Magazinrundschau

Seid psycho!

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
24.11.2009. Der New Yorker sucht den entscheidenden Unterschied zwischen männlich und weiblich. Elet es Irodalom kommentiert das Kertesz-Interview in der Welt. Prospect begutachtet die Entwicklung des schwedischen Krimis. Walrus lässt sich von dem Dirigenten Yannick Nezet-Seguin, warum Werktreue manchmal etwas Gewalt braucht. In Polityka bittet der Historiker Jerzy W. Borejsza, die Angepassten, Assimilierten und Kollaborateure nicht aus der Geschichte zu werfen. Im Guardian verteidigt Zadie Smith den Roman gegen den Essay.

New Yorker (USA), 30.11.2009

Ariel Levy erzählt die Geschichte der südafrikanischen Mittelstreckenläuferin Caster Semenya. Wegen ungewöhnlicher Leistungssteigerung, tiefer Stimme und maskulinen Aussehens geriet die Sportlerin in den Verdacht "intersexuell" zu sein und musste sich nach ihrem WM-Sieg 2009 einem - von mehreren Seiten scharf kritisierten - Geschlechtstest unterziehen. Denn Leichathletikverbände, darunter der I.A.A.F., waren sich unschlüssig, ob sie überhaupt eine Startberechtigung für Frauenrennen haben darf. Levy fand unter anderem heraus, dass es mit der Bestimmung des Geschlechts keineswegs so einfach ist, wie vielleicht angenommen. "Dummerweise sahen sich die I.A.A.F.-Funktionäre mit einer Frage konfrontiert, die bisher keiner je beantworten konnte: Was ist der ultimative Unterschied zwischen einem Mann und einer Frau? 'Das ist ein unlösbares Problem', meint [die Medizinerin und Bioethikerin] Alice Dreger. 'Ständig bedrängen mich Leute, ob es wirklich keinen Marker gibt, den man heranziehen könnte. Nein. Wir konnten das früher nicht und können es heute nicht. Die Wissenschaft macht es noch komplizierter statt einfacher, weil sie uns letztlich zeigt, wie viele Übergänge und Abstufungen es gibt. Es ist einfach unmöglich, auf eine einzige Sache oder eine Reihe von Merkmalen zu deuten und zu sagen: Das bedeutet männlich sein.'"

James Wood bespricht das neue Buch von Paul Auster "Invisible". David Denby sah im Kino das Drama "Me and Orson Welles" von Richard Linklater und den Krimi "Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans" von Werner Herzog mit Nicolas Cage. Zu lesen ist außerdem die Erzählung "Midnight in Dostoevsky" von Don DeLillo und Lyrik von Sarah Arvio und Philip Schultz.
Archiv: New Yorker

Elet es Irodalom (Ungarn), 13.11.2009

Janosz Szeky kommentiert die Aufregung in Ungarn um Imre Kertesz, der in einem Interview mit der Welt den Antisemitismus der Ungarn, ihre "Verlogenheit" und ihren "Hang zur Verdrängung" kritisiert hatte. Warum kann man dieses Interview, so Szeky, nicht "als die Äußerung eines Schriftstellers in einem individuellen Ton und mit individueller Aussage lesen - in manchen Dingen bin ich zutiefst mit ihm einverstanden (ich; wie andere dazu stehen, interessiert mich nicht), und manch andere Dinge machen mich stutzig (mich; wie andere dazu stehen usw.). Man könnte dieses Interview lesen, als besäße es ein genau so großes politisches Gewicht, wie jede andere politische Äußerung eines weltberühmten Schriftstellers auch. Und als wäre man frei, diese Äußerungen zu mögen oder nicht. Ich möchte in einem Land leben, in dem man dieses Interview auf diese Art liest. Das hier ist kein solches Land."

Der Wirtschaftswissenschaftler Tamas Bauer meint, dass es in der Beurteilung des Interviews nur auf eines ankommt: "Ist es rechtens, dass Kertesz sein Urteil auf das ganze Land ausweitet, und nicht nur auf einige politische Kräfte? Gibt es denn in Ungarn nichts außer der von der Fidesz angeführten Rechten? Schon, nur steht dem Nationalismus der Fidesz keine selbstbewusste politische Kraft gegenüber. [?] In der ungarischen Öffentlichkeit und in der Politik ist die weiter westlich so klare Grenze zwischen demokratischen und extremistischen Äußerungen völlig unklar geworden. Kertesz sagt daher zu Recht, dass in Ungarn heute die Rechtsextremen das Sagen haben. Vorerst ist nicht absehbar, ob eine politische Kraft in den kommenden Jahren oder gar Jahrzehnten erscheinen wird, die sich ihnen widersetzen könnte."
Stichwörter: Imre Kertesz

Prospect (UK), 01.12.2009

Einen instruktiven Vergleich zwischen den schwedischen Kriminalklassikern von Sjöwall/Wahlöö und den Weltbestsellern von Stieg Larsson unternimmt Andrew Brown. Beides politisch weit links angesiedelte AutorInnen - aber welch ein Unterschied: "In den vierzig Jahren zwischen den beiden Serien ist enorm viel Hoffnung und Selbstbewusstsein verloren gegangen; vom sozialdemokratischen Traum ist wenig geblieben. Sjöwall und Wahlöö schrieben über Teamwork, nicht nur, weil sie Ed McBain viel verdankten: Es war ideologisch wichtig, dass das Kollektiv triumphiert. Ihre Detektive waren, glücklich oder auch nicht, in Familien verankert. Larssons Helden sind ganz und gar Individuen, ohne soziale Bezüge, die sie nicht selbst gewählt hätten. Kinder greifen in ihre Leben nicht ein: Eltern sind, wo sie vorkommen, Monster."

Durch Konsum neuer Medien schrumpfen die Aufmerksamkeitsspannen, berichtet John Naish und schildert etwa die Auswirkungen auf den Werbemarkt. Aber auch auf einem anderen Gebiet zieht der Mangel an Geduld Konsequenzen nach sich: "Der Brettspielproduzent Hasbro hat beschleunigte Versions seiner Spielebestseller Monopoly und Scrabble auf den Markt gebracht, und zwar mit dem Slogan 'mach mal zwanzig Minuten Pause mit einem Spiel'. Das neue Scrabble Express hat jeweils nur zwei Wörter auf einmal auf dem Brett, und der 'Q'-Stein ist durch ein 'Qu' ersetzt worden. Monopoly Express hat keine Hotels, keine Zufallskarten und noch nicht einmal Bargeld (das ist durch eine EC-Karte ersetzt). Wer hat schon Zeit, Banknoten zu zählen? Phil Jackson, Chef der Spieleabteilung bei Hasbro, erklärt, dass Marktanalysen erwiesen hätten, dass die Spieler sich beim umständlichen Endspiel von Monopoly langweilen."
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Archiv: Prospect

Tygodnik Powszechny (Polen), 23.11.2009

Dass nun auch Schweden und Finnland grünes Licht für die Ostsee-pipeline gegeben haben, wurde in Polen mit Resignation zur Kenntnis genommen. Einige Stimmen überlegen schon, ob Polen nicht seine Widerstände gegen das projekt aufgeben sollte. Anna Mackiewicz kommentiert trocken: "Die Emotionen, die diese Entscheidung begleiteten, stehen in umgekehrtem Verhältnis zur tatsächlichen Diversifizierung der polnischen Energiequellen - 70 Prozent vom Gas und 90 Prozent vom Erdöl hierzulande kommen von unserem östlichen Nachbarn. Und noch schlimmer: Das rachitische Gasleitungssystem macht es uns eine ernsthafte und schnelle Diversifikation unmöglich. Obwohl wir so viele Jahre die verschiedensten Pläne und Gedanken auf unsere Unabhängigkeit von Russland verwendet haben, zeigt sich hier nur, wie sehr es an einer Strategie zur stabilen Energieversorgung fehlt." Der einzig vernünftige Ausweg besteht für Mackiewicz in dem gesamteuropäischen "Nabucco"-Projekt.

Mit Verwunderung nimmt Joanna Batkiewicz-Brozek die große Identitätsdebatte in Frankreich auf. "Die Debatte wird wie eine Revolution vorbereitet. Das Problem ist nur, dass ein vorgeblich richtiger und wertvoller Gedankenaustausch sich geradewegs gegen die Einwanderer richten kann". Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Kontroversen der letzten Jahre, wie des Kopftuchstreits, ist der Ausgang der Debatte ungewiss. "Nationale Werte sind natürlich sehr wertvoll, aber wozu kann Ignoranz gegenüber anderen Kulturen, verbunden mit plötzlicher Mobilisierung und Distanz gegenüber den Bräuchen der - bis dahin angeblich so großzügig empfangenen - Immigranten führen?", fragt rhetorisch die Publizistin.

Walrus Magazine (Kanada), 01.12.2009

Stolz wie Hacke schreibt John Keillor im kanadischen Magazin The Walrus über den Aufstieg des jungen, aus Montreal stammenden Dirigenten Yannick Nezet-Seguin, der inzwischen dem Toronto Symphony Orchestra vorsteht und bei Spitzenensembles in der ganzen Welt gastiert. Im Gespräch mit Keillor plädiert er für interpretatorisches Risiko, und Keillor erzählt sehr schön, wie Nezet-Seguin in Ravels G-Dur-Klavierkonzert das Orchester motiviert: "Sexy", fordert er und "more amour": "Der schnelle dritte Satz, erklärt er dem Orchester, 'besteht aus einem Motiv, das durch die verschiedenen Teile des Orchesters gereicht wird. Es fliegt durch die Gegend wie Spielsachen. Sie müssen immer zu identifizieren sein, ganz scharf. Nicht nett sein - Kinder sind nicht nett zu Spielsachen. Seid psycho!' Mit 34 Jahren hat er eingesehen, dass Werktreue zuweilen mit ein bisschen Gewalt zu tun hat."

Hier spielt er mit dem London Philharmonic Orchestra Ravels "La valse":


La vie des idees (Frankreich), 20.11.2009

In einem ausführlichen Artikel stellt Pauline Peretz die jungen jüdischen Verband J Street vor, die den etablierten jüdisch-amerikanischen Interessengruppen ihr Monopol als Meinungsmacher für die Sache Israels abspricht. Die liberale, unter anderem etwa von Jimmy Carter und in Israel vom Schriftsteller Amos Oz unterstützte Organisation setzt sich in den USA für den sofortigen Stopp des israelischen Siedlungsbaus und die Verhandlung einer Zwei-Staaten-Lösung ein und nimmt sich im Gegensatz zur einflussreichen konservativen Gruppe Aipac das Recht heraus, Israel und seine Politik scharf zu kritisieren. "Für ihre in Washington seit mehreren Jahrzehnten etablierten Rivalen sind sie eine radikale Organisation, die die Einheit der Gemeinschaft bedroht und die Positionen der israelischen Regierung diskreditiert; aus diesen beiden Gründen müsse man ihren Einfluss bekämpfen. Für die liberalen Juden dagegen steht J Street für eine Chance, endlich in Washington Gehör zu finden. Und für die Regierung Obama ist J Street ein geschätzter Bündnispartner, weil man dort fähig ist, seine kritischen Positionen zu Israel einem Gemeinwesen gegenüber zu behaupten, das dazu neigte, sich neuen Kursen zu widersetzen. Die Medien ihrerseits sind fasziniert vom Aufschlagen dieses Meteoriten in der jüdischen Welt."

Polityka (Polen), 19.11.2009

Der Historiker Jerzy W. Borejsza ruft (hier auf Deutsch) die Polen auf, ein realistischeres Bild ihrer Geschichte zu zeichnen. Zur Zeit der Teilung etwa bestand das Land nicht nur aus heldenhaften Kämpfern für Freiheit und Unabhängigkeit, neben all den Kosciuszkos gab es auch die Radziwills, die sich germanisieren oder russifizieren ließen: "Polnische Lehrbücher heben die Geschichte des Widerstands gegen fremde Übermacht, der Entwicklung nationaler Institutionen sowie der Rolle der Kirche und der katholischen Religion bei der Erhaltung des Polentums hervor und erinnern an den polnischen Sprachunterricht sowie die Entwicklung der nationalen Kultur. Äußerst selten wird von Assimilation, Anpassung, Kollaboration und Entnationalisierung gesprochen, Erscheinungen also, die im 19. Jahrhundert gang und gäbe waren. Die Geschichte der Polen in den Armeen der Teilungsmächte bestand nicht zuvörderst aus jenen Hunderten von Offizieren, die unter der Führung von Romuald Traugutt aus der Armee des Zaren zu den Partisanen des Januaraufstands überliefen oder flüchteten. Tausende Polen oder Deutsche und Russen polnischer Herkunft - Soldaten, Offiziere und Generäle - waren treue Diener der russischen, preußischen oder deutschen Sache."
Archiv: Polityka

Espresso (Italien), 19.11.2009

Die Presse in der Türkei ist alles andere als frei. In der aktuellen Rangliste der "Reporter ohne Grenzen" belegt das Land den 122. von 175 Plätzen. Demnächst könnte es noch weiter abrutschen, glaubt man Soli Ozel, der heftig gegen Premier Recep Tayyip Erdogan wettert. Der scheint nämlich den Krieg gegen den Medienkonzern von Aydin Dogan sogar schon vor dem Fälligwerden der kürzlich verhängten Milliarden-Steuerstrafen gewonnen zu haben. "Dem Premierminister ist es gelungen, Dogans Kontrolle über die Zeitungsgruppe zu schwächen, indem er es einigen Geschäftsleuten in seinem Umkreis nahe gelegt und ermöglicht hat, einige der Zeitungen und Fernsehkanäle der Dogan-Gruppe aufzukaufen. Die türkische Medienlandschaft ist demzufolge heute vielfältiger, zumindest in Bezug auf die Eigentümer. Aber die neuen Käufer sind tatsächlich unkritische Unterstützer der regierenden Politiker. Die Zeitungen und Fernsehsender der Dogan-Gruppe stellen die wichtigsten - wenn nicht die einzigen - Plattformen dar, um eine Kritik und Opposition bezüglich der Aktionen und politischen Weichenstellungen der Regierung zu formulieren. Diesem Sprachrohr mit Hilfe der Staatsmacht einen Knebel zu verpassen ist ein Akt der puren Unterdrückung und Einschüchterung nicht nur der Verleger, sondern der ganzen Wirtschaft."
Archiv: Espresso

HVG (Ungarn), 18.11.2009

Am 11. Oktober hat die Bürgerrechtsorganisation der Roma mit etwa 300 Sympathisanten nach einem Fußmarsch aus der von Budapest ca. 100 km entfernten Ortschaft Jaszladany in die ungarische Hauptstadt dem Staatspräsidenten Laszlo Solyom eine Petition "gegen Apartheid" überreicht. Gergely Fahidi fragte Ernö Kallai, den parlamentarischen Beauftragten für die Angelegenheiten der Minderheiten, weshalb dieser Marsch nur so wenige Menschen mobilisieren konnte - während sich an der Bürgerrechtsbewegung in den USA vor einem halben Jahrhundert neben Afroamerikanern doch auch viele "Weiße" beteiligt hatten: "Etwas glimmt in der Tiefe, aber jene Menschen, die aus dieser Situation heraustreten könnten, neigen zur Zeit eher dazu, sich so stark wie möglich zu assimilieren. Heutzutage ist es nicht leicht, als Roma-Intellektueller in diesem Land zu leben [?]. Auch hier wird sich die Situation erst dann verschärfen, wenn eine kritische Masse der Roma-Intellektuellen entsteht, die zwar aufgrund ihrer Herkunft in den Hintergrund gedrängt wird, aber bereits stark genug wäre, sich zu wehren. Zwar gibt es manche Vorbilder, die aus den USA übernommen wurden - wie beispielsweise, die Segregation in der Schule vor Gericht zu bekämpfen: Noch ist das ungewohnt, aber auf jeden Fall berechtigt. Der Marsch von Jaszladany hat aber gezeigt, dass die Initiative nach amerikanischen Muster hier und jetzt noch nicht funktioniert."
Archiv: HVG
Stichwörter: Afroamerikaner, Roma

Guardian (UK), 21.11.2009

Einen wunderschönen, subtil in sich widersprüchlichen Essay schreibt Zadie Smith über... den Essay. In Wahrheit ist es aber eher eine Verteidigung des Romans gegen die Essays eines offensichtlich gerade bei Studenten (aber auch bei Coetzee und Jonathan Lethem) schwer angesagten Bandes von David Shields: "Reality Hunger: A Manifesto". Shields kritisiert darin die Künstlichkeit von Romanen, Essays könnten die Welt viel realistischer beschreiben. Seine Devise: "Warum die Welt neu erschaffen, wenn sie schon existiert?". Da mag Smith aber nicht zustimmen, die diesen Spruch eher als Ausdruck von Schreibblockade und Arroganz sieht - auf der Suche nach einer langweiligen Perfektion, die in Romanen unerreichbar ist: "Es gibt eine bestimmte Art Autoren - meistens männlich, aber nicht nur - mit einem unstillbaren Hunger nach Reinheit und Perfektion, und dieser Typus wird den Essay immer in Ehren halten. Denn Essays ermöglichen so etwas wie Perfektion. Romane dagegen sind idiosynkratisch, uneben, peinlich und ziemlich häufig Übelkeit erregend - vor allem, wenn man selbst einen geschrieben hat. Innerhalb der Grenzen eines Essays oder - noch besser! - eines Aphorismus, kann man der Schriftsteller sein, der man gerne wäre. Kein Wort am falschen Platz, keine offensichtlichen Schwachpunkte (Dialog, die überzeugende Darstellung anderer Menschen, Handlung), keine Auslassungen, keine Mängel. Ich glaube es sind die Grenzen des Essays, und der Realität, die Schriftstellern so gefällt." Shields' Essayband erscheint im Februar. Hier, als pdf-Dokument, eine Leseprobe.
Archiv: Guardian