Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
11.07.2006. Im Spectator warnt Anne Applebaum davor, die Zerstörung des Rechtsstaats in Russland zu belohnen. Szombat stellt das ungarische jüdische Weblog Judapest vor. Il Foglio verteidigt den Juventus-Manager Luciano Moggi. Der Economist warnt George W. Bush, die politische Akrobatin Angela Merkel zu fest zu umarmen. Die Weltwoche porträtiert Larry Brilliant, den neuen Leiter der Google-Foundation.

Spectator (UK), 08.07.2006

Am Wochenende findet der G-8-Gipfel in Sankt Petersburg statt. Die Historikerin und Kolumnistin Anne Applebaum ist fassungslos, dass der Westen Wladimir Putin eine solche Bühne bereitet: "Dieses Treffen wird seine stillschweigende Zustimmung zum Raub privater Vermögen geben, zur Zerstörung der Rechtsstaatlichkeit und der Verletzung der Menschenrechte... Im Kreml wird man sich - zusammen mit Venezolanern, Iranern, arabischen Führern und anderen Öltyrannen - lachend zurücklehnen und einig sein, dass die Führer des so genannten Westens nur Lippenbekenntnisse zu den Idealen von Freiheit und Demokratie abgeben; sie glauben nicht wirklich dran. Du brauchst nur genug Öl, dann lassen sie dich schon in ihren schicken Club. Wie Putins Verteidigungsminister es kürzlich fasst: 'Alles, was heute zählt, ist Macht.' Oder wie Putins Berater sagte: 'Sie reden über Demokratie, aber sie denken an unsere Rohstoffe.'" Erschütternd findet sie auch, dass der russische Öl-Konzern Rosneft, der sich Michail Chodorkowskis zerschlagenen Jukos-Konzern unter den Nagel gerissen hat, ab dem 14. Juli an der Londoner Börse gehandelt wird.

Weiteres: Im Gespräch mit Matthew d'Ancona und David Rennie bescheidet EU-Kommissionspräsident Manuel Jose Borroso den euroskeptischen Briten, man sollte nicht in ein Steakhouse gehen, wenn man Vegetarier ist. Der DC-süchtige Philosoph A.C. Grayling hat sich den neuen Superman-Film "Superman Returns" angesehen und stellt völlig unvoreingenommen fest: "Dieser Film ist ein Knaller."
Archiv: Spectator

Szombat (Ungarn), 01.07.2006

"judapest" heißt das erste jüdische Weblog Budapests, das täglich über alternative zivilgesellschaftliche Initiativen und jüdische Popkultur berichtet. Gründer Bruno Bitter erzählt Csaki Marton im Interview von der kulturellen Vielfalt der Szene: "Im Bloggerteam ist ein anarcho-kapitalistischer Business-Punk, ein Mitglied der Lubawitscher, der nebenbei Experte für japanische Filme ist, ein Schriftsteller und Ex-Arzt, ein Buchhalter, ein praktizierender Lebenskünstler und ein Fahrradkurier-Psychologe. Das ist eine heterogene Gruppe, auch was ihre Religiosität angeht: vom Orthodoxen bis zum antiklerikalen Liberalen findet man bei uns alle Ansichten. Ein orthodoxer Freund las meine Blogs und sagte, ich sei ein l'art pour l'art-Jude. Das klingt witzig und stimmt. Mit religiösen Etiketten kann ich nicht viel anfangen, wie die meisten jungen Leute. Unsere Identität ist viel zu fragmentarisch, als dass man sich zu einer Religion bekennen könnte."
Archiv: Szombat
Stichwörter: Popkultur, Religiosität

Outlook India (Indien), 17.07.2006

S. Anand erinnert an den ersten Aufstand hinduistischer und muslimischer indischer Soldaten gegen die Briten in Fort Vellore 1806. "Unzufriedenheit wuchs schon länger unter den indischen Soldaten. Sie litten unter schlechter Behandlung, dem Verlust ihres Status und der miserablen Bezahlung. Die auslösende Provokation für den Gewaltausbruch war jedoch die Verordnung eines kontroversen neuen Turbans und die Einführung von neuen Regeln über die Kastenzeichen auf der Stirn, Ohringe und Bärte." Der Aufstand endete mit hunderten von Toten auf beiden Seiten.

Weiteres: Raja Menon annonciert Shrabani Basus Tatsachen-Roman "Spy Princess" über die junge Inderin Noor Inayat Khan, die als britische Agentin in einem deutschen KZ endete. Namrata Joshi ist entsetzt von Bryan Singers Film "Superman Returns". Superman als verzweifelter Softie? Braucht kein Mensch, meint Joshi: "Lenkt nur ab von allem Wichtigen: Action + Unterhaltung nämlich." Sheela Reddy schließlich besucht den Kunstmäzen Ebrahim Alkazi, dessen geplante Stiftung die weltgrößte Sammlung indischer Kunst in Delhi vereinen soll.
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Stichwörter: Superman, Delhi

Dunantuli Naplo (Ungarn), 01.07.2006

Der ungarische Beitrag zur Kulturhauptstadt Europas 2010 steht auf der Kippe. Eigentlich sollten sich den Titel Essen in Deutschland und Pecs in Ungarn teilen. Der ungarische Programmleiter Jozsef Takats ist jetzt zurückgetreten, weil seiner Ansicht nach die lokale Politik einen zu großen Einfluss nimmt. "Das Amt des Bürgermeisters will sämtliche Entscheidungen alleine treffen - sowohl was Veranstaltungen als auch die Entwicklung der Infrastruktur angeht -, aber seine Entscheidungen werden bürokratisch, zu spät, unvorbereitet getroffen. Das Amt ist grundsätzlich misstrauisch gegenüber Experten, zivilgesellschaftlichen Initiativen und öffentlichen Debatten... Die lokale Politik stellt sich das Verhältnis zum Programmbüro vor, wie das Verhältnis zwischen Chef und Sekretärin: Sie geben uns Anweisungen, wir führen sie aus. Doch es fehlt ihnen die Kompetenz, die einschlägige Ausbildung, Kontakte, Fremdsprachenkenntnisse, um angemessene Anweisungen geben zu können."
Stichwörter: Kulturhauptstadt

Foglio (Italien), 08.07.2006

Claudio Cerasa bricht eine Lanze für Luciano Moggi. Der Sportdirektor von Juventus Turin ist die zentrale Figur im Skandal um bestochene Schiedsrichter, der den italienischen Fußball erschüttert. Cerasa bleibt ungerührt: "Welche Partien wurden denn geschoben? Es gibt keine. Keine manipulierte Partie, also muss das ganze System manipuliert sein. Die einzigen wahren Beweise sind die abgefangenen Telefongespräche. Es lässt sich keine einzelne Ungesetzlichkeit finden. Also muss alles ungesetzlich sein." Überhaupt sei das Finale ein Leistungsbeweis des (sportlichen) Systems Moggi: Cannavaro, Zambrotta, Buffon, Viera, Trezeguet, Camoranesi, Thuram , Del Piero - "Es ist kein Zufall, dass Juventus beim Finale morgen in Berlin von acht sehr moggianischen Spielern repräsentiert wird."

Lanfranco Pace hält eine Lobrede auf Serge July, den scheidenden Gründer und Chefredakteur der französischen Tageszeitung Liberation. "Er war der einzige, der die Rollen des Vaters und des Chefs, des Psychoanalytikers und Stategen, des Managers und ersten Redakteurs, des Meinungsmachers und Berichterstatters gleichermaßen ausfüllte."
Archiv: Foglio

Economist (UK), 07.07.2006

Der Economist nimmt George Bushs anstehenden Deutschland-Besuch zum Anlass, über die deutlich herzlicher gewordenen deutsch-amerikanischen Beziehungen nachzudenken. Doch Deutschlands neue außenpolitische Wärme bedeutet noch lange keinen Schulterschluss mit dem transatlantischen Partner, warnt das Magazin. "Angela Merkel ist pragmatischer als viele Amerikaner meinen. Sie hat Deutschlands bilaterale Beziehungen zurechtgerückt, doch in der Substanz hat sich die deutsche Außenpolitik nur wenig verändert." Die große Gefahr liegt für den Economist darin, "dass Amerika sich zu viel Hilfe von Deutschland erwarten könnte, sowohl was den Iran angeht, als auch den Balkan oder Russland. Frau Merkel hat zwar die Bande mit Washington erneuert und gleichzeitig gezeigt, dass sie kein Schoßhündchen ist, indem sie Kritik an Guantanamo geübt und die Amerikaner dazu gedrängt hat, den direkten Dialog mit dem Iran zu suchen. Doch selbst diese politische Akrobatin könnte ihr Gleichgewicht verlieren, sollte sie zu innig umarmt werden."

Weitere Artikel: Ein Jahr nach den Londoner Bombenattentaten, die einhellig als Weckruf für die Pflege der interkulturellen und -religiösen Beziehungen in Großbritannien betrachtet wurden, stellt der Economist irritiert fest, dass die Regierung außer Frust nichts zustandegebracht hat. Außerdem hat das Magazin im US-Senat eine seltene Erscheinung ausgemacht: Barack Obama, demokratischer Senator aus Illinois und Sohn eines kenianischen Moslem, ist ein "schwarzer Politiker, der nicht nur eine ethnische Enklave, sondern die gesamte Nation anspricht". Wie der Economist berichtet, sorgt Kuwaits beherzter Demokratie-Versuch für Unbehagen in der arabischen Welt.

Und gibt es ein Dossier zu Pakistan: Afghanistans Nachbar stellt nicht nur ein unerhörtes Sicherheitsrisiko dar, es ist auch unwahrscheinlich, dass Präsident Pervez Musharraf sein Versprechen, die für Instabilität und Extremismus sorgenden zerrütteten und räuberischen Institutionen im Sinne einer "aufgeklärten Mäßigung" zu erneuern, einlösen kann.
Archiv: Economist

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.07.2006

Eines der wichtigsten Kultbücher Ungarns, "Die Jungen von der Paulstraße" ist 100 Jahre alt. Der Roman von Ferenc Molnar erzählt vom Kampf zwischen zwei Gangs von Budapester Schulkindern Ende des 19. Jahrhunderts. Den Erfolg des Romans führt Gabriella F. Komaromi darauf zurück, dass er von Kindern der Jahrhundertwende erzählt und dabei die blutige Geschichte des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt: "Die herrschenden Ideologien und romantischen Gefühle der Jahrhundertwende werden im Roman sanft ironisiert. Freiheitsdrang, Vaterlandsliebe, Heldenhaftigkeit, bedingungslose Treue, großzügige Verzeihung werden neben kleinlicher Wut, Verrat, Unbeholfenheit, bürokratische Unbiegsamkeit gestellt. Die Geschichte kann grenzenlos erhaben erzählt werden, weil das Pathos immer genügend kontrastiert wird. Ein literarischer Seiltanz auf hohem Niveau." (Hier eine schöne Kritik von Kurt Tucholsky über das Buch)

Monde diplomatique (Deutschland / Frankreich), 07.07.2006

Die Sinologin Isabelle Attane widmet sich den Abgründen eines Skandals, den man gar nicht oft genug anprangern kann: das millionenfache Frauendefizit in den asiatischen Ländern aufgrund der systematischen Abtreibung weiblicher Föten und der Misshandlung von Mädchen. In China liege der Jungenüberschuss bei Neugeborenen heute um 12 Prozent über der Norm, in Indien um 6 Prozent, hält Attane fest: "Bis zum vollendeten 5. Lebensjahr ist die Sterblichkeit der Jungen normalerweise höher als die der Mädchen. In Indien dagegen liegt sie bei den Mädchen um 7 Prozent höher als bei den Jungen, in Pakistan um 5 Prozent und in Bangladesch um 3 Prozent... In China, Taiwan und Südkorea ist das Fehlen eines männlichen Erben gleichbedeutend mit dem Ende des Familienstammbaums und der Verehrung der Vorfahren. Im Hinduismus sehen sich die Eltern zu ewiger Irrfahrt verdammt, da das Bestattungsritual beim Tod der Eltern traditionell Aufgabe des Sohnes ist."

Zu lesen ist auch Amos Elons Artikel aus der New York Review of Books, in dem er die israelische Plänen für einen Rückzug aus dem Westjordanland etwas genauer betrachtet (hier das Original).

Weltwoche (Schweiz), 07.07.2006

Nomen est omen: Larry Brilliant "spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausrottung der Pocken in Indien. Er war mit der Rockband Grateful Dead befreundet und lebte eine Zeit lang in einem Aschram im Himalaya. Er war beteiligt an der Entstehung von 'The Well', der ersten und zweifellos prägendsten 'virtual community' im Internet. Und er hat mehrere große und kleine Technologiefirmen gegründet oder geleitet", erzählt Bruno Giussani. Und nun wird der 61-jährige Kalifornier Leiter der Google Foundation. Die neue Stiftung hat viel vor - natürlich mit Hilfe des Internets. "Für die digitale Form der Anti-Pocken-Strategie sieht Brilliant ein System vor, das Suchprogramme, Satellitenbilder, historische Datenbanken und Kommunikationsmittel aller Art verbindet. Es soll das Internet nach Informationen durchforsten über neue Krankheiten wie Sars, neue Ausbrüche von Vogelgrippe, aber auch neue biologische Bedrohungen durch Terrorismus oder Unglücke. Zudem soll es über Naturkatastrophen, Chemie- und Industrieunfälle, Überschwemmungen, vergiftetes Wasser Hungersnöte und andere Katastrophen berichten, bei denen eine schnelle Reaktion entscheidend ist."

Weiteres: Auch die Schweizer werden immer kränker, konstatiert Urs P. Gasche, der die Gründe dafür in der subtilen Öffentlichkeitsarbeit der Pharmabranche vermutet. Simon Kuper sinniert darüber, warum der erfolgreichste Fußball der Welt in Europa gespielt wird - rund um die Schweiz.
Archiv: Weltwoche
Stichwörter: Grateful Dead, Wasser

New York Times (USA), 09.07.2006

In einem Essay untersucht Rachel Donadio das neue Umweltbewusstsein der Buchindustrie. Pläne großer US-Verlage zu mehr Recycling und weniger CO2-Ausstoß findet sie jedoch fragwürdig: "Wie grün kann eine Industrie sein, die von gefällten Bäumen und giftiger Tinte lebt und mit strategischer Überschussproduktion?" Besser gefällt ihr das Umwelt-Manifest "Cradle to Cradle" des Öko-Architekten William McDonough und des deutschen Chemikers Michael Braungart. Das Buch ist aus Plastik und Plastik lässt sich viel öfter recyceln als Papier.

Außerdem: Mit Douglas Brinkleys "The Great Deluge" (Leseprobe) und Jed Horns "Breach of Faith" empfiehlt David Oshinsky zwei schonungslos kritische Bücher über Hurrikan Katrina und die Folgen. Lawrence Downes bespricht illustrierte Piratenbücher für Kinder von John Matthews, Eric A. Kimmel und J. Patrick Lewis. Und Dave Itzkoff stellt Science Fiction vor von Charles Stross und Justina Robson.

Im Magazin der New York Times stellt Deborah Solomon eine Schriftstellerfamilie aus Maine vor, die sich nicht einig wird, literarisch gesehen: "Zusammen ergeben ihre Bücher eine Art New England 'Rashomon'. Verschiedene, manchmal einander widersprechende Darstellungen der gemeinsamen Vergangenheit. Und obwohl niemand ihre Romane als autobiografische Schlüsseltexte oder familiäre Abrechnungen lesen würde, lässt die Minots das Thema Kindheit nicht los - als wär's möglich, das Leben neu zu schreiben." Textproben hier, hier und hier.

Und im Interview spricht der Nahostexperte Peter W. Galbraith über sein neues Buch "The End of Iraq: How American Incompetence Created a War Without End" und seine Vision eines dreigeteilten Iraks. Die Titelgeschichte ist den amerikanischen Emigranten gewidmet.
Stichwörter: England, Irak