Magazinrundschau

Die Magazinrundschau

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
22.04.2002. In der NY Review of Books erklärt Tony Judt den Israelis, warum sie mehr Verantwortung für den Nahost-Konflikt tragen als die Palästinenser. Outlook India widmet sich der Hindu-Moslem-Frage. Die NYT Book Review feiert Judith Hermanns "Sommerhaus". Die LRB denkt über Internet-Piraterie nach. Der Economist sucht nach Abenteurern in der CIA und findet keine. Im Nouvel Obs verraten französische Intellektuelle, wen sie wählen.

New York Review of Books (USA), 09.05.2002

Thema Nummer 1 ist natürlich der Nahost-Konflikt, zu dem Tony Judt recht klare Worte findet: "The problem is that since 1967 Israel has changed in ways that render its traditional self-description absurd. It is now a regional colonial power, by some accounts the world's fourth-largest military establishment. By comparison the Palestinians are weak indeed. While the failings of the Palestinian leadership have been abysmal and the crimes of Palestinian terrorists extremely bloody, the fact is that Israel has the military and political initiative. Responsibility for moving beyond the present impasse thus falls primarily (though not exclusively) on Israel. But Israelis themselves are blind to this. In their own eyes they are still a small victim-community. Their astonishingly incompetent political leadership has squandered thirty years since the hubris-inducing victory of June 1967. In that time Israelis have built illegal compounds in the occupied territories and grown a carapace of cynicism: toward the Palestinians and toward a United States whose erstwhile benevolent disengagement they have manipulated shamelessly."

Richard Lewontin denkt über die Politik der Wissenschaft nach, d.h. über das Verhältnis von Politik und Wissenschaft bei staatlichen Entscheidungen: "There is a tension between the ideal of democratic decision, the power of which is vested in the people and their representatives, and the demand for expert knowledge, the power over which is vested in a small elite. Just as democratic institutions intervene twice, once to decide what is to be studied and then to decide what is to be done with the study, so the elite possess a double power, first to assert their exclusive competence to acquire knowledge and then to use the authority of that same knowledge to influence social action."

Weitere Artikel
: Aileen Kelly porträtiert den sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow ("It was hard to imagine this mild, unassuming man challenging the Soviet government in the way he had done"). Gordon Wood verfolgt die neu entflammte Debatte über den amerikanischen Gründervater James Madison (mehr hier) und dessen Einfluss auf die Verfassung.

Helen Epstein geht der Frage nach, wie Mosambik eines seiner größten Probleme, eine HIV-Infektionsrate von 16 Prozent, völlig ignorieren kann. Und Antony Grafton widmet sich der Kunst der Tapisserie in der Renaissance, deren Highlights gerade im New Yorker Metropolitan Museum ausgestellt werden

London Review of Books (UK), 25.04.2002

Über Copyright-Fragen und die Sorgen der Unterhaltungsindustrie im Zeitalter der Internet-Piraterie macht John Lanchester sich Gedanken. Die Lösung, meint er, sei einfach: "When the cassette recorder was invented, the music industry announced a moral panic over the fact that people could simply steal music from the radio, or copy it from each other. Some people did, too, but not nearly as many as the people who simply bought the stuff. That's because tapes were relatively cheap, and it was more of a shag to steal, copy or bootleg them than it was to buy them. It was the same with videos. The entertainment business needs to make it easier, and more convenient, to pay for this stuff than it is to steal it. Until they do that, the illegal exchange of copyrighted material over the Internet will continue to be pervasive, out of control and oh so criminal."

Rita Giacaman schickt einen Lagebericht aus Ramallah. "On 4 April, the Ministry of Education issued an appeal to the world community, indicating that the previous day more than thirty Israeli tanks forced an entry into the Ministry headquarters in Ramallah ... the Ministry's computer Net servers were stolen, along with many floppy disks, CDs, files, dossiers and all sorts of other documents ... All records were taken or destroyed, even records of official transcripts that have been laboriously collected over years, making it impossible now to issue or certify student documents and transcripts." Die Zerstörung, Verwüstung und Plünderung von Rundfunkstationen, Gesundheits- und Bildungseinrichtungen, so Giacaman, habe nichts mehr zu tun mit einem Sicherheitsbedürfnis Israels, sondern ziele geradewegs auf die Annihilation alles Palästinischen.

Richard Poirier sucht nach Hinweisen auf das schriftstellerische Genie in Henry James' Kindheitserinnerungen, Jenny Diski stellt eine Biografie über die Witwe und Nachlassverwalterin George Orwells vor, und Steven Shapin stellt die Autobiografie des Atomwissenschaftlers, "nuclear-maniacs" und Erzfeindes Robert Oppenheimers, Edward Teller (mehr hier) vor. .

Outlook India (Indien), 22.04.2002

Das Titeldossier (hier der einleitende Artikel) befasst sich mit der Doppelzüngigkeit von Premierminister A.B. Vajpayee in der Hindu-Moslem-Frage. Anita Pratap knüpft daran an, wenn sie Vajpayees Versäumnis kritisiert, zwischen "jehadis" und "ordinary Muslims" zu unterscheiden, und die Situation der Moslems in Indien mit derjenigen der Juden im Deutschland der 20er und 30er Jahre vergleicht. Anders als in Indien aber stünden neo-faschistische Organisationen in allen westlichen Demokratien, "vor allem im heutigen Deutschland", unter strenger Beobachtung des Staates.

Christophe Jaffrelot kritisiert die uralte Hindu-Ideologie in K.R. Malkanis Aufsatzsammlung "India First": "The recurrent, obsessive leitmotif of the book, on this issue, is a call to the Muslims to 'Hinduise' themselves. They can worship Allah in the private sphere and in the mosque, fine, but they cannot keep this identity in the public sphere where the only legitimate one is Hindu, simply because Indianness is equivalent to Hinduness."

In einem anderen Beitrag plädiert Chris Cramer, Präsident von CNN-International, für mehr Verständnis für die Härten journalistischer Arbeit in Krisengebieten: "It has taken the media industry far too long to realise that it is perfectly natural for journalists, like other folk, to feel the effects of trauma ... In the past, death and injury in journalism was often put down to bad luck, a rogue event, unfortunate and for some just part and parcel of the job we do."

Und zum Thema Verwestlichung: Manu Joseph freut sich über Indiens erste "girl-band" ("nicht auszudenken, wenn Afghanistan uns zuvor gekommen wäre"), und Pramila N. Phatarphekar gratuliert zum Erfolg des englischen Theaters und zu neuen Aufführungspraktiken auf indischen Bühnen (das kann auch ein Wohnzimmer sein): "There's no songs, no titillation and no cellphone is allowed to ring".
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Stichwörter: 20er, 30er, CNN, Folk, Anita Pratap

Nouvel Observateur (Frankreich), 18.04.2002

Ein rechter Gemischtwarenladen, diese Nummer, dafür von praktischem Nutzwert. So informiert der Nouvel Obs über die Eröffnung des Neubaus der einst legendären Bibliothek von Alexandria am 23 April. Ein "Monumentalprojekt" mit 3500 Leseplätzen auf 13 Etagen, wenn auch von den geplanten acht Millionen Bänden derzeit erst etwa 200.000 zur Verfügung stehen. Hingewiesen wird auch auf eine Kunstaktion von Daniel Spoerri. Wer Spoerris Eat Art in dessen Düsseldorfer Restaurant in den frühen 60ern in verpasst hat, kann das jetzt in der Galerie Nationale du Jeu de Paume nachholen: Bis 28. April serviert er allabendlich thematische Menüs wie "Tomato Soup Campbell facon Warhol et des pommes de terre a la Christo". Die Reste der Tafeln wird er wieder als "Fallenbilder" für die Ewigkeit fixieren. Angekündigt werden ferner zwei aktuelle Ausstellungen des Fotografie-Pioniers Gustave Le Gray und zwei neue Publikationen zu August Sander.

Bücher: Ausführlich besprochen und gelobt wird der Band "Zoos humains". Historiker, Ethnologen und Anthropologen dokumentieren darin die Praktiken, mit denen die III. Republik ab Anfang des 19. Jahrhunderts die Bewohner seiner Kolonien ausstellte und präsentierte, um "die Überlegenheit der weißen Rasse" und insbesondere Frankreichs zu demonstrieren. Rezensiert werden außerdem die Lebenserinnerungen von Ida Grinspan, die als 14-Jährige aus Frankreich nach Auschwitz deportiert wurde und überlebte, und die Studie "Le Prix de la verite", eine kleine Philosophie des Geldes. Vorgestellt werden schließlich noch drei Bücher, die sich mit der allzeit problematischen Mutter-Tochter-Beziehung beschäftigen.

Und wen es interessiert, kann im Dossier nachlesen, für wen französische Intellektuelle bei den Präsidentschaftswahlen votieren werden - oder eben nicht. Säuberlich alphabetisch geordnet geben sie mehr oder weniger freimütig Auskunft: von Catherine Breillat und Claire Bretecher (hier) über Alain Finkielkraut (hier), Alain Minc (hier) und Michel Polac (hier) bis zu Philippe Sollers (hier) und Alain Touraine (hier).

Express (Frankreich), 18.04.2002

Romane von Catherine Breillat, Rafaella Anderson, Catherine Millet, Brigitte Laihaie verkaufen sich in Frankreich und anderswo nach wie vor. Auch auf den Fernsehbildschirmen kann man einen zunehmenden Exhibitionismus beobachten - von Kritikern als Rückkehr zu einer neuen Sensibilität gefeiert, aber auch als vulgär verworfen. Im März diesen Jahres hatte Frederic Beigbeder mit seiner Literatursendung "Des Livres et moi" auf Paris Premiere Aufsehen erregt: Zuschauer und Gäste waren nackt (einen Ausschnitt aus der Sendung finden Sie hier). Renaud Revel erzählt vom Erfolg des Reality-TV in Frankreich, wo ein Remake von Loft Story startet. Noch scheint die Fernsehzuschauer das Banale, die Intimität des Alltags nicht zu langweilen. ARTE geht am 28. Mai in dem Themenabend "Die Glotze spielt verrückt - Fernsehen heute" dem Phänomen des Reality-TV nach.

Der Sendung "Loft Story" widmet auch Alain Finkielkraut in seinem neuen Essayband "L?imparfait du present" ein Kapitel. Andere Themen seiner Analyse unserer modernen Zeit sind: Das Handy, Maurice Papon, der israelisch-arabische Konflikt, General Aussaresse und Renaud Camus.

Francois Busnel lobt die soziologische Studie "La Democractie providentielle. Essaie sur l? egalite contemporaine" von Dominique Schnapper. Es handelt sich, so Busnel, um ein lesenswertes Plädoyer für das kollektive Interesse - ganz in der methodischen Tradition von Pierre Bourdieu stehend.

Weitere Artikel: Der Express hat in dieser Ausgabe auch Musikalisches zu bieten. Anlässlich des Erscheinens seines siebten Albums hat Gilles Medioni den Sänger Jean-Louis Murat in Paris getroffen. Und der Soziologe Alain Quemin hat die Position der modernen französischen Kunst innerhalb der internationalen Kunstszene untersucht. Frankreich ist für die französischen Künstler bedauerlicherweise nicht mehr das, was es einmal war. Wer es als Künstler ganz weit bringen will, sollte seinen Arbeitsplatz unbedingt von Paris nach New York verlegen.
Archiv: Express

New York Times (USA), 21.04.2002

Die 81-jährige Autorin im Lehnstuhl - nicht gerade das aufregendste Coverfoto, das sich David Orr denken kann. Und dann auch noch Lyrik, "this snotty, boring, passe art form"! Marie Ponsots neuen Gedichtband "Springing" (Leseprobe und Audiolesung mit der Autorin, noch mehr hier) aber will uns der Rezensent unbedingt schmackhaft machen. Ältere Dichter, insbesondre Dichterinnen schrieben "lebens-bejahend"? Von wegen. "Ponsot is a love poet, a metaphysician and a formalist, but she is neither sappy nor tedious nor predictable. And she isn't cozy ... (her) best work has a dry bite that would make lunch meat out of Oprah, to say nothing of Dr. Phil."

Von der Generation der ältesten zu derjenigen der ganz jungen Autoren. Bewundernd äußert sich Melanie Rehak über Judith Hermanns (mehr hier) Erzählband "Sommerhaus, später" (im Original erschienen 1998) in der englischen Übersetzung von Margot Bettauer Dembo (hier ein Auszug). Besonders fasziniert haben Rehak die Subtilität und das Spiel mit Absenzen in diesem Buch. "In spite of all this emptiness, Hermann's writing, which is spare and literal ... achieves a fullness that seems almost magically spun out of the dead air of her settings; she's a master at capturing what teems beneath placid surfaces -- what Wallace Stevens once referred to as 'the nothing that is.' It's a good thing, too, because there is an awful lot of nothing under examination."

Vorgestellt werden auch Carole Seymour-Jones' Biografie über Vivienne Eliot, die den Einfluss der ersten Frau T. S. Eliots auf dessen Arbeit verdeutlicht (Auszug "Painted Shadow"), ein Buch auf den Spuren von Aussteigern jeder Art (chinesischen Eremiten etwa oder indischen Mystikern), ferner neue Krimis von Michael Connelly, Elizabeth Peters und Robert Barnard sowie ein illustriertes Kinderbuch (ab 6) nach Tolstois Erzählung "Die drei Fragen".

Economist (UK), 20.04.2002

Die US-Geheimdienste, sagt der Direktor der CIA George Tenet, machen ihren Job gut. Sollten sie auch, bei einem Jahresbudget von 30 Milliarden Dollar! Wie lässt es sich also erklären, dass 09/11 dennoch passieren konnte? Ein Beitrag über den Reformbedarf bei FBI, NSA usw. gibt Aufschluss: "There is no local equivalent of James Bond; in fiction, spies are mostly portrayed as right-wing lunatics or bungling fools. Americans are less interested in going overseas than other people are, and they stick out more when they do. Even during the CIA's mythical heyday during the cold war, nearly all its best agents were freedom- or cash-loving traitors who offered their services without prompting. And the agency has never been that good on the Islamic world. More important, at home Americans value privacy more than most other people ... One former CIA chief speculates that you could call September 11th 'the failure of the ideology of the open society'."

Am 16. April mussten die Römer zu Fuß gehen, und die Touristen standen vor geschlossenen Museen. Was der erste italienische Generalstreik von Tageslänge seit 20 Jahren und weitere seiner Art für das Bündnis gegen Berlusconi bewegen könnten, lässt ein Artikel ahnen: "Rousing rallies in city squares may turn out, after all, to be the best way of inspiring what has been a feeble and divided opposition to the government. Mass demonstrations, some recall, helped bring down Mr Berlusconi's previous shorter-lived government, in 1994."

Außerdem: Der Titel sieht die Kluft zwischen Amerika und seinen Verbündeten in Sachen Israel wachsen. Ein Beitrag untersucht die grausigen Ereignisse in Dschenin ("Belege für die Missachtung zivilen Lebens durch Israels Militär sind allgegenwärtig"). Es gibt ein Porträt des streitbaren Vivendi-Chefs Jean-Marie Messier. Einen Artikel, der dem evolutionsbiologischen Rätsel allzu toleranter Ameisen auf den Grund geht, sowie die Anzeige einer überraschenden Wiedergeburt: Das italienische Kino belebt den Neo-Realismus neu.
Archiv: Economist

Spiegel (Deutschland), 22.04.2002

Das Titeldossier des Magazins befasst sich mit dem Anschlag auf Touristen in Djerba und mit den Schwierigkeiten der deutschen Legislative und Judikative im Umgang mit dem islamischen Terror.

Im Interview plaudert Tom Waits über seine beiden neuen Alben, sein Trinker-Image ("erfunden und kultiviert") und über das sensitive Eigenleben seiner Lieder: "Songs verändern sich dauernd. Manche Songs möchten nicht aufgenommen werden, manche sind wirklich gemein. Das merkt man aber erst, wenn man dabei ist, sie im Studio einzufangen. An manche muss man sich anschleichen wie an einen Vogel. Manche Songs bringt man um während der Aufnahme, und was man dann hört, ist eine Leiche. Man muss einfach sehr vorsichtig sein."

Ein anderer Beitrag führt die Krisenstimmung im Einzelhandel (Umsatzeinbrüche bis zu 20%) auf den Euro zurück. Jessica Barry vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes berichtet über die katastrophale Situation in dem von Israel zerstörten palästinensichen Flüchtlingslager Dschenin ("eine unzulässige Kollektivstrafe, die internationales humanitäres Recht verletzt"). Und nur im Print ist zu lesen, was der sizilianische Erzähler Andrea Camilleri von italienischer Innenpolitik hält (nicht viel, wetten?).
Archiv: Spiegel