Gedichten von 1968 bis 2011 zu entnehmen.
Archiv: Economist

Rue89 (Frankreich), 10.06.2012

Milliardäre, die Zeitungen retten, sind Julia Cage gar nicht geheuer. Dabei kann sie Warren Buffet, der nach dem Omaha World-Herald noch 63 Titel der Gruppe Media General kaufen will, ebenso wenig abgewinnen wie den Industriellen Lagardere und Dassault, die den französischen markt unter sich aufteilen. Cage möchte sich lieber vom Staat retten lassen, der die französische Presse 2011 zwar bereits mit fast 800 Millionen Euro unterstützt habe, dies jedoch wenig transparent und mit verlässlicher Planungssicherheit für die Titel. "Das Streuprinzip des gegenwärtigen Beihilfesystems verdiente es, durch ein System ersetzt zu werden, das den Zeitungskauf zu 50 Prozent subventioniert: Für jedes Exemplar, das der Käufer für einen Euro ersteht, könnte der Staat 50 Cent zuzahlen. Das würde Transparenz des Systems garantieren, Neutralität der öffentlichen Intervention und Sicherheit für die einzelnen Titel. Die Kosten einer solchen Maßnahme lägen bei etwa 1,1 Milliarden Euro für die gesamte Tagespresse und damit nur 30 Prozent höher als die momentanen Beihilfen."
Anzeige
Archiv: Rue89
Stichwörter: Rue89

Nepszabadsag (Ungarn), 09.06.2012

Der Soziologe Csaba Gombár widmet sich der Demagogie, die seiner Ansicht nach eine größere Gefahr in Demokratien darstellt als in Diktaturen, wo die Meinung des Volkes eh nicht mehr gefragt sei: "Manchmal kann der Volksfreund und Demagoge auch positive Ziele verfolgen, und dann wird die Sache besonders schwer, denn Demokratie und Demagogie unterscheiden sich oft nur um ein Haar. Es ist schwer zu erkennen, bringt aber viel Unheil, wenn wir dazu nicht fähig sind. Heutzutage, da statt klassischer Rhetorik Kommunikation gelehrt wird, wird ein ganzes Heer von Kommunikationswissenschaftlern ausgebildet, um die politische Ware zu verpacken und zu vermarkten. Die Grundsituation scheint jedoch immer die gleiche zu sein. Der Demagoge weiß stets, dass das, was er sagt, nicht richtig ist und hat über die geistigen Fähigkeiten seines Publikums eine eher abschätzige Meinung. Dies ist unter anderem der Ursprung der aristokratischen Geringschätzung der Demokratie. Dabei ist es in der Demokratie kein Muss, Demagoge zu sein, sondern nur ein Fehler."
Archiv: Nepszabadsag

HVG (Ungarn), 02.06.2012

Die Siegerin der diesjährigen Staffel des ungarischen "Megasztár", Gigi Radics, entstammt einer armen Roma-Familie. Der Medienforscher Gábor Bernáth widerspricht dem verbreiteten Glauben, dass alle Roma in Ungarn eine Chance hätten, wenn sie sich nur bemühten: "Ist es nicht seltsam, dass Zigeuner in Ungarn es meistens mit Fähigkeiten zu etwas bringen, die nicht durch kostspielige Schulung oder gebührenpflichtige Bildung erlangt werden? Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass in Roma-Gemeinschaften weniger talentierte Politiker oder Juristen zur Welt kommen würden, nur haben sie geringere Chancen, dies zu verwirklichen. All das schmälert den Verdienst von Gigi Radics natürlich nicht im Geringsten. Sind wir uns aber im Klaren darüber, dass nicht jeder eine Stimme wie die Nachtigall haben kann?"
Archiv: HVG
Stichwörter: Roma

Technology Review (Deutschland), 01.05.2012

Nicholas Carr verabschiedet in der Technology Review mehr oder weniger das Google-Book-Search-Projekt: Der Konzern habe sich in Prozessen aufgerieben und konzentriere sich wegen der Konkurrenz zu Facebook jetzt auf anderes. Bleibt noch Robert Darntons ehrgeiziges Konkurrenzprojekt, die Digital Public Library of America, die allerdings mit ähnlichen Copyright-Problemen zu kämpfen hat wie Google. Als Not-for-Profit-Projekt hat sie vielleicht mehr Chancen als Google, so Darnton, aber "die DPLA bleibt in vieler Hinsicht mysteriös. Niemand weiß genau, wie sie funktionieren und was sie eigentlich genau sein soll. Die Vagheit ist zum Teil gewollt. Als das Berkman Centre der Harvard Universität das Projekt lancierte, wollte es, dass die Entscheidungen in kollaborativer Weise getroffen werden und dass Dekrete von oben herab, die viele der Beteiligten befremden könnten, vermieden werden. Aber laut den DPLA-Offiziellen und den 17 Mitgliedern des Lenkungsausschusses gibt es eben auch noch eine Menge Unstimmigkeiten zwischen den Betiligten über Sinn und Zweck der Bibliothek."

Prospect (UK), 08.06.2012

Vor 10 Jahren begann die erste Staffel der vielgepriesenen HBO-Serie "The Wire". Seitdem ist es in den USA auch für Politiker von höchstem Rang schon aus Imagegründen längst Usus geworden, sich der Reihe von "The Wire"-Verehrern anzuschließen, beobachtet John Gray, der neben dem politischen Diskurspotenzial der Serie über die Auswirkungen der US-Drogenpolitik auf die Stadt Baltimore noch weitere Qualitäten gewürdigt wissen will: "Eine der größten Leistungen der Serie blieb bislang weitgehend übersehen. 'The Wire' zeichnet auf vernichtende Weise ein Porträt des Lebens in Amerikas Innenstädten ohne Aussicht auf Erlösung. Sie zeigt keinerlei Glauben in den schlussendlichen Triumph der Justiz und die rettende Kraft des Guten, der in den meisten hartgesottenen Thrillern zu finden ist. (...) 'The Wire' ist eine griechische Tragödie, in der die postmodernen Institutionen die Funktion der olympischen Kräfte übernommen haben. Die Polizeibehörde, die Drogenwirtschaft, die politischen Strukturen, die Schulverwaltung oder makroökonomischen Kräfte sind es, die hier die Blitze schleudern."

Dazu passend: In Maxim stehen die Macher und Darsteller von "The Wire" in einer ausführlichen oral history der Serie Rede und Antwort.
Archiv: Prospect

Times Literary Supplement (UK), 08.06.2012

Angelique Richardson feiert Darwin, den Autor, den ihr George Levine mit seinem gleichnamigen Buch näherbrachte. Auch wenn Marx und Engels sich über seinen "kruden englischen Stil" mokierten, die Literatur hat dem durch und durch viktorianischen Schriftsteller genauso viel zu verdanken wie die Wissenschaft, meint Richardson: "Darwin war, zeigt uns Levine in einem der bemerkenswertesten Kapitel, ein Meister des Paradoxen. 'The Origin of Species' ist immerhin ein Buch über Arten, das die Arten in Frage stellt und sich überhaupt nicht mit ihrem Ursprung beschäftigt... Wäre Oscar Wildes Witz ohne Darwins Paradoxe möglich gewesen? Der komische Darwin, der sich an Widersprüchen erbaute, steht laut Levine hinter Vivians Klage aus dem 'Verfall der Lüge', wonach der Rasen 'hart und bucklig und feucht und voll schrecklichem Ungeziefer' sei, womit sie eine Darwinsche Diskrepanz zwischen Natur und menschlichen Erwartungen veranschaulicht. Levine entdeckt auch Darwin hinter Wildes komplexer Verbindung von Kunst und Ethik, hinter einer Ästhetik, die gegen die herrschenden sozialen und politischen Form anging und den ethischen Wert des Paradoxen zelebrierte."
Stichwörter: Wissenschaft

Guardian (UK), 10.06.2012

Ob Hari Kunzru recht hat, der Slavoj Zizek den "Borat der Philosophie" nannte? Decca Aitkenhead jedenfalls scheitert kläglich bei dem Versuch, für ihr großes Porträt eine ernsthafte Aussage aus Zizek herauszubekommen. Kleine Kostprobe: "Die Hölle, das sind für mich amerikanische Parties. Oder wenn man mich bittet, einen Vortrag zu halten und mir dann sagt: Danach wird es bloß einen kleinen Empfang gegen. Ich weiß, das ist die Hölle. Das bedeutet, dass all die frustrierten Idioten, die nicht in der Lage sind, am Ende des Vortrags eine Frage zu stellen, zu mir kommen und anfangen: Professor Zizek, ich weiß, Sie müssen müde sein, aber...' Scheiße. Wenn sie wissen, dass ich müde bin, warum fragen sie mich dann? Ich werde mehr und mehr zu einem Stalinisten. Die Liberalen sagen über die Totalitären, dass sie die Menschheit als solche mögen, aber kein Mitgefühl mit den konkreten Menschen haben, nicht? Das passt genau auf mich. Die Menschheit? Ja, die ist okay. Große Reden, große Kunst. Konkrete Menschen? Nein. 99 Prozent sind langweilige Idioten."

Außerdem: In der Book Review schreibt Siri Hustvedt über den Psychoanalytiker in der Literatur. Margaret Atwood liefert den Nachruf auf Ray Bradbury.
Archiv: Guardian

Vanity Fair (USA), 01.07.2012

Ein ellenlanges Porträt widmet David Margolick dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu, den er trotz aller kriegerischen Rhetorik als in seinen Handlungen recht zögerlich schildert. ("Ein israelischer Fehlschlag gegen Teheran wäre die größte Gefahr für seine politische Zukunft."). Margolick erzählt mit der für Vanity Fair üblichen Mischung aus intelligentem Klatsch und kluger Analyse von Netanjahus anstrengender Frau Sara, seinen amerikanischen Milliardärsfreunden Sheldon Adelson und Ronald Lauder und dem Geheimnis seines Erfolgs: "Netanjahu hat bedeutend mehr Energie darauf verwandt - und mehr Erfolg dabei gehabt -, die israelische Medienlandschaft umzugestalten als Frieden mit den Palästinensern auszuhandeln. Wie ein Beobachter es fasst: Er ist weniger Israels Premierminister als sein Chefredakteur. 'Netanjahus Lektion aus seiner ersten Amtszeit war: Wenn Du sie nicht schlagen kannst, dann kontrolliere sie', sagt Lior Averbach von Globes, dem israelischen Wirtschaftsmagazin. Durch Ernennungen, Einschüchterung und Einflussnahme sind seine Tentakel in jeden Winkel von Israels kleinem, fragilen journalistischen Ökosystem vorgedrungen."
Archiv: Vanity Fair
Stichwörter: Benjamin Netanjahu